Brot holen - Als die Synagogen 1938 brannten und jüdische Geschäfte geplündert wurden.


An diesem Tag im November 1938 war alles anders. Rauch lag in der Luft. Menschen liefen aufgeregt in Richtung Ostwall und in die kleine Straße wo sich die Synagoge meiner Heimatstadt Krefeld befand. mit der Bäckerei in der Nachbarschaft, in der ich Brot holen sollte. Ich musste da gar nichts sagen. Die Bäckersfrau wusste was ich holen sollte. Es war jede Woche dasselbe. Graues und für ’s Wochenende ein weißes Brot.

Von weitem schon sah ich die Synagoge lichterloh brennen. Die Feuerwehr spritzte Wasser auf die umliegenden Häuser. Die brennende Synagoge wurde nicht gelöscht. Eine johlende Menge stand herum und gaffte. Worte über Juden fielen, die ich mit meinen zehn Jahren noch nicht verstand. Gute Worte waren es sicher nicht. Ich kam ohne Brot nachhause und erzählte was ich erlebt hatte. Meine Mutter weinte und meine Großmutter, die unseren Haushalt führte setzte sich hin und betete.

Wir hatten jüdische Freunde, noch aus den Geschäftsbeziehungen meines Vaters aus den  zwanziger und dreißiger Jahren. Meine Mutter, ihr Bruder und ein Herr Grünberg spielten bei uns jede Woche Skat. Herr Grünberg war Vertreter für Bürobedarf und hatte in meiner Heimatstadt eine zufriedene Kundschaft. Herr Grünberg war Jude. Ich habe ihn als netten älteren Herrn in Erinnerung. Er hatte meiner Mutter einen Teil seiner Vertretung anvertraut als es uns nach der Trennung von meinem Vater Anfang der dreißiger Jahre nicht gut ging. Er wohnte auf dem  Südwall, nicht weit von uns.

„Wir müssen sofort zu Herrn Grünberg“ sagte meine Mutter. Vor dem Haus in dem Herr Grünberg wohnte standen gestikulierende Menschen. Einige in SA Uniform .Die Fensterscheiben waren zerschlagen. Auf der Straße  vor dem Haus lag ein Mensch .Eine kleine Blutlache. Es war Herr Grünberg  der aus dem Fenster sprang als die  Schergen des Regimes ihn aus seiner Wohnung holen wollten. Ich erinnere mich, dass wir weinend  nachhause gingen, nicht fassend, was dort geschah.

Seit diesem Tag hatte meine Mutter Angst .Angst um die alten jüdischen Freunde und Angst um sich. Und diese Angst hat sie nie verlassen, bis der Krieg zu Ende war. An anderer Stelle werde ich die Geschichte über meinen jüdischen Nennonkel Leo, seine Frau Paula und Albert ihren Sohn  erzählen.

Wenn ich heute irgendwo Brand rieche, sehe ich immer noch das Bild der brennenden Synagoge vor mir. Dass Jahre später meine ganze Heimatstadt unter den Bomben nieder brannte  konnte damals  niemand ahnen. Vergessen habe ich nichts in den nun schon vergangenen sieben Jahrzehnten seit 1938.
 
Als ich heute nachhause ging, hatte man vor einem Haus in meiner Strasse gerade drei Plaketten, man nennt sie "Stolpersteine" ins Pflaster eingefügt. Eine Erinnerung an jüdische Bürger, die einst hier wohnten. Sie nahmen sich 1942 vor der Deportation in ein Konzentrationslager das Leben. Vater, Mutter und Tochter.

 
 
Im Jahr 1928 lebten in Krefeld 1544 Juden, in Linn 19, in Bockum 65, in Fischeln 12, (Vororte der Stadt)
in Uerdingen 177 und in Hüls 60. Die Krefelder Synagoge war ein prachtvoller Bau; ein Postkartenmotiv, und über dem Eingang stand in Hebräisch und Deutsch zu lesen: "Herr, ich liebe Deines Hauses Stätte und den Ort, wo Deine Herrlichkeit thront." Auf einem Foto aus dem Jahr 1910 sieht man Männer mit Zylinderhüten und Frauen mit eleganten, gleichwohl würdigen Kleidern und Hüten an der Synagoge – bürgerliche Mittelschicht pur. Und wenn man sich vertieft in die Bilder, was damals in Krefeld geschah, dann ist man fassungslos. Die Reichspogromnacht war der erste Höhepunkt, besser wohl: die Schwelle zu unerhörter Brutalisierung beim Judenhass der Nazis. Was Reichspropagandaminister Joseph Goebbels als spontanen Ausfluss des Volkszorns darstellen wollte, war deutschlandweit organisiert. Auftakt war eine Rede von Goebbels am Abend des 9. November im Münchner Alten Rathaus. Zwei Tage zuvor hatte der 17-jährige polnische Jude Herschel Grynszpan ein Attentat auf Legationssekretär Ernst vom Rath in der deutschen Botschaft in Paris verübt. Goebbels hielt daraufhin am traditionellen Kameradschaftsabend in München seine Hetzrede. Nazi-Funktionäre gaben noch am Abend Befehle an örtliche Dienste. Die Progromnacht begann am 9. und 1o November 1938, und noch heute bin ich fassungslos, wenn ich daran denke, was ich als zehnjähriger Junge damals erlebte, als ich unser wöchentliches Brot beim Bäcker holen wollte, dessen Geschäft neben der Synagoge war, die in Flammen stand.
 
 
Hier auf dem freien Platz an der Petersstrasse zeigen die roten Steine die Fläche, wo bis zum Progrom 1938 die Sanagoge stand.