Betrachtungen über das Phänomen Fehler - Sollte man lesen und darüber nachdenken.

Von Fehlern ist die Rede. Natürlich nicht nur von unseren eigenen Fehlern, sondern auch von Fehlern, die andere machen. Denn wer macht schon selbst Fehler? Und wenn, so finden wir doch fast immer einen Anderen, der an unseren Fehlern zumindest mit Schuld ist. Diese Fehler, die die Andern machen, dienen uns ja auch oft als Entschuldigung für unser eigenes Fehlverhalten. Und sie bilden stets ein beliebtes Gesprächsthema. Der französische Schriftsteller La Rochefoucauld (1613-1680) schrieb schon."Wenn wir keine Fehler hätten, würden wir nicht mit so lebhaftem Vergnügen in anderen welche entdecken". Deshalb möchte ich ganz allgemein über Fehler, so wie ich sie sehe, sprechen.

Beginnen wir mit den Fehlern der Anderen, die wir bereit sind sofort und von vornherein zu verzeihen. Das sind die "liebenswerten Fehler". Es sind kleine bis mittlere Fehler, an die wir uns gewöhnt haben und die sogar unter Umständen den Reiz und das Interesse an der Person erhöhen. Und es ist dann Geschmacks-und Ansichtssache, ob man eine schmutzige "Schnute" bei kleinen Kindern niedlich findet und sie ihnen abputzt, oder ihnen beibringt, sich selbst zu säubern,ehe das später größere Kind mit seiner Schnute den Geschmack der Anderen verletzt.

Heinrich Heine sagt in seinen Betrachtungen "Über die Liebe" sinngemäß, dass zur Vollkommenheit der Schönheit sogar unbedingt ein kleiner Fehler gehöre, sonst würde uns die Vollkommenheit und Schönheit kalt lassen. Das Wärzchen im makellosen Gesicht erst verdeutlicht die besondere Ebenmäßigkeit der Züge, es sei gewissermaßen das Tüpfelchen auf dem i.

Kleine Fehler im Benehmen, wenn wir sie verzeihen dürfen und können, rühren uns, lassen in uns ein Gefühl des Menschlichen strömen. Wenn jemand eine etwas durchdringende Lache hat, erkennen wir darin gerne eine persönliche Besonderheit. Oder wenn jemand trotz eifrigen Bemühens keine großen handwerklichen Fähigkeiten entwickelt, dann sehen wir es ihm gerne nach. Sind wir doch selbst, wenn wir ehrlich sind, auf die Toleranz der Anderen angewiesen, die doch bitte auch unsere kleinen Fehler übersehen und verzeihen mögen und uns gerade auch wegen dieser Unzulänglichkeiten liebenswert finden sollen.

Was ist nun ein Fehler? Laut Herkunftswörterbuch "Etymologie der deutschen Sprache", scheint dieses Wort erst seit dem 15.Jahrhundert im Sprachgebrauch üblich zu sein. Natürlich wurden auch davor Fehler gemacht. Aber man hat sie zumindest in der deutschen Sprache dann anders bezeichnet. Für meine kleine Betrachtung komme ich sicher mit der Feststellung aus, dass das Wort Fehler wohl mit dem"fehlen von etwas" zusammen hängt. Fehlen bedeutet:" Nicht da sein, abwesend sein und etwas falsch machen, fehl gehen."                                                                                        .

Am einfachsten zu erkennen ist das bei der Rechtschreibung. Da hat einer einen Buchstaben ausgelassen, "ein Fehler". Das bedeutet, das Richtige fehlt, eine Lücke oder aber etwas anderes ist an seine Stelle getreten. An Beispiel der Rechtschreibung möchte ich deutlich machen, wie ernst Fehler zu nehmen sind. Kleine oder große, leichte oder schwerwiegende Fehler können wir in der Rechtschreibung schnell erkennen. Fehlt mal ein Buchstabe oder ist ein falscher an seine Stelle gerückt, so werden wir doch den Text erkennen und lesen können. Es ist noch möglich, das Gemeinte zu verstehen. Es sind kleine Fehler. Sind aber viele Buchstaben falsch, so dass wir die Worte mühsam berichtigen müssen, dann wird es für uns schwierig. Die Fehler sind schwerwiegend. Nun können wir uns unschwer vorstellen, dass bei vielen Fehlern das Ganze in Schluderei, Rücksichtslosigkeit, Dummheit und Missverständnis endet. Wenn viele Fehler in einem Txt sind, verstehen wir ihn nicht mehr.

Ein anderes Beispiel: Im Auto kann ein Schräubchen locker sein, trotzdem können wir noch fahren. Vermehren oder verschlimmern sich die Fehler, werden wir bald auf der Landstrasse liegen bleiben, wenn nicht gar Schlimmeres passiert. Die Beispiele aus dem technischen Bereich lassen sich beliebig vermehren. Denken wir nur an den Bau einer Brücke, oder an das Nicht-Funktionieren eines Fahrplans dei der Bahn.

Aus diesen wenigen Beispielen können wir  schlussfolgern: Wenn Fehler, von Menschenwissentlich oder aus Versehen gemacht, sich häufen, können sie das ganze System, sein Funktionieren, seine Harmonie zerstören. Fehler werden von Menschen begangen, die letztendlich auch die Folgen zu tragen haben. Entweder leiden sie nur selbst unter ihren Fehlern, oder aber viele andere müssen mit leiden. Denken wir nur an Kriege, oder Zusammenbrüche von Firmen etc. oder an die Fehler von Politikern, die schreckliche Folgen haben können, wie vorhin schon erwähnt. So kann ich bedenkenlos feststellen, Fehler machen nur wir Menschen. Auch Denkfehler können nur Menschen machen. Ich möchte das an einem Zitat von Shakespeare in seinem "Hamlet" aufzeigen, wo er über das Gute und Böse schreibt:  " Denn an sich ist nichts weder gut noch böse/schlimm; das Denken macht es erst dazu".                                                                            

Aber stimmt das? Ist das nicht ein großer Denkfehler? Es würde doch bedeuten, dass man ruhig auch Böses tun kann, wenn man es nur nicht als solches betrachtet, also denkt. Nach meinem Verständnis ist das ein sehr großer Fehler, der zu Handlungen führen kann, die Anderen schaden. Und so ist es ja auch im "Hamlet." 

In der Natur gibt es keine Fehler,es sei denn, der Mensch greift ein und deklariert sie dazu. Tiere können keine Fehler machen. Im großen Ablauf des Naturgeschehens hat alles seine Berechtigung, alles läuft nach bestimmten Gesetzen ab. Selbst ein Erdbeben verläuft nach diesen Gesetzen wenn Erdplatten sich verschieben, es verändert nur die natürlichen Abläufe, verwandelt die Landschaft  und die Umstände unter denen die Menschen und Tiere dort leben. Gäbe es uns Menschen nicht, dann gäbe es auch keine Wertungen wie Glück und Unglück, wie Gut und Böse.

Beim Menschen sind Fehler ein Teil seiner Handlungsfreiheit. Ein Tier hat keine Wahl, dieses oder jenes zu tun. Es tut, was sein angeborener Instinkt im eingibt. Auch Jungtiere lernen nur das, was sie bei ihrer Mutter sehen, zum Beispiel das Jagdverhalten. Und das behalten sie ihr ganzes Leben lang bei.

Nur der Mensch hat die Fähigkeit, durch Überlegen zu entscheiden, wie er sich im einen oder anderen Fall verhalten soll. Das können und tun schon Kinder, wenn sie heranwachsen. Und hier liegt schon die Quelle für Fehler, die der Mensch bewusst oder unbewusst begehen kann. Wir alle sollten und müssen ein Leben lang lernen und Wissen erwerben. Nur wenn wir genug über die Gesetze der Natur, der Technik allgemein, dem Staatswesen und vor allen Dingen den Mechanismen des menschlichen Zusammenlebens wissen, gelingt es uns vielleicht Fehler zu vermeiden,die uns selbst und anderen schaden. Aber können wir alles lernen, alles wissen? Und wer von uns ist sicher, keine Fehler zu machen? Am Ende eines Gedichtes von Mascha Kaleko steht:" Irren ist menschlich, aber nicht human".

In diesem Satz ist die ganze Toleranzspanne für alles menschliche Handeln und Tun enthalten. Und hier wird mit den Worten einer Dichterin die Verantwortlichkeit aufgezeigt, die wir Menschen für uns selbst, aber auch für unsere Mitmenschen haben.

Der Begriff "human" bedeutet ja "menschenwürdig, menschenfreundlich, menschlich, gut und voller Achtung und Liebe zu unseren Mitmenschen". Und "human" sein wäre oder ist unser Auftrag, als Menschen im Für und Miteinander, eingeschlossen aller Fehlermöglichkeiten und der Anstrengungen, keine oder weniger Fehler zu machen. Also:

Fehler vermeiden, wenn es denn möglich ist. Fehler berichtigen, wenn es kleine Fehler sind. Fehler wieder gut machen , wenn wir es können. Und wenn wir Handlungen als Fehler erkannt haben, sie nicht wiederholen.iederholen.

Unser Bestreben sollte und müsste sein, immer zu versuchen, die natürliche Ordnung wieder herzustellen. Das heißt, richtig denken und folgerichtig handeln. Fehler beschönigen kann gefährlich sein. Denken wir an das Wort "Kunstfehler" beim ärztlichen Versagen. In diesem Zusammenhang ,möchte ich an den alten Satz erinnern:

" Was immer Du tust, beginne es klug und bedenke das Ende"                                                                                          

Liebenswerte Fehler, die unser menschliches Zusammenleben nicht gefährden, sollten wir gerne ertragen. Denn Menschen die keine Fehler machen, gibt es nicht. In einer Morgenandacht im Rundfunk wurde einmal ein Gebet erwähnt, das im Zimmer einer Sozialarbeiterin hängt:

" Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge zu ertragen, die ich nicht ändern kann, den Mut Dinge anzugreifen, die ich ändern kann, und Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.                                                                     

Das gilt auch für das Erkennen der eigenen Fehler, aber auch in Bezug auf die Fehler, die unsere Nächsten machen. Unsere eigenen Fehler einsehen, die unserer Mitmenschen sachlich und liebevoll anzusprechen und wenn möglich gemeinsam ALLE zu berichtigen, sollte unser aller Anliegen sein. Nur so wird ein harmonisches Zusammenleben erst möglich.

Meine Ausführungen beanspruchen nicht, das ganze Feld des möglichen menschlichen Fehlverhaltens darzustellen. Darüber haben Psychologen kluge Bücher geschrieben. Vielleicht ist es mir gelungen, mit meinen Darlegungen die Aufmerksamkeit auf das alltägliche Phänomen, das wir "Fehler" nennen, zu richten. Ein entsprechender Umgang mit diesem Phänomen, wäre dann kein Fehler.

                                                                                                   

Vortrag gehalten im Mai 1972 in der Loge in Kiel