Die Querläufer - Dwarslöper genannt

                                                                                                                       von Karin Schöniger

Dwarslöper nenne ich sie, Querläufer also, die mich immer wieder ärgern. Natürlich wissen sie das nicht. Über den eigenen Laufstil würde mit mir auch kaum einer diskutieren wollen,  denn heutzutage kommt es doch nur darauf an, möglichst schnell von  A nach  B zu kommen, sowohl im Straßenverkehr als auch im Shopping-Center. Dass auf unseren Straßen kaum noch jemand blinkt, wenn die Spur gewechselt oder abgebogen wird, ist inzwischen Alltag. Auch mitten auf der Fahrbahn wird gehalten zum Ein-und Aussteigen oder schnellem Einkaufen. Wollte man sich darüber aufregen, hätte man durchgehend zu tun. Upps – steht man hinter so einem Stopper und kann sehen, wie man sich in den Verkehr wieder einfädelt.

 

Obwohl wir doch definitiv Rechtsverkehr haben, gilt es als spießig, wenn man darauf besteht, soviel habe ich inzwischen gelernt, bzw. mir sagen lassen. Allein wäre ich nicht darauf gekommen. Ich stehe auch immer noch von rechts an und bin irritiert, wenn ich ein Schild lese: „Bitte von links anstellen“

 

Gehe ich auf Fußwegen  geradeaus, habe ich ein eingebautes „Vorfahrtsgefühl“ und ich komme im wahrsten Sinne des Wortes  „aus dem Tritt“, wenn von links oder rechts Querläufer meinen Weg kreuzen, mich notfalls umlaufen, wenn ich nicht schnell genug reagiere. Besonders auf den Zebrastreifen oder großen Ampelübergängen ist rechts gehen sinnvoll, allerdings nicht geläufig. Wenn dann noch die Fahrradfahrer ihren Weg kreuz und quer durch die Fußgänger suchen, finde ich es entspannter, jenseits der Ampeln und Zebrastreifen die Straße zu überqueren, wohlwissend, dass ich dann ja der Dwarslöper bin!

 

Ich frage mich auch oft, ob ich eigentlich die einzige bin, die früher gelernt hat: Erst rauslassen, dann hineingehen? Ist es möglich, dass andere das genau umgekehrt gelernt haben? Anders kann ich mir nicht erklären, warum man oft von innen eine Tür öffnet und Leute sich hineindrängen, anstatt erst einmal hinauszulassen. Die Kollisionen, die dadurch entstehen, werden doch längst in Kauf genommen. Typisch und ärgerlich auch zu beobachten beim Einsteigen in Busse, allerdings dadurch, dass jetzt in Kiel vorn eingestiegen werden muss, etwas weniger häufig. Leute, die mit ihren Smartphones beschäftigt sind, haben ein eingeschränktes Wahrnehmungsvermögen, dass müssen die anderen eben berücksichtigen. Die Verursacher haben selten Schuldgefühle und können sich bei Rempeleien nicht auch noch zu einem Wort der Entschuldigung aufraffen.

 

Dann gibt es noch die unsägliche Gattung der Drängler und Überholer. Auch dieses Verhalten hat längst  Akzeptanz gefunden. Auf manchen großen Rolltreppen (Flughäfen, Bahnhöfe) findet sich der Hinweis: Rechts stehen, links gehen. Praktisch gedacht eigentlich. Aber Fakt ist auch, dass immer einige links und rechts verwechseln und nun von beiden Seiten kommen. Auch bei längeren Schlangen ist das zu erleben und nur dadurch auszuhebeln, indem man Handtasche und Ellbogen möglichst quer stellt, um sich ein Minimum an Freiraum zu erhalten. Denn schließlich werden die vollgestopften Rucksäcke auf manchen Rücken auch als „Abstandshalter“ eingesetzt. Was dem einen recht ist, ist dem anderen….

 

Die Zahl der älteren Menschen, deren Tempo sich im Alltag „entschleunigt“  nimmt stetig zu. Hierbei Rücksichtnahme zu erwarten, wäre nach meiner Erfahrung wirklichkeitsfremd, glücklich derjenige, der es trotzdem das eine oder andere Mal anders antrifft. Wir können die Welt nicht verändern, wir können nur unser Verhalten ändern. Ich habe mich deshalb entschlossen, Dwarslöper zu akzeptieren ( sie wissen es nicht besser). Ich will auch nicht mehr den Kopf schütteln über Männer, die  sich vor mir in den Fahrstuhl drängen oder die Schwingtür vor die Nase knallen lassen. Doch ich gehe immer noch zuerst aus der Tür, bevor ich andere hineinlasse, da kenne ich kein Pardon! (ks)