Die 90 - jährige die nicht aus dem Fenster sprang ...

 

                                                                                                                                                 von Karin Schöniger

Es las sich so schön, das Pflegeleitbild des Heimes, was gleich hinter der großen Eingangstür in einem schönen Rahmen im Flur hing. Von der Würde des alten Menschen war dort zu lesen, von individuellen Bedürfnissen, von menschlicher Wärme und Geborgenheit, Empathie und Fürsorge. Daran glaubte auch Luise, die 90-jährige, die zuhause nicht mehr allein leben konnte, die viel vergaß und sich in ihrer Umgebung nicht mehr zurechtfand. Ihre Tochter hatte sich wirklich viel Mühe gegeben, ein Heim zu finden, was sich ihrer Mutter annehmen würde. Hinter den Türen dieses Heimes würde Luise sicher und geborgen sein - das hoffte die Tochter.
Für ein Einzelzimmer war der Zuschlag zu hoch, darum kam Luise in ein Doppelzimmer mit einer bettlägerigen Frau.
Anfangs versuchte Luise, mit ihr Kontakt aufzunehmen, das hatte ihr die Tochter geraten. „Du musst auf die anderen Bewohner zugehen, sagte sie, dann wirst du schnell Kontakt bekommen“. Doch leider bekam Luise keine Antwort und so gab sie auf. Es war ihr ein wenig unheimlich, so zu zweit mit dieser Fremden in einem Zimmer sein zu müssen. Würde sie vielleicht bald sterben?

Die Mitarbeiter des Sozialdienstes, von denen Luise keinen kannte, hatten beschlossen, dass sie sich vormittags an einem großen Tisch im Essbereich aufzuhalten hatte. Wegen der Geselligkeit, hatte man ihr und der Tochter erklärt. Es saßen auch noch andere Bewohner dort, aber keiner sprach ein Wort oder äußerte irgendetwas, was Luise hätte verstehen können. So saß Luise stundenlang am Esstisch, festgeklemmt in einen Stuhl mit Lehnen, und konnte sich nicht rühren. Das vermindere die Sturzgefahr, hatte man der Tochter versichert.
Luise saß dort von frühmorgens bis nach dem Mittagessen und hin und wieder wurde sie mittags ins Bett gelegt. Manchmal kam auch jemand von Sozialen Dienst vorbei. Es wurden Geschichten vorgelesen, die Luise aber nicht verstand. Sie konnte sich auch nicht an die Mitarbeiter erinnern, sie vergaß eben viel.
Hin und wieder kam ein Gitarrenspieler durch die Flure gegangen. Er sang dazu, aber kaum, dass Luise sich in die Weisen eingehört hatte, war er auch schon weitergezogen.

Manchmal saß Luise nachmittags in ihrem Doppelzimmer und sah aus dem Fenster. Sie schaute direkt auf die Bäume, die das Heim umsäumten. Mehr sah Luise nicht, eine grüne Blätterwand, die keinen Weitblick ermöglichte.

Luises Tochter spürte, dass es ihrer Mutter nicht gut ging, auch wenn diese kein Wort darüber verlor. Ein Gespräch mit der Heimleitung könnte vielleicht helfen, hoffte die Tochter , doch dort musste sie sich erst einmal die schweren Belastungen und finanziellen Beschränkungen in der Pflege vor Augen führen lassen. Zu wenig Personal, einen hohen Krankenstand durch Überstundenbelastung, viel zu viel Zeitaufwand für die Dokumentationspflicht, das Klagen hörte nicht auf.
Luises Tochter gab auf, die Befindlichkeit ihrer Mutter erschien ihr im Vergleich zu diesen offenbarten Belastungen nicht mehr erwähnenswert und wer weiß – vielleicht würden ihre Beschwerden dazu führen, dass Luise zukünftig benachteiligt werden würde?

Die Tochter sprach ihrer Mutter gut zu. Luise nahm sich vor, ihrer Tochter keinen Kummer zu machen. Anders als der Hundertjährige aus dem bekannten Bestseller sprang Luise auch nicht aus dem Fenster und flüchtete, sondern lebte resigniert hinter den Türen des Pflegeheimes – geduldig wie in ihrem ganzen langen Leben...
(ks)