1940 - Stettin - Heidebrink - Meine erste Kinderlandverschickung im zweiten Kriegsjahr 1940


Schulferien, Sommer 1940. Kinderlandverschickung hiess die Verteilung der Kinder aus Gebieten, die schon im ersten Kriegsjahr nachts von englischen Bombern bedroht waren. Meine Heimatstadt lag in Nähe der Einfluglinie der so genannten feindlichen Flugzeuge, die damals schon begannen die Städte zu bombardieren. Familien in anderen Teilen Deutschlands, die noch nicht bedroht waren , hatten sich bereit erklärt Kinder während der Schulferien auf zu nehmen. Ich fuhr mit meiner Schulklasse nach Stettin. Im grossen Bahnhof der Stadt empfingen uns Damen einer Organisation, die uns zu den Familien brachten. Meine Gastfamilie wohnte in der Birkenalle in Nähe der Grabower Anlagen, einem grossen Park.

Auf's klingeln öffnete uns eine Hausangestellte, (Mariechen hiess sie und ich liebte sie nach ein paar Tagen heiss und innig) und rief nach oben, Frau Mildebrath, sie sind da. Eine ältere, respektheischende Dame kam an die Türe, sah uns und sagte, einen Jungen wollen wir nicht. Betretenes Schweigen folgte. Meine Begleiterin hatte wohl noch ein paar Einwände. Dann gingen wir die  Treppe hinunter zum Ausgang. Plötzlich ein Ruf von oben - wir nehmen ihn doch-. So war ich denn Gastkind in der Familie des gerade pensionierten Konrektors der Stettiner Knabenschule. Ein netter älterer Herr mit einem kleinen Bärtchen, dessen Steckenpferd die Schnitzkunst war. Ursprünglich hatte sich die Familie ein Mädchen als Gastkind gewünscht, weil im Haushalt auch Tochter und Enkeltochter lebten. Der Hausherr, Otto Mildebrath unternahm mit mir jeden Tag Exkursionen. Zum Hafen, wo wir Fische einkauften. Ins Museum auf der Hakenterrasse wo viele Modellschiffe ausgestellt waren. Ich war begeistert. Ein grosser Hafen voller Schiffe. Damals kurz vor dem Überfall auf Norwegen lagen die Patria und die schneeweisse Wilhelm Gustloff am Kai. Letztere schon als Lazarettschiff mit grossem Roten Kreuz am Schornstein.

Otto und Clara Mildebrath aus Stettin 1946 in Bremervoerde

 

Nach einer Woche sagte man mir, dass der Sohn aus Berlin mich abholen würde, um mit mir und seiner Schwiegermutter in sein Haus nach Heidebrink auf Wollin zu fahren. Ein netter Mann mit einer netten älteren Dame holten mich ab. Ein kurzer Gang zum Hafen. dann fuhren wir mit dem Dampfer Wollin Oder abwärts bis Cammin am Bodden. Für mich ein Abenteuer. Zwar schwammen wir auch in meiner Heimat im Rhein. Aber grosse Binnengewässer wie den kleinen und den grossen Bodden kannte ich nicht. In  Kamin stiegen wir um auf ein kleines Boot, dass uns zum einfachen Anleger nach Heidebrink brachte. Kleine sandige Wege, gesäumt von Wacholdesträuchern führten ins Dorf und zum Haus, das hinter den Dünen in einem Kiefernwald lag. In meiner Erinnerung ein kleines Paradies. Drei unvergessene Wochen verbrachten wir mit Fischen, Segeln und Baden in der Ostsee. Die " Schwiegermutter " , so wurde sie genannt kochte und briet Flundern, die ich noch nicht kannte. Dann musste mein fast väterlicher Gastgeber nach drei Wochen zurück nach Berlin. Er war in einer Bank tätig. Zurück nach Stettin ging es Oder aufwärts und ich verbrachte die letzte Woche vor meiner Heimfahrt mit gemeinsamen Besuchen bei Freunden der Familie und noch einigen Exkursionen mit dem alten Herrn Mildebrath, die mir alle noch in guter Erinnerung sind. Seinen Sohn nannte ich Onkel Willy und er mich einfach mein Junge. Und seit dem Abschied in Stettin haben wir miteinander korrespondiert. Viele Jahre später erfuhr ich, warum er spontan von Berlin kam, um mit einem Jungen meines Alters Ferien in seinem Haus an der Ostsee zu verbringen. Durch einen Autounfall starb Jahre früher sein damals noch kleiner Junge.

1954, ich war erst kürzlich nach Deutschland zurück gekehrt, besuchte ich Onkel Willy in Berlin. Bei diesem Besuch lernte ich dann seine Frau und seine Tochter kennen. Und wie das Leben so spielt, heirateten wir 1955 in Berlin. 1964 verstarb mein Schwiegervater. Und einige Jahre später seine Frau, meine nette Schwiegermutter. Und ich habe Beide heute noch, viele Jahre nach ihrem Tod, als liebenswerte Menschen in Erinnerung .

Anna und Willy Mildebrath / Großmutter Rabe / Edith-Hans-Charlotte

 

Haus vor dem Krieg                Dünen in Heidebrink

 

Das Haus in Heidebrink 2005