Das fliegende Pferd...

von Christel Schneidewind

Auf einem kleinen Gehöft stand Fury, ein hübsches Pferd. Der Bauer wollte dieses Pferdchen vor den Wagen spannen und eine Runde fahren. Doch Fury war den ganzen Morgen in Gedanken auf der Weide – dort, wo frisches duftendes Gras wächst. Und diesen Wunsch hat sich das Pferd nicht nehmen lassen.

Doch der Bauer hatte ja seine Aufgabe und konnte den Wunsch des Pferdes nicht erraten. Dabei hat Fury schon einen großen Korb frischen Grases bekommen. Er war bestimmt satt. Aber Fury war ein stures Pferd, er hörte nicht darauf, was der Bauer sagte. Der Bauer holte Fury aus dem Stall. Der Wagen stand schon auf dem Hof – Fury ahnte, dass er nun angespannt werden sollte. Das wollte Fury aber nicht.

Die Bäuerin rief ihren Mann: „Gustav, wenn du ins Dörfli fährst, bitte bringe Kuchen zur Kaffeepause mit.“ In dem Moment riss sich Fury los – und rannte vom Hof über die Straße zur Wiese und zum Bächlital… Hier hatte es seine Ruhe vor dem Bauern. Der aber schnell wie ein Wiesel rannte hinter dem Pferd her und wollte es einfangen. Schließlich wusste der Bauer, dass der Steg über dem Bächli nicht stabil ist. Und wenn Fury auf diesen Steg geht – dann…. Da es war passiert.

Der Bauer sah gerade noch, wie Fury auf den Holzsteg zu rannte und wie er darauf sprang. Doch der Steg hielt ihn nicht aus: Fury brach mit beiden Vorderbeinen ein. Was nun? Dachte der Bauer. Wenn sich ein Pferd ein Bein bricht, ist das für ihn lebensgefährlich und ganz schlimm.

Der Bauer hatte sein Handy dabei – rief sofort die Feuerwehr und seinen Freund, den Gusti, an: „Helft mir bitte, mein Pferd Fury“ ist i n den Steg eingebrochen. Das hörte auch der Tierarzt… Und er stieg in sein Auto und fuhr zur gleichen Zeit wie die Feuerwehr zum Bächlital. Aber Fury konnte sich nicht allein befreien – es mussten starke Männer helfen.

Das Pferd aber war so aufgeregt, dass es keinen Menschen an sich heranließ. So half der Tierarzt und gab ihm eine Betäubungsspritze. Er schoss mit einem „Gewehr“ eine Spritze in das Pferd, so dass es sofort ruhig wurde und – glaube ich – auch einschlief. Jetzt versuchte man, das Pferd zu heben. Nein, es gelang nicht: Die Feuerwehr alarmierte die Flugrettung.

Und nun kam ein Hubschrauber angeflogen. Das war aufregend. Aber Fury bekam das nicht mit – das Pferd schlief ja durch die Spritze. Die Feuerwehr hatte einen ganz breiten festen Gurt, den die Männer unter das Pferd zogen und am Hubschrauber befestigten. Langsam zog der Hubschrauber das Pferd aus seiner gefährlichen Lage heraus – Fury schlief noch immer und bekam diesen Flug gar nicht mit.

Es dauerte eine ganze Weile, bis Fury wieder festen Boden unter sich hatte und auch von der Betäubungsspritze wieder wach wurde. Fury stand auf der Wiese und wunderte sich, wie es – das Pferd – so schnell von dem Steg dahingekommen sei.

Und was wollen die vielen Menschen mit den vielen Autos hier…. Und wozu ist ein Hubschrauber an der Straße? Fury war ahnungslos. Da bekam es wieder mit, was es angestellt hatte. Fury erinnerte sich, dass es weggelaufen war und ganz einfach über den Steg rennen wollte. Der brach unter der Last des Pferdes zusammen.

Fury hatte Glück, das Pferd hatte sich nicht verletzt. Die paar Kratzer an seinem Fell heilen wieder. Das Pferd wurde zurück in den Stall gebracht. Der Bauer sagte zu ihm: „So etwas passiert nur, wenn man nicht hören kann und das macht, was nicht erlaubt ist. Und wenn man nicht die Gefahren kennt“.

Fury guckte traurig auf den Boden: nichts war mit frischem Gras von der Wiese, der Ausflug war ganz schön schief gegangen. Er bekam nicht einmal richtig mit, dass er geflogen ist. Fury war ein fliegendes Pferd.

So ähnlich ist es passiert am Bächlital in Rothenburg bei Luzern am 8. Juni 2016.

Christel Schneidewind