Die Straße ins Graue: Vorwort

von Siegfrid Petersen


Vorwort

Der Titel, den dieses "nachträgliche Tagebuch" trägt, ist eine Erinnerung an die Zeit, die beschrieben wird.

Im Sommer 1947 saßen wir in den Niederungen des Dnjepr in Bjelorußland abends oft am Lagerfeuer (das wir weniger der Romantik wegen, als vielmehr als Abwehrmittel gegen die Mücken anzündeten) und diskutierten über alles, was Menschen bewegen kann, denen die Bewegungsfreiheit recht erheblich beschränkt ist und die dadurch von der Welt und ihren Ereignissen so ziemlich abgeschnitten sind. Dabei tauchte eines Tages die Frage auf, ob wohl irgendwann unsere Erlebnisse, die Erlebnisse der Kriegsgefangenen des gerade zu Ende gegangenen Krieges, eine Rolle in der deutschen Literatur spielen würden, und falls ja, welche.

Wir waren uns einig, dass ein Buch über diese Zeit nur jemand würde schreiben können, der sie selbst und hautnah miterlebt hatte, also einer von uns; und wir waren uns einig darüber, dass ein solches Buch sich grundlegend von dem unterscheiden müsste, was die meisten von uns über die Gefangenen des ersten Weltkrieges gelesen hatten - "Armee hinter Stacheldraht" oder "Nacht über Sibirien" mit ihrer revanchistischen Grundhaltung zum Beispiel - dass aber die Ungewissheit, in der wir im dritten Nachkriegsjahr immer noch schwebten, auf jeden Fall ausgedrückt werden müsste; und so entstand denn auch aus verschiedenen Vorschlägen der Titel "Straße ins Graue" .....

Ich bilde mir nicht ein, mit den Erinnerungen, die ich 1948/49 aufgezeichnet habe, das literarische Werk geschaffen zu haben, das uns damals vorschwebte; ich habe sie aber trotzdem unter den Titel von damals gestellt, weil mir dieser Titel ein wenig ein Vermächtnis ist - Vermächtnis all derer, die damals mit am Feuer saßen, von denen ich heute weder an Namen noch Heimatorte erinnere und von denen ich deswegen auch nicht weiß, ob sie noch leben .....

Im April 2010

Siegfrid Petersen