Fantasie und Wirklichkeit

Den Satz, es war einmal, mit dem die meisten Märchen/Fantasien beginnen, mag ich nicht denken. War einmal ist ja ein endgültiger, nicht wieder herstellbarer Begriff. In welcher Form auch immer. Meine Gedanken schweben sozusagen um ein Wirklichkeitsmärchen, eine Sache, in der Wunsch und Wirklichkeit eng miteinander verwoben sind. Und letztendlich ist es doch immer die Wirklichkeit, die uns einholt.

Begonnen hat es in einem Geschäft, wo ich für Bekannte Lakritze erstand, beraten von einer Frau, deren Art mich zu beraten, aber auch deren Erscheinung mir gefiel. Viel später, als sie rauchend - was sie heute nicht mehr tut - auf ihrem Balkon saß, und ich neben ihr stehend einen halben Becher Kaffee trank, fiel mir ein kleiner von ihr mit hunderten bunter Steine ausgelegter Tisch auf, den sie gebastelt hatte. Jetzt beim Schreiben dieser Zeilen muss ich an diesen kleinen Tisch denken, weil ich den Eindruck hatte, dass ihr Wesen möglicherweise so fassettenreich sein könnte, wie der kleine Tisch auf ihrem Balkon an bunten Steinen. Bunt und ein wenig unkalkulierbar. Und so ist es auch.

Nach meinem kleinen Lakritz-Einkauf dachte ich, dass es nett wäre, die freundliche Verkäuferin wieder zu sehen. Statt bei ihr Lakritze zu kaufen, brachte ich mal eine kleine Blume, mal etwas Naschzeug, was es in dem Geschäft nicht gab, vorbei. Einfach, weil ich sie wiedersehen wollte.

Natürlich denke ich einem Menschen nicht zu nahe zu treten, dessen ganz persönlicher Hintergrund mir unbekannt ist. Schließlich leben die meisten Menschen ja in mehr oder weniger festen Bindungen. Oder in Bindungen, in denen fast nur noch Gewohnheiten eine Rolle spielen, was letztendlich zum Absterben von Gefühlen führt und Platz für Neue schafft. Das kann durchaus einseitig sein. Ändert aber nichts an den Fakten.

Mein Visitenkärtchen hatte sie. Mal kam eine kleine, nette Postkarte mit einem liebenswürdigen Gruß. Irgendwann entwickelte sich ein ebenfalls netter, immer noch kleiner Schriftwechsel. Aber als Absender war da immer der Lakritzladen. Nun kann man ja seine Tage und Nächte nicht nur mit Gummibärchen und so schwarzem Zeugs verbringen. Liege oder Hängematte habe ich dort auch nicht vermutet. So fragte ich dann nach ihrer Adresse, mitsamt Telefonnummer. Beides bekam ich und dazu eine Einladung, einmal auf einen Kaffee reinzuschauen. Das war der schon erwähnte Kaffee auf dem Balkon. Natürlich nachdem ich mich telefonisch anmelden würde. Das versuchte ich und erreichte zunächst den Anrufbeantworter, der mir sagte, man würde gegebenenfalls zurückrufen. Mal sehen sagte ich mir, ob ich zu der Kategorie „Gegebenenfalls“ gehöre. Tat ich dann wohl.

Nicht nur Einiges ging mir durch den Kopf, sondern eine ganze Menge. Was machst du da fragte ich mich? Eine junge Frau und du in etwas sehr fortgeschrittenen Jahren. Zwar in bester Verfassung, aber immerhin trennen uns ein "paar Jahre". Das bedeutet aber auch Jahre anderer Erfahrungen und Erlebnisse. Ihre Wohnung war zunächst für mich wie ein fremder Kontinent. Ganz im Gegensatz zur der, in welcher ich lebe. Mit leichter Verwunderung nahm ich ihr buntes, nach außen durchaus heiter erscheinendes Umfeld zur Kenntnis, ahnend, dass hinter aller Buntheit sich auch graue Töne verbergen. Aber jeder schafft sich das Umfeld, in dem er sich wohl  fühlt. Das zu akzeptieren war für mich immer eine Selbstverständlichkeit.

Beim ersten Gespräch, bei dem noch eine ihrer Freundinnen anwesend war, (früher nannte man das Anstandswauwau) erkannten wir ein paar Gemeinsamkeiten, die zumindest bei mir und so wie es sich abzeichnete auch bei ihr eine Fortsetzung der Bekanntschaft nicht ausschloss.

Beim zweiten Becher Kaffee an einem anderen Tag zeigte sie mir ihren Computer. Er war schon etwas betagt. Nun dachte ich, dass es doch nett wäre, wenn wir ab und an mal eine E-Mail austauschen würden. Nur mit dem vorhandenen Apparat gab es Schwierigkeiten. Vorsichtig machte ich das Angebot ihr mit anderen Geräten und den damit verbundenen Möglichkeiten Wege der Kommunikation zu eröffnen, durch den nicht nur ich (egoistisch), sondern sicher auch der Kontakt zu ihren Bekannten einfacher, unkomplizierter und sicher auch umfangreicher würde. Ich glaubte sicher aus unseren wenigen Gesprächen erkannt zu haben, dass eine Kommunikation mit ihr nett sein könnte. Und so war es auch. Nach einem wenig hin und her stimmte sie meinem Vorschlag zu. Heute stehen bei ihr ein paar Geräte mit denen sie schnell gelernt hat um zu gehen. Es ist ein Vergnügen ihre Zeilen zu lesen, die, wie unsere Korrespondenz zeigt, nur manchmal und in einigen Fällen zunächst zu nicht immer erklärbaren Missverständnissen führte und führt, deren Ursachen sich mir nur langsam erschlossen. Da es nicht meine Absicht war, tiefer in das Leben eines mir nicht wirklich bekannten und erkennbaren Menschen/Frau einzudringen, war ich auf Vermutungen angewiesen. Vermutungen sind wie Spekulationen. Ein wenig Wirklichkeit (siehe Überschrift) ein bisschen Wahrscheinlichkeit. Aber eigentlich tappt man im Dunkeln. Und da stößt man schon einmal an.

Ich sprach ja schon von der unterschiedlichen Lebenszeit. Mein Leben war in weiten Bereichen geprägt von Verantwortung. Verantwortung, welche ich nicht nur mir selbst gegenüber habe. Hauptsächlich aber von der Verantwortung für andere mit denen ich früher und heute, beruflich und privat in Berührung komme, oder mit denen mich mehr als nur eine lockere Beziehung verbindet.

Aber was verbindet Menschen? Sind es kurze Erscheinungen, hervorgerufen durch plötzliche Anziehung, die nach Besserem sich kennen lernen zu einer im wahrsten Sinne des Wortes "Entbindung" einer Beziehung führen, ohne sich böse zu sein. Rein aus der Erkenntnis, dass es nett war, aber nicht auf Dauer tragfähig ist.

Auf Dauer störend für eine Beziehung (ich benutze der Einfachheit halber dieses Wort für die Bindung zweier Menschen) ist die Hinnahme von Gewohnten beim einen oder anderen, welche Harmonievernichtend sind. Andererseits hat ja nun in einem bestimmten Alter jeder eine Lebensform für sich gewählt, in der und mit der er sich wohl fühlt. Das ist sicher gut so und ist mit einer der Gründe für die große Anzahl von Single Existenzen, wo Annäherung erwünscht, aber bitte ohne die Eigenständigkeit aufzugeben. Wenn zwei Menschen sich zu dieser Lebensform entscheiden und sie gegenseitig akzeptieren, kann daraus durchaus eine intakte Beziehung entstehen. Sollte aber der eine oder andere doch den Wunsch nach mehr Nähe haben, kommt es oft zur Entzweiung, wenn nicht Beide diesen Wunsch nach mehr Nähe verspüren. Also wieder zur Vereinzelung.

Dann wäre da noch die Toleranzspanne, welche eine Akzeptanz der beiderseits lieb gewonnenen Gewohnheiten ermöglichen sollte oder könnte. Das kann, muss aber nicht so sein. Auch das äußere Umfeld spielt eine Rolle. Leben, dunkel oder hell, kann spannend und eine schöne Abwechslung sein. Musik mal so, oder so ebenfalls. Aber was ist Nähe? Ich denke, dass der Wunsch nach Nähe also auch zusammen zu leben, unter anderem stärker wird, wenn man viele Gemeinsamkeiten von morgens bis abends miteinander teilen kann. Das fängt beim gemeinsamen Frühstück an und endet, wenn der Tag zur Neige, und man selbst zur Ruhe geht. Zusammenleben bedeutet aber nicht, dass nicht jeder auch Dinge alleine macht. Wichtig dabei erscheint mir, dass keiner sich vernachlässigt fühlt.

Unbedingte Nähe zu einem neuen, noch weit unbekannten Menschen bedeutet auch, sich von einem oder mehreren Menschen zu entfernen. Banal ausgedrückt: Trennungen sind dann unvermeidbar. Kann man das, will man das, soll man das, auch mit Blick auf das eigene Leben, die eigene Vergangenheit, die man ja sein Leben lang als Gepäck mit sich herumschleppt? Was ist dem anderen überhaupt zuzumuten, wenn Freunde oder Verwandte des einen oder anderen keine Akzeptanz finden? Wie geht man damit um, ohne Spannungen in der Partnerschaft. Hier ist viel Toleranz auf beiden Seiten gefragt. Aber es gibt auch einen Zugewinn an vielen neuen Bekanntschaften und Freundschaften, die man vorher nicht hatte.

Unsere anfängliche Korrespondenz zeigt sehr deutlich in Ansätzen einige dieser Punkte. Ich möchte sie nicht unerwähnt lassen. Da sind Ängste. Aber wie soll einer mit den Ängsten des anderen umgehen, wenn er sie, und die dafür verantwortlichen Ursachen nicht kennt? Wenn man nicht weiß, ob man seine Ängste in einer guten Partnerschaft überwinden kann, wenn man vorher jahrelang alleine lebte.

Da ist vom Ängstlichen Nähe gewünscht, aber doch lieber ein wenig auf Distanz. Letzteres nicht immer ...

Da lauert der Platon im Hintergrund. Mit dem lebt es sich zumindest temporär recht sicher. Und so nebenbei ein wenig Öffnung. Erfahrungen aus der Jugend und der Familie. Aber auch in den Jahren des Alleinseins. Wobei eine eigene übersteigerte Empfindsamkeit sicher von Nachteil ist. Natürlich sind solche Erfahrungen nicht schön. Aber man kann und darf den ganzen Lebensmüll nicht mit sich herumschleppen! Das verträgt eine Partnerschaft nicht auf Dauer. Oder gibt es gar die Pflege dieser Erfahrungen um sich vor künftigen Erfahrungen ähnlicher Art zu schützen? Frauen wenden sich Frauen zu, wenn sie Ärger mit Männern leid sind. Kann ich verstehen. In meinem Umfeld habe ich auch erlebt, dass solche Beziehungen häufig instabil sind. Aber darüber erlaube ich mir kein Urteil.

Und nun' eine neue Beziehung, eine neue Liebe, auch in meinem Alter, und eine neue Verantwortung.

Mit Verwunderung stelle ich heute fest, dass die Taue die uns trotz des Altersunterschieds verbinden, noch ganz gut halten. Und das nun schon seit gut einigen Jahren. Wir haben uns aneinander gewöhnt. Und wir akzeptieren unser Verschiedensein. Im Laufe der Jahre entdeckten wir manche Gemeinsamkeit im Denken und Handeln. Und so sollte und wird es wohl möglich sein, auch den vor uns liegenden Lebensweg weiter gemeinsam zu gehen.

Der bekannte Schriftsteller Hans-Magnus Enzensberger sagte am Ende eines Gesprächs mit dem "Spiegel": Aus der Nähe zu den Frauen entsteht etwas Wunderbares. Man lernt von jeder Liebesgeschichte etwas, was man alleine nie kapieren würde. Man muss den Frauen dankbar sein.

Seinen Worten kann ich mich nur voll anschließen.

Wenn ich eingangs Fantasie und Wirklichkeit erwähnte, dann wünsche ich nicht nur uns, dass das Leben immer eine gute Balance zwischen Fantasie und Wirklichkeit für alle bereithält, wenn man denn gewillt ist alles zu tun für eine harmonische Gemeinsamkeit. Und wenn die Märchen/Fantasien immer noch mit dem Satz „Es war einmal" beginnen, möchte ich meine Zeilen für mich mit der Erkenntnis beenden, dass "Es ist", und nicht war. So kommen dann . Fantasie und Wirklichkeit manchmal im Leben zusammen.