ERINNERUNGEN

ERINNERUNGEN

von Karin Schöniger
Anfang der 60er Jahre, als die gemischten Klassen sich in unseren Schulen durchgesetzt hatten, gab es in unser modern ausgestatteten Mittelschule doch noch eine Besonderheit:
Kochen für Mädchen - Werken für Jungen. (Ob es auch umgekehrt möglich gewesen wäre, weiß ich nicht, vielleicht hat sich auch niemand getraut...)
Wir hatten eine gut ausgestattete Schulküche, jeweils 4 Mädchen bildeten eine Kochgruppe.
Die Lehrerin war gleichzeitig auch unsere Handarbeitslehrerin, doch Handarbeiten standen damals nicht hoch im Kurs. In der Zeit des Wirtschaftswunders glaubte keine von uns Mädchen, dass sie zukünftig Kopfkissen nähen, Topflappen häkeln oder womöglich weben müsste. Wir alberten also nur herum und versuchten dann zuhause unsere Mütter zur heimlichen Fertigstellung unserer "Kunstwerke" zu bewegen.
Auf den Kochunterricht freuten wir uns zunächst. Wir hofften nämlich, dass wir hier lernen könnten, wie man italienische Spaghettisoßen kocht, Toast Hawaii zubereitet oder das leckerste Eis selbst herstellt. Leider war es damit erstmal nichts. Zunächst hatten wir nämlich den Grundkurs: Suppen, Mehlschwitzen, Kartoffelgerichte, Pudding und Rührkuchen.
Mein Vater, der ein großer Anhänger von Hausmannskost war, erhoffte sich vom Kochunterricht nun auch eine Bereicherung seines Speiseplans. Ich sollte zeigen, was ich gelernt hatte. So bekam ich immer öfter die Aufgabe, für uns vier Personen Aufläufe, Gemüseeintöpfe, Gulasch oder Falscher Hase zu kochen. Als Nachtisch wurde Pudding oder Kompott verlangt, im besten Fall: Birne im Schlafrock. Ehe ich mich versah, hatte ich außer dem Grundkurs in der Schule nun auch noch die Kochproben zuhause am Hals.
So hatte ich mir das ja nicht gedacht und überlegte: Würde ich vom Kochen zuhause suspendiert werden, wenn ich als Zensur "knapp ausreichend" hätte ? Aber eine Vier hatte ich ja schon in Handarbeit, noch eine wollte ich mir dann doch nicht leisten. Also wo war die Lösung - Handarbeit oder Kochen? Schließlich entschied ich mich gegen die Handarbeit. Ich würde mich "gut" verheiraten, da käme dann eine Nähfrau in Betracht. Meine Großmutter hatte auch eine, eine freundliche Witwe, die ins Haus kam.
Ob ich mir eine Köchin leisten könnte, war nicht so sicher, also entschied ich mich dafür, vorsichtshalber doch kochen zu lernen.

Was ich damals nicht ahnte: Später habe ich viel Freude am Kochen bekommen und mache es bis heute gern. Für Spaghettisaucen habe ich keinen Kochkurs mehr gebraucht, aber sehr vieles aus dem damals so ungeliebten Grundkurs erwies sich als nötig und sinnvoll.
Mit dem Nähen allerdings habe ich bis heute nichts am Hut, ich bringe wirklich alles in die Nähstube. Meine Nähfrau wundert sich inzwischen auch nicht mehr, wenn sie lediglich eine kleine Naht in Auftrag bekommt.
Nur Knöpfe annähen schaffe ich selbst - noch...