Familie Johannsen und der Flensburger Rum

Ein Stück Karibik an der Förde.                            Von Philip Stahl
Als Rumstadt war Flensburg einst weit über die norddeutschen Grenzen hinaus bekannt und stellte damit unter Beweis, dass die Produktion des sprichwörtlichen Seefahrergetränks nicht ausschließlich in der Karibik angesiedelt ist. Mit Sohn Martin setzt die Familie Johannsen diese Tradition bereits in der vierten Generation fort. Er betreibt das inzwischen letzte produzierende Rumhaus in der Fördestadt.
 

Altes Fass, leckerer Inhalt. 

 

Die Geschichte reicht zurück bis ins 18. Jahrhundert. Flensburg gehörte damals zum dänischen Königreich und war Sitz der Westindienflotte. Seinerzeit begann ein reger Handel mit den ebenfalls zu Dänemark gehörenden Westindischen Inseln St. Croix, St. Thomas und St. John. Von dort brachten Seefahrer den sogenannten „Pure Rum" mit, der einen Alkoholgehalt von 70 bis 80 Prozent hat und im Originalzustand kaum trinkbar ist.


Gemeinsam mit den karibischen Rumfabrikanten entwickelten und verfeinerten Flensburger Schnapsbrenner seitdem die hohe Kunst des Rumverschnitts. Sie stellten aus dem Roh-Rum eine einzigartige Spezialität her. Dieser „Flensburger Rum" machte die Stadt berühmt und rief einen echten Rum-Boom hervor.


Auslöser für die Entwicklung von Rumverschnitt war die Änderung der damaligen Zollbestimmungen von Wertzoll auf Gewichtszoll. Dadurch wurde es unerschwinglich, große Mengen trinkfertigen Rum einzuführen. Deutlich günstiger war es, den hochkonzentrierten Roh-Rum aus der Karibik zu importieren. Erst in Flensburg wurde durch die Zugabe des besonders weichen Flensburger Wassers und aufgrund einer raffinierten Rezeptur - dem sogenannten Verschneiden - aus „Pure Rum" der „Flensburger Rum".


In den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts wurde die Bezeichnung „Verschnitt" für den Flensburger Rum und alle auf diese Weise produzierten Getränke verpflichtend eingeführt. Da es auf den ersten Blick nicht nach guter Qualität klingt, fristet der Rumverschnitt bis heute als hochwertige Spirituose für Genießer gegenüber Whisky und Cognac eher ein Schattendasein.
Rum ist nicht gleich Rum
So sieht es jedenfalls Martin Johannsen, der jedoch sehr gute Argumente parat hat, um die landläufige Meinung zu widerlegen: „Original Flensburger Rumverschnitt wird aus dem sogenannten ,German Flavoured Rum‘ aus Jamaika, einem sehr gehaltvollen 70- bis 80-prozentigen ,Pure Rum‘, Wasser und Agrar-Alkohol hergestellt. Dieser ,Pure Rum‘ ist ein hocharomatisches Konzentrat - sozusagen der Geschmackstresor für die einzigartigen Rumaromen. Der ,German Flavoured Rum‘ wurde im 19. Jahrhundert speziell für die Herstellung von edlem deutschen Rumverschnitt entwickelt. Dabei kommt das ,Pot Still‘-Verfahren zum Einsatz, eine traditionelle Methode, die in der Whiskybrennerei eingesetzt wird. Auch ,Original Rum‘ kann im Herkunftsland aus hochwertigen und einfachen Rumsorten gemischt werden, was dem deutschen Verschnitt sehr ähnlich ist. Nur weiß das hier kaum jemand. So gesehen ist der Unterschied zwischen ,Original Rum‘ und ,Rumverschnitt‘ nicht so groß, wie viele meinen."
Der heute immer noch nach traditioneller Methode hergestellte Rum ist also durchaus eine Spezialität, die mehr Beachtung verdient, als der Name „Verschnitt" vermuten lässt.


Letztlich kommt es auch nicht auf den Namen an, sondern auf die verwendeten Zutaten und die Rezeptur. Martin Johannsen vergleicht diese Kunst, ein ausgewogenes Aroma zu kreieren, mit der Herstellung von Parfums oder einer Cuvée hochwertiger Weinsorten.


So traditionell wie die Herstellung an sich ist auch die Lagerung des Rums, die bei A. H. Johannsen ausschließlich in Holzfässern erfolgt. Dadurch kann sich das Aroma besser entwickeln, als dies in modernen Behältnissen der Fall ist.

 

 

Rum-Vielfalt aus Norddeutschland. 
Da war es nur noch eins ...
Über die ursprüngliche Anzahl an Rumhäusern in Flensburg kursieren unterschiedliche Informationen. Sicher ist, dass es 1965 noch 27 waren. Heute ist von ihnen nur ein produzierendes Unternehmen übrig geblieben: die Firma A. H. Johannsen, die heute noch in der historischen Marienburg nach althergebrachten Verfahren und Rezepten Rum herstellt.


Besucher können dort, in der Marienstraße 6, unweit des Nordermarktes, die Produktion Flensburger Rumverschnitts in Führungen erleben und mindestens acht verschiedene Sorten des karibischen Goldes probieren. Zu den weiteren Spezialitäten des Rumhauses A. H. Johannsen gehören der Vanille-Rum, der sich hervorragend als Zutat zum Backen eignet, sowie verschiedene Liköre.


Erhältlich ist all dies natürlich direkt in der Rum-Hökerei, aber auch in der gehobenen Gastronomie und im ausgewählten Einzelhandel. Tradition hin oder her: Natürlich gibt es seit Neuestem auch einen Online-Shop, in dem man die Produkte bestellen und sich bequem nach Hause liefern lassen kann.
Noch mehr Rum-Geschichte gibt es in der Rum-Abteilung des Schifffahrtsmuseums in Flensburg oder bei einem Spaziergang auf der neuen „Rum & Zucker Meile".

 

Das Tor zum Firmengelände.

 

 

 

 

Der Zweite ist der Erste
Überdies steht der Rum jedes Jahr am Himmelfahrtswochenende auf eine besondere Weise im Mittelpunkt, wenn die jährliche Rumregatta in Flensburg stattfindet.
Ziel dieser inzwischen größten Gaffelsegler-Regatta Nordeuropas ist kurioserweise der zweite Platz. Daher wird der erste Platz nur mit einem symbolischen und meist eher wertlosen Preis prämiert. Der begehrte Preis für den zweiten Platz - eine 3-Liter-Flasche Rum - wird natürlich gestiftet von der Firma A. H. Johannsen. Auf diese Weise wird nicht nur die Tradition des Rums und der Familie Johannsen bewahrt, sondern auch die der Seefahrerstadt Flensburg.

 

 

 

Alle Veröffentlichungen aus Magazin Wind und Wasser Kiel www.wind-und-wasser.eu mit Genehmigung des Kiel-Verlag,

 

Kreißler GbR. Kiel