Bewegte Zeiten: Vorwort


In meinen Gedanken hat der Wahlsonntag im März 1933 einen festen Platz. Das Geschehen rund um diesen Tag soll deshalb hier als Vorwort und Einstieg zu den sechs Kapiteln meiner Erinnerungen aus den Jahren 1933 bis 1945 stehen:

Der Schutzmann, der am Nachmittag des 5. März 1933 an der Ecke neben dem Schuleingang am Hombüchel für Ruhe und Ordnung sorgen sollte, hatte nichts zu tun. Er war deswegen freundlich gestimmt und ließ es zu, dass wir ihn zu mehreren Kindern immer wieder umrundeten. Dabei wurden wir ihm mit allerlei Fragen zu seiner Uniform sicher sehr lästig, er blieb aber aufgeschlossen, mit stets aufmerksamen Blicken auf die unter seiner Obhut stehende Umgebung.

Beaufsichtigen sollte er in erster Linie die Schule, in der sich das Wahllokal befand. Beobachten musste er aber auch die Menschen, die sich in großen Scharen im „Sonntagsstaat" einfanden, um ihre Stimme zur Reichstagswahl abzugeben, der letzten Mehrparteien-Wahl auf lange Zeit. So stand es jedenfalls zu befürchten und so kam es auch. Viele Leute blieben nach der Stimmabgabe noch etwas entfernt von der Schule in Gruppen und Grüppchen zusammen und diskutierten mit ernsten Gesichtern die Lage. Sie ahnten, dass sich in den kommenden Wochen, Monaten und Jahren in Deutschland vieles verändern würde. Schließlich hatte die NSDAP ihren „glorreichen Sieg" und die damit verbundenen Absichten schon im Wahlkampf angekündigt.

Doch zunächst brachte die mit einem riesigen Propagandaaufwand hochgeputschte Wahl den Nationalsozialisten mit 43,9% noch nicht einmal die Mehrheit, schon gar nicht die „überwältigende" Mehrheit, von der sie später immer wieder redeten. Vielmehr stimmten bei einer Wahlbeteiligung von 89 %, noch mehr als 56 % der Bevölkerung gegen den alleinigen Machtanspruch der Hitler-Partei. Sogar die KPD erzielte trotz großer Behinderung noch 12,2% der Stimmen, die SPD sogar noch 18,2 %. Auch in der Mitte konnten sich Zentrum und Bayerische Volkspartei mit 14,1 %behaupten. Deutschnationale Volkspartei und Stahlhelm, seit dem 30. Januar Regierungspartner der NSDAP, kamen als gemeinsame „Kampffront Schwarz-Weiß-Rot" auf 8%.

Dass Adolf Hitler trotzdem die gesamte Macht an sich reißen konnte, lag an den „Reichstags-Brandverordnungen" und am „Ermächtigungsgesetz" vom 23. März 1933, dem im Reichstag bei der Verabschiedung nur die SPD die Zustimmung verweigerte. Die Abgeordneten der KPD konnten an der Abstimmung schon nicht mehr teilnehmen, sie saßen als „Brandstifter" im Gefängnis oder waren untergetaucht.

Für mich, den sechsjährigen Nachkömmling, stellte sich die Frage nach der falschen oder richtigen Partei, nach Krieg oder Frieden allerdings noch nicht. Meine Interessen waren mehr auf das nahende Ende meines ersten Schuljahres und das damit verbundene Zeugnis abgestellt. Mit den erhofften guten Zensuren sollten einige „Belohnungsgroschen" abzustauben sein und das lag mir näher, als die Wahl und ihre Folgen. Behütet und umsorgt von Vater, Mutter und drei Schwestern, Änne (Anna Sophie) sieben, Hilde (Maria Hildegard) zehn und Kläre (Klara Emilie) zwölf Jahre älter als ich, lebte ich ohnehin frei von existenziellen Sorgen.

Wir wohnten im dritten Stock des Hauses Zimmerstraße 34, an der Ecke Hombüchel. Die Wohnungen in den unteren Geschossen hatten einen ausgebauten Erker, unsere Wohnung einen offenen Balkon. Von dort hatte man zwischen den Eckhäusern auf der anderen Straßenseite, denen damals in der Zimmerstraße nach unten keine weitere Bebauung mehr folgte, einen freien Blick auf die Elberfelder Südstadt, mit der Stadthalle, der Christus-Kirche, der Kirche St. Suitbertus und der großen Schreinerswiese, heute Standort der Universität. An schönen Sommersonntagen saß gelegentlich die ganze Familie nach dem Abendessen dicht gedrängt auf Stühlen und Hockern hier beisammen und genoss den Abendfrieden.

Trat man auf den Balkon, war links von der Türe an der Hauswand eine Halterung für eine Fahnenstange montiert. Zu besonderen Anlässen wurde die Stange von unserem Hausbesitzer eingesetzt und mit einer schwarz-weiß-roten Bannerfahne versehen, die bis zum ersten Stock hinunter reichte. Ein schöner Anblick, an dem ich mich allerdings nicht mehr lange erfreuen konnte. Denn als zur öffentlichen Demonstration nur noch Hakenkreuzfahnen erlaubt waren, erwies sich die Halterung plötzlich und unerwartet als nicht mehr sicher und musste entfernt werden.

An der uns in der Zimmerstraße gegenüberliegenden Straßenecke stand die Katholische Volksschule für Knaben am Hombüchel, die ich seit April 1932 besuchte. Sie hatte auch bei den vorauf gegangenen Wahlen stets als Wahllokal gedient. Wir konnten von unseren Fenstern in einige Klassenräume sehen, außerdem auf den Schulhof, der sich auch heute noch in der Zimmerstraße entlang fast bis zur Franzenstraße zieht und zur Straße hin mit einer soliden Ziegelsteinmauer gesichert ist.

Und eben diese Mauer war am Tage nach der letzten Reichstagswahl Mittelpunkt einer Handlung, die sich mir wegen ihrer damals für mich unbegreiflichen Dimension eingeprägt hat. Vom Fenster aus konnte ich beobachten wie erwachsene Menschen dabei waren, die Wahlparolen zu entfernen, die sie oder andere während des Wahlkampfes für die KPD mit weißer Farbe auf die Mauer gemalt hatten. Und vor und zwischen Ihnen schlenderten mit Gewehren bewaffnete SA-Männer herum, die sich eine Freude daraus machten, die mühsam arbeitenden Leute immer wieder anzutreiben und zu beschimpfen. Von meiner Mutter, die neben mir stand, gab es keinen Kommentar. Ich hätte ihn wohl auch ebenso wenig verstanden wie das Gerücht, dass man diese „Volksfeinde" anschließend in das KZ Kemna einliefern würde.

Was ich so aus den teils aufgeregten, teils sorgenvollen Gesprächen der Erwachsenen mitbekam, konnte ich ohnehin nicht begreifen oder richtig zuordnen. Aber eingeprägt hat sich mir die Sorge der Menschen in jenen Tagen vor Anschlägen von Kommunisten oder Bolschewisten, wer immer sich hinter diesen bösartig erscheinenden Begriffen verbarg. Sie hatten nicht nur den Reichstag in Flammen gesetzt sondern irgendwo einen Gasometer in die Luft gesprengt. Jetzt fürchtete man, das könne in Elberfeld auch passieren. Die Angst steigerte sich bis zu der Behauptung, an einem Gasometer der Gasanstalt am Westende seien zum Glück beherzte SA-Leute gerade noch einem kommunistischen Anschlag zuvorgekommen, die Lunte habe schon gelegen. Gezielte Panikmache oder reine Gerüchteküche, es blieb nicht ohne Wirkung.

 

Das Haus in der Zimmerstraße 34 in einer Nachkriegsaufnahme. Unsere Wohnung war seinerzeit das 3. Obergeschoss.