Das Holzkreuz in Rehbrücke

Das Holzkreuz in Rehbrücke                                                                              von Christel Schneidewind

 

Gestern fuhr ich nach Berlin und kam mit meiner Bahn am Bahnhof Potsdam-Rehbrücke vorbei.

Dort fiel mir ein „frisches“ Holzkreuz auf, mit einer Messingplatte versehen, auf der unter anderem stand „Florian…. 2004….“

Da mein Zug recht schnell angefahren ist, konnte ich nicht mehr erkennen bzw. lesen.

 

2004. Ja, das ist schon eine geraume Zeit her – und immer noch erinnert es sicherlich einige, die das furchtbare Erlebnis hatten, daran, dass dieser Florian entweder durch Unachtsamkeit, aus Suizidgründen oder durch einen Unfall an dieser Stelle ums Leben kam.

Er wurde damals von einem Schnellzug erfasst und getötet.

Mich bewegt dieses Ereignis immer, wenn ich zu diesem Bahnhof Rehbrücke komme….

 

An einem Tage nämlich bekamen wir nachmittags Besuch unserer Verwandten.

 

Der Schwiegersohn kam unerwartet mit zu uns.  Er ist Lokführer und hatte an diesem Tage unverhofft,

wie wir glaubten, freibekommen. Es war schönes Wetter und er lag im Liegestuhl, war auffallend still und schlief oder lag nur mit geschlossenen Augen. Er brauchte Ruhe.

Das ist ja für einen Lokführer, der stets einen langen Dienst hat, nichts Besonderes.

 

Durch die  Cousine erfuhren wir dann aber, dass in Rehbrücke an diesem Tage  ein junger Mann vom Zug erfasst wurde. Dieser Schwiegersohn fuhr als Lokführer den IC  und war von der Bahn wegen des schlimmen Ereignisses für den Tag „beurlaubt“ worden. Er konnte den Unfall trotz Bremsmanövers nicht mehr verhindern. Das Erlebnis  beschäftigte den verantwortungsbewussten und sehr sensiblen Lokführer sehr und lange.

 

Inzwischen – wir schreiben 2008 – lebt dieser Lokführer nicht mehr. Er fiel im Mai 2007 aus
“seinem“ IC,  den er als Lokführer fuhr.

Wir wissen nicht, ob es wiederum ein Unfall war oder eine Suizid-Handlung. Dennoch – was mag ein Mensch durchmachen, der einen Unfall nicht verhindern konnte.

 

So gingen meine Gedanken  gestern zurück auf diesen Unfall 2004. Weiß derjenige, der durch Unachtsamkeit, aus Suizidgründen oder aus welchen Gründen auch immer sich und andere in Gefahr bringt, welche Auswirkungen dieses Ereignis auf den anderen Menschen

hat.

Zum Beispiel fuhr der Lokführer diese Strecke ständig, immer wieder wurde er an das Ereignis, erinnert, immer wieder sieht er wohlmöglich die schrecklichen Bilder vor sich, immer wieder hat er sich Gedanken darüber gemacht, hätte ich es verhindern können…

 

Ein Kreuz steht dort, das andere zur Vorsicht und zur Rücksichtnahme ermahnen soll,  ein Kreuz, das andere daran erinnert, was passiert ist, ein Kreuz, das nicht nur Angehörige und Freunde an das Schicksal erinnert, sondern immer wieder diejenigen, die am Ereignis beteiligt waren, die schrecklichen Bilder vor Augen führt und nicht zur Ruhe kommen lässt.

 

Vielleicht haben die Freunde und Verwandten einmal daran gedacht, dass sie auf dem Friedhof einen Platz gefunden haben, wo sie Florian gedenken können.

Das Kreuz an dem Platz des Geschehens, hier am Bahnsteig, stimmt mich persönlich nicht

nur traurig, das Florian dort starb, ich frage mich immer wieder: warum passierte das dort und

welche Verantwortung trägt der Tod vom Florian im Nachhinein vielleicht auch für den Tod des Lokführers?