Die Eltern meines Vaters - Erinnerungen an eine längst vergangene Zeit.


Großvater:

Krefeld, meine Heimatstadt und meine Großeltern, sind in meiner Erinnerung eng verbunden. Es war mein Großvater, der mit mir die Stadt erwanderte. Über's Inrath zu Hülserbruch. Ins Kempenerfeld. Mit der Strassenbahn nach St. Thönis, oder mit der Bahn an der Rhein. Durch ihn lernte ich die alten Strassen und Gassen meiner Heimatstadt kennen.
Eine Stadt mit viel Grün und vielen Parks. Den Tiergarten und die Linner Burg. Zu allem erzählte er immer eine Geschichte. Natürlich auch häufig gemischt mit ein paar abenteuerlichen Bemerkungen. Abenteuerliche Geschichten erzählte er mir auch, wenn wir sonntags nach dem Essen zusammen auf dem Sofa lagen. Der Mittagsschlaf nach dem Sonntagsessen war stets Erzählstunde.
Nur sonntags hatte er Muße. Denn damals wurde noch an den Samstagen bis mindestens mittags gearbeitet, so kannte ich es später auch nicht anders.
Unter dem Sofa hatte Großvater eine Kiste mit Zigarren stehen. Warum sie unter dem Sofa stand, habe ich nie ergründet. Als ich einmal den Wunsch äußerte, auch zu rauchen, liess er es mich probieren. Die Großmutter kam dahinter und es gab ein kleines Donnerwetter. "Willst Du den Hansi umbringen" ? Das klingt mir heute noch im Ohr. Ich lebe noch.
Eigentlich hätte es ja sein Sohn, mein Vater tun sollen. Nein, nicht das umbringen, aber die gemeinsamen Abenteuer. Doch der war meiner Mutter und mir abhanden gekommen, als ich vier Jahre alt war.
Als kleiner Junge war ich jeden Sonntag auf der Hülserstrasse Ecke Oranierring, wo meine Großeltern wohnten, bis 1943, im Krieg, Bomben das Haus zerstörten.
Sonntagsspaziergänge führten zum Stadtwald. Ich erinnere mich, dass wir immer warten mussten, bevor meine Großmutter sich "fein" gemacht hatte. Nie ging sie ohne Hut. Und der hatte oft noch einen kleinen Schleier. Sie muss wohl dann wie durch einen Vorhang ihre Umgebung gesehen haben. Manchmal gingen mein Großvater und ich schon vor, wenn die Großmutter noch vor dem Spiegel stand. "Komm Jong", sagte der Opa, "wir gehn schon mal". Auch er war in meiner Erinnerung immer hervorragend gekleidet. Ohne Spazierstock, in dem noch ein Schirm versteckt war, ging er nicht aus dem Haus.
Der Weg führte über den Nassauerring, vorbei am Schirrhof, wo die schweren Kaltblutpferde der Müllabfuhr ihre Ställe hatten. Die Mülltonnen wurden damals noch mit Pferdewagen abgeholt und sofort durch neue , saubere ersetzt.
Im Sommer fuhren wir mit einem Kahn über den Weiher des Stadtwalds. Opa auf der einen und ich auf der anderen Seite. Rücksichtsvoll zog er seinen Riemen langsam durchs Wasser, bis ich auf der anderen Seite mit meinen noch kurzen Armen nach kam. Als ich größer war, musste ich ihn rudern. "Du kannst das", war seine feste Meinung. Im Winter konnten wir manchmal dort auch Schlittschuhlaufen. Im Stadtwaldhaus gab es Kaffee und Kuchen und für mich meistens ein Eis. Sonntagsabends wurde ich dann wieder nachhause in die Alte Linnerstrasse gebracht.
Als ich etwas größer war, und Opa mir das erste Rad schenkte, fuhr ich dann alleine nachhause. Öfter fuhren wir auch mit dem "Schluff" zum Hülserberg. Wasser wurde aus der Eremitenquelle getrunken. Manchmals stiegen wir auf den Aussichtsturm, von dem aus man einen weiten Blick über die niederrheinische Landschaft hatte.
Als ich größer war und ein richtiges Rad hatte, fuhren wir Jungen zum Hülserberg, um den Sandabhang herunter zu fahren. Meistens purzelten wir hin. Aber es war ein Abenteuer.
An vielen Sonntagen gingen wir von der Hülserstrasse über die Ringe zum Friedhof. Unterwegs holten wir den Bruder meines Vaters und seine Frau ab, die in der Prinz Ferdinandstrasse wohnten. Auf dem Weg zum Friedhof warteten am Ring schon Schwägerin und Schwager meines Onkels. Der Gang zum Friedhof war wie ein Familienausflug. Und alles natürlich zu Fuß, was man sich heute kaum noch vorstellen kann.
Die Tochter meiner Großeltern, Gertrude, war als junge Frau an einer Blinddarmentzündung gestorben. Heute kaum vorstellbar, dass man früher daran starb. Auf dem Friedhof gingen wir von Grab zu Grab. Immer wurde ein kurzes Gebet gemurmelt, auf dem Weg zum nächsten Grab kurzes Gespräch über die nicht mehr unter uns Weilenden. Viele hatte ich ja garnicht gekannt.
Der Rückweg führte immer in die Stadt zum Schwanenmarkt. Dort wurde der Nachmittag von den Männern in der Gaststätte "Jordan" mit einem Bier beendet. Was die Frauen tranken, weiss ich nicht mehr. Aber für mich gab es immer eine Knackwurst mit Kartoffelsalat und eine Limnonade. Müde fiel ich zuhause ins Bett, ich war ja etliche Kilometer gelaufen.
Mein Großvater arbeitete als Webermeister in einer Teppichfabrik am Grünen Dyk. In den Schulferien war ich öfter bei den Großeltern. Mittags brachte ich Großvater mit dem Rad den "Knur " so nannte man im Volksmund den Essenträger. Das Wort kommt wohl vom Magenknurren, wenn man Hunger hat. Normalerweise nahm man ihn mit in den Betrieb, wo das Essen im Wasserbad erhitzt wurde. Ich erinnere mich, dass mein Großvater einen eigenen Tisch hatte, an dem er aß. Ich war stolz auf den Großvater, der Meister in der Fabrik war.
Natürlich war Großvater, als es noch möglich war, Sozialdemokrat und Parteimitglied. Nach 1933 hat er sich zurück gezogen. Nie hörte ich ihn über Politik sprechen.
Im Krieg wurde "seine Fabrik" zerstört. Er arbeitete dann in Österreich für die Firma Kleinewefers, eine Maschinenfabrik, die ihre Produktion ausgelagert hatte. Meine Großmutter starb 1942, so daß es für ihn kein Problem war Krefeld zu verlassen.
Nach dem Krieg wohnte er in der Prinz-Ferdinandstrasse, gemeinsam mit der Familie seines Sohnes Willi. Er hatte das große Glück, noch das Heranwachsen seines zweiten Enkels, meines Vetter Lothar zu erleben. Und mit ihm wiederholte er, was er mit mir viele Jahre vorher tat. Spaziergänge zum Schluff, mit dem man auch heute noch zum Hülserberg fahren kann. Gänge zum Friedhof und sicher auch zum Abschluss des Tages irgendwo ein Bier für die Männer und eine Limonade für Lothar, denn gegessen wurde zuhause. Darauf legte Tante Hermine großen Wert.
Zuletzt sah ich meinen Großvater 1947, bevor ich Krefeld verliess. In den Jahren meiner Abwesenheit hatten wir selten schriftlichen Kontakt. Irgendwo in meinen Ordnern muß sich noch ein Brief befinden, den mein Großvater mir kurz vor seinem Tod im Jahr 1952 schrieb. Ich erinnere mich an liebevolle Verhaltensregeln, die er mir mit auf meinen weiteren Lebensweg gab.
Als ich nach Deutschland zurückkam, ging ich sonntags manchmal noch mit seinem Sohn, meinem Onkel Willi und seiner Familie, seinem Schwager und Schwägerin den gleichen Weg zum Friedhof und zurück in die Stadt, wie wir ihn vor Jahren alle gemeinsam gingen.
Ich erinnere mich heute noch an viele Episoden, die ich gemeinsam mit meinem Großvater erlebte.

Ich habe ihn geliebt.

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Großmutter:


" Große Oma" nannten wir die Mutter meines Vaters. Einfach weil sie grösser war als die Mutter meiner Mutter, die wir "kleine Oma" nannten. Auch die große Oma entstammte einer alten Krefelder Familie, der Familie Bäumges. Ihr einer Bruder wurde mein Patenonkel. Er war ein bekannter Tischler in der Weggenhofstrasse. Er baute Treppen,wie die in der alten Stadtsparkasse, ein Prunkstück, und nach dem Krieg die neue Riesentür für die Annakirche und vieles mehr.
Über die anderen Brüder und eine Schwester meiner großen Oma gibt es auch noch einiges zu erzählen.
Als junge Frau arbeitete meine Großmutter in einer Weberei. Krefeld war bekannt als Stadt, in der es große Manufakturen und Webereien gab. Samt und Seide, Teppiche und Kleiderstoffe wurden in meiner Heimatstadt hergestellt und verarbeitet. Das Handwerk wurde von Glaubensflüchtlingen mitgebracht, die im damals preussischen Krefeld um 1700 und später eine neue Heimat fanden.
Wo meine Großeltern sich kennenlernten weiss ich nicht. War es bei einem Tanzvergnügen, oder bei einer politischen Veranstaltung? Vielleicht bei der gemeinsamen Arbeit.
Sie heirateten und 1900 kam mein Vater auf die Welt. Ein paar Jahre später sein Bruder Willi und danach die Tochter Gertrude, deren frühen Tod nebst anderen Ereignissen meine Großmutter wohl nie verwunden hat.
Aus Erzählungen weiss ich, dass meine Großmutter viel Sorgfalt auf die Erziehung ihrer Kinder verwendete. Neben der Schule, erlernten alle noch zu musizieren. Mein Vater die Geige und sein Bruder Trompete und Laute. Der Beruf des Großvaters machte es möglich, dass sie zuhause bleiben konnte und nicht, wie viele andere Frauen neben der Erziehung der Kinder noch arbeiten mußte.
Die Erinnerung an meine große Oma besteht aus gemeinsamen Besuchen bei der großen Familie, den sonntäglichen Friedhofsgängen und den Mittagessen die sie zubereitete. An ihre Kottelets erinnere ich mich und an ihre Rindfleischsuppen. Ich denke sie vor dem großen Spiegel im Schlafzimmer stehend beim Richten des Schleiers und dem Anlegen der schwarzen Brosche mit einem blitzenden Stein in der Mitte war es ein Brilliant ? Wie sie ein schwarzes Perlenband um den Hals legte. Sie war eine gut aussehende Frau, groß und schlank. Beide Großeltern waren ein ansehnliches Paar.
Ich erinnere mich an viele Fotos die sie mir zeigte.
Der Besitz meiner Großeltern ist 1943 verbrannt, als Bomben das Haus zerstörten. Meine Großmutter erlebte es nicht mehr. Sie starb 1942 an Herzversagen. Damals war ich 14 Jahre alt. Stolz versuchte ich, bei ihrer Beerdigung nicht zu weinen. Zuhause heulte ich dann wie ein Schlosshund.
Das war meine erste Erfahrung und Konfrontation mit dem Tod. Ein paar Fotos habe ich noch gefunden. Sie zeigen meine Großmutter mit ihren drei Kindern und sind wohl um 1918 und später entstanden und Großmutter am Grab ihrer Tochter. Dann noch einige Fotos mit mir gemeinsam. Aber irgendwie ist sie mir immer, trotz der Liebe die sie mir entgegenbrachte, etwas fremd geblieben. Doch geliebt habe ich sie sicher auch.
Menschen leben so lange, auch wenn sie nicht mehr unter uns sind, wie es andere Menschen gibt, die an sie denken.
So leben denn meine Großeltern in meinen Gedanken und Erinnerungen weiter, und vielleicht auch noch in den Herzen und Gedanken derer, die sie nur aus Erzählungen kennen.