Die Bahnreise

 

Die Bahnreise

 

     Von Christel Schneidewind. 6.5.2013  

 

       

 

Am Bahnhof sitzt ein kleiner Junge, knapp vier Jahre alt, die Ohren halten die Mütze fest, die viel zu groß ist. Natürlich muss es ein BASECAP sein. Ist ja cool.

Er sitzt auf einem Treppenvorsprung und stützt sich mit beiden Händen auf den Oberschenkeln ab. Ein süßes Bild!

Da fällt mir folgende Geschichte ein:

Die Mama des kleinen Niels studiert in Dresden. Er geht dort in die Kinderkrippe und in den Kindergarten, ist nun inzwischen auch vier Jahre alt.

Er darf mit Tante Christel von Dresden aus zu Oma und Opa fahren. Die Tante hat dienstlich

dort zu tun und am darauf folgenden Wochenende wären sie ohnehin bei den Eltern und Großeltern.

So freut sie sich, den Niels mitnehmen zu dürfen und er sich erst recht.

Der Zug ist nicht übermäßig gefüllt, sie haben einen günstigen und guten Platz. Niels  kann aus dem Fenster sehen – und entdeckt natürlich viel Neues.

In Dresden-Neustadt steigen zwei junge Männer dazu und nehmen gegenüber von uns Platz.

Sie kommen aus der Uni, haben Hunger und packen gleich ihr Brotpaket aus.

Mit großen Augen schaut Niels ihnen zu und fragt: „Wie heißt du denn?“ „Hans-Hermann“ sagt der Gegenübersitzende. Er fragt weiter: „Und Du?“ -  „Uli“ antwortet der andere.

Uli fragt: „Und du?“  „Niels“ antwortet der Kleine.

Hans-Hermann  beißt in sein Brötchen.

Niels sagt „Aber nicht krümeln“.

Uli amüsiert sich und meint: „Siehst Du, Hans-Hermann, Niels passt auf“

Hans-Hermann wird rot und fragt den Kleinen: „Hast Du auch Hunger“ „Nein“ antwortet Niels

Damit ist das Gespräch erst einmal zu Ende, aber Niels passt auf Hans-Hermann auf, der doch krümelt, und sagt ermahnend:

„Gucke, ein Krümel“ – „Danke, das wollte ich nicht“ sagt Hans-Hermann.

Und nun sieht Niels aus dem Fenster und entdeckt gefällte Bäume: „Armer Baum, abgebrochen, armer Baum“ bedauert er das Gesehene.

Dann sieht er neben den Gleisen eine „Überraschung“: „Guck mal raus: Tante Christel“, lauter Kohle.“

Kohlen ins Haus tragen ist zu Hause  eine Lieblingsbeschäftigung von ihm. Im kleinen Eimer trägt er der Oma  immer wieder ein Brikett in die Küche.

„Gucke, lauter Kohle“ wiederholt er.

„Nein“ sagt die Tante „Das ist Schotter. Damit wird das Gleisbett ausgefüllt, damit die Züge sicher fahren können.“. „Ach so“ erwidert Niels scheinbar verständnisvoll. Aber gleich darauf kommt seine Frage: „Was ist Schotter? Warum ist das keine Kohle“

„Nein, das sind Steine“ belehrt die Tante.

„Tante Christel, ich muss auf die Toilette“ Niels hat es eilig. und die Tante nimmt ihn mit: „Komm“

Sie gehen die drei Stufen vom oberen Geschoss des Doppelstockzuges herab und stehen vor der Toilette für Behinderte.

Niels sieht das Zeichen für Rollstuhlfahrer an der Tür und sträubt sich „Da dürfen wir nicht rein. Da ist ein Rollstuhl an der Tür. Sonst werden wir bestraft“. sagt er ängstlich.

„Ach was, die Toilette ist für alle da.“ entgegnet ihm Tante Christel. Niels aber behauptet: „Nein, wir haben keinen Rollstuhl“. Er weigert sich, auf diese Toilette zu gehen.

Die Tante versucht es auf eine andere Weise:

„Niels; bestraft wird der, der vor der Toilettentür in die Hose macht.“

„Nun komm, gucke, es ist leer.“    Niels gibt sich zufrieden und geht mit Tante Christel

hinein.

Interessant für ihn ist der Notruf-Knopf. „Wozu ist das rote hier?“ Das ist ein

Warnknopf, damit kann man Hilfe rufen. Wenn zum Beispiel ein Rollstuhlfahrer nicht mehr in seinen Rollstuhl kommen kann….“  Niels hört gespannt zu und will auf den Knopf drücken.

„Wir brauchen keine Hilfe, lass das sein.“  Er hört und ist schon fertig mit seinem Geschäft.

Wir gehen wieder zu unserem Platz.

„Wann sind wir endlich bei Oma und Opa“ fragt Niels. Die Bahnfahrt dauert ihm schon zu lange.

„Noch eine Stunde fahren wir“  erklärt ihm die Tante. „Wie lange ist das?“ fragt Niels.

Tante Christel zeigt auf ihre Armbanduhr. „Gucke, wenn der kleine Zeiger hier und der große Zeiger hier steht.“ – „Ach so!“ sagt Niels verständnisvoll. Und fragt weiter:

„Tante Christel, holt uns Opa ab?“

„Nein, ich habe mein Auto am Bahnhof und wir können gleich weiterfahren.“ antwortet sie.

Niels will nun wissen:„Hast du einen Kindersitz mit?“  Tante Christel bestätigt das.

„Freuen sich Oma und Opa, wenn ich komme?“ fragt er weiter.  „Ja. Sie wissen es noch nicht und das ist eine Überraschung.“ kann ihm Tante Christel erklären.

Halb lachend, halb weinend freut sich Niels auf das Wiedersehen.

„Tante Christel, ich habe Durst“. Sie holt die Flasche aus der Tasche und er trinkt.

Er schaut wieder aus dem Fenster und entdeckt etwas Eigenartiges:

„Hast Du gesehen. Tante Christel. Da liegen Bäume im Wasser“

Sie ist schon müde, aber erklärt ihm „Niels, das ist Wiederitzsch. Dort werden Furniere hergestellt und die Eichenstämme müssen  im Wasser bleiben, sonst nehmen sie Schaden, gehen kaputt. Im Wasser passiert nichts.“

Und  Niels ist begeistert von dem Geschehen:

„Warum spritzt das so? Ist das eine Dusche?“ – und bekommt zur Antwort „ Nein, eine Spreng-Anlage, damit die Feuchtigkeit auch von oben auf den Stamm kommt.“

Da entdeckt er einen Fasan auf dem Feld:
“Oh, gucke, ein ganz bunter Vogel. Eine Gans?“ - „Nein, das ist ein Fasan.“

„Der ist  aber schön bunt“. Ja, bestätigt Tante Christel.

Nun kommt die Fahrkartenkontrolle.

„Die Fahrkarten bitte“. Die Schaffnerin will die Scheine kontrollieren. „Darf ich sie geben?“ fragt Niels begeistert.

„Ja“. antwortet Tante Christel.

Die Schaffnerin fragt ihn: „Wohin willst Du fahren? „Zu Oma und Opa, das ist eine Überraschung“ erklärt er.

Und petzt: „Der Hans-Hermann hat gekrümelt“. Hans-Hermann verteidigt sich:  „Ich habe die Krümel aber aufgehoben“.

„Ja“, sonst hättest du geschimpft, stimmt`s?“ fragt er die Schaffnerin. „Nein“ sagt sie „Das passiert schon mal.“

„Siehst du“ sagt Hans-Hermann. „Aber man muss aufpassen“. „Da hast du Recht.“

„Hier ist deine Fahrkarte zurück. Gib sie der Oma“ sagt die Schaffnerin. Und Niels sagt entrüstet:  „Das ist nicht meine Oma, das ist Tante Christel“.

„Meine Tante Christel ist ein Geschenk des Himmels, die kauft mir jeden Firlefanz“.

Die Schaffnerin geht schmunzelnd weiter und die jungen Männer lachen auf.

 Niels versteckt sich hinter dem Rücken der Tante.

Er wird ungeduldig:

„Wann sind wir endlich da?“ „Bald“ sagt die Tante. Niels greift sich den Arm und sucht die

Armbanduhr, um zu sehen, wo die Zeiger sind. Aber er gibt sich zufrieden und fragt:

 „Liest du mir eine Geschichte vor?“ „Nein, das lohnt sich nicht mehr“ sagt Tante Christel „gucke: Kennst Du das Haus dort.“  - Er kennt es nicht, aber meint stolz: „Ja. Dann sind wir gleich da“.

Er freut sich und fragt die Tante:

„Packst du mein Spielzeug ein?“

Sie antwortet: „Komm, ich halte die Tasche auf, du legst es selbst hinein“ 

„Ja -  So – fertig“ sagt Niels stolz und will aufstehen.

„Komm wir müssen aussteigen.“ drängelt er.

„Noch einen kleinen Moment. Aber die Jacke ziehen wir schon an“ vertröstet ihn Tante Christel.  „Ja, Du auch?“ fragt Niels. Tante Christel bestätigt es und zieht sich auch ihre Jacke an.

Niels fragt die beiden Studenten: „Steigt ihr auch aus? Seid ihr auch schon da?“  „Nein“, lächeln die beiden jungen Männer.

Er forscht weiter:„Fahrt ihr auch zu Oma und Opa?“  „Nein“  „Wohin denn?“ fragt er neugierig.

„Zu Mutti und Vati“  sagt Hans-Hermann. Ach so.

„Warum sagst du Mutti und Vati und nicht Mama und Papa?“ will Niels wissen.

Weil ich schon groß bin“. „Ach so, aber ich bin noch klein, stimmt´s“

„So, Niels, nun müssen wir gehen“, sagt Tante Christel und nimmt die Taschen über die Schulter und den Jungen an die Hand.

Uli ruft ihm zu: „Tschüß, sei schön lieb“. „Ja, ich fahre doch zu Oma und Opa, Tante Christel. nimmt mich mit dem Auto mit“

Er freut sich, wir sind angekommen und steigen aus dem Zug aus. Niels winkt den beiden winkenden jungen Männern zurück und strahlt über das ganze Gesicht.  –

 

Es war eine schöne Bahnfahrt für ihn, aber auch für die Tante.