Einmal Irland und zurück - Ein Land nicht nur zum träumen, aber auch.


Lange schon hatte uns eine irische Freundin die aus Cork kommt vorgeschwärmt, wie schön und abwechslungsreich ihre Heimat sei. Heinrich Bölls " Irisches Tagebuch " tat ein Übriges unsere Reiselust zu wecken, neugierig auf eine Insel, über die es so viele Geschichten gibt. Freunde sagten uns, da regnet es immer. Tat und tut es in Kiel auch oft. Wir liessen uns vom Unken nicht abhalten und suchten eine Unterkunft im Westen der Insel. Ein altes Cottage sollte es sein. Wir fanden es über eine Anzeige in den Kieler Nachrichten, die die Besitzer, Deutsche die ihren Wohnsitz nach Irland verlegt hatten, dort veröffentlichten.

Es war Mai, das Wetter in Kiel kalt und regnerisch. Schlimmer konnte es in Irland auch nicht sein.

Der Shuttle-Bus brachte uns nach Hamburg zum Flugplatz. Gerne wären wir mit Air Lingus geflogen. Aber ab Hamburg flog nur Hapag Lloyd nach Shannon.

Eng war es in der voll besetzten Maschine. Knie fast am Bauch, Pappecher mit Kaffee in der Hand und ein pappiges Croissant als zweites Frühstück, gespendet von der Fluggesellschaft. So näherten wir uns unserem irischen Traum in zehntausend Metern Höhe.

Tief unten lagen die Reste des europäischen Festlands, dann Nordsee, ein Stück England, die irische See und da lag sie unter uns: die Insel Irland.

Weites grünes Land. Hier und da ein paar blaue Flecken. Kleine und größere Seen. In der Ferne eine Bergkette. Dann begann die Maschine langsam zu sinken und setzte sanft auf dem Flugplatz in Shannon auf, bevor sie auf die Gebäude des Flugplatzes zurollte. Eine Treppe wurde an die Luke gefahren und wir Passagiere bummelten langsam über das Flugfeld zur Empfangshalle.

Erster Eindruck. Es ging gelassen und ruhig zu. Keine Hektik, kein Geschrei, keine Lautsprecherdurchsagen. Wir kamen uns vor wie in einem modernen Bilderbuch.
In Deutschland hatten wir schon ein Auto über die Firma Hertz gebucht, die auch in Shannon eine Niederlassung hat." Kein Problem," sagte man uns an der Information. "Stellen Sie sich einfach draussen in die kleine Schlange der Wartenden, der Shuttle-Bus bringt sie dann dorthin". Tat er dann auch. Wir stiegen ein, als die Reihe an uns war. Der Bus fuhr um die Ecke und blieb stehen. Wir blieben sitzen, Sie sind da, sagte der Busfahrer. Schräg gegenüber stand das Schild der Hertz-Autovermietung. In fünf Minuten wären wir zu Fuss vom Flughafen dorthin gekommen. Wir haben es uns für die Rückfahrt gemerkt.

Und da stand nun der Wagen, der uns vier Wochen durch einen kleinen Teil Irlands fahren sollte. Ein kleiner neuer Nissan. Natürlich für uns Mitteleuropäer alles an der falschen Stelle. Man fährt ja wie in England links. Die Gangschaltung musste mit der linken Hand bedient werden. Der Rückspiegel, na und so weiter.......

Zum üben fuhren wir ein paar Runden um den Flugplatz. Ingrid sass ungewohnt auf der linken Seite und fürchtete schon, wir würden bei der engen Strasse im Graben landen. Es ging auch ohne Grabenfahrt.

Vorsichtig fuhren wir in Richtung Westen, bogen erst langsam in Kreisel ein und wurden dann mutiger. Die Iren waren flott unterwegs und bald hatten wir uns, dass heisst ich, der Fahrer, ans Linksfahren gewöhnt. Die Schaltrerei und die Rücksicht im links oben angebrachten Spiegel klappte auch. Irland, wir sind da.

Auf dem Weg zum Caragh Lake kauften wir noch das Notwendigste für die Selbstversorgung in einem kleinen Supermarkt ein. Auf dem Rückweg zum Parkplatz lief der Ladenbesitzer wild gestikulierend hinter uns her. Hatten wir etwas vergessen oder zu wenig bezahlt ? Nein, ihm war aufgefallen, dass wir zuviel bezahlt hatten. Er brachte uns das Geld. Das war unsere erste nähere Begegnung mit einem Iren. Es sollten noch viele folgen.

Über Killarney führten enge Strassen, gesäumt von hohen, blühenden Fuchsien, zum Caragh Lake, wo fast unmittelbar am Wasser, in einen grossen parkartigen Garten unser" Cottage " lag.
Ein paar hundert Jahre altes Gemäuer, liebevoll restauriert. Rustikale Einrichtung. Und vor dem Cottage ein riesiger Rhododendronbaum. Die Sonne schien. Es war, wie man uns sagte für irische Verhälnisse ungewöhnlich warm.

Der See hatte kleine windgekräuselte Wellen und über den Hügeln des gegenüber liegenden Ufers schickte die Sonne ihre letzten Abendstrahlen zu uns hinüber.

Die erste Nacht in einem neuen Quartier ist trotz langer Reiserfahrungen für mich immer noch gewöhnungsbedürftig. Ein paar Katzen miauten auf irisch ihren Liebesgesang. Kurt Tucholski schrieb zwar über die Katzen, die leise nach den Mäusen gehn. Anscheinend gab es rund ums Cottage keine Mäuse.

Vier Wochen hatten wir nun Zeit, ein kleinens Stück Irland zu erkunden. Ingrid verlor nie ihre Ängste, dass wir bei den engen Strassen doch mal in einem Graben landen würden. Wir sahen alte verlassene Ortschaften. Häuserruinen, in denen man auch Geister vermuten konnte, wenn man denn an sie glaubt. Wilde Bäche und kleine Flüsse, Forellen-und auch Lachsgewässer.

Abende in Pubs. Irische Folkmusik, gespielt von kleinen Bands. Am Tresen Bier holende Gäste. Und immer mal wieder ein gemurmeltes "sorry", wenn ein nicht mehr ganz nüchterner Gast einen anderen auch nicht mehr ganz nüchternen, am Glas nippenden Gast anstiess. Einmal in einem Pub auf einer kleinen Bank einige ältere Damen mit aufgeputzten Frisuren, deren Bier zuvorkommend von jüngeren Männern geholt wurde. Normalerweise holt man es sich selbst am Tresen und bezahlt es auch sofort.

Besuche in kleinen, bunten Städten. Killarney, Kenmare, Dingle und alles rings um den Ring of Kerry, wo steile, felsige Ufer ins Meer abfallen. Palmen standen in kleinen Parks. Der Golfstrom sorgt für mildes Klima. Hier und da ein Schloss was man besichtigen konnte. Zeichen von Reichtum hier und nicht weit entfernt davon alte, verfallene Hütten. Erinnerung an frühere Jahre. Wie bei uns .

Kleines Erlebnis in Kenmare. Ein Mann steht auf der Leiter und streicht sein Haus in knallroter Farbe an. Die helle ist doch noch gut meinte ich zu ihm aufschauend. Jetzt möchte ich es aber rot anstreichen sagte er. Glückliches Irland, wo man die Häuserfarbe seiner Seelenlage anpassen kann, ohne Genehmigung der Obrigkeit einholen zu müssen.

Fahrt in die Hügel. Fast schon richtige Berge. Vorbei an Torfmooren. Immer noch liegt abends über dem Land der leichte Geruch von Torffeuern. Ein schwer erarbeitetes, dennoch für heutige Verhältnisse preiswertes Feuermaterial.

Ladys View, ein Aussichtspunkt in den Hügeln. Weit schweift der Blick über Moore, kleine Seen und Wälder. Eigentlich eine Landschaft wo Kobolde leben müssten. Aber die soll es ja nur in Norwegen und Schweden geben. Wer weiss.

Am Weg im Tal eine Gaststätte " Klimbers Inn ". "Achtung" steht für Wanderer auf einem grossen Schild. "Gehen Sie nur mit gutem Schuhwerk in die Berge. Verlassen Sie nie die Wege, falls wir sie suchen müssen". Noch nicht jeder hatte damals ein Handy.

Dingle, eine lebhafte kleine Hafenstadt. Über vierzig Pubs soll es hier geben. Alle Fassaden schön bunt. Erinnerungen an ein Buch, das ein alter Fischer einem Jounalisten in die Feder diktierte. " Die Boote fahren nicht mehr aus". Geschichten über das harte Leben der Fischer, die auf einer vorgelagerten Insel lebten und die bei den zunehmend moderen Fangmethoden der Fischereiflotten ihre Lebensgrundlage verloren. Zurück blieb eine " tote Insel ".

Am Strand in der Dinglebucht lebhafter Betrieb. Ein Bad in anrollenden Wellen. "Was machen die Frauen nur für Verenkungen" fragte ich Ingrid. "Die ziehen ihr Badezeug" an sagte sie. Die prüde Erziehung führte dazu, dass sich Frauen und Mädchen ihrer Unterwäsche unter akrobatischen Bewegungen entledigten und die Badesachen auf gleichem Wege anzogen. In der Nähe eine Familie, der Mann schaute mit leicht gesenktem Kopf interessiert zu, wie Ingrid sich ihre Sachen abstreifte, das Badezeug anzog und in den Wellen verschwand. Als sie sich dann abtrocknete und wieder gesittet in Jeans und Pullover auf einem Stein sass schaute er immer mal zu uns hinüber und die Familie tuschelte. Oh Irland.

Wo immer ich bin besuche ich Kirchen und Friedhöfe. Letztere geben mir Auskunft über Vergangenheit und zum Teil auch über Gegenwart des Ortes. In Kirchen zünde ich immer eine Kerze für alle an, die noch unter uns sind und für die, welche uns schon verlassen haben. Menschen leben ja weiter, solange es noch andere gibt, die an sie denken. Schliesslich ist nicht jeder in der Lage, Werke zu hinterlassen, welche die Zeiten überdauern.

Es war in einer Kirche auf der Halbinsel Dingle, fast "gegenüber Amerika ", schliesslich sind es von dort nur noch ein paar tausend Kilometer bis Yew York. Ich suchte die Kerzen. Ganz in der Ferne glimmte ein kleines Licht. Es war ein elektrischer Kerzenständer. Warf man einen Münze in den Schlitz, konnte man auf ein Knöpfchen seiner Wahl drücken. Dann ging für eine bestimmte Zeit eine kleine elektrische Kerze an. Auch eine Methode, den Diebstahl von Kerzen zu verhindern.

In Dingle am Hafen eine alte Fähre. Blauweiss gestrichen. Auf den Seiten stand gross " God with us ". Musste er auch sein, so wie die Fähre aussah.

Vier wundervolle irische Wochen, bei fast ständig gutem Wetter, was selbst die Iren kaum verstehen konnten. Kurze Begegnungen mit liebenswerten Menschen. Biertrinkende Autofahrer, die von Geschwindigkeitsbegrenzung noch nie etwas gehört, geschweige denn gelesen hatten. Auch für sie und natürlich auch für uns galt das " God with us ".

Gemütliche Rückfahrt nach Shannon über Landstrassen, auf denen Kühe und Schafe Vorfahrt hatten. Über dem Flugplatz von Shannon übte eine Concord mit fürchterlichem Krach den Sink-und Landeanflug bevor sie wieder hochzog und in der Ferne verschwand. Der Wagen stand nun wieder bei Hertz. Er hatte uns sicher und ohne Probleme vier Wochen grabennah über die irischen Strassen gerollt. Eine letzte Nacht im nahen Hotel. Teekocher natürlich im Zimmer.

Am nächsten Morgen dann wieder ein Gang übers Rollfeld zur bereits wartenden Maschine.

Wieder die Knie am Kinn und mit Kaffee im Pappbecher und ein paar pappigen Broten in Zellophanpapier näherten wir uns Hamburg, wo wir im strömenden Regen bei echt " irischem Wetter " das wir in Irland nicht hatten, landeten.

Der Shuttle-Bus brachte uns zurück nach Kiel, wo wir mit unserer irischen Freundin manchmal noch über ihre Heimat plaudern und die neuesten Geschichten von Ihrer Famlie in Cork erfahren, wo der damals kleine Adam heute schon fast ein Mann ist und seine "kleine Schwester" Carol sich zu einem bildhübschen irischen Mädchen entwickelt hat. Was bleibt sind Erinnerungen an einen schönen Aufenthalt in einem Land wo mancherorts der Eindruck entstehen kann, die Zeit wäre ein wenig stehen geblieben.

 

Irische Impressionen 1996     ( Bild zum vergrößern anklicken )

 

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