Einmal Melker und Schweinehirt - Über meine Zeit auf Gut Moos bei Tettnang 1947/48.

 

Kurz nachdem ich diesen Beruf erlernte wusste ich, dass eine Kuh nicht dumm ist und ein Schwein noch lange nicht alles frisst. Im Frühjahr, 1947 lernte ich in Villingen im Schwarzwald, wo ich zeitweilig in einer französischen Kaserne als Pferdepfleger tätig war, einen Mann kennen, der Beziehungen zum Besitzer von Gut Moos bei Tettnang hatte. Er sagte mir, dass man auf dem Hof einen Helfer braucht. Mit einem kleinen Empfehlungsschreiben fuhr ich mit der bekannten “Schwäbischen Eisenbahn” nach Meckenbeuren.

Arbeit auf einem Hof bedeutete damals in der Nachkriegszeit Unterkunft und Essen. Von Meckenbeuren ging ich dann zu Fuß über Kratzerach, einem Gehöft, wo ich mich nach dem Weg erkundigte zum Gut Moos unterhalb von Tettang. Links und rechts am Weg standen auf den Feldern hohe Stangen mit grünen Pflanzen die sich um gespannte Drähte nach oben rankten. “Haben die grosse Bohnenstangen” war mein erster Gedanke, ich dachte aber nicht weiter darüber nach. Auf Gut Moos empfing mich der Besitzer, Herr Schreiber, mit forschendem Blick. Er hatte wohl einen kräftigeren und grösseren Helfer erwartet. Danach eine kurze Einweisung in die Gepflogenheiten. Er zeigte mir mein Zimmer neben der Gesindestube. Ich war angekommen in einer anderen , mir noch unbekannten Welt.

Kurzes Gespräch über die Entlohnung, wozu auch Unterkunft und Verpflegung gehörte. Dann wurde ich mit dem “Schweizer” , so nennt man die Männer, die für das Geschehen im Kuhstall verantwortlich sind, bekannt gemacht. Er brauchte mich als Helfer. Ein netter Mann, der diesen Beruf auch aus Not erlernt hatte, und wie ich später erfuhr, ihn auch nicht immer machen wollte. Er wohnte auf dem Hof mit seiner jungen Frau und einem kleinen Kind. Und dieser nette Mann hatte nun mich im Kuhstall. Einen Jungen von fast 19 Jahren, der zwar schon ausreichend Erfahrung als halbwüchsiger Soldat 1944/45 gesammelt hatte und aus der Gefangenschaft fliehen konnte. Aber Kühe, hatte ich bis dahin nur auf einer Weide gesehen.

Und im Stall standen 30 Kühe, einige hatten Kälber, die in einem angrenzenden kleinen Stall standen. Dazu kamen noch zwei Arbeitsochsen, Riesenkerle mit langen Hörnern. “Die sind lieb” sagte mir Herr Schwarz der “Schweizer”. Und dann stand in einer separaten Box noch ein Bulle, der den Stall und alles, was darin war, als sein Eigentum betrachtete. Als ich das erste mal den Stall betrat, schnaufte und trampelte er bedrohlich. Nur der Nasenring, mit dem er an einer Kette unter dem Futtertrog  befestigt war, hielt  ihn davon ab auszubrechen. Das war mein neuer Arbeitsplatz. Hier würde mir mein Kaufmannsgehilfenbrief, den ich 1946 nach Ablegen einer Prüfung erhielt ,nicht sehr hilfreich sein.

Meine ersten Aufgaben bestanden im Ausmisten der Ställe. Der Mist wurde mit der Schubkarre im Anlauf  über Bretter auf den Misthaufen gefahren. Ein paarmal fiel ich mit in den Mist. Dazu kam das Vorbereiten des Futters, das die Tiere während des Melkens frassen und ich musste für ausreichend Wasser zu sorgen. Kühe saufen sehr viel. Nachdem ich diese Arbeiten einige Zeit zur Zufriedenheit des “Meisters” erfüllt habe, brachte er mir das Melken bei. Kühe sind feinfühlig. Gewohnt an eine melkende Hand, spüren sie sofort den anderen Griff und sie halten einfach die Milch zurück. Also Schemel an die Seite der Kuh,den Schwanz der immer hin und her pendelte und nicht immer sauber war mit dem Kopf an die Kuh geklemmt und dann ging es los. Langsam kamen die ersten Spritzer in den Eimer. In meinem Übermut, es geschafft zu haben ,wurde ich ein wenig schneller. Und ehe der Schweizer mich warnen konnte, hatte die Kuh mit ihrem Hinterfuss den Eimer weggetreten. Die Milch floss ins Heu und mir war jämmerlich zu Mute. “Mach weiter”, sagte Herr Schwarz, “Du schaffst das schon”.

Nach ein paar Tagen konnte ich melken. Meine Finger waren durch die ungewohnte Anstrengung fast doppelt so dick wie sonst. Aber mit jedem Tag wurde es besser. Immer wieder schlug eine Kuh mir ihren Schwanz um die Ohren. Und dann bemerkte ich an der Stallwand einen Reifen mit einer Art Wäscheklammer. Das war die Lösung des Kuhschwanzproblems: Der Reifen wurde um den Hinterschenkel des Tieres gelegt, der Schwanz in die “Wäscheklammer”  gesteckt. So entging ich künftig dem Geschlenker der Kuhschwänze.

Dann lernte ich die Kälber von der Kuh zu entwöhnen. Lange konnten sie nicht die damals sehr wertvolle Milch des Muttertieres trinken. Ein bißchen reden schafft ja nicht nur zwischen Menschen Vertrauen, sondern auch zwischen Tier und Mensch. Schreien ist unnötig. Tiere können alles sehr gut hören. Die Kälber lernten das Saufen aus einem kleinen Holztrog, indem man ihnen den Mittelfinger ins kleine Maul steckte, was sie zum Saugen bewegte. Dann drückte man den kleinen Kopf langsam in den Trog mit der  Milch. Und so lernten sie praktisch damals am Mittelfinger einer Hand , alleine zu saufen. Die Milch, die am Abend gemolken wurde, stand über Nacht vor dem Stall in Kannen im kalten Wasser. Morgens hatte sich Rahm abgesetzt. Und bevor wir gegen 4 Uhr in der Frühe in den Stall gingen, nahmen wir erst einmal einen kräftigen Schluck.


Im Sommer führten wir die Tiere auf die Wiesen in die Obstgärten, die den Hof umgaben. Gemolken wurde dann am Abend wieder im Stall, wo die Kühe dann auch nachts blieben. Auf der Weide hätte man sie sonst in der damaligen so genannten “schlechten Zeit” gestohlen oder abgeschlachtet. Nach ein paar Monaten der Eingewöhnung übernahm ich dann im Winter noch die Betreuung der Schweine. Ein Melker hat ja frei, wenn seine eigentliche Arbeit erledigt ist. Aber der Schweizer war  auch zuständig für alles, was im und um den Stall geschah, so auch für die Nachzucht etc.etc., für die Gesundheit der Tiere und ihre Sauberkeit durch Bürsten und Striegeln. Letzteres belohnte der Bulle immer, indem er versuchte ,den Schweizer oder mich an die Wand seiner Box zu quetschen.

Ich hatte auch noch Zeit mich um die Schweine zu kümmern: Futterkartoffeln wurden in einer Trommel gewaschen, im Kessel gekocht und mit Molke und Kleie vermischt. Ganz selten kamen noch Essenreste dazu. Denn damals gab es kaum Reste. Das ganze wurde gut vermischt und abgekühlt in die Koben geschüttet. Während dieser ganzen Zeit grunzten und und quiekten die Schweine, als ob sie schon am Messer hingen. Natürlich wussten sie, dass es nun bald Futter gab. Aber ein geduldiges Schwein habe ich auf Gut Moos nicht erlebt.

Einmal wollte ich ins Kino, das damals in Tettnang im Saal einer Gaststätte stattfand (natürlich setzte ich mich dann immer seitlich,  stank ich doch nach Kuh und Schweinestall). Die Zeit drängte und ich  wollte das Futter schneller herrichten. Also Kartoffeln in den Trog, Molke und Kleie hinterher gekippt. Es folgte kein betretenes Schweigen der Schweine, nein Sie schrieen und hörten nicht auf. Zuerst wusste ich garnicht was los war. Als ich die Tröge dann aber ausräumte und das Futter auf gewohnte Art zubereitet hatte, hörte der Protest auf. Schweine fressen eben nicht alles. Der Kinobesuch fand nicht mehr statt.

Alle Beschäftigten, die auf dem Hof lebten, assen gemeinsam in der Gesindestube. Ich erinnere mich an Abende, wo eine grosse Eisenpfanne mit Bratkartoffeln auf den Tisch gestellt wurde und jeder mit einem Löffel so viel ass wie er mochte. Dazu gab es Most, einen vergorenen Apfelsaft, von dem man nicht nur betrunken werden kann, sondern bei überreichem Genuss auch einen ordentlichen Durchfall bekommt. So erging es mir, als ich im Gut Moos ankam. Ich hatte Durst und man gab mir einen grossen Krug voll Most. Mit meinen gierigen Schlucken erregte ich Heiterkeit. Und als ich dann noch die Frage nach den hohen Bohnenstangen stellte, bogen sich die Leute vor Lachen. Es waren keine Bohnen, sondern Hopfen, der in dieser Gegend angebaut wird. Aber den hatte ich vorher noch nie gesehen, sondern nur gehört, dass man ihn zum Bierbrauen benötigt.

In der Zeit meines Aufenthalt’s heiratete Herr Schreiber die schöne Tochter des Hopfenbauern aus Kratzerach, wo ich mich nach dem Weg erkundigte. Mit ihrem Einzug ins Haus bekam das ganze Hauswesen eine neue, bessere Ordnung. Ich glaube, sogar das Essen wurde abwechslungsreicher. Manchmal hatte ich das Vergnügen bei ihr in der Küche den Brotteig in einem  grossen hölzernen Trog zu kneten. Brot wurde immer für zwei Wochen gebacken. Grosse, runde wohlschmeckende Laibe.

Und dann wuchs auf dem Hof das hübsche Mädchen des Pferdepflegers heran der mit seiner Familie oben im Haus wohnte und ich unten in der Gesindekammer. Ein kleines Zimmer, sauber und ordentlich, mit einer Einrichtung die zum schlafen ausreicht.

Der Aufenthaltsraum war die Gesindestube. An manchen Abenden spielte ich auf einer Zither, deren Seiten man auch durch Knöpfe anschlagen konnte. Zuhause hatte ich  Klavierunterricht gehabt. Insofern war es für mich kein grosses Problem ein paar Melodien auf dem Instrument zu spielen. Das machte Eindruck. Irgendwie war es dem Vater des Mädchens nicht Recht, dass sie nun ein oder vielleicht auch zwei Augen auf  mich warf. Als Helfer im Stall und Schweinehirt stand ich natürlich in seinen Augen weit unter ihm. Und mit so einem sollte seine Tochter kein Techtelmechtel beginnen. Dafür war sie auch viel zu jung. Also sprach er mit dem Gutsherrn, der mir dann nahe legte, mir eine andere Stelle in der Gegend zu suchen.

Nach ein paar Tagen bot sich mir die Gelegenheit, auf einem anderen Hof die Position des ersten Helfers zu bekommen. Nun war dort der zweite Helfer für die Schweine zuständig und ich nur noch im Kuhstall tätig. Die sanft knospende Liebe zur Pferdepflegerstochter starb dahin. Eine etwas ältere Tanzbodenbekanntschaft ersetzte den Kummer. Von ihr erhielt ich meine ersten “ Unterweisungen in Sachen Liebe”. Und heute, nach zweiundsechzig Jahren ,erinnere ich mich nicht einmal daran, wie die Schönen hiessen, obwohl sie doch für kurze Zeit in meinem Leben eine Rolle spielten, an die ich mich gerne erinnere.

In Tettnang blieb ich bis zur Währungsreform 1948. Dann wollte ich zurück in meine Heimat nach Krefeld. Damals gab es ja noch die Zonengrenzen, die man nicht ohne Passierschein verlassen konnte. Ich fuhr also zurück nach Villingen. Von dort fuhren die Züge in alle Richtungen. Und in Villingen beginnt dann eine andere Geschichte, die mich über viele Jahre in andere Länder führte. Aber davon ein anderes Mal, an anderer Stelle. Die Erfahrungen die ich als Melker und Schweinehirt machte, waren mir viele Jahre später, bei einer ganz anderen Tätigkeit sehr nützlich.
Und Heute hatte ich die Idee mich zu erkundigen, ob zweiundsechzig Jahre nach meinem Aufenthalt auf Gut Moos noch jemand von der Familie Schreiber lebt. Ein paar Recherchen im Internet zeigten mir, dass sich jetzt auf dem Gelände ein Reiterhof befindet. Also ein kurzes Telefonat unter der angegebenen Nummer. Es meldete sich eine Dame, die diese Nummer übernommen hatte. Ich erklärte ihr mein Anliegen. Ich war an der richtigen Adresse. Kurz erzählte ich ihr meine kleine Geschichte. Dann sagte sie, dass Frau Schreiber, ja, genau die , deren Hochzeit mit dem Gutsbesitzer ich damals erlebte, noch in der Villa auf dem Gut wohnt. Wieder eine kurze Recherche im Internet und ich fand ihre Telefonnummer. Ich rief sie an. Nach meiner kurzen Vorstellung kamen wir ins Plaudern. Ein Blick zurück, in eine längst vergangene Zeit, die, so fanden wir, uns in noch sehr guter Erinnerung ist. Sicher werden wir den Kontakt halten. Frau Schreiber war mit mir letztendlich der Meinung, dass Kühe nicht dumm sind und Schweine nicht alles fressen, was man ihnen vorsetzt. Vielleicht sollten wir Menschen auch andere nicht für dumm halten und selbst geistig nicht alles  “essen”  was man uns vorsetzt.

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