Ein besonderer Klempner - Der mit Frau und Sohn drei Tage vor Kriegsausbruch 1939 nach England floh.


Ich sehe sie noch vor mir, die Durchfahrt von der Steckendorferstrasse  auf den Hof. Rechter Hand hinter dem Wohnhaus die Werkstatt. Davor stand ein alter Birnbaum, der an das Gedicht vom Herrn Ribbeck im Havelland erinnerte. Blech und Kupferplatten lehnten an den Wänden und ein Regal mit Rohren stand zwischen Wohnhaus und Werkstatt. Der „besondere Klempner“ Leo Cohen war Jude und ein alter Freund meines Vaters. Seine Vorfahren waren schon Handwerker in England. Beim Aufbau der Industrie in Krefeld im neunzehnten Jahrhundert fanden sie hier Arbeit und blieben.

Um Neunzehnhundert  machte sein Vater sich als Klempner selbstständig und der Sohn  Leo erlernte den gleichen Beruf. Damals waren Handwerksberufe wie diese zumindest in Deutschland für jüdische Bürger ungewöhnlich. Die Familie behielt aber immer die englische Staatbürgerschaft. Das galt auch für Leos beide Schwestern und seine spätere Frau und den Sohn Albert, meinem Spielkameraden. Die englische Staatsbürgerschaft hat die Familie nach 1933 zunächst vor Nachstellungen durch das Regime bewahrt, denn nur deutsche Juden wurden verfolgt.

Albert und ich durften in der Werkstatt „arbeiten“. Broschen schnitten wir aus dünnen Plattenabfällen und löteten  Sicherheitsnadeln daran. Albert konnte das, sein Vater hatte es ihm gezeigt. Stolz verschenkten wir unsere Werke in der Verwandtschaft.

Alberts Mutter, meine „Tante Paula“ war klein, rund. und immer fröhlich. Im Hauseingang stand auf einer kleinen Konsole ein Teller mit Matzes.  (ungesäuertes Fladenbrot) einfach so zumKnabbern. Jeder durfte davon nehmen, der ins Haus kam. Die Freundschaft zu Leo Cohen, seiner Familie, seine alten Eltern eingeschlossen, blieb erhalten, auch als mein Vater Anfang der dreißiger Jahre nicht mehr mit uns lebte.

Ein paar Tage vor Kriegsausbruch 1939 kamen an einem Morgen Onkel Leo, Tante Paula und Albert, jeder mit einem kleinen Koffer zu uns.“ Die Botschaft hat uns mitgeteilt, wir sollten sofort ausreisen. Über Holland nach England, es gibt Krieg.“ Das waren ihre Worte. Tränenreicher Abschied. „Schaut mal nach den Eltern, sie konnten auf Grund ihres Alters nicht mehr reisen.“ Ein letztes Winken aus der Taxe, die die Familie an die nicht weit entfernte holländische Grenze brachte.Ein paar Tage später brach der zweite Weltkrieg aus.Onkel Leos Schwestern hatten „arische Männer“ geheiratet.Auch sie behielten ihre englische Staatsbürgerschaft und wähnten sich sicher vor Verfolgung durch das NS Regime. Sie kümmerten sich um ihre alten Eltern in der Steckendorferstrasse .

Meine Mutter, war bei der Stadt angestellt, deshalb besuchte sie Onkel Leos Eltern nach Einbruch der Dunkelheit,weil man sie sonst als judenfreundlich betrachten könnte, was den Verlust ihres Arbeitsplatzes bei der Stadt zur Folge gehabt hätte. Damals mussten Juden einen gelben Stern auf der Kleidung tragen. Es besuchten sich nur noch Juden untereinander die aus den verschiedensten Gründen die Stadt nicht verlassen konnten oder wollten.

Im Krieg begann dann die Deportation der jüdischen Mitbürger. Wir hörten von Onkel Leos Schwestern, die sich „fast unsichtbar“ gemacht hatten - also ganz zurückgezogen lebten - dass man ihre Eltern in das Ghetto nach Theresienstadt „gebracht“ hätte. Dort sollen sie in den vierziger Jahren gestorben sein.

Onkel Leos Schwestern überlebten den Krieg dank ihrer „Unsichtbarkeit“ und durch die Ehe mit „arischen Männern“.Ich weiss, dass meine Mutter sie manchmal  heimlich besuchte.
 

Nach Kriegsende dann die erste Nachricht von Onkel Leo aus London. Dort hatte er  wieder eine Klempnerei eröffnet, und als guter „deutscher Handwerker“ war er gefragt. Mein Spielkamerad Albert -  er war ein paar Jahre älter als ich -  wurde Soldat in England, machte die Invasion in der Normandie mit und kam sehr krank nach England zurück, wo er 1953 zwei Jahre nach dem Tod seiner Mutter starb.Ein paar Fotos habe ich noch. Erinnerung an eine  längst vergangene Zeit.

In den 50er Jahren besuchte  Onkel Leo mit seiner zweiten Frau Edith Krefeld. Kurz vorher kam ich  selbst nach Deutschland  zurück, daß ich 1948 verlassen hatte.Es war ein Wiedersehn mit vielen „Weißt Du nochs“.Ein bißchen fröhlich, ein bißchen traurig:Aufarbeitung einer Zeit die man vergessen möchte, es aber doch nicht kann. Ein paar Jahre später starb auch Onkel Leos  zweite Frau Edith und er kehrte zurück in seine Heimatstadt, die er 1939 verlassen musste.

Onkel Leo mietete eine Wohnung in der Rheinstrasse.Wir sahen uns öfter. Er war nicht sehr orthodox. Einmal rief er mich an und meinte „Hans wollen wir ein koscheres Eisbein essen gehen?“ Das haben wir dann natürlich getan.Manchmal begleitete ich ihn in die provisorische Synagoge in der Kronprinzenstrasse. Man traf sich nach der Zeremonie zum Gespräch in einem Gemeinschaftsraum.Es waren interessante Gespräche mit Menschen, die durch den Krieg ihre Heimat in verschiedenen Ländern des damaligen „Ostblocks“ verlassen mussten.

Beruflich bedingt verliess ich Krefeld 1962. Ein paar Jahre später starb mein Onkel Leo in seiner Heimatstadt, die er mit seiner Familie 1939 unter dramatischen Umständen verlassen musste.

Das Haus und die Werkstatt in der Steckendorferstrasse wurden in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wieder aufgebaut. Heute befindet sich dort die für Kunstverglasungen bekannte Glaserei Weitz.

Der Birnbaum, in dessen Schatten wir als Jungen spielten, fiel den Bomben zum Opfer.
 
  • leo
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1. Bild: Zweite von links ist meine Mutter, dann kommt Leos Schwester und Onkel Leo
2. Bild: Tante Paula, Albert und Onkel Leo in London