Einmal Frankreich

........und zurück!

Studienfahrt der Jahrgangsstufe 13
Dreikönigsgymnasium Köln

vom 13.9. bis 24.9.1981

Ein nicht allzu ernst zu nehmender Rückblick, unmittelbar nach der Fahrt geschrieben von Dierk Lürbke

Aus Gründen der Anonymität - die man hier vielleicht in vielen Fällen lieber wahren sollte - werden statt der vollständigen Namen nur die Anfangsbuchstaben der betreffenden Personen genannt.­ Auch die Namen der Lehrer Nitsch und Pianka werden vorsichtshalber mit Lehrer N. bzw. mit Lehrer P. abgekürzt.

Der Bus stand unübersehbar am Straßenrand vor der Schule. Eine riesige Menschentraube ließ ein großes Ereignis erahnen. Gleichzeitig waren einige Transparente zu erblicken - Abschiedsparolen an eine Schülerin (E. komm nie wieder) - die einen Hauch von Demonstration aufkommen ließen. Zwei unbescholtene Lehrer standen - äußerlich verbissen lächelnd, innerlich kämpfend gegen ihre Horrorvisionen über die noch vor ihnen liegenden Tage mit grausamen, auf die Menschheit losgelassenen Schülern und Schülerinnen - mitten in der Menge und warteten ab. Zwei ebenfalls unbescholtene Busfahrer sortierten die nach und nach ankommenden Koffer mit größter Sorgfalt auf der Ladefläche. Die Gefühlswelt der anwesenden Eltern geriet kräftig ins Schwanken. Sollte man nun froh sein, zwölf Tage lang ein mehr oder weniger geordnetes Leben ohne Chaos und Sorgen - sprich Kinder – führen zu können, oder sollte man zwölf Tage lang um die geistige und seelische Verfassung der armen Kinder bangen, die zudem sicherlich von den fürchterlichen Lehrern von einer Kirche zu einer anderen Sehenswürdigkeit geschleppt würden. Zu erwähnen wäre übrigens auch noch das versammelte Schülermaterial - 28 Stück, davon 12 weiblichen Geschlechts und 16 des entgegengesetzten, männlichen Anteils.­­

Nachdem die Vollzähligkeit des Studienfahrtkaders bestätigt werden konnte, und das traditionsgemäße Verabschiedungszeremoniell mit Küsschen und langen Gesichtern pflichtbewusst beendet worden war, ging die Fahrt um 0,56 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit los. Die winkenden Eltern und Bekannten gingen langsam aber sicher in Dunkelheit und Entfernung unter. Französisch-Leistungskurslehrer N. prophezeite in einer Unterrichtsstunde kurz vor der Fahrt, aufgrund seiner in solchen Angelegenheiten umfassenden Erfahrung, nach der Abfahrt in Köln zwei Stunden totaler Stille im Bus, bevor sich die Schüler der vor ihnen liegenden Fahrt bewusst und zu Aktivitäten neigen würden. Lehrer N. musste aber eine neue Erfahrung machen: Zwei Stunden lang beherrschten muntere Heiterkeit und mehrere Rotweinflaschen den Bus, bevor sich die Schüler der vor ihnen liegenden Fahrt bewusst wurden und sich zur Ruhe begaben.

Vom Platz des Chronisten in der vorletzten Reihe konnte man sehr schön beobachten, wie ein Kopf nach dem anderen aus dem Sichtfeld geriet und unterhalb der Kopfstützen in der Versenkung verschwand. Der Kopf des Chronisten D. war übrigens auch sehr schnell versunken, was aufgrund der besonderen Körpergröße von 1,95 m nicht sehr einfach war. Die Schlafpositionen der einzelnen Leute hier zu beschreiben wäre zwar sicherlich sehr lustig, aber es würde für den normalen Leser nicht viel bringen. Der Verfasser eines Yoga-Buches hingegen wäre bestimmt sehr interessiert an entsprechenden Schilderungen und Fotos. Der Bus aber brummte in die dunkle Nacht.

Am nächsten Morgen gegen 7,00 Uhr dann anwachsende Vitalität an Bord. Erstes Gemurmel, erste Wortfetzen, überall wurde gegähnt. Dann fand in Freiburg der angekündigte Fahrerwechsel statt. Von nun an hatte Heinz unser Leben und das Lenkrad in seinen Händen. Die Fahrt ging zügig weiter, man passierte die französische Grenze, ohne dass etwas passierte. Nun verbreiteten sich im größeren Umfang Essensgerüche im Bus, die Lebensmittelreservoirs - von den Eltern sorgsam in größeren Mengen angelegt und abwechslungsreich gestaltet - wurden angebrochen. Während Schüler X bedächtig seine Brötchen mit Käse und Leberwurst anbiss, mampfte Schülerin Y ihren Kartoffelsalat und Schüler Z kaute - stimuliert durch den Cola trinkenden Schüler XY - seine Bouletten mit Joghurt.

Von den Lehrern war während der Hinfahrt reichlich wenig zu sehen und zu hören. Lehrer P. in der zweiten Reihe drehte lediglich ab und zu seinen Kopf gelangweilt um wenige Grade zur Seite und nach hinten und verweilte dann einige Sekunden in dieser Stellung, ohne dass sich feststellen ließ, wo er ei­gentlich genau hinschaute. Dieser Einrichtung - dem sogenannten "Allround-Blick" - ist es übrigens auch zu verdanken, dass die Schüler in entsprechenden Klausuren dieses Lehrers beim Pfuschen ständig verunsichert werden, da sich jeder angeschaut fühlt.

Lehrer N. gab lediglich von Zeit zu Zeit über die buseigene Verstärkeranlage einige Informationen zur momentanen mehr oder weniger kritischen Lage und zur Länge einer nun einzulegenden Pause. Nach mehreren kürzeren Aufenthalten mit überraschungsangriffsartigen Besetzungs­aktionen der vorhandenen Örtlichkeiten, erreichten wir schließlich gegen 16,50 Uhr unser erstes Etappenziel: Lavoute-sur Loire.

Der Bus hielt auf der Straße, kurz vor dem Ortsende. Auf einer Länge von knapp 100 Metern an der Straße entlang standen hier nur zwei Häuser. Eins auf der linken Seite - schäbig anzusehen, anscheinend unbewohnt und von der Zivilisation bisher verschont – und eins auf der Seite gegenüber, von unten bis oben mit Kletterpflanzen überwuchert und einigen Schildern, die darauf hinwiesen, dass es sich um ein Hotel handelte. Wir marschierten auf das schöner anzusehende "grüne" Haus zu und einige flachsten, dass man uns nun bestimmt in das andere Haus, diese "Scheune" auf der linken Straßenseite einquartieren würde. Wir standen erwar­tungsvoll und einmarschbereit vor dem "Kletterpflanzenhaus" und warteten auf den Ein­marschbefehI. Der ließ dann auch tatsächlich nicht lange auf sich warten, doch galt er nicht wie erwartet für das schöne "Kletterpflanzenhaus", nein, er galt wirklich für die vermeintliche Scheune, für dieses alte zweistöckige Steinhaus. Nachdem man vorher noch darüber gescherzt hatte, dass man wohl in dieses Gebilde einziehen müsste, breitete sich zunächst Sprachlosigkeit aus.

Doch schon im nächsten Moment setzte sich die ganze Meute in Gang, getreu dem Motto, "Wenn schon in dieses Haus, dann wenigstens auch das beste Zimmer", wurden die Schritte der einzelnen Leute immer länger, der Gang immer schneller. Nur dem beherzten, mutigen Eingreifen des Lehrkörpers war es zu verdanken, dass diese "Hausbesetzung" ohne Blutvergießen durchgeführt werden konnte. Zur gemeinschaftlichen Erleichterung konnte man feststellen, dass der äußere Eindruck des Hauses sich nicht im Inneren widerspiegelte. Die Zimmer waren verhältnismäßig gut, es gab Zwei- und Dreibettzimmer mit fließendem war­men und kaltem Wasser und einer Gemeinschaftstoilette draußen auf dem Flur. Bester Plus­punkt: Man hatte das Haus ganz für sich alleine.

Nachdem nun die Zimmer aufgeteilt und die Klamotten untergebracht waren, hatte man eine Stunde Zeit bis zur Lagebesprechung mit Planung des nächsten Tages, die für 19,00 Uhr angesetzt worden war. Chronist D. setzte sich mit Schüler J. und Schüler F. J. in Bewegung, um die nördlichen Stadtteile - etwa drei bis vier Häuser - zu besichtigen. Diese Besichtigung wurde aber schon sehr schnell abgeblasen, mangels Sehenswürdigkeiten, sieht man von einer dreiköpfigen Familie ab, die mit sehr viel Fleiß und Handfertigkeit ihren kleinen Garten bearbeitete, das heißt die Nutzpflanzen entfernte und das Unkraut stehen ließ. Im Übrigen fühlten wir drei selbst uns bald als Sehenswürdigkeit, da wir von allen Seiten ausgiebig und aufmerksam durch die Gardinen der Häuser betrachtet wurden.

Wir gingen einen kleinen Weg an der Loire vorbei und kamen so ziemlich schnell zurück in den Ortskern, der daran zu erkennen war, dass dort ein besonders großer Prozentsatz unserer Schülerkollegen umherirrte. Sogleich entdeckten wir eine Horde älterer männlicher Franzosen, die auf dem Platz vor dem Rathaus anscheinend hilflos mit faustgroßen Kugeln um sich warf. Da hinter diesem merkwürdigen Verhalten offensichtlich sogar eine bestimmte Logik stand, und man sich als Schüler eines Gymnasiums am besten erst gar nicht mit Logik beschäftigt, gingen wir gleich weiter. Wir kamen auf die "Hauptstraße", die direkt zu unserem Hotel führte. Auf dem Weg dorthin lernten wir gleich die lebenswichtigen Institutionen dieses Ortes für einen deutschen Studienfahrtteilnehmer kennen: Supermarkt, Bäckerei und Kneipe. Bei einem Blick über die "Hauptstraße" im Bereich des Ortskerns musste man das Gefühl haben, dass sich die Einwohner bei unserer Ankunft vor Angst in ihren Häusern versteckt hatten und sich nun nicht mehr heraus trauten. Wie sonst war die Sichtung von lediglich drei bis vier lebenden Franzosen, zwei französischen Hunden und drei französischer Hühnern, aber 31 deutschen Personen auf der Straße zu erklären?

Im Garten vor dem Hotel wurde nun die Lagebesprechung abgehalten. Wie schön auch, dass dort ganz zufällig zwei Schaukeln, zwei Wippen und ein Drehkarussell aufgestellt waren. So waren die Schaukeln die ganze Zeit besetzt, Schüler X versuchte einen neuen Höhenrekord aufzustellen, Lehrer P. versuchte auf der Wippe seine "goldenen Pfunde" in Schülereinheiten umzurechnen (es ergab sich ein Verhältnis von ungefähr 1 P zu 2 ¼ Schülern), und so mancher Schüler wartete mit schussbereiter Kamera auf den Augenblick, in dem die Wippe diesem Versuch nicht mehr standhalten könnte. Diese Situation ergab sich aber nicht, Lehrer P. rutschte in einem ungünstigen Augenblick rückwärts vom Sitz und saß nun direkt auf dem Erdboden. Schließlich, nach der Lagebesprechung, war sich ein Großteil der Gruppe darin einig, nun noch gemeinsam in den Ortskern, eventuell auch in die Kneipe einzuziehen. Mit dabei waren auch Chronist D. und Schüler J. Sie gönnten sich zwar in der ortsbekannten Kneipe je zwei Gläser Rotwein, nahmen sich aber dann vor, nicht schon am ersten Abend alkoholisch unterzugehen, also bezahlten sie und machten sich noch auf einen kleinen Abendspaziergang außerhalb des Ortes.

Dazu benutzten wir (= sie) eine Nebenstraße, um den Ort zu verlassen. Wie sich in der folgenden Zeit herausstellte, spielten wir dabei allerdings mit unserem Leben, denn wir machten sehr schnell mit den teilweise schonungslosen Fahrkünsten der Franzosen Bekanntschaft, man hatte oft das Gefühl, auf einer Rennpiste zu stehen.

Nun, wir gingen ahnungslos auf der rechten Seite der breiten Straße in Richtung Ortsende und unterhielten uns ausgerechnet über die Fahrkünste der Franzosen, da rauschte plötzlich von hinten ein Wagen heran und fing knapp 2O Meter hinter uns an, wie wild zu hupen. Sofort drehten wir beide uns um und rechneten schon mit dem Schlimmsten, etwa dass uns in der nächsten Sekunde ein aus dem Irrenhaus entsprungener Autofahrer mit seinem womöglich gestohlenen Wagen überrollen würde, aber es kam noch schlimmer. In einem undefinierbaren roten Kleinwagen französischen Fabrikats, rauschten vier junge Mädchen wild winkend und lachend unter gleichzeitiger Weiterbetätigung der Hupe etwa einen Meter neben uns vorbei und stellten das Hupen auch erst 10 Meter weiter wieder ein. Fassungslos starrten wir dem Wagen nach. Sollte das etwa ein Mordversuch gewesen sein?

Gerade hatten wir uns wieder umgedreht und wollten weitergehen, da näherte sich - unüberhörbar - mit noch größerer Geschwindigkeit ein weiterer Wagen. Inhalt: vier junge Männer, kein Zweifel, die Freunde der Mädchen aus dem Vorwagen. Bei uns ein schrecklicher Gedanke: Eifersucht, hatten sie das wilde Winken im Vorwagen gesehen, würden sie uns nun überrollen? Nein, wieder wurde ein Meter Platz gelassen, aber es blieb bei ernsten Gesichtern, mit denen sie uns anschauten. Glück gehabt. In der Folgezeit gingen Schüler J. und ich nur noch seitlich versetzt nebeneinander, ständig bereit im Notfall den rettenden Sprung in den Straßengraben zu wagen.

Nach einer halben Stunde und zwei weiteren ähnlichen Zwischenfällen kamen wir wieder in den Ort zurück, es wimmelte nur so von deutschen Schülerkollegen. Direkt hinter der Straßenbrücke über die Loire schien es sehr lustig zuzugehen: Schüler M. und Schülerin E. legten am helllichten Abend auf offener Straße ein Tänzchen aufs „Parkett". Dabei wurde nicht nur die Straße, sondern auch ein kleiner Parkplatz in der vollen Breite als Tanzfläche ausgenutzt, einige verwirrte Schüler standen mit verklärtem Lächeln daneben. Ein paar Meter weiter hatte sich ein Hund mitten auf der Straße niedergelassen und war von dort nicht mehr wegzubringen, obwohl von den vielen Autofahrern, die dort mit ihren Wagen vorbeikamen, die verschiedenartigsten Methoden angewendet wurden. Der eine fuhr in eleganter Kurve einfach rechts an ihm vorbei, ein anderer aus der gleichen Richtung links, ein weiterer fuhr mutig drauf los und fabrizierte im letzten Moment eine Vollbremsung. Die Liste ließe sich so fortsetzen, es traten die verschiedensten Variationen auf, doch der Hund blieb eisern sitzen. Schüler J. und ich setzten die Abendrunde nun fort, zwischen den tanzenden Schülern M. und E. und vorbei am mutigen Hund Z in Richtung Hotel.

Dort herrschte lebhafte Aktivität in allen Gängen, Zimmern und Toiletten. Schüler XY hatte Schüler ZX gerade einen Tritt verpasst, Schüler ZY knallte unter großer Anteilnahme seiner Zimmerkollegen die Tür zu. Schüler J. und Chronist D. waren sich einig, nach der langen Busfahrt und den weiteren schrecklichen Erlebnissen ausnahmsweise früh ins Bett zu gehen, es war kurz vor zehn. Nun erwähnte ich vorhin, dass es auf den Zimmern Waschbecken mit fließendem warmen und kaltem Wasser gab. Nun, ich muss mich korrigieren, fließend warmes Wasser gab es nur tagsüber, am Abend ließ sich aus dem Wasserhahn kein einziges Tröpfchen warmen Ursprungs mehr hervorlocken. Wie sollte man sich nun als pflichtbewusster Zahnpfleger die Zähne putzen, mit eiskaltem Wasser? Schüler J. kam auf die famose Idee, das Zahnputzwasser im Glasbecher mit dem Föhn zu erhitzen. Tatsächlich erwärmte sich das Wasser im Glas in zehn Minuten um einige wenige Grade, doch das Glas selber war in der Zwischenzeit so heiß geworden, dass es nun fast unmöglich war, das mühevoll erwärmte Wasser daraus in den Mund fließen zu lassen. Nachdem man so den Tag um einen weiteren kuriosen Punkt bereichert hatte, konnte man sich jetzt endlich dem gemütlichen Teil zuwenden. Man wünschte sich eine gute Nacht, redete aber dann noch 20 Minuten, hörte ab und zu einen Franzosen draußen mit seinem Wagen über die Straße flitzen und fiel dann in einen tiefen Schlaf.

In der Nacht passierte aus der Sicht des Chronisten nichts besonderes mehr, abgesehen davon, dass Schüler J. auf dem Rückweg eines frühmorgendlichen Toilettenganges beinahe die ganze Treppe hinunter gefallen wäre, was trotz seines sarkastischen Humors und blendender Vitalität sicher nicht ohne bleibende Schäden vonstatten gegangen wäre, die Treppe hätte höchstwahrscheinlich renoviert werden müssen. Im Übrigen war die Toilettenspülung so laut, dass man – zufällig gerade wach geworden - erst einmal nachdenken musste, ob man nun noch im eigenen Bett oder im Badezimmer lag.

Der Tag kam sehr schnell, um 7,00 Uhr klopfte auch schon ein erbarmungsloser Lehrer an die Tür und wünschte uns, unverschämterweise auch noch, einen guten Morgen. Um 8,00 Uhr sollte gefrühstückt werden, man hatte also genug Zeit und stand somit erst um 7,30 Uhr auf. Draußen auf der Straße fuhren die Franzosen immer noch wie die Verrückten, ein kleiner Trupp unermüdlicher Sportfanatiker kam gerade vom morgendlichen Dauerlauf zurück, eine andere Gruppe wälzte sich gen Ortszentrum, um die Bäckerei zwecks Tagesversorgung um eine Wochenration Baguettes zu erleichtern, im übrigen wird kein Teilnehmer dieser Studienfahrt mehr den frevelhaften Versuch wagen, in einer deutschen Bäckerei statt nach Baguette, etwa nach "Stangenbrot" oder gar "Knüppelbrot" zu fragen. Schüler J. und Chronist D. tätigten nun die allmorgendlichen Pflichten (es gab auch wieder warmes Wasser) und packten ihr Hab und Gut für die Weiterfahrt zusammen.

Schüler J. kam auch noch auf die grandiose Idee, 14 Minuten vor dem Frühstück seine Haare zu waschen und war sichtlich erstaunt, zehn Minuten vor dem Frühstück mit klitschnassen Haaren feststellen zu müssen, dass der Stecker des Föhns nicht in die stromabgebenden zwei Löcher neben dem Spiegel passte. Bei dieser "Steckdose" handelte es sich zudem um ein Unikum, da sie so konstruiert war, dass die Steckhülsen der beiden Pole blank an der Lampe anmontiert waren. Schüler J.'s Ideenreichtum wies Chronist D. nun die Aufgabe zu, die zwei Pinne des Steckers wenigstens ungefähr mit den zwei blankliegenden Hülsen des Gegenstücks in Übereinstimmung zu bringen, das heißt, unter Fabrikation eines leichten Blitz- und Funkenfluges jeweils zwei Teile leitend zu verbinden. Unsere zwei Lehrer hätten an diesem Bild bestimmt sehr viel Gefallen gefunden, zumindest an den bei diesem Experiment durch Funkenschlag entstehenden Knallgeräuschen. Beide Schüler überlebten diese "Behelfsschaltung" jedoch ohne Schaden zu nehmen, können sich aber nun - zurück in Deutschland - beim Anblick einer deutschen DIN-Steckdose, ein kleines Lächeln nicht verkneifen.

Anschließend brachten wir Koffer und Taschen hinunter zum Bus und gesellten uns zu der schon vor dem Kletterpflanzenhaus auf das gemeinsame Frühstück im dort liegenden Frühstücksraum wartenden, hungrigen Schülergemeinde sowie den zwei Lehrern plus Busfahrer. Um 8,00 Uhr wurde uns die Tür geöffnet, man fiel ein. Die Plätze an den Tischen waren sehr schnell besetzt, doch war man sich nun größtenteils nicht ganz über die französischen Frühstücksgewohnheiten im Klaren. Auf dem Tisch standen lediglich jeweils eine große Tasse mit Untertasse und ein Korb mit Baguetteschnitten sowie Butter- und Marmeladepäckchen, ein Messer und ein Löffel. Sollte man nun die Baguetteschnitten direkt auf dem blanken Tischtuch essen? Wem schließlich klar wurde, dass man die Untertasse als Teller benutzt, ist noch nicht vollständig geklärt, doch verdanken viele ihm nun die Schließung einer weiteren Bildungslücke.

Als pikante Nebenerscheinung beim Frühstückszeremoniell wäre noch der morgendliche Spaziergang einer Spinne der Spezies der dicken Bäuche über den Frühstückstisch zu erwähnen, der jedoch jäh durch einen gezielten Teelöffelzuschlag des an diesem Morgen treffsicheren Schülers J. beendet wurde. Die unförmigen Überreste der verendeten Spinne blieben danach als besondere Warnung an andere Spinnen mit ähnlichem Vorhaben demonstrativ auf der Tischplatte und hätten bestimmt zu dem absoluten Knüller des Tages geführt, wenn sie von einem nichtsahnenden Schüler zwecks Umrühren des Morgengesöffs, das heißt der kakaoähnlichen Substanz benutzt worden wäre. Bemerkenswert ist auch noch, dass trotz der steinähnlich harten Baguettestücke (sie stammten wohl vom Vortag und waren nun extra für uns noch einmal aufgewärmt worden) keine Zahnschäden bekannt wurden.

Nach dem Frühstück deckten sich die restlichen Schüler in der örtlichen Bäckerei mit Baguettes ein, wer ebenfalls dort war, wird nie mehr das überglückliche, leicht verstörte Gesicht der Verkäuferin vergessen können, dann stieg man unter gleichzeitigem Vergleich der verschiedenen Größen der Baguettes in den Bus ein und fuhr ab.

Im Talkessel hing noch der Morgendunst, je höher man kam, um so mehr blauer Himmel und Sonnenschein kamen zum Vorschein. Wir durchfuhren Le Puy, betrachteten dabei die überall aus den Fenstern gehängten Wäschestücke und kamen schließlich auf einen Hügel direkt hinter der Stadt zur Besichtigung eines nicht alltäglichen Wettergeschehens. Wir bestaunten mit leicht geöffneten Mundwinkeln eine Inversionslage über Le Puy (Wolken unten, klare Luft oben). Dann ging die Fahrt gleich weiter.

Man merkte nun deutlich, dass wir uns im Zentralmassiv befanden, genauer gesagt, ins Gebiet der Causses vorstießen. Die Gegend wurde unbewohnter, die Vegetation kahler, die Straßen kleiner und schmaler, die Kurven enger. Das einzige was anscheinend gleich blieb, war das Tempo des Busses, welches in kräftiger Kooperation mit den scharfen Kurven beziehungsweise den darin entstehenden Fliehkräften dafür sorgte, dass man plötzlich schon mal ganz woanders saß oder lag, als im Augenblick vorher. Jetzt etwas zu essen oder zu trinken wäre Selbstmord gewesen. Das Getränk oder das Essen wäre vielleicht im günstigsten Falle beim Nachbarn oder beim Vordermann gelandet, niemals aber im eigenen Mund, geschweige denn im eigenen Magen. Auch hätte man beim Essen ständig riskieren müssen, im Eifer des Gefechts die eigenen Finger gleich mit abzubeißen. Vor, während und nach dem Frühstück zu sich genommene Nahrungsmittel wurden nun kräftig zu einer Einheit gemixt und kleinere Unverträglichkeiten schonungslos aufgedeckt.

Endlich kamen wir am ersten Exkursionsziel an, den "Gorges du Tarn", den Tarnschluchten. Heinz stellte den Bus auf einem kleinen Parkplatz direkt am Rande dieser cañonartigen Schluchten ab. Nur jetzt keine - eventuelle - Kritik an seinen Fahrkünsten, knapp zehn Meter vom Felsvorsprung entfernt, hätte es lediglich eines kleinen Drucks auf das Gaspedal erfordert, und der Bus hätte sich in wenigen Sekunden 300 Meter tiefer befunden. Da aber auch sowieso keine Kritik nötig war, blieb man fürs erste auf diesem Höhenniveau.

Fasziniert blickte die Schülergemeinde auf die weitläufigen tiefen Schluchten. Es wäre jetzt auch sicherlich kaum aufgefallen, wenn der eine oder andere nach einem Schritt zu viel im Abgrund seine Flugeigenschaften ausprobiert hätte. Schwierigkeiten hätte es natürlich spätestens dann gegeben, wenn es zu der Aufteilung der schon vorher bestellten und nun überflüssig gewordenen Mahlzeiten morgens und abends gekommen wäre. Doch dieses Problem ergab sich nicht, man setzte sich friedlich zusammen und stürzte sich unter gleichzeitiger Weiterbetrachtung des imponierenden Panoramas nicht in die Schlucht, sondern auf das mitgebrachte Mittagessen. Anschließend lauschte man dem ersten Referat dieser Studienreise über die Geologie Südfrankreichs und war sehr erstaunt, dass man sich dort, in knapp 1000 Metern Höhe, auf dem ehemaligen Boden eines halb Frankreich bedeckenden Meeres befand. Danach deckte man sich weiter mit Ansichtskarten ein und überließ die freien Hautpartien zwecks Bräunung den überall beliebten, nur in Deutschland nicht immer allzu starken ultravioletten Strahlen, die an diesem Morgen kräftig umher schwirrten.

Am frühen Nachmittag zogen wir dann weiter nach St. Enimie, einem kleinen Ort am Talboden der Tarnschluchten. Wir fuhren eine längere Strecke über schmale Hangstraßen mit engen Kurven, was noch dadurch sehr versüßt wurde, dass man ständig auf einen Ausfall der Bremssysteme wartete und fasziniert die Stellen betrachtete, an denen die die Straße zur Schlucht abgrenzende Mauer bereits durchbrochen war. Alle Bremssysteme hielten jedoch durch, wir erreichten St. Enimie, das kleine idyllische Dorf, das sich harmonisch in die erfrischend unberührte Natur ringsherum einfügt. Quer durch den Ort fließt der kühle und klare Wasserstrom der Tarn, worin offensichtlich erst kürzlich ein Bagger unfreiwillig versoffen war, der nun von einem Kommando herausgezogen wurde. Auch schlägt einem im Ortskern die ungetrübte Vitalität und Lebensfreude der französischen Eingeborenen entgegen, die sich hier mühsam durch die Touristenströme kämpfen. An der Uferpromenade kann man noch wunderschöne alte französische Häuser, prächtig geschmückt mit frischen Farben, Blumentöpfen (und Ansichtskarten) bewundern. An diesem Ort ist noch alles so wie früher: Die gleichen alten Häuser (in den letzten Jahren renoviert), die gleichen alten Straßenführungen (in den letzten Jahren erneuert), die gleichen alten öffentlichen Toiletten (die erst irgendwann in den nächsten Jahren erneuert werden, da das vermutlich nur alle 100 Jahre vorgesehen ist).

Die leichte Hanglage macht das Stadtbild noch sympathischer. Alle Einwohner mögen diese praktische Hanglage, vor allem der Mensch oben am Ende der Straße, der soeben den Verschluss eines kleinen Tanks auf seinem Wagen geöffnet hatte, und dessen Inhalt (schmutzig graues Altöl) sich nun behaglich abwärts über die Straße, von einer Seite zur anderen schlängelnd, zum Ortskern fortbewegte. Wie gesagt, ein kleines idyllisches Dorf, harmonisch eingebettet in die weitläufigen Tarnschluchten mit dem gesunden, urwüchsigen Klima.

Wir fuhren nun mit dem Bus weiter durch die Tarnschluchten. Die Enge dieser Schluchten brachte es mit sich, dass die ins Tal führende Straße ebenfalls verhältnismäßig schmal an der Seite lag. Eben dieser Tatsache verdankte es der Busfahrer, dass er des Öfteren buchstäblich Millimeterarbeit leisten musste. Als man in die Situation kam, unter einem niedrigen und weit vorreichenden Felsvorsprung durchfahren zu müssen, stieg sogar Lehrer N. aus und eilte aus Sorge, dass man einige Felsen beschädigen könnte, im leichten Galopp voraus, um den Bus an dieser Stelle sicher durchzulotsen. Einige Kilometer weiter inspizierte man eine Gruppe harmonisch im Flusslauf verteilter Felsbrocken, die sich im Laufe der letzten Jahrtausende von den höher gelegenen Felswänden gelöst hatten. Da auch in dem noch vor uns liegenden Stück der Schlucht, und dazu ausgerechnet über der Straße, einige weitere Felsbrocken ebenfalls auf einen geeigneten Augenblick warteten, um sich mit gewaltigem Getöse und Mitnahme weiterer Gesteine zu Tal zu bewegen, hielten wir uns dort auch nicht länger auf und fuhren weiter Richtung Millau.

Nachdem wir dort mit unserem Bus noch ein bisschen den Verkehrsfluss im Stadtzentrum zum Stocken gebracht hatten, tauchte das Hotel vor uns auf. Wie schon sein Vorgänger in Lavoute-sur-Loire machte auch dieses Gebäude von außen nicht gerade den besten Eindruck. Dazu kam, dass wir knapp zehn Minuten draußen vor der Tür warten mussten, während sich drinnen unsere zwei Lehrer ausgiebig mit den Angestellten an der Rezeption unterhielten. Viele vermuteten, dass sie um Preise feilschten oder das Personal erst noch von unserer Harmlosigkeit überzeugen mussten. Lehrer N. erwies sich dabei natürlich wieder als guter Gesprächspartner, Lehrer P. nickte - obwohl er kein französisch konnte - jeweils zustimmend mit dem Kopf. Schließlich wurde uns aber doch noch der Eintritt gestattet, die Preise waren nun wohl zur beiderseitigen Zufriedenheit festgesetzt, nur von unserer Harmlosigkeit konnte das Personal offensichtlich nicht überzeugt werden. Man erwähnte nebenbei, aber ausdrücklich, dass wir nicht die einzigen im Hause seien, kurzum, andere Mitmenschen hatten sich noch in dieses Hotel verirrt und waren nun nicht gewillt, in der Nacht unsere Anwesenheit in Form von Lautstärke feststellen zu müssen. Ferner setzte man das Frühstück am nächsten Morgen für 8,00 Uhr fest und überließ uns dann die Zimmer sowie die Stadt zur freien Verfügung.

Wie schon in Lavoute-sur-Loire strömte man wieder aus. Die einen zum Abendessen, die anderen zur Stadtbesichtigung, wieder ein paar andere wollten sich von der Qualität des südfranzösischen Rotweins überzeugen. Schüler J. und Chronist D. konnten sich für keine Lösung alleine entscheiden, so einigte man sich, die mitgebrachten Lebensmittel während der Stadtbesichtigung mit anschließender Weinprobe zu vertilgen. Dabei traf man, wie erwartet, auf gleichgesinnte Schülerkollegen, die teilweise sogar schon vor uns geeignete Rotweinflaschen gefunden hatten. Da zufällig auch die beiden Lehrer und Heinz vorbeikamen, ergab sich schnell eine kleine gemütliche Runde. Lehrer P. hatte sich inzwischen schon einige französische Worte angeeignet - hauptsächlich Nahrungsmittel und Getränkesorten, die Schüler J., R. und D. waren vollauf damit beschäftigt, ihre gemeinsam bestellte Flasche Rotwein auch gleichmäßig auf ihre drei Gläser aufzuteilen. Im Stadium fortgeschrittener, aber ungefährlicher Heiterkeit beschloss man (Lehrer und die anwesenden Schüler) schließlich am nächsten Morgen eine Stunde eher zu frühstücken und dafür zusätzlich noch einen kleinen sehenswerten Ort zu inspizieren.

Um 23,00 Uhr kehrte man zum Hotel zurück, entgegen allen Erwartungen herrschte nichts als atemlose Geräuschlosigkeit. Auch gab es noch warmes Wasser, der Stecker des Föhns von Schüler J. würde, wie nun getestet, am nächsten Morgen in die Steckdose passen und die Betten - die sich zwar in der Mitte gefährlich zum Fußboden neigten und offensichtlich nach dem berühmten Sandwichverfahren mit zwei Betttüchern und zwei Wolldecken bezogen waren - erfreuten sich ebenfalls unserer vollen Zustimmung beziehungsweise unseres vollen Körpergewichts. Geheimnisvolle Kratz- und Rumpelgeräusche, die wir auf eine verirrte Ratte in der Zimmerwand zurückführten, entpuppten sich sehr schnell als Gehgeräusche unseres im Nebenzimmer gastierenden Schülerkollegen F.

Die Nacht war kurz, gegen 6,00 Uhr (!!!) zog ein pflichtbewusster, müder Lehrer durchs Haus und beendete durch vernehmbares Klopfen gegen die Zimmertüren die Träume bzw. Alpträume der jeweiligen Schüler und Schülerinnen. Um 7,00 Uhr traf man sich im Innenhof zum Frühstück, um 7,20 Uhr wurde der erste Tisch bedient, um 7,40 Uhr der letzte, um 8,00 Uhr fuhr man ab. Natürlich herrschte zu dieser nachtschlafenden Zeit noch lebhafte Passivität im Bus und man erreichte das kleine Örtchen Couvertoirade ohne nennenswerte Schwierigkeiten.

Während in anderen Städten und Dörfern schubkarrenweise Geld ausgegeben wurde (und wird), um die oft zitierte Werbetrommel zu strapazieren und Touristen anzulocken, leistete sich dieses kleine Dorf den Luxus, Eintrittsgelder zu nehmen. Abgesehen vom Pfarrer besaß die Kassiererin den einzigen Arbeitsplatz des kleinen Dorfes (im Winter 28 Einwohner), das noch von einer mittelalterlichen Stadtmauer mit zwei Toren umgeben ist. Wir spazierten kreuz und quer durch die Gassen zwischen den alten Häusern hindurch und fühlten uns wie im Mittelalter. Es bedarf keiner besonderen Erwähnung, dass die übrigen Besucher, die sich neben uns in dem Ort herum trieben, Deutsche waren, ein Team vom WDR aus Köln. ("Die Deutschen - das reiselustigste Volk") Als wir dann um 10,00 Uhr weiterfahren wollten, traten noch einige geringe Komplikationen in Person des Lehrers P. auf. Er hatte sich in der Einteilung der Zeit auf seine leicht antiquierte Taschenuhr verlassen - die nach eigenen Angaben pro Tag nur wenige Sekunden nachging - und traf erst mit drei Schülern und zehn Minuten Verspätung am Bus ein.

Bei dem nächsten Besichtigungspunkt des Tages handelte es sich um den Cirque de Navacelles. Auf der schmalen Straße dorthin fuhr übrigens auch auf den letzten Kilometern ein heller Mercedes hinter unserem Bus her, dessen Herkunftsort sich beim näheren Hinsehen als Köln entpuppte. Der Inhalt - ein älteres Ehepaar - wollte sich ebenfalls von der Einmaligkeit dieser tiefen Schluchten mit dem darin liegenden Umlaufberg (dem Cirque de Navacelles) überzeugen.

Wir schon an den Klippen der Tarnschluchten verteilten sich auch hier Schüler- und Lehrergemeinde plus Heinz entlang des Abgrundes, und wie gehabt wäre es auch hier in der Faszination untergegangen, wenn sich der eine oder andere kurzfristig in den Zustand der Schwerelosigkeit versetzt hätte, um anschließend die Härte des Gesteins 300 Meter tiefer zu prüfen. Ebenso war zu berücksichtigen, dass man nun schon 2 ½ Tage ständig zusammen war, und der Anblick eines eventuellen Kontrahenten vor sich am Abgrund unter Umständen zu -natürlich - ungewollten nervösen Ausschlägen nach vorne hätte führen können. Leicht zu verstehen deshalb, dass sich bestimmte Leute öfters durch einen Blick nach hinten Klarheit über das weitere Verhalten ihres Hintermannes oder der Hinterfrau verschafften. Wer nichts Besseres zu tun hatte, beschäftigte sich mit dem Mittagessen oder ließ sich von gut informierten Kollegen die Entstehung eines Umlaufberges erklären. Letzteres war aber kaum nötig, da die meisten im Zuge eines Geologie-Kurses im Erdkundeunterricht schon mehr oder weniger gute Erfahrungen mit Umlaufbergen gemacht hatten. Das Mittagessen vor diesem atemberaubenden Panorama zu sich zu nehmen, ist fast so schön wie ein Mittagessen vorm Fernsehapparat, wenn ein guter Naturfilm läuft.

Da wir nachmittags noch einen Termin in einer Höhle hatten und unsere Lehrer Angst bekamen nicht mehr rechtzeitig dort anzukommen, fuhren wir wieder verhältnismäßig früh weiter. Die Führung sollte um 15,30 Uhr losgehen, dank einer flüssigen Fahrt waren wir aber tatsächlich schon um 14,30 Uhr da. Auf dem großen Parkplatz vor der Höhle fühlten wir uns gleich wie zu Hause. Sei es wegen des Wagens aus Stuttgart, wegen des Wagens aus Berlin, wegen des Wagens aus Leverkusen oder gar wegen des Wagens aus Bergheim (kleine Auswahl aus dem reichhaltigen Programm). Aber was sollte man jetzt eine Stunde lang tun? Nun, man musste mit den Angestellten verhandeln und versuchen, die Führung etwas vorzuverlegen.

Und da es keine besser geeignete Personen zum Verhandeln gibt als Lehrer, man denke nur an die Stunden vor den Zeugniskonferenzen (wenn beim Würfeln wieder einmal nicht die richtigen Zahlen/Noten gefallen sind), besorgte Lehrer N. diese kleine Aufgabe. Der Lehrerwillen konnte sich durchsetzen (kleine Parallelen zur Notengebung sind erlaubt) die Führung wurde eine halbe Stunde vorverlegt.

Man zog sich bei 30 Grad Celsius im Schatten die Pullover an und verschwand dann in den 20 Grad kühleren Irrgängen des Höhlensystems. Also nicht nur die Wagen auf dem Parkplatz erinnerten an Deutschland, auch die Temperaturen in der Höhle ließen heimatliche Gefühle aufleben. Gut eine Stunde dauerte die Führung durch Stalaktiten und Stalagmiten, durch Orgeln, Altare, Madonnen und sonstige kirchlichen Requisiten, die die Einheimischen in den vielfältigen Formen der Tropfsteine zu erkennen glauben. Und die Einheimischen nehmen diese Ähnlichkeiten sehr ernst, jedes Jahr wird dort in der Grotte eine Weihnachtsmesse abgehalten. Plätze sind dabei jedoch rar, Interessierte sollten sich also schon einige Tage vorher dort einfinden. Beim Verlassen der Höhle hatte man das Gefühl, vom Kühlschrank in den Backofen zu wandern, trotzdem verlief dieser Klimawechsel ohne nennenswerte Folgeschäden, wie Geschmacksverirrung oder Übelkeit zu hinterlassen.

Wir fuhren weiter nach Narbonne und verließen damit das Zentralmassiv. Die Jugendherberge von Narbonne sollte für die nächsten fünf Tage der Standort sein, von dem wir unsere weiteren Exkursionen starten wollten. Konnte man von den beiden Hotels vorher sagen: Fassade pfui, Zimmer hui, musste man hier allerdings sagen: Fassade hui, Zimmer ¬ mehr oder weniger – pfui. Die Franzosen haben eine bemerkenswerte Fähigkeit zu diplomatischen Lösungen, alles hat dort eine positive und eine negative Seite. Stellvertretend für alle anderen Zimmer sei hier kurz die strategische Situation des Zimmers 6 kurz nach Ankunft geschildert: Nachdem sich die beim Bettenmachen entstandene riesige Staubwolke Marke "Sahara-Sandsturm" durch die kunstvoll geschnitzten Löcher in der Zimmertür und das geöffnete Fenster verflüchtigt hatte, konnte man seine Utensilien in die Holzspinde einsortieren, deren Türen ständig aufstanden, da jemand vorher die Schlösser abmontiert hatte.

Das rechte Fenster wiederum ließ sich nur schwer öffnen, weil zwar das Schloss noch dran war, aber die Klinke schon einmal den Besitzer gewechselt hatte. Des Weiteren waren die Stühle so schwer in ihrem Zusammenhalt geschwächt, dass man Gefahr lief, seekrank zu werden, wenn man sich darauf setzte. Zu erwähnen wäre auch noch, dass sich die an jedem Bett angebrachten Leselampen auch durch bestes Zureden nicht überreden ließen, aufzuleuchten. Die Lampen waren zwar in Ordnung, nur hatte man seinerzeit leider vergessen, sie auch an das Stromnetz anzuschließen. Da auf einem anderen Zimmer zwar Strom für die Leselampen vorhanden war, nicht aber die Glühbirnen selbst, konnte man im Anschluss an eine improvisierte Austauschaktion zumindest die Situation dieses Zimmers im richtigen Licht sehen. Um 19,00 Uhr gab es Abendessen, die Austeilung erfolgte nach dem bekannten Kantinenfließbandverfahren.

Den Abend verbrachte man - wie schon an den beiden Stationen zuvor - auf den Terrassen der ortsbekannten Lokale, ohne dass der Alkoholgenuss gefährlichere Ausmaße angenommen hätte. Dagegen nahm ein anderes Symptom in dieser Stadt nahezu chaotische Zustände an. Farbige Studenten, die sich ein kleines Taschengeld zuverdienen wollten, wanderten allabendlich mit einem reichhaltigen Lederwarenangebot kreuz und quer durch die Straßen der Stadt und versuchten ihre "Waren" an harmlose Touristen zu verkaufen. Wer dumm genug war, fiel auf die Redekunst dieser Händler herein und kaufte zu Wahnsinnspreisen ein Lederportemonnaie oder einen wunderschönen echten Elfenbeinring Made in Hongkong. Jeden Abend nun, wenn man irgendwo auf einer Terrasse saß, konnte man mindestens mit durchschnittlich fünf bis zehn solcher fliegenden Händler rechnen.

Unsere Lehrer faszinierte beziehungsweise nervte dies nun so sehr, dass sie einige Experimente wagten, um die lästig fallenden Händler ein für allemal loszuwerden. So versuchte Lehrer P. im Gegenzug eine alte Ausgabe des "Spiegel" an einen der Händler zu verkaufen, Lehrer N. ging sogar so weit, in die Gefilde des Menschenhandels vorzudringen, als er einem völlig verblüfften Lederwarenverkäufer Schülerin D. verkaufen wollte. Diese erwies sich aber nicht als lukratives Geschäft und auch mit Gläsern, Flaschen und Zuckerwürfeln, die der sich in einem Verhandlungsrausch steigernde Lehrer N. anbot, konnte der völlig entnervte Händler nichts anfangen und zog sich schließlich resignierend zurück. Um 23,00 Uhr war man wieder in der Jugendherberge, die Nacht war kurz und dunkel.

Am nächsten Vormittag das alte Spielchen, um 7,00 Uhr klopfte es an der Tür. In den zwei Waschräumen ging nun - wie jeden Morgen - der Hochbetrieb los. Den Putzfrauen bot sich dann anschließend jedesmal der Anblick eines wilden Chaos: Für den Fußboden hieß es Land unter, die mehrere Millimeter dicke Wasserschicht, vom Dreck der Schuhe leicht dunkelbraun gefärbt, erwies sich als hervorragendes Areal für Wasserskifreunde und Fußpilzfanatiker. Dies alles war eine Folge der völlig unpraktisch angebrachten Spülsteine, die offensichtlich von einem Zwerg installiert worden waren.

Des weiteren muss auch der Elektriker von einem Anflug geistiger Umnachtung befallen worden sein, als er die lichttechnischen Anlagen im Waschraum montierte, zum einen die nicht isolierte Lampe im zwei qm großen Duschraum, zum anderen die Intervallanlage, die dafür sorgte, dass vier Minuten nach dem Drücken des Lichtschalters an der Türe das Licht im Raum erlosch. Vor allem abends konnte diese Intervallschaltung sehr leicht die Nerven einzelner Waschraumbesucher strapazieren, man denke nur an jene Unglücklichen, die sich im Falle des Falles - (plötzlich einfallender Dunkelheit) - gerade an den fünf Meter vom Schalter entfernten Örtlichkeiten aufhielten und nun auf Treffsicherheit und Erinnerungsvermögen angewiesen waren.

Den Morgen verbrachten wir im Rahmen einer sogenannten Orientierung, wir befassten uns mit den Sehenswürdigkeiten der Stadt, nachmittags konnte dann jeder das tun, was er für richtig hielt (Bild oben: Kathedrale "Saint-Just"). Die meisten Schüler fuhren mit dem Linienbus zum Mittelmeerstrand Narbonnes, die Lehrer planten den nächsten Tag. Den Abend verbrachte man entweder wieder auf den Terrassen der Lokale, oder in der Jugendherberge, wo zwei Gitarrenvirtuosen sich und den Zuhörern beim Spielen viel Freude bereiteten. Dieser vierte Tag der Studienreise war ein Tag ohne besondere Vorkommnisse, was schon an der knappen Behandlung durch den Chronisten zu erkennen ist, der nächste Tag aber sollte in die Gedächtnisse der Studienfahrtteilnehmer eingehen, wie der Pfarrer in die Kirche.

Dabei ging es morgens noch so friedlich los, wir fuhren nach Enserune, um die dort auf einem Hügel gelegenen Überreste einer römischen Siedlung und eine in Europa einzigartige kreisförmige Ackerordnung zu bestaunen. Anschließend hörten wir eine Reihe verschiedener Protokolle und tilgten unsere allmittäglichen Hungergefühle.

Dann ging es zurück nach Narbonne, wo am Nachmittag eine Weinkellerbesichtigung auf dem Programm stand. Zu diesem Zwecke mussten wir von der Jugendherberge aus knapp 30 Minuten Fußweg zurücklegen, um die am Stadtrand liegende Kooperative zu erreichen. Auf den letzten 200 Metern brauchte man nur noch dem typischen Traubenduft zu folgen, der unüberriechbar in der Luft umherschwirrte. Bei der Besichtigung der Maschinen und Anlagen wurde der Geruch so stark, dass man fast schon vom bloßen Einatmen einen leichten alkoholischen Tatsch bekam. Tatsächlich wurde die Atmosphäre etwas lockerer, man wurde (noch) freundlicher zueinander. Die Besichtigung endete, wie man das von einem tüchtigen Unternehmer natürlich erwartet, im Verkaufsraum.

Das Angebot war verlockend, es gab Weine in allen möglichen Sorten von 5 F (ca. 10 DM) aufwärts für die 0,71 Flasche. Das konnte man sich natürlich nicht entgehen lassen, "für die lieben Eltern zu Hause" wurde kräftig zugepackt, in Tüten, Taschen und Kartons verpackt verließen viele dutzende Flaschen mit neuen Besitzern das Gebäude der Weinkooperative. Die "Weinprozession" bewegte sich wieder zurück Richtung Jugendherberge und dann auf die einzelnen Zimmer, die sich nun in Weinkeller im Kleinformat verwandelten. Dies war umso kurioser, wenn man bedenkt, dass jegliche alkoholische Getränke und andere Nahrungsmittel auf den Zimmern verboten waren. So mussten wir die Weinflaschen hinter den Nahrungsmitteln verstecken, die wiederum im Schrank verborgen waren. Nachdem nun jede Flasche ihren Schrank gefunden hatte (Doppeldeutigkeiten sind rein zufällig), konnte man sich ruhigen Gewissens zum Abendessen begeben.

Der weitere Abend verlief für die meisten Schüler sowie Lehrer und Heinz zunächst ganz normal, das heißt auf den Terrassen der Lokale. Gegen 23,00 Uhr war man wieder in die Jugendherberge zurückgekehrt, auf fünf Schülerzimmern begann das "normale" Leben, nur auf dem siebten und letzten Zimmer auf dem Gang lief, und das offensichtlich schon den ganzen Abend, eine kleine Fete. Die nächsten Stunden zeigten sich aus der Sicht des Chronisten folgendermaßen: Auf den Zimmern 5 und 6 herrschte normale Betriebsamkeit, beide Zimmertüren standen offen, man unterhielt sich über Gerüchte, nach denen auf Zimmer 1 mehrere Rotweinflaschen kreisten. Gegen 24,00 Uhr war die Besatzung von Zimmer 6 fast vollständig, Schüler P., F.J. und Chronist D. lagen in den Kojen, nur Schüler J. fehlte noch. Das Licht wurde gelöscht, von da ab beherrschte der Schlaf das Zimmer.

Dann ging alles schnell: Es war 2,00 Uhr, im Zimmer ging das Licht an und Schüler J. stand, flankiert von beiden Lehrern vor seinem Bett. Sein Gesichtsausdruck zeigte Symptome seelischer Abwesenheit aufgrund alkoholischer Einflüsse, kein Zweifel, diese Einflüsse waren die Weine von Zimmer 1. Im Rahmen der Studienfahrt hatte man dort die Auswirkungen des Weins auf den menschlichen Organismus studiert. Es ergab sich ein fürchterliches Saufgelage nach römischem Vorbild und die Wirkung war - wie jeder sehen konnte - im wahrsten Sinne des Wortes umwerfend. Schüler J. wurde von zwei Bewohnern des Zimmers 4 im Badezimmer liegend aufgelesen und aus Furcht vor Entdeckung durch die Lehrer, auf das nächstgelegene Zimmer, das Zimmer 5 transportiert. Schüler J. war sich seiner Lage "nicht bewusst", aufgrund der Dunkelheit im Zimmer und Dank des tiefen Schlafes der Zimmerbewohner wurde die überzählige Person zunächst auch nicht bemerkt. Doch ein bestimmter "Duft" der infolge einer heftigen, unkontrollierten Eruption des Schülers J. in die Nasen seiner Kollegen eindrang, leitete die entscheidende Wende ein. Obwohl dieser sich in einem kurzen hellen Moment strikt weigerte das Bett und das Zimmer zu verlassen, wurde J. von den völlig verdutzten Schülern des Zimmers 5 wieder in das Badezimmer eingewiesen.

Man alarmierte die Lehrer, kurz aus dem Delirium aufwachend säuselte J. auf dem Badezimmerboden sitzend noch dem pulsfühlenden Lehrer N. entgegen: "Steht's schon so schlimm um mich?" und sank dann wieder in den tiefen, unschuldigen Schlaf. Nach einer jetzt eintretenden Wasch- und Säuberungsaktion wurde er schließlich zur letzten Station seiner Gastspielreise gebracht, in sein/unser Zimmer 6. Schüler J. wurde nun vorsichtig eingebettet, ein nasses Hemd und eine nasse Gardine, gerade frisch gewaschen, wurden von einem Lehrer zum Trocknen ans Fenster gehängt. Beim Anblick eines Stapels Ersatzbettwäsche, die nun ebenfalls in weiser Voraussicht in unser Zimmer gelegt wurde, stabilisierten sich die Vermutungen der anwesenden Zimmerkollegen, die Chancen auf eine ruhige Nacht schienen gleich null. Lehrer N. warf noch einen Blick auf Schüler J. wünschte uns eine gute Nacht (Sadist!) und löschte das Licht.

Keiner im Zimmer sagte ein Wort - bei Schüler J. natürlich verständlich - aber die Gedanken waren die gleichen. Man betete, dass Schüler J's. Magen durchhielt und achtete des Weiteren auf eventuell aufkommende schärfere Gerüche. Zwei Minuten später ging aber plötzlich erneut das Licht an, Lehrer N. stampfte herein und fühlte Schüler J's. Puls (J. musste besonders gründlich studiert haben). Dann wünschte er uns noch einmal eine gute Nacht, machte das Licht aus und schloss die Türe. Drei Minuten später - wir waren gerade in einen leichten Schlummerzustand geraten - flog erneut die Türe auf, erneut stampfte Lehrer N. herein, erneut fühlte er Schüler J.'s Puls. Dann wünschte er uns wieder eine gute Nacht, legte uns nahe auf J. aufzupassen, löschte das Licht und schloss die Türe. In den nächsten Minuten warteten wir vergebens auf Lehrer N., es kehrte Ruhe ein auf unserem Zimmer.

Der nächste Morgen kam schnell, Schüler J. und ein paar andere Opfer der Fete hatten sich verhältnismäßig gut erholt. Die "angespannte Lage" hatte sich längst gelöst, man sah die Ereignisse mehr von der lockeren Seite. Schüler J. hatte sich bis zu diesem Zeitpunkt hervorragend als das bewährt, was man in Ferienkolonien einen Animateur nennt. Er sorgte nicht nur (mit) dafür, dass sämtliche erreichbaren Schüler und Lehrer der Studienfahrt zu tiefnächtlicher Stunde aktiviert wurden, nein, er sorgte auch dafür, dass an diesem und den nächsten Tagen der Gesprächsstoff nicht ausging. Schüler J. sei übrigens im nachhinein noch versichert, dass seine "Ausschweifung" an diesem Abend auch eine positive Folge hatte: Er konnte in den folgenden Monaten vor Kopfschmerzen, Wassersucht, Verdauungsstörungen und Ischias sicher sein, laut Hippokrates nämlich - dem Begründer der griechischen Heilkunde - kann man den Wein als geeignetes Mittel gegen diese üblen Krankheiten betrachten, doch wollen wir nun Schüler J. nicht weiter strapazieren.

Am Morgen des 6. Tages fuhren wir nach Sète, der bekannten großen südfranzösischen Hafenstadt. Das Faszinierendste an dieser Stadt war, kurz zusammengefasst, der wolkenbedeckte Himmel, der Dunst und der hübsche Verkehrsstau, der an diesem Morgen die Hauptverkehrsstraßen der gesamten Stadt erfasste. Der Fußgänger musste dort in Sète vor allem auf die Hunde bzw. deren Verdauungsendprodukte aufpassen, die die Bürgersteige - vor allem in der Altstadt - gleich dutzendweise bedeckten. Die Trefferquote war entsprechend hoch, vor allem auf dem Kirchvorplatz musste deshalb als Folge der häufig auf die Kirchturmspitze gerichteten Blicke mit unangenehmen Kontaktaufnahmen gerechnet werden.

Den Nachmittag verbrachten wir zunächst im Stau von Sète, dann in Pèzenas, dem Geburtsort Molières (Bild links). Nach altbekanntem Muster marschierten wir zunächst alle gemeinsam durch den Ort, verspeisten dann im Schatten des Busses und im Vorfeld eines Restaurants, das uns von der Jugendherberge mit auf den Weg gegebene Abendessen und konnten schließlich wieder auf eigene Initiative durch den Ort wandern. Es bedarf kaum einer Erwähnung, dass diese Initiative bei vielen gerade bis zum nächsten Restaurant, Supermarkt oder zur nächsten Kneipe reichte. Das Wetter hatte sich allerdings auch immer noch nicht gebessert, in diesem Sinne besaß der vorhin erwähnte "Schatten" des Busses auch nur symbolischen Wert. So fanden sich die meisten Leute auch schon vor der verabredeten Zeit wieder am Bus ein, wir konnten gemütlich und ohne Zeitdruck nach Narbonne zurückfahren. Den Abend verbrachte man wieder nach bewährter Methode, jedoch ohne größere Fete, das Vorabendspektakel hatte Spuren hinterlassen.

Der folgende Tag, der siebte der Reise, war im Fahrtprogramm als „unverplant" eingetragen, man durfte sich vom strapaziösen Programm erholen. Morgens konnten die allgemeinen Einkäufe für das Wochenende getätigt werden, nachmittags fuhr die gesamte Mann- und Frauenschaft an den sandigen Mittelmeerstrand Narbonnes. Dort kam es im Verlaufe des Nachmittags zu den üblichen Strandspielereien. Schüler U., zum Beispiel (Bild links), wurde unter etlichen Kilogramm guten südfranzösischen Strandsandes vergraben, Schülerin G.'s Rücken wurde mit einer für Kleinkinder sehr interessanten Mischung aus Sand und Sonnenöl belegt und Schüler R. betätigte sich als Transvestit, indem er sich in Schülerin G.'s Maxirock zur Schau stellte.

Zum Abendessen waren wir wieder pünktlich in der Jugendherberge. Schüler J.'s seelischer Zustand hatte sich inzwischen auch wieder so gut gebessert, dass er in der Lage war, die bei dem Abendessen übliche Rotweinflasche ohne Skrupel zu betrachten, ja, gar in Vermischung mit etwas Leitungswasser einige Tropfen des famosen Rotweins zu probieren. Bei einem Mischungsverhältnis von zehn Teilen Wasser zu einem Teil Rotwein erwiesen sich Gerüchte von einem dramatischen Rückfall des Schülers J. natürlich als falsch.

Den nächsten (8.) Tag konnte man unter die Überschrift "Tourismus" einordnen. Wir starteten eine Rundreise durch mehrere Mittelmeerorte mit touristischem Anhauch in dem mit Betonburgen verbauten und von Touristenströmen übersäten Cap d' Agde. Dort bieten sich alle erdenkbaren Vorteile für den verwöhnten Touristen. Vom wohnungseigenen Balkon bietet sich ein wunderschöner Ausblick auf die Hotels gegenüber und die riesigen Parkplätze nebenan. Sämtliche Wege und Straßen sind schuhabsatzschonend geteert, jeder Wohnblock besitzt einen eigenen Baum. Der Strand ist höchstens eine halbe Stunde vom Wohnort entfernt, dank der dünnen Wände in den Wohnungen kriegt man auch wirklich jeden Ehestreit des Nachbarn mit, man ist immer über die neuesten Geschehnisse informiert. Und sollte mal in der Hochsaison kein freier Platz mehr am Strand zu finden sein, nun, auf den ausgedehnten Parkplätzen wird schon noch ein freier Platz zwischen den parkenden Autos vorhanden sein.

Die größte Zeit unseres Aufenthaltes dort verbrachten wir damit, nach einem Hügel zu suchen, den Lehrer N. vor einigen Jahren als ideale Aussichtsplattform aufgestöbert hatte. Zwar lernten wir auf diese Weise mehrere Teile der Stadt kennen, doch der Hügel war bis zuletzt nicht aufzufinden. Nachdem wir am steinigen Sandstrand das Mittagessen zu uns genommen, das Fremdenverkehrsbüro überfallartig um einige Prospekte erleichtert und den Bus glücklich wiedergefunden hatten, fuhren wir weiter über Narbonne-Plage nach Gruissan, einer etwas kleineren Version von Cap d' Agde.

Das Positive an diesem Ort war allerdings der über 200 Meter breite Strand mit exzellentem Mittelmeerstrandsand. Nachdem wir unsere Studien beendet hatten, verbrachten wir dort den Nachmittag, um unter anderem eine im Programm angekündigte Meerwasseranalyse durchzuführen. Da dort jeder mit seinem Wagen auf den Strand bis direkt ans Wasser fahren durfte, fuhren auch wir mit unserem Bus bis auf 20 Meter ans Meer heran. Dann beschlagnahmten wir eine noch unbelegte Stelle zehn Meter vom Wasser entfernt, direkt neben einer großen Wasserpfütze, die sich dort gebildet hatte und ab und zu von einer Welle nachgefüllt wurde. Wie schon in Narbonne-Plage konzentrierten wir alle Taschen und sonstigen Utensilien auf eine Lagerstelle und begannen mit dem "normalen" Strandleben. Im Laufe des Nachmittags wurde der Wind nun stärker, die Pfütze bekam immer mehr Wasserzulauf, zugleich war sie im Begriff sich auszuweiten und unseren Lagerplatz zu überfluten.

Ein kleiner Ausläufer hatte sich schon bis auf einen Meter an die erste Tasche herangepirscht, als irgendjemand auf die Idee kam, mit Hilfe eines kleinen Sandwalls das Wasser vom Lagerplatz abzutrennen. Kaum war der erste laufende Meter fertiggestellt, zeigten sich auch die anderen Schüler und besonders die zwei Lehrer sehr angetan von dieser Idee. Sofort legten sie Hand und Fuß an und begannen ein weitgezogenes Dammsystem zu errichten. Natürlich wäre es einfacher gewesen, die eigenen Sachen um ein paar Meter zu verlegen, doch getreu dem Motto "Warum so einfach, wenn's auch komplizierter geht" stürzte man sich auf den Damm-Bau. Dabei wäre besonders der produktive und mit viel Liebe zum Detail ans Tageslicht gelegte Fleiß des Lehrers N. zu erwähnen, der zunächst im Wasser kniend einige Hände voll Sand jeweils auf eine Stelle schob und dann mit viel Enthusiasmus liebevoll und vorsichtig glättete und festklopfte. Auf diese Art und Weise stellte er selbst mehrere Dammsysteme fertig und leitete außerdem die gesamten "Baumaßnahmen". Lehrer P. übernahm sogleich die Organisation der Ausbesserungsarbeiten, in dem er prüfenden Blickes jeden fertiggestellten Meter des Dammes abmarschierte, von Zeit zu Zeit eine undichte Stelle fand und mit dem rechten Fuß elegant wie eine Grazie - bei der Figur ein interessanter Anblick - die mangelhafte Stelle mit etwas Sand auffüllte. Der Wasserspiegel stieg immer mehr, man arbeitete mit einer solchen Schnelligkeit, als ob es gelte, ganz Europa vor dem Absaufen zu retten.

Wie es dazu kam, ist bis heute ungeklärt, zunächst war Lehrer N. von vorbeigehenden Schülern mehrfach zufällig bespritzt worden und spritzte nun hemmungslos zurück, doch dann flog plötzlich eine Portion Matsch durch die Luft, im Handumdrehen entwickelte sich eine regelrechte Schlammschlacht und wie der Zufall so wollte, stand Lehrer N. mittendrin. Lehrer P. hatte sich vornehm zurückgezogen und konnte von einem sicheren Platz beobachten, wie Lehrer N. auf alles mit Matsch warf, was sich bewegte. Der Fairness wegen muss aber auch erwähnt werden, dass alles was sich bewegte seinerseits mit Matsch auf Lehrer N. warf.

Von Sekunde zu Sekunde nahm Lehrer N.'s Schlammpanzer zu, doch zeigte er sich nach Beendigung des Schlammabtauschs in solch jugendlicher Frische, dass unser Direktor überlegen sollte, ob er nicht in jedem Schuljahr für das Lehrerkollegium am Fühlinger See eine Schlammschlacht anordnen könnte, um Rings & Co für die Auseinandersetzungen mit den nervtötenden Schülern wieder aufzufrischen. Gleichzeitig könnten die verschiedenen Lehrer auch ihre Fachkenntnisse anwenden beziehungsweise erweitern. Dr. Reiche würde zum Beispiel für die künstlerische Gestaltung der Schlammschlacht sorgen, die Herren Aretz und Dorn untersuchten die sozialwissenschaftlichen Aspekte ("wer bewirft wen?" beziehungsweise "die progressiven Aggressionen des Lehrerkollegiums"), Herr Thelen könnte die Wahrscheinlichkeit berechnen, mit der bestimmte Lehrer getroffen würden, Herr Malangré schließlich würde die Flugbahn einer soeben beschleunigten Schlammmasse berechnen.

Bei uns am Strand aber kam es im folgenden wieder zu den beliebten Strandspielchen, Schülerin D. zum Beispiel wurde von Lehrer P. kaltblütig in voller Montur ins Meer geworfen, Personen, die sich gerade in der Brandung vom Schlamm befreit hatten, wurden am Strand kurzerhand wieder "eingematscht". Da während der Schlacht die Dämme sehr an Widerstandskraft verloren hatten, und das Wasser sich nun Richtung Bus bewegte, wurde die Heimfahrt dann verhältnismäßig schnell angetreten, an anderen Stellen war schon der ganze Strand überflutet.

Unter der Spalte "Bemerkenswertes am Abend" wäre noch die verständliche Hochkonjunktur in den Waschräumen mit anschließender Überflutung des Fußbodens und die vergeblichen Versuche der Schülerin H., die Mutter daheim in Deutschland telefonisch zu erreichen, notierenswert. Am anderen Ende der Leitung meldete sich nämlich nicht, wie erwartet, die Mama in Deutschland, sondern eine dafür aber umso begeisterter reagierende Mama in Italien, die offensichtlich eines ihrer zahlreich in der Weltgeschichte herumirrenden Kinder am anderen Ende der Leitung vermutete.

Nachdem am nächsten Morgen sämtliche Utensilien und übrig gebliebenen Rotweinflaschen gut in den Koffern verstaut waren, und wir die Betten unter erneuter Entstehung einer Staubwolke abgezogen hatten, fuhren wir weiter zur nächsten Etappe unserer Studienfahrt, nach Couiza.

Vorher machten wir allerdings kurz in Carcassonne (Bild links) und in Limoux Station. In Carcassonne wurden wir von einer etwa 70 Jahre alten rüstigen Dame - einer Stadtführerin "aus Spaß" – durch die Altstadt (die Cité) und das Schloss geführt, wobei es ihr immer wieder glänzend gelang, Lehrer P., der an diesem Morgen leicht müde wirkte, sozusagen "en passant" in die oft zitierte Pfanne zu hauen. Dieser hatte die Dame nämlich, als sie ihn zur Begrüßung aus seinem Schlummerschlaf wecken wollte, mit einer verrückten Touristin verwechselt und dementsprechend unwirsch reagiert, in dem er ignorierend den Mundwinkel verschob, leicht seufzte und wieder zum Schlummern ansetzte. Dieses höchst rüpelhafte Verhalten veranlasste die temperamentvolle, freundliche, alte Dame in der Folgezeit dem "netten Professor" ab und zu seine kleinen Schwächen zur Freude der anwesenden Schülerschar offen vor Augen zu führen. Nach der Stadtbesichtigung und anschließender Freizeit fuhren wir weiter nach Limoux. Dort stand wieder eine Kellereibesichtigung auf dem Programm, die, wie schon in Narbonne, natürlich im Verkaufsraum endete.

Anschließend ging es dann gleich weiter nach Couiza. Dort residierten wir in einem gerade neu renovierten und in ein Hotel umfunktionierten Schloss mit Ein-, Zwei- und Dreibettzimmern. Der Umbau war dem Besitzer hervorragend gelungen, vor allem die Zimmer der Mädchen und der beiden Lehrer, die sich in einem gesonderten Flur befanden, zeigten sich fast luxuriös ausgestattet und verfügten zum Teil über Dusche und WC. Nur die Zimmer der männlichen Schüler auf einem anderen Flur erinnerten nicht zuletzt wegen des dort wohl noch nicht vollständig abgeschlossenen Umbaus und der spärlichen Möblierung etwas an Gefängniszellen in Untersuchungshaftqualität. Aus diesem Grunde verfassten noch am Abend der Ankunft einige - männliche - Schüler eine Protestnote, in der man sich auf die Menschenrechte berief und Gleichberechtigung beziehungsweise Zimmertausch forderte. Das anschließende hervorragende Abendessen hob allerdings die Stimmung und schwächte das Durchhaltevermögen der unterdrückten Protestler.

Der Abend wurde noch lang, aber der durch das Klopfen des Lehrers N. eingeleitete neue Tag begann wie immer zu fast mitternächtlicher Stunde, um 7,00 Uhr. Vormittags stand ein Besuch der Höhle von Niaux mit Kunstwerken französischer Ureinwohner aus der prähistorischen Zeit auf dem Programm, mittags überfielen wir im Rahmen der Nahrungsmittelbesorgung für die Mittagessenversorgung gruppenmäßig eine örtliche Bäckerei und nachmittags fuhren wir wegen des schlechten Wetters nicht zu dem bekannten Katharerschloß Montségur, sondern zu dem bekannten unterirdischen Fluss von Labouiche.

Zu erwähnen wäre hier das merkwürdige Verhalten des Lehrers P., der in einem Anflug unbesorgten Unternehmungsgeistes, beziehungsweise beim Anblick des auf dem gleichen Parkplatz abgestellten, festlich geschmückten Kleinwagens eines sich in den Flitterwochen befindlichen Brautpaares, auf die Idee kam, hinten am Bus, gemäß eines bekannten Hochzeitsbrauches, ein paar Dosen zu befestigen. Nachdem ein Mülleimer um ein paar Blechdosen erleichtert worden war und ein Kletterrosenstrauch sich von selbst aufrecht in der Luft halten musste, weil der Draht, der ihn sonst an der Wand festhielt, nun an den Dosen und am Bus festhing, traten wir am Abend wieder die Rückfahrt nach Couiza an. Bevor nach etwa drei Kilometern der Draht durchbrach, sorgten allerdings noch ein beinahe in den Straßengraben gefahrener Motorradfahrer und ein hinter dem Bus herlaufender Hund für Heiterkeit in den hinteren Sitzreihen.

Am Abend feierte man dann eine große Abschiedsfete. Die Lehrer N. und P. hatten sich in einem Anfall größter Barmherzigkeit dazu entschlossen, für die abendliche Getränkeversorgung aufzukommen und zeigten auch bei ihren Aktivitäten auf der Tanzfläche ihre in den Schulräumen gänzlich unterdrückten John-Travolta-Fähigkeiten. Lehrer P. speziell steigerte sich so sehr in exotische Rhythmus-Bewegungen, dass er nach einiger Zeit totalster Disco-Hingabe gezwungen war, sein Hemd auf dem Zimmer zum Trocknen aufzuhängen. Die letzten "Überlebenden" zogen sich nach einem "lebhaft" verbrachten Abend gegen 5,00 Uhr auf ihre Zimmer zurück.

Der nächste und gleichzeitig letzte Tag dieser Studienfahrt in Frankreich verlief entsprechend ruhig und gelassen (Bild links: Lehrer P.). Nach dem später angesetzten Frühstück frequentierten wir wieder die ortsansässigen Lebensmittelläden oder/und durchwanderten noch einmal den Ort. Nach einem im Schloss introduzierten Mittagessen (wo Lehrer P. seine am Abend vorher verlorenen Pfunde sorgsam wieder aufarbeiten konnte) und der erfolgreich durchgeführten Kofferpackzeremonie, machten wir uns gegen 16,00 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit auf die Heimreise.

Die Nacht im Bus verlief in etwa genau so, wie die Nacht der Hinfahrt (interessierte Yoga-Buch-Autoren wenden sich bitte vertrauensvoll an den Chronisten D.), nur trat die Schlummerphase, beziehungsweise die schlummeranzeigende Ruhe nach der kurzen vorangegangenen Nacht schon gegen 22,00 Uhr ein. In Freiburg wurde wieder der Fahrerwechsel veranstaltet und gegen 12.45 Uhr erreichten wir die südlichen Ausläufer Kölns. Nach vollzogener Ehrenrunde über den Köln umgebenden Autobahnring, kamen wir nach einer Zwischenstation an der Neusser Straße um 13,45 Uhr an der Schule an. Von dort aus ging es dann mit dem Wagen oder der KVB nach Hause, wo man schon informationshungrig und sehnsüchtig erwartet wurde.