Edelweißpiraten

.....oder „Bodo"

Unerwartet mit dabei........die Gestapo

von Siegfrid Petersen

Er war wirklich nicht der Typ, mit dem wir uns abgegeben hätten. Eigentlich hieß er Gerhard, aber aus irgendeinem Grund nannten ihn alle Bodo. Dabei war Bodo doch gar kein Name für einen richtigen Jungen. So hieß vielleicht ein rassereiner Hund, wie Durchlaucht welche hatte, aber doch kein Vierzehnjähriger! Na, und dann diese Eltern - die waren ja älter als bei den meisten von uns anderen die Großeltern! Dazu kam, dass er immer ein bisschen altmodisch angezogen war und nie versuchte, das zu ändern: schwarze lange Strümpfe zu kurzen Hosen, und, damit die Strümpfe hielten, Einweckgummis um die Oberschenkel . . . Und das Jungvolkkoppel hing ihm um den Bauch wie ein Fassreifen um eine ausgetrocknete Heringstonne. . . Was das schlimmste war - nie hatte er eine Idee für etwas, was wir unternehmen konnten, immer stand er daneben, und wenn es bei uns anderen interessant und aufregend wurde, dann sagte er "Ach nein", und ging nach Hause.

Wir anderen - wir waren etwa ein Dutzend Jungen im Alter von 12 bis 14 Jahren, die ein gemeinsames Interesse zusammengeführt hatte. Uns war das, was das "Deutsche Jungvolk" im fünften Kriegsjahr mit uns veranstaltete, einfach zu langweilig. Draußen in der Welt war Krieg - und wir sollten uns in den Heimabenden zu WS, zur "Weitanschaulichen Schulung", anhören, dass die Treue das Mark der Ehre sei, und dass sich in Stalingrad eine Armee für Großdeutschland geopfert hätte, und so etwas . . . Ja, wenn man uns wenigstens noch mit dem Luftgewehr, das genau wie ein Karabiner aussah, hätte schießen lassen; aber es gab schon eine ganze Weile keine Bleikugeln mehr dafür, und "Dreieckzielen" war längst nicht mehr interessant für uns. Früher machten wir wenigstens von Zeit zu Zeit noch mal ein Geländespiel in den Wäldern um die Stadt, aber das war zugunsten der "WS" seit einiger Zeit auch weggefallen.

So hatten wir uns zusammengefunden und unsere "Bande" gegründet. Wenn die da keine Zeit mehr für Geländespiele hatten - wir hatten welche, und Ideen dafür hatten wir auch genug. Es gab doch genügend Klippen im Wald, die man verteidigen oder angreifen konnte, und so ein bisschen kamen wir uns dabei wie zukünftige Gebirgsjäger vor.

In einer Zeit, in der alles und jeder eine Uniform trug, mussten wir natürlich auch uniformiert sein. Irgendwie etwas Einheitliches, was uns zusammenhielt . Natürlich war an eine richtige Uniform nicht zu denken; aber da gab es doch in fast allen Familien oder bei Bekannten die alten schwarzen Samtschiffchen, die das Jungvolk vor dem Kriege mal trug, bis sie durch die später eingeführten braunen "Krätzchen" ersetzt wurden. Die machten wir uns zurecht; und was lag näher, als dass wir als erstes an jedem Schiffchen das blecherne Edelweiß anbrachten, das die richtigen Gebirgsjäger auch an der Bergmütze trugen.

Irgendwo trieben das die meisten auf, und wir waren richtig stolz darauf. Na, und wer kein Edelweiß von den Gebirgsjägern hatte, der fand schließlich doch so etwas ähnliches, wie es vor dem Krieg, als der Fremdenverkehr noch ging, als Andenken verkauft wurde - es musste nur ein Edelweiß sein. Schließlich lebten wir ja in den Bergen . . .

Eines Tages überraschte mich meine Mutter mit der Mitteilung, dass sie "Bodo" bei uns im Haus erwischt hätte. Er war grade dabei, vom Garderobenständer, der im oberen Flur, im "Saal", wie das bei uns hieß, für jeden zugänglich stand, mein Schiffchen zu mausen; aber sie konnte es noch retten. Irgendwas von "mal jemanden zeigen wollen" hatte er als Entschuldigung gestottert. Hatte der Dummkopf wirklich geglaubt, es sei ausreichend, so ein Schiffchen zu haben? Um zu uns zu gehören, war schon ein bisschen mehr nötig - und eben das hatte er nicht . . .

Mittlerweile war ich 16 Jahre geworden, und damit begann "der Ernst des Lebens" - zunächst in Form eines Schreibens, gemäß dem ich mich zur Ableistung meiner „gesetzlichen Arbeitsdienstpflicht" in der Unterkunft der RAD-Abteilung 1/235 in Waltershausen in Thüringen zu melden hatte. Mutter war das gar nicht recht, das war ihr anzumerken - aber schließlich war es ja gesetzliche Pflicht, und außerdem stand in dem Schreiben ja auch drin, dass "Nichterscheinen ohne triftigen Grund als Fahnenflucht angesehen und entsprechende Strafverfolgung nach sich ziehen" würde. Mir selbst war die Einberufung durchaus nicht so unrecht - die Schule kam mir sowieso immer sinnloser vor, weil wir wegen der allnächtlichen Störungen durch englische und amerikanische Luftangriffe kaum noch vernünftigen Unterricht hatten.

Also fuhr ich mit einem Margarinekarton mit den vorgeschriebenen Utensilien nach Waltershausen, wurde eingekleidet, eingeteilt, erhielt meinen Platz im Trupp, im Zug und in der Unterkunft und merkte sehr schnell, dass das ganze eigentlich nichts anderes war als die Fortsetzung dessen, was wir im "Wehrertüchtigungslager der Hitlerjugend" schon zu kosten gekriegt hatten. Aber es machte Spaß, man war schon fast ein halber Soldat, lernte Schanzen und Flugzeuge erkennen, und geschossen wurde mit französischen Lebel-Gewehren, die fast so lang waren wie ich groß, richtig mit scharfer Munition auf "Mannscheiben".

Eines Tages, als wir vom "Dienstunterricht im Stellungsbau", der richtig mit Spaten und Kreuzhacke im Walde abgehalten wurde, in unser Quartier zurückkehrten, wurde ich beim Einrücken schon an der Wache aussortiert. „Arbeitsmann Petersen - im Geschäftszimmer melden!"

Was die wohl von mir wollten? Ob die "Kameraden von der anderen Feldpostnummer" (so nannten wir die Waffen-SS unter uns) nochmal versuchen wollten, mich abzuwerben? Mit meinen 1,82 m Körpergröße erfüllte ich nämlich eine der wichtigsten Bedingungen für den Wehrdienst bei ihnen - aber ich wollte gar nicht, ich wollte eigentlich fliegen und funken und war schon bei der Musterung dem alten Major dankbar, dass er mich "weil Sie für ein Flugzeug zu groß sind, und damit Sie wenigstens die blaue Uniform kriegen" zur Division "Hermann Göring" vorgesehen hatte. Das hatte bei dem ersten Versuch der "Kameraden" vor einer Woche genügt, um sie Abstand nehmen zu lassen. Ob die schon wieder da waren?

Aber im Geschäftszimmer saßen gemeinsam mit dem Oberstfeldmeister, der unsere Abteilung führte, zwei Zivilisten. Ich "baute mein Männchen", meldete mich „Arbeitsmann Petersen wie befohlen zur Stelle!", wurde freundlich zum Platznehmen aufgefordert und aufmerksam gemustert.

„Wie fühlen Sie sich denn so? Macht der Dienst Spaß? Gibt es ausreichend zu essen?" Ob die wirklich glaubten, darauf eine richtige Antwort zu erhalten, wo doch der Abteilungsführer mit am Tisch saß? Aber dann kramte der eine aus seiner Aktentasche einen Schnellhefter, schlug ihn auf und schob ihn zu mir über den Tisch. Ein Foto - ein Foto von einem unserer Samtschiffchen - ein Foto von Schorschi seinem Schiffchen! Was soll das? Ist Schorschi irgendwas passiert? Warum haben die das fotografiert?

"Kennen Sie das?"

Natürlich kenne ich das - das ist Schorschis Schiffchen - Schorschi ist Georg, der wohnt in Stolberg, Thyratal, Hausnummer weiß ich nicht, das erkenne ich daran, dass Schorschi kein Gebirgsjäger-Edelweiß hatte, sondern eines, das zu Kriegsbeginn als Leuchtplakette für die Verdunklung verkauft wurde, so eines hatte nur einer von uns, aber was ist mit dem Schiffchen, warum zeigt man mir das? Ist Georg verunglückt?

"Nein, nein, das ist schon alles in Ordnung. Was soll das Edelweiß daran?"

Nun blieb mir nichts anderes übrig, als den beiden davon zu erzählen, dass wir im Sommer noch wie die Kinder Geländespiele gemacht haben, von unseren Kletterpartien in Steinbrüchen und an Klippen, davon, dass wir uns dabei wie Gebirgsjäger vorkamen - na ja, das war ja auch im Sommer, da war ich ja auch noch viel jünger, da haben wir eben noch so gespielt . . .

"Sonst hat das Edelweiß nichts zu bedeuten?"

Was sollte es sonst zu bedeuten haben? Wir wohnen eben im Gebirge, auch, wenn es nur der Harz ist, und die Gebirgsjäger . . .

"Sie können gehen. Sie hören noch von uns. Über diese Angelegenheit halten Sie den Mund - zu keinem Menschen ein Wort!"

Irgendwie war mir nicht ganz wohl, als ich in unsere Stube zurückging. Die waren sicher von der Gestapo - die hatten doch nicht etwa unseren Haufen für eine Bande von Spionen gehalten? Aber - wer weiß - möglich war alles . . .

Aus dem Arbeitsdienst wurde ich Ende Januar 1945 entlassen und erhielt postwendend meine Einberufung zur Wehrmacht - "Division Hermann Göring" in Berlin-Reinickendorf - und von da aus ging es dann nahtlos Ende April in sowjetische Kriegsgefangenschaft bis Weihnachten 1947. Da kam ich endlich wieder nach Hause.

Von unserem „Haufen" war keiner mehr da. Soweit sie nicht mit ihren bessergestellten Eltern vor den einrückenden sowjetischen Truppen mit den im Juni abgezogenen Amerikanern mitgegangen waren, hatte sie die sowjetische Armee abgeholt. Sie wurden verdächtigt, dem "Wehrwolf", der Untergrundarmee Hitlers, angehört zu haben, und sollten in Buchenwald und Sachsenhausen sein. Merkwürdig - die ganze Bande, und kaum jemand anderes . . . Woher kannte das NKWD die Namen?

Je länger ich wieder zu Hause war, desto mehr erfuhr ich über die Geschichte. Die entscheidende Rolle dabei spielte - Bodo. Er sollte die Namen zusammengestellt und das Verhaftungskommando von Haus zu Haus geführt haben. Vielleicht wollte er sich dafür rächen, dass er nie dazugehören durfte? Oder hatte er vorher für die Gestapo gearbeitet, und nun hatten ihn die anderen in der Hand? Aber - zum Schluss holte man auch ihn selbst. Man liebte wohl den Verrat, aber nicht den Verräter . . .

In den Jahren 1950 und 1951 kamen dann die, die überlebt hatten, wieder zurück. Etwa die Hälfte war in den Lagern während einer Typhusepidemie gestorben. Von denen, die zurückkamen, verschwanden die meisten über die nahe Grenze in den Westen. Zu dieser Zeit war ich schon nicht mehr zu Hause, und so kam es, dass ich keinen meiner ehemaligen Jugendfreunde wieder getroffen habe. Der einzige, mit dem es trotzdem noch einmal eine Begegnung gab, war Bodo. Er war dageblieben, war Zugschaffner bei der Eisenbahn geworden, und einmal, als ich im Sommer zu Besuch nach Hause kam, fuhr ich in dem Zug, den er begleitete. "Mensch - bist Du nicht ... ? Wir haben uns ja ewig nicht gesehen!" - und schon saß er neben mir auf der Bank und versuchte, mit mir Erinnerungen auszutauschen.

Ich konnte nicht mit ihm sprechen. Ich wusste einfach nicht, worüber.

Übrigens - dass es in Halle im Jahre 1944 eine Widerstandsgruppe gab, die sich „Edelweißpiraten" nannte, habe ich auch erst lange nach dem Krieg erfahren, und da wurde mir dann auch klar, was die Zivilisten damals im Arbeitsdienst von mir wollten . . .