Athen - Platon...und ein paar nicht ganz platonische Gedanken.


Nach ein paar Geprächen mit Freunden und Freundinnen über Platon und seine Vorstellungen über die Enthaltsamkeit fühlte ich mich fast wie in einem Traum versetzt in die Jahre um 370 vor Christi. Platon, der sich schon in jungen Jahren mit der in seiner Heimatstadt regierenden politischen Kaste überworfen hatte, war wie ich hörte nach Jahren der Abwesenheit wieder zuhause. Ich wanderte durch Athen und suchte Platons Haus. Nach langem Fragen nannte man mir die Straße und bezeichnete mir das Haus in dem er mit seiner Haushälterin wohnte. Nach einiger Herumkletterei über holprige Wege und Stege fand ich es unterhalb des Olymp, wo die Götter gerade mit ihren Gottchen beim Abendbrot saßen und lagen. Auf einem Straßenschild las ich Rue d'Abstinence. Platon wohnte in der No.6. Man hatte mir gesagt, ich würde ihn vielleicht zuhause antreffen. Komisch dachte ich, wieso haben die ein französisches Straßenschild. Auf deutsch heisst es ja Enthaltsamkeitsstraße. Auch die Hausnummer irritierte mich etwas.
Auf mein Türklopfen öffnete eine etwas bleiche, dennoch schöne, glutäugige. schwarzhaarige Frau und fragte nach meinem Begehr. " Zu Platon möchte ich ". Ach meinte sie, der philosophiert schon wieder links auf dem kleinen Markt mit seinen Anhängern, eigentlich nur Hängern über seine Theorien. Mich lässt er hier den Abwasch machen. Keines Blickes würdigt er mich, so als ob es mich nicht gäbe. Völlig lustlos ist er. Ich verstehe das nicht sagte sie. Ich weiss nicht, was mit ihm los ist, dabei ist er noch jung. Bald werde ich mir wohl eine andere Stelle suchen, wo ich mehr Beachtung finde. Mit leichtem Kopfnicken verabschiedete ich mich und ging hinunter zum Markt.
Da sass er. Etwas klobige Gestalt, breite Schultern, gewölbte Stirn, die etwas kraus verzogen war, so als hätte man ihm Striche aufgemalt. Um ihn gerum auf Steinbänken saßen Männer jeden Alters, hauptsächlich aber waren es schon ältere Herren die den Ausführungen Platons lauschten, der gerade über die Enthaltsamkeit als Baustein für geistige Entwicklung und die damit aus seiner Sicht auch verbundene Erleuchtung sprach.
Im Hintergrund lauschten auch ein paar Frauen, nett und bieder sahen sie aus. Es schien mir, dass sie schon Vieles hinter sich hatten, was ja bekanntlich die Suche nach Ruhe verständlich macht. Platons Thesen fanden sie wohl durchaus überdenkenswert. Dann wurde der Philosoph lauter. Was alles bleibt Euch erspart hallte es über den kleinen Platz, wenn Ihr meinen Thesen folgt. Ihr habt keinen häuslichen Ärger ( er dachte wohl nicht an seine hübsche, glutäugige, schwarzhaarige junge Frau zu Hause, die sich mit dem Gedanken an Hauswirtswechsel trug ) in der Rue d'Abstinence No. 6. Was spart Ihr an Geld für Schmuck, Kleidung und Dessous. Essen könnt Ihr preiswert an der Gyrosbude um die Ecke. Eure Wäsche gebt Ihr den Fauen am Fluss und pikfein bekommt Ihr sie zurück. Keine die mit Euch zankt oder meckert, wenn ihr etwas nicht passt ( hier sprach Platon schon die Frauen, die zuhörten, mit an ). Fast hatte man den Eindruck, er wäre dabei, die Gründung einer platonischen Partei in Erwägung zu ziehen. Es wurde schon fast Mittag, die Sonne schien nur schwach durch die Zweige der Platanen, die den Platz beschatteten. Die Steinbänke besetzten nun Leute aus den umliegenden Werkstätten und Geschäften, die ihre Mittagspause nutzten und Fladenbrot essend zuhörten. Einige lächelten ob der ihnen unverständlichen Thesen. Die Jungen hatten Freundinnen oder besuchten Freudenhäuser. Die Älteren hatten zuhause Frauen und Kinder. Sie konnten den wortgewaltigen Platon nicht verstehen. War doch alles schön wie es ist. Dann hörte ich von den hinteren Steinbänken ein paar Zwischenrufe, wie: Du spinnst ja ", aber auch ein paar obszönere Bemerkungen. Die zuhörenden Jünger  und auch ein paar schon sich abzeicnende Jüngerinnen verteidigten vehement die Ansichten ihres Philosophen. Das Wort Geist und Vergeistigung hörte ich öfter. Lange Gespräche folgten über die Liebe, die durch Enthaltsamkeit erst ihre wahre Bestimmung erreiche. Zustimmendes Gemurmel der Anhänger/rinnen, die ich ja ganz zart und leise für mich auch ein wenig komisch fand.
Die Mittagspause der meisten Leute war beendet. Sie gingen wieder in ihre Werkstätten und Geschäfte, wo sie in der brütenden Sommerhitze die in dieser Zeit über Athen liegt etwas langsamer ihre Arbeiten verrichteten. Der Philosoph blieb mit ein paar seiner Anhänger/rinnen noch auf dem Platz. Sie wollten wie ich heraushörte noch gemeinsam ein vegetarisches Restaurant besuchen, was ich bei den gehörten Thesen über platonisches Verhalten durchaus verstehen konnte. Ich überlegte, ob ich nicht wieder hinuntergehen sollte in die Rue d'Abstinence zu der sicher schon mit den Hausarbeiten fertigen jungen, glutäugigen, schwarzhaarigen und schönen Haushälterin des Palton, die sich von dem lustunfreudigen Philosophen nicht beachtet fühlte. Welche Freuden hätte sie ihm bereitet, wenn er nur gewollt hätte. Da ich seit dem frühen Morgen weiter nichts gegessen hatte überkam mich ein Hungergefühl, dem ich nachgab. Zwei Straßen weiter rechts vom Markt solle es eine Gyrosbude geben, mit garantiert nicht gepresstem Hammelfleisch und Fladenbrot. Die Auskunft stimmte. Es schmeckte wunderbar.
Wie ich später erfuhr hat Platon nie geheiratet, über seine Enthaltsamkeit gibt es keine oder nur ungenaue Berichte. Aber Geist hatte der Mann, vielleicht ist ja etwas Wahres an seinen Thesen. Ich werde es auf jeden Fall einmal versuchen, schaden kann es ja nicht.
Platon war zu seiner Zeit Schüler des Sokrates, und der trieb sich zum Leidwesen seiner Frau Xanthippe, die ja nicht gerade  für ihre Liebenswürdigkeit bekannt ist, auch immer auf den Marktplätzen herum und beeinflusste die Leute. Dafür durfte er dann 399 vor Christi ja auch den Schierlingsbecher leeren. Es ist ja durchaus denkbar, dass Platon, als er die häuslichen Verhältnisse seines Lehrer kennen lernte, seine ersten Gedanken niederschrieb, die der Enthaltsamkeit einen Namen gaben, nämlich seinen. Aber das ist eine Geschichte, die Platon nicht gerecht wird. Ich habe hier nur etwas gesponnen. In Wirklichkeit hatte er als Philosoph und Gründer einer Akademie ein sehr interessantes und vielseitiges Leben.
Der Sprung zurück in die Jetztzeit war relativ leicht. Ich wachte aus meinen Überlegungen auf, war wieder in Kiel. Beim Bummel durch die Innenstadt sah ich in Schaufenstern wunderschöne Dessous. Komisch, es regte sich nichts in mir. Sicher die Nachwirkungen der platonischen Gedanken. Inwieweit sie sich verfestigen bleibt nun abzuwarten. Aber es ist durchaus denkbar, dass irgendwann, wenn sich die platonischen Nebel auflösen, ich dem in unseren Breiten   üblichem normalem Leben wieder näher trete und bei Betrachtung von Dessous in den Schaufenstern denke: " Hoppla-das gibt es ja auch noch!" Natürlich spukte schon im Kopf der Spruch: Enthaltsamkeit ist eine Zier doch besser geht es u.s.w...............................
Kiel im Januar 2011, wo ein feuchter kalter Wind durch die Straßen weht und nicht zu weiteren Schaufensterbummeleien einlädt. Dafür muss es nun wirklich wärmer werden. Nicht so heiß wie bei meinem kurzen Gedankenausflug zu Platon in Athen, aber doch wärmer, wärmer, wärmer.

 

 

 

Nun genug der Spinnerei, die natürlich mit dem wahren Leben des Platon nicht das geringste zu tun hat. Er lebte von 428 bis 348 v.Ch. Die ihm angedichtete Theorie über die Entaltsamkeit ist nicht wirklich belegt und dürfte auch nicht seiner Lebensweise entsprochen haben. Fakt ist, dass er ein politisch interessierter Mann war. Er war Schüler des Sokrates, dessen Denken er in seiner Arbeit fortsetzte. Große Teile seiner Werke befassen sich mit der Suche nach Wahrheit. Ein Kernthema war für Platon die Überlegung, wie gesichertes Wissen erreichbar ist und wie man es von einer angenommen Meinung unterscheiden kann. Zeitweise musste er als politisch anders Denkender als die seinerzeit Regierenden seine Heimat verlassen, um der Verfolgung zu entgehen. Seine Neigung zur Politik gab er später auf und begründete eine Akademie in Athen. Seinerzeit schon holte er Gastdozenten an seine Schule. Platon starb 348 vor Christi. Seine Gedanken und Thesen aber sind  noch immer aktuell.

Sokrates lebte von 469 bis 399 v.Ch. Unter anderen bekannt für seine Kunst der Dialogführung. Schriftliches hat er nicht hinterlassen. Der Satz: "Ich weiß, dass ich nichts weiß" stammt von ihm. Aber dieser Satz ist zu bescheiden, zeigte sich doch im Laufe seines Lebens, daß er mehr wusste, als die meisten seiner Kritiker. Er war den seinerzeit Regierenden nicht genehm. Man machte ihm den Prozeß und verurteilte ihn zum Tode. Das Fehlurteil soll er gelassen entgegen genommen haben. Angeblich soll er während seines langsamen Sterbens ( Schierlingsbecher ) noch mit seinen Schülern diskutiert haben. Aber das kann auch eine Anekdote sein.