Flandernfahrt 1934

Der am 1. Dezember 1934 als Buch veröffentlichte Bericht über die Fahrt nach Flandern, ist eine Gemeinschaftsarbeit der Jungschargruppe I von St. Andreas zu Essen-Rüttenscheid. Teilnehmer und Mitautor war auch mein Schwager Hanns Böing.

EINE GROSSE SACHE

Zwei Scheinwerferkegel fressen sich durch die Nacht. Räder surren. Jupp und Dalla sausen über die Verbandsstraße D V und denken an eine große Sache: "Können wir es verantworten?" Ein Handschlag und eine "Gute Nacht" trennen die beiden.

Zwanzig frohe Jungen sitzen im Heim. Der Führer verteilt Handzettel, um damit Spenden für die Ferienarbeit zu sammeln. – „Wohin geht es denn überhaupt? Machen wir ein Zeltlager? Wie viel Geld brauchen wir?" Der Scharführer sagt nur: "Spart, es soll eine große Sache werden."

Drei Scharführer und ein junger Kaplan sitzen bei Dalla in der Bude. Viele Fragen werden aufgerollt. Geld, Pass, Visum, Zahl der Jungen und ähnliches . "Habt ihr Führer schon frei?" fragt der Geistliche. "Nein", war die Antwort.

Trotz aller Ungewissheit war ein großer Fahrtenplan fertig. Dalla war "Chef der Fahrt" - C. d. F. - und Jupp „Scharführer"- S. F. -. Er hatte auch schon für die in Frage kommende Zeit frei. Der C. d. F. erhielt auf die Bitte um Urlaub die Antwort: "Unmöglich". Abends sind die beiden zusammen. „Was jetzt? Schweinerei! Wir fahren trotzdem! Ich übernehme dann die Führung!", sagt Jupp.

"Noch acht mal, Pastor..", meint Leo, "..und noch immer wissen wir nicht, wo­hin es gehen soll." Doch endlich wird der Plan bekannt. Scharstunde. Alle spitzen die Ohren, die Augen werden immer größer. "Was, nach Flandern? Ha, knorke, Mensch, was 'ne Reise, töftige Sache, Georg wird unser Dolmetscher, er lernt schon vier Wochen französisch."- "Du Dösigen, in Flandern sprechen sie doch germanisch!" - "Bulle", brüllt die ganze Bande, "Flandern liegt doch in Belgien, also sprechen sie da belgisch." - "Ruhe! Ihr habt den Plan gehört. Keiner erzählt draußen etwas davon, nicht eher, bis wir von der Fahrt zurück kommen. In den nächsten Scharstunden werden wir von Land, Leuten, Reiseweg, Sprache und so weiter hören. Sprecht mit euern Eltern über den Plan." - "Treu-Heil!"

FLANDERN, ein Geschenk des Meeres

Die üppigen Marschen, der fette Polderboden, die immer feucht gesättigte Luft und das milde Klima schenken dem Land eine reiche Vegetation. In vielen kleinen Bauernstellen ist die Landschaft aufgeteilt. Rüstern, Pappeln, Ulmen und Sträucher-Hecken, deren Kronen vom regelmäßigen Seewind nach Osten gebogen sind, fassen die Gehöfte ein. Das ebene flämische Land ist gut zu vergleichen mit der Marschlandschaft in Norddeutschland.

FLANDERN, alt ist deine Geschichte

Aus rein germanischen Franken, welche um 450 n. Chr. das Gebiet bis an die Seine inne hatten, sind die Flamen hervorgegangen. Die romanische Sprachwelle, aus dem Süden kommend, stieß in dem heutigen Flandern mit der germanischen, aus dem Norden und Osten kommend, hier zusammen. 843 n. Chr. (Vertrag zu Verdun) kommt das Land zu den Westfranken unter Karl dem Kahlen und hierdurch früh unter französischen Einfluss. Aber mit großer Zähigkeit haben die Flamen bis auf den heutigen Tag ihre Eigenart bewahrt, trotz aller Romanisierungsbestrebungen Burgunds, Spaniens und Frankreichs.

FLANDERN, der Tummelplatz fremder Völker

Furchtbare Kriege haben oft das Land schwer verwüstet. Aber die freiheits­liebenden Flamen hielten stand. 1302, als Frankreich die Hansestädte an­tasten will, kommt es zur Sporenschlacht bei Kortrijk. Hier siegen die Flamen, geführt von dem Brügger Gildemeister Pieter de Coninc und Jan Breidel, dem Löwen von Flandern. Es galt damals der Wahlspruch: "Wat walsch is, valsch is, slaet al doet!" - "Was welsch ist, falsch ist, schlagt sie tot." 1328 siegen 12.000 Flamen gegen 90.000 Franzosen. - Nach dem letzten grauenvollen Weltkrieg, der auch in diesem Lande wütete, sind der Freiheitsdrang und die Liebe zum eigenen Volkstum wieder sehr stark ge­worden.

FLANDERN, feudales Land, stolzes Bürgertum

Um 1150 n. Chr. zieht die Hanse in Flandern ein, mit Brügge an der Spitze. Herrliche Gilde- und Zunfthäuser, bedeutende Profanbauten (so das Grafenschloss in Gent) bringen so recht den Bürgerstolz der Städte zum Ausdruck, die seinerzeit zu den mächtigsten Anwesen Europas gehörten. Brügge war die Königin der flämischen Hanse. Als aber dann später Brügges Meeres­arm, die Swyn, versandete, ging das Handelsglück auf Antwerpen über. Noch heute klingen durch die Straßen und Gossen der alten Hansestädte die wundersamen Glockenspiele und künden von stolzer Vergangenheit.

FLANDERN, Land der großen Künste

Der emsige Bienenfleiß hat die flämische Kraft bis aufs Höchste gesteigert. Die Kathedralen sind Wunderwerke mittelalterlicher Baukunst. Großartig sind die Werke in der Malerei von den Meistern Rubens, van Eyck und van Dijck. Auf vielen Gebieten wurden Kunstwerke geschaffen, deren Schön­heiten die Welt eroberten.

FLANDERN, tiefreligiöses Land

Nicht nur der Zahl nach ist das flämische Volk ganz katholisch, sondern auch im religiösen Leben. Treu und gehorsam steht es zu den Bischöfen und Priestern. Das Kruzifix ist auch im öffentlichen Leben oft zu finden. Große Orden, Bruderschaften, Klöster und Begijnhöfe sind Kraftquellen des religiösen Volkes. Der Wahlspruch der flämischen Soldaten im Weltkrieg war: "Alles für Flandern, Flandern für Christus".

STARKE NERVEN

"Hast du schon deinen Pass, Willi? Sorge, dass du einen Affen und eine Zelt­bahn bekommst. Bis Mittwoch muss das ganze Geld gezahlt sein. Wie weit ist unser Flandernbanner ?" - "Alles in Ordnung, aber den Löwen mit den vielen Kurven kannst du selbst machen. Du hast gut meckern, zackige Biester." - "Beruhige dich, Willi, ganz Flandern wird über dein Banner staunen. Wieviel Käppis sind fertig? Um die Hordentöpfe müssen noch Bezüge". - "Hast du nicht noch mehr zu erledigen?" - "Mensch, du musst sofort zur Wechselstube Gulden besorgen. Treu Heil."

In der Zentrale, Brigittastraße. 46, ist Hochbetrieb. 22 Kerle fitschen ein und aus. Einer bringt Geld, ein anderer holt "Junge Front". Auf einem Schrank sind zwanzig Hutmodelle der letzten Jahrzehnte aufgestapelt. Aus diesen Dingern entstanden nach gründlicher Renovierung unsere Käppis. - "Meine Sammeldose muss geöffnet werden, es ist was Silbernes drin." - "Kann ich noch Handzettel haben?" Die Schelle steht nicht still, dauernd ist einer im Laden. Aber die Mutter der Geschäftsstelle behält die Ruhe.

C. d. F. und S. F. starten in Richtung Haarzopf zur letzten Besprechung mit den Führern der Schar, mit der wir die Fahrt gemeinsam bis nach Ant­werpen machen wollen. Sie erfahren dort nur neue Schwierigkeiten: Unklarheit bei der belgischen Eisenbahn wegen der Fahrpreisermäßigung und wir können nicht geschlossen über die Grenze, sollen uns in kleinere Gruppen teilen. Gegen Mitternacht surren die beiden mit etwas schwererem Herzen nach Hause. Der Tag der Abfahrt naht. Der C. d. F. hat nun doch Ferien bekommen. Noch einmal wird die Kasse überprüft, doch das ist nicht so einfach, denn die Reichsbanknoten haben sieh in Gulden verwandelt. Hin und her wird überlegt, ob noch etwas fehlt. Wären wir doch schon mal weg.

"HEILIGER ERZENGEL RAPHAEL BEGLEITE UNS."

Am Vortage der Fahrt sind wir mit unseren Eltern in der Kapelle bei den Schwestern. Unser Präses spricht über den Sinn der Fahrt: „Vor 20 Jahren zogen eure Väter in den grauenvollen Weltkrieg nach Flandern. Morgen zieht ihr auch nach diesem Land, aber als Boten des Friedens." Unser Banner wird vom Priester geweiht und dann beten wir das Reisegebet der Kirche.

Vier Wochen Vorbereitung sind vorbei. Sorge, Ärger, Arbeit, Krankheit, Aufregung waren die Kennzeichen. Aber durch die eifrige Mitarbeit unserer mutigen Eltern, die uns in die weite Welt fahren lassen, hat alles geklappt. Nun liegen Zweiundzwanzig im letzten Schlummer daheim und träumen von den kommenden Tagen.

Christusjugend kämpft für den Frieden der Völker!

Der Friede Christi sei mit Euch. Die katho­lische Jugend von Essen grüßt durch eine Abordnung von Jungmännern und Jungen die Bischöfe, Priester und die katholische Jugend Flanderns in der Liebe Christi.

Salz, Bezirkspräses

Das ist der Botschaftsgruß, den wir mit nach Flandern nahmen. Ein feines Bild, welches wir den flämischen Brüdern schenkten, hängt nun im Haupt-Büro der flämischen Jugendherbergen in Antwerpen. Auch auf auf dem Bild steht: Christusjugend kämpft für den Frieden der Völker.

ESSEN - ANTWERPEN

„Die Schar ist mit 22 angetreten", meldet der G. O. Der C. d. F. macht Musterung. Ein kurzer Abschiedsgruß von den Eltern, und fort rollen wir. Die 80 km lange Strecke bis Dahlheim halten wir Exerzitien. Keiner spricht, kein Lied erschallt, aber Spannung und Freude wachsen. Zu Fuß geht es über die Grenze nach Holland. Vier Stunden müssen wir in Vlodrop auf den Zug warten. Einige müssen etwas zu schnuppern haben und da die Nappos hier so billig sind, holt man sich solch ein Ding. Aber es war Scharbefehl, dass im Ausland nichts privat gekauft werden sollte. Es steigt ein großer Nappoprozeß. Acht Kerle sitzen auf der Anklagebank und warten auf die kommenden Hordenkeile. Das Urteil lautet aber: "Sämtliches private Geld muss abgegeben werden und kommt in die große Kasse".

"Neue Leute, neue Leute", brüllt der Zugführer, der uns einlädt, einmal seine Lokomotive, Modell 1593 n. Chr. zu besichtigen. Schön war das Pfeifen, aber noch schöner waren zwei Stunden später die herrlichen, großen Sandflächen in Belgien.

Wir alle haben nun die Kluft an, als der Zug in die riesige Halle des Antwerpener Centralbahnhofs einschnurrt. Fremdes Land. Zum ersten Male flattert das Banner vor unserer marschierenden Kolonne. "Mensch Jupp, haben die hier die Straßen gebohnert". - "Och, kuck mal den Schutzmann, was der sich schick gemacht hat". - Röö rrrö rrrrrö. - "Haben die hier seltene Autohupen". Trambahn folgt auf Trambahn. "Willi, kuck mal die Neger da vorne, was die schwarz sind". - Durch den riesigen Verkehr marschieren wir zur Jugendherberge. Sie ist zwar klein, hat aber Platz genug für uns. Bald darauf sind 22 im Schlummer.

GUMMIBROT, HAFENLEBEN, GLOCKENSPIEL UND 530 STUFEN

Es ist ein eigenartiges Gefühl, das erste Erwachen im fremden Land, weit von der Heimat. Man weiß nicht so recht, ob es Wirklichkeit ist. Aber lange soll es nicht dauern. Der Morgenkaffee war schon eine Sache für sich. Das Brot war so lose und weich, dass man es wie Gummi ziehen konnte. Die mit dem Bärenhunger bekamen eine breitgezogene und die andern eine zusammengedrückte Schnitte. Dazu gab es Bohnenkaffee, der aber aussah wie Tee. (Dalla meinte, starker Kaffee sei nicht gut für junge Leute).

Wir bummeln über breite Straßen durch die Stadt. In den vielen großartigen Bauten rechts und links wickelt sich die unerlässliche Betriebsamkeit der Weltstadt ab. Staunend stehen wir vor der Kathedrale. „Boooh, wie groß". Im Inneren fallen uns sofort die vielen Stühle auf. Bänke kennt man hier nicht. Um die Größe noch besser zu erfassen, ersteigen wir den Turm. Werner will die Stufen zählen. Bei 196 fängt er an zu stottern, so dass er das Zählen aufgibt. "Da kriegt man ja den Drehwurm". – „Ich bin oben", brüllt da einer. - "Wo oben, da vorn geht es weiter du Dussel". Immer geht es rund. Am Geländer gut festhaltend, steigen wir höher und höher, bis wir endlich oben sind. Hier erfahren wir, dass es nur 530 Stufen waren. 90 Meter hoch.

Eine herrliche Sicht. Wie klein sind unten die Menschen. Wie winzig des Militär, welches durch die Straßen marschiert. Was für riesige Hafenanlagen. Klotzige Seedampfer liegen am Kai. Herrlich, man kann sich nicht satt sehen. 530 Stufen geht es wieder hinunter. Kurze Zeit später stehen wir an der Schelde. Ein Schiff soll uns zum Meer bringen. Aber alles können wir haben, nur kein Schiff. Ein Norddeutscher-L1oyd-Dampfer wird besichtigt und alles staunt, was der an Fracht verschlingt. Der 1. Deckoffizier erzählt, dass sie morgen zu den kanarischen Inseln fahren. Das wäre eine Sache für uns, da mitzugondeln.

Abends hören wir mit flämischen Kameraden das Glockenspiel der Kathe­drale. Einer der Flämischen zieht mit uns durch den 500 Meter langen und 100 m tiefen Schelde-Tunnel. Heftig wird die Litanei von den 22 Paar ge­nagelten Schuhen gesungen. Ein Schutzmann fühlt sich seines Lebens nicht sicher und verbietet uns das Singen. Mit einem Schiff fahren wir dann über die Schelde zurück.

Die Glocken der Kathedrale sind verstummt. In den Straßen ist es ruhiger. Auch wir schlafen bald.

WEITER GEHT DIE FAHRT

Wenn uns ein Schiff nicht weiter bringt, na, wofür ist denn die Eisenbahn da? Das Land, welches wir durchrasen, ist flach, von vielen Kanälen und Flüssen durchzogen. Im Übrigen befinden wir uns in einem Sonder­wagen, extra für uns. Jupp schaut aus dem Fenster und entdeckt in der Ferne den Belfried von Brügge. 30 Minuten später stehen wir vor dem 80 Meter hohen Koloss. Wegen des Regens, der uns stark anfeuchtet, suchen wir die Jugendherberge. Sie liegt weit vor der Stadt. Also wieder kehrt. Die Herberge gehört zu einem Kloster. Freundlich werden wir auf­genommen. Die Tage vorher war Kirmes im Klosterhof und alles ist noch emsig beim Abbau. Ein noch stehendes Kirmeszelt gibt uns Schutz für den immer stärker werdenden Regen. Kaum haben wir uns breit gemacht, da ist auch schon das ganze Abbruchvolk bei uns und mustert uns von oben bis unten. Singen sollen wir. Frische Jungenlieder erklingen. Für unser Singen klatschen die Leute und für unsern Hunger bringen sie Brot, Butter, Gebäck und Kaffee. Letzterer war aber nicht wie Tee, sondern wie Teer. Die Flamen singen auch, verstehen können wir nichts. Das Zirkuszelt erlebt nochmal tolle Attraktionen. Zwei Nationen zeigen ihr Können.

Nachmittags sehen wir uns in Brügge den Belfried und die Kirchen an. Machtvolle Bauwerke. - Dem Bischof wollen wir die Friedensbotschaft bringen. Leider ist er verreist. Aber wofür sind denn seine Sekretäre da? In schneidiger Haltung marschieren wir singend vor das Palais, treten in Linie an und singen unser Leiblied. Ungefähr zehn hohe geistliche Würden­träger begrüßen uns. Dalla zeigt ihnen die Botschaft. Freudig dankend winken sie mit den Händen. Sie wollen dem Bischof alles mitteilen. Wir singen mit erhobener Schwurhand : "Christus, Herr der neuen Zeit".

Beim Abrücken stellen wir fest, dass sich eine ansehnliche Menschenmenge angesammelt hat. Ein Schutzmann sorgt dafür, dass wir auf die Straße können. Wieder in der Herberge angekommen, wird zuerst gelöffelt. Dann wird mit den Patres Fußball gespielt. "Meine Güte, können die aber dötschen, die machen in ihrer Klosterkutte noch Schalke 04 etwas vor". ­Mit dem Abendgebet in der Klosterkapelle findet der Tag sein Ende. 22 Kameraden liegen bald im Schlummer.

MIT 60 km DEM MEERE ZU

Beim heiligen Messopfer dürfen Leo und Werner ministrieren. Hier wird ja Latein gesprochen und nicht französisch, flämisch oder sonst etwas. "Wie weit müssen wir heute laufen? Kommen wir noch zum Meer?" - "Wenn wir uns feste dran halten, werden wir die See vielleicht noch heute bei Wenduyne erreichen. Es sind 20 Kilometer, sechs Kilometer haben wir hinter uns." Zehn Minuten Rast. Kaum liegt alles im Straßengraben, da kommt ein herrlicher großer Lieferwagen angebrummt. Wir winken, er hält. Mitfahren möchten wir. Der Fahrer versteht kein deutsch. Gegenseitig stottern wir uns etwas vor und dann ...mit 60 km geht es über schnurgerade Betonstraßen nach Oostende. Willi singt:

Immer nur fahren, nimmer verzagen, immer im gleichen Tempo. Roter Staub weht uns ins Gesicht, Bäume stehen grau am Rand, keiner spricht, keiner sagt halt. Die große Straße hat uns erfasst.

Leuchtende Dünen grüßen in der Ferne. Der Wagen rast ihnen mit Vollgas entgegen. Oostende ist sichtbar. Der Motor hat aufgehört zu summen. 25 Kilometer sind in kurzer Zeit gefressen. Müde und hungrig marschieren wir durch die Stadt. In den Häfen liegen die Ozeanriesen am Kai. Vorbei geht es an der wiedererbauten Kathedrale. Alles ist gespannt auf die See. Am Ende der Straße geht es den Berg hinauf. Es ist der Deich. Wir stehen oben. Vor uns Wasser und nochmals Wasser, soweit wir blicken können. Schnell geht es den Deich hinunter durch das Watt, bis dahin, wo die Füße nass werden.

HIER SIND WIR AN DER GRENZE DES EUROPÄISCHEN KONTINENTS

Der K.B. (Küchenbulle) hat inzwischen eingekauft. Er hält eine Tischrede: "Das Wasser in dem Bach da vorne soll salzig sein. Damit ihr euch daran gewöhnt, gibt es heute zum Mittag salzigen Bückling. Guten Appetit." Ge­schmeckt haben sie, die Bücklinge, aber was bekamen wir nachher, Durst. ­

Über die Strandpromenade, vorbei an vornehmen Kurhäusern, marschieren wir mitten durch das internationale Strandvolk, das uns bewundert und oft nach der Nationalität fragt, bis kurz vor Middelkerke. Hier heißt die Parole: "Baden". Kurz darauf sausen die ersten in die Flut. Boooh, was für Wellen. Rauf und Runter geht es. Bruno will gerade einen Freudenjauchzer von sich lassen, aber eine Welle, die in seinem Mund landet, macht daraus den Klageruf: "Bah, wie salzig". Pustend und spuckend rennt er an das Watt. Den anderen ergeht es ähnlich.

In "Vlaamsch Huis" in Middelkerke schlafen wir die Nacht. Der "Stab", alle führenden Persönlichkeiten, hat einen extra feinen Ehrenschlafplatz. Auch unser Fahrtenschneider hat einen besonderen Platz. Er liegt neben einem Berg aufgestapelter Strohsäcke. Gerade hat er den Motor für das Säge­werk eingeschaltet, da verursachen liebliche Nachtgespenster ein kleines Erdbeben und unser Willi ist von 15 großen Strohsäcken begraben.

IN DEN DÜNEN

Heute Morgen regnet es. Wir sitzen an einer schön gedeckten Tafel. Unser Alfons hat nämlich Namenstag. Nach dem Morgenkaffee schreiben wir Grüße an die Lieben daheim. - Einige gehen ans Meer. Grau ist die Luft und die Sicht schlecht. Im Watt suchen die Möwen ihr Futter. Schöne Muscheln und Seesterne werden gesucht. Andere stehen vor Massen­gräbern auf einem deutschen Soldatenfriedhof und beten für die Helden der Heimat. Zum Glück hört es auf zu regnen. Die Sonne lacht. Wir marschieren am Strand entlang den Dünen zu. Das Meer zeigt sich in den herrlichsten Farben. Es weht ein scharfer Wind. Mächtig reißt das Banner am Schaft hin und her. Wie eine Wüstenkarawane ziehen wir im Gänsemarsch durch den Dünensand. Hier und da liegen noch Betonbunker aus dem Weltkrieg. Hoch in den Dünen, in einer kleinen Mulde, schlagen wir unser Zelt auf. Heftig knallt unser Banner auf der höchsten Dünenspitze.

12 Uhr. - Wir stehen im Kreis. Der C.d.F. sagt, dass in der Heimat jetzt die Trauerglocken läuten, als Erinnerung an den Kriegsanfang vor 20 Jahren. Wir beten für die gefallenen Helden aller Nationen, beten, dass der Herr uns den Frieden schenken möge. Dann erklingt, begleitet vom Rauschen des Meeres, das Lied vom guten Kameraden.

Boooh, was zwickt der Sand an den Beinen. "Hier, Alfred, schnapp den Ball". Er fängt ihn nicht und Dalla zeigt, dass er auf lange Strecken geübt ist, denn der Wind hat den Ball so einige Kilometer vor sich hergetrieben. Der Sand säuselt und fegt über den Boden, gleich einem Schneesturm. Die Wellenbaderei ist heute kurz, da es sehr kühl ist. Wir haben Flut. Mächtig branden die Wellen heran. Stark ist das Rauschen des Meeres. Herrlich ist es in den hohen Dünen. Am Abend geht es dann weiter bis zur Ysermündung. Noch etwas flussaufwärts und Vlaamsch Huis in Nieuport nimmt uns freund­lich auf. Unser K.B. schleppt dicken Reis heran, der schnell von 22 Hungrigen unsichtbar gemacht wird. Gerade ist alles in den Betten, da erfahren wir durch einen deutschen Sender den Tod unseres Reichspräsidenten, Generalfeldmarschall von Hindenburg.

AUF HOHER SEE

Wir sind in der heiligen Messe, empfangen das Brot des Lebens, singen und beten in deutscher Sprache. Nach dem heiligen Opfer kommen flämische Studenten zu uns. Wir sprechen so gut es geht miteinander. Eine Stunde später marschieren sie in ihrer Bundeskluft mit uns nach Furnes. Ein Fischauto sorgt dafür, dass die zwölf Kilometer in einigen Minuten geschafft sind. Furnes ist bekannt durch seine Prozessionen, wobei jeder ein schweres Kreuz auf der Schulter trägt. Natürlich mussten wir auch so ein Kreuz auf der Schulter getragen haben.

Appell: "Eine mutige Sache soll gedreht werden. Es wird dabei eine anständige Strecke marschiert. Wann es etwas zu beißen gibt, weiß ich nicht. Angst darf keiner haben." Sechs wollen nicht mutig sein, scheiden aus. Der Chef schaut die Mutigen scharf an : "In fünf Minuten im wetterfesten Zeug und mit Banner antreten!" - "Lebt wohl, Geschwister, Kameraden, lebt wohl, wir kehren wieder heim", schallt es von den 16 ins Ungewisse marschierenden. Eine schnurgerade Straße hat am Anfang ein Schild LA PANNE. Durch glühende Sonne marschieren wir im "wetterfesten Zeug", den Blick auf die herrlichen Dünen gerichtet, dahin, bis La Panne erreicht ist. Wieder stehen wir am weiten Weltenmeer, diesmal dicht an der französischen Grenze. - - ­Rast - - - Dalla und Willi verschwinden. Sie kommen bald zurück und melden: "Wir stechen in See." Helle Freude bei allen, was werden die sechs Zurückgebliebenen für dumme Gesichter machen. Hanns hatte nachher in seinem Fahrtenbuch folgendes stehen:

Nach einem strammen Marsch gelangten wir ans Meer. Dort wurden wir von einigen Seemännern durch das seichte Wasser bis zum Schiff getragen, das Anker gelegt hatte. Nachdem die Segel gehisst waren, stachen wir, lustige Seelieder singend, in See. Alle waren fröhlich und munter. Mächtig schaukelten die Wellen das Schiff, so dass wir auf unseren Plätzen hin und her rutschten. Je weiter wir in See stachen, um so höher wurden die Wellen, und um so bleicher die Gesichter der "mutigen Seefahrer". Es dauerte nicht mehr lange und schon gingen die Überreste der am Morgen eingenommenen Nudeln über Bord. Alle waren bleich wie ein Kalkeimer. Leider ging die herrliche Seefahrt viel zu schnell zu Ende. Singend und plaudernd zogen wir wieder nach Furnes zurück.

"Hanns, kommst du auch in unsere Verschwörerbande?" - "Was habt ihr denn vor?" - "Das erfährst du heute Abend in der Geheimsitzung. Wir haben schon sechs Mitglieder, du bist dann der Siebte."

DIE SCHAR MEUTERT

Unser neuer G. O. Heinrich, er lebe hoch, hoch, hoch! Alfred, du bist ab­gesägt, oh, oh, oh! - - - Der C. d. F. hat sich gerade den Bart abge­nommen und kommt nun in diesem Lärm zur Horde. "Was ist denn hier los? Was soll der Lärm?" - "Wir haben einen neuen G. O. Der alte ist abgesägt." - "So schnell geht das aber nicht, ich erwarte erst mal ein Gericht." - Einige Minuten später wird die Verhandlung eröffnet. Auf der Anklagebank sitzt der Gruppenoberst Alfred. Sein Verteidiger ist der C. d. F. Die Verschwörer klagen den G. O. an: „ Er ist zu pampig - von den Führern wird er vorgezogen - wir wollen einen großen stämmigen und nicht so einen kleinen - der G.O. poussiert - er kennt keine Kameradschaft - nur für sich sorgt er - mich hat er beleidigt - nie bekommt er Gruppenhiebe." - "Ruhe! Erst wird mal Kaffee getrunken." Nach der Stärkung wird die Verhand­lung fortgesetzt. Der Angeklagte hat das Wort. Obwohl er etwas ver­schüchtert ist, vor den Anklagen verteidigt er sich tapfer. Dann muss er den Gerichtssaal verlassen.

Der Verteidiger spricht. Es steigt eine große Rede, in der alle Anklagen nieder geschmettert werden. - .Alfred kann euch allen ein Vorbild sein". Es nützt nichts, die Bande will eine Abstimmung. Heinrich oder Alfred? - Ergebnis: Zwölf für Heinrich und nur sechs für Alfred. Die Meuterer triumphieren über den kolossalen Erfolg. Dalla hat das Wort. „Alfred wurde durch mich bestimmt. Ich bin mit ihm zufrieden. Ihr wollt einen andern und seid darum auch mit mir nicht zufrieden. Euer Wille soll durchgeführt werden. Wie weit ihr mit dem neuen G. O. auskommt, wird sich zeigen." Traurig gibt Alfred seine Gruppenkordel ab und steht nun am Ende des Gliedes. Stumm marschiert die Schar durch die Stadt. Stumm über die Landstraßen durch die glühende Sonne. Was ist passiert? ­Keine Rast beim Marschieren. Kein Kommando vom Chef. Unordnung beim Antreten. Einige meckern. Wie eine Kuhherde latscht die Schar durch die Gegend.

Zehn Stunden währt dieser Zustand. In einem Straßengraben liegt alles, etwas entfernt der Chef. Es kommen einige zu ihm und reden von "Wieder­gutmachen". "Wir wollen den alten G. O. wieder haben". - "Seid ihr toll geworden? Warum geschah dieser ganze Quatsch? Spielt man so mit den Führern?" Scharf wird gesprochen, aber laufen geht keiner. Das Bitten wird immer dringlicher. - .Dalla, wir haben Unrecht getan, wir wollen es wieder gutmachen." - "Tut es," - - .Alfred ist unser G. O. Heil, heil!" ­Alles ist stramm angetreten. Alfred, wieder die weiße Kordel um, schreitet die Linie ab und gibt jedem den Handschlag der Treue. Singend und lachend zieht die Schar weiter, als wäre nichts geschehen.

Und die Moral von der Geschicht': Seid ihr auf Fahrt, so zankt euch nicht.

NIE WIEDER KRIEG

Vom Meer haben wir nun endlich Abschied genommen. Es geht Yserauf­wärfs nach Dixmude. Granattrichter, zerschossene Bäume, Betonbunker und Stacheldraht erinnern daran, dass die Hauptkampflinie im Weltkrieg hier verlief. Einen belgischen Unterstand „Boyau de la Mort" sehen wir uns an. In diesem Todesschlauch mussten Tausende ihr Leben lassen. Unweit dieser Stellung steht das große flämische Kriegerehrenmal. Schweigend treten wir am Fuße des Denkmals an. Groß stehen vor uns die Worte: "Nie wieder Krieg". Ein Gebet, dass der Herr den Gefallenen die ewige Ruhe und uns den Frieden schenken möge, steigt zum Himmel. Noch einmal erklingt das Lied vom guten Kameraden. Die Spitze des 50 Meter hohen ge­waltigen Bauwerks bildet ein wuchtiges Kreuz, auf dem die riesigen Buch­staben AVV VVK stehen. Es heißt: ALLES FOR FLANDERN, FLANDERN FOR CHRISTUS. Ein herrlicher Wahlspruch.

Wir steigen auf das Ehrenmal und schauen in das weite, ebene, flämische Land. Unter uns, an der Yser, liegt eine Weide, mit Granattrichtern besät. Wie überall in Europa, so begann auch hier in Flandern vor 20 Jahren das Völkermorden. Jetzt ruft ein riesiges Baudenkmal weit ins Land "Nie wieder Krieg".

Ein Lieferwagen bringt uns nach Cortemarck. Da wir hier aber für die Nacht keine Unterkunft bekommen, nimmt uns der Wagen mit nach einem Bauernhof. Nach einer halb verstandenen Begrüßung fragt der Bauer, ob wir nicht bald wieder mit Gewehren kämen. Wir sagen ihm ein entschiedenes „Nein!", wir seien als Boten des Friedens gekommen. Er grinst und murmelt etwas vor sich hin. Als wir eine Stunde später beim Essen sind, kommt er zu uns und bittet, wir sollen „duitsche" Lieder singen, solche, wie die „duitschen" Soldaten gesungen haben: „Die Wacht am Rhein" und „Deutschland, Deutschland über alles". Stramm angetreten singen wir das Deutschland­lied. Nachher noch frohe Jungenlieder. Der Bauer freut sich sehr.

Herrlich war die Nacht im Stroh und lustig war am nächsten Morgen der Gottesdienst in St. Josef. Fünf mal wurde gesammelt. Wer keinen Platz hatte, holte sich aus irgendeiner Ecke einen Stuhl und ließ sich damit irgendwo nieder. Oft wurde mit den Stühlen großer Lärm gemacht. Von der Predigt verstanden wir nichts. Nach der heiligen Messe sangen und beteten wir in unserer Muttersprache. Gemeinsam gingen wir zum Tisch des Herrn und empfingen den König aller Nationen.

WIR FAHREN NACH GENT

Bullig warm ist es heute und weil Sonntag ist und keine Lieferwagen fahren, müssen wir klotzen. Nur langsam kommen wir vorwärts. Lichterfelde ist erreicht. Wohin soll es nun gehen, nach Gent oder Brüssel? Aber die Landeshauptstadt liegt ein großes Stück aus der Reiseroute, und die Franken in der Tasche des S.F. sind so la, la alle. Der Chef ist im Bahnhof. Die Schar wartet auf ihn. Sie wartet 90 Minuten bis er kommt und sagt: "Es klappt". - "Was klappt denn?" - „Wir brauchen heute nicht mehr zu klotzen, wir fahren nach Gent. Ich blieb so lange, weil das Bahnhofspersonal nichts von 50% Ermäßigung kannte. Aber ich habe es ihnen beigebracht, es dauerte eben 90 Minuten." - Im Zuge wurde erstmal gespeist und nun ­hört, was Leo darüber schrieb:

Hoch in Ordnung war das Schinkenkloppen im Zuge nach Gent. ­Hänschen hält zuerst. Au, Jupp du. - Daneben, nochmal. - Aber nicht so feste. - Peng. Willi, du hast gehauen. - Richtig. - Hopp Willi, bück dich. - Klatsch. - Dalla komm, du hast geknallt. - Bum. - Mensch Jupp, der Schlag war gut. Komm, halt auch mal. Aaahh, endlich der lange Jupp. - Er kann schon was vertragen und muss dafür, weil er oft daneben rät, lange halten, bis er das arme Häns­chen, das immer noch stöhnt, erwischt. Es gab kein müde werden. Nur, als auf einmal der Zug stand und draußen auf dem Schild groß "Gent" zu lesen war, ging es heidi bubbi raus. Schade.

Mr. Maurice Van Hulle-Pagels hieß der erste Mann, der uns in Gent freundlich zur Seite stand. Das kam so: Wir standen vor der Jugend­herberge und fanden alles verschlossen. Der genannte Herr kam zum Chef und sagte ihm, er wolle ihn mit seinem Wogen zum Präsidenten der Her­berge fahren. Beide verschwinden kurz darauf in einer Limousine. Hoch beladen mit sieben Mann kommt der Wagen bald zurück. "Wenn sie mich brauchen, ich stehe ihnen immer gern zur Verfügung," sagt der Fahrer. "Fein, danke, danke." Darauf hatten wir gewartet, ein ständiges Auto für den Stab.

In der Herberge wird sich eingerichtet. Der K. B. geht einkaufen und der Stab fährt geschäftlich im Wagen. Wie die Fürsten fühlen sie sich. Franz, der so ein bisschen krank ist, wird zum Arzt gefahren. Die Behandlung dauerte fünf Minuten, aber der Onkel Doktor dachte auch, wenn die im Auto vorfahren, dann können die auch zahlen: "Bitte 30 Franks". ­Nach Erledigung aller Geschäfte sagt der Chauffeur: "Wenn sie mich brauchen, rufen sie mich telefonisch", und gab uns seine Visitenkarte.

WIR BUMMELN DURCH GENT

- - - und da in der Herberge kein Platz für 22 war, mussten zehn in einem Privatquartier schlafen. Es soll da sehr schön gewesen sein.

Der Chef kommt von einem Gang nach dem Bahnhof zurück und trifft den K.B. auf dem Markt. Da gehört er auch hin ..."Mensch Dalla, komm mal mit, da vorne gibt es 8 Pfund Birnen für 12 Pfennig." Tatsächlich, da hing ein Schild, „4 kg Birnen 1 Fr". Sofort wird ein halber Zentner Obst gekauft und In der Her­berge ertönt lautes Freudengeschrei.

Mit den Taschen voll Zwetschen und Birnen bummeln wir an den stolzen, alten Gildehäusern der Graslei vorbei nach St. Nicolai. Viel alte Kunst be­kommen wir hier zu sehen. Wuchtig ragt der Belfried mit seinen 52 Glocken, wovon die größte, die Rolandsglocke, nur 6050 kg wiegt, gegen den Himmel. Große Gemälde, darunter das berühmte von den Brüdern van Eick, "Das heilige Lamm", aus welchem vor kurzer Zeit zwei Tafeln gestohlen wurden, sehen wir in der Kathedrale St. Bavo. Mächtig, erhaben und reich sind alle diese Kirchen, aber es war uns manches fremd. Es ist ein großer Glaube an die eine heilige katholische Kirche, aber die Völker sind verschieden in ihrem Volkstum. Wir haben schon oft in deutschen Domen gestanden, und empfanden es hier in den flämischen Kathedralen am besten, dass es eine deutsche Eigenart gibt.

Am Geeraard Duivelssteen vorbei über die hier noch kleine Schelde geht es zum Begijnhof. Eine kleine Stadt, still und abgeschlossen, die Bewohner fromme Frauen, mitten im Getriebe der großen Stadt.

­Katzen sind hier in Gent genau so viel wie in Antwerpen. In fast jedem Schaufenster, ganz gleich, ob Bäcker- oder Uhrmacherladen, saß solch ein graues Ungetüm.

Um 14 Uhr marschieren wir noch durch die Straßen von Gent. Um 17 Uhr ziehen wir zum zweiten Male durch den Scheldetunnel und stehen wieder vor der Kathedrale von Antwerpen. Durch den Lärm der Welthandelsstadt geht es Richtung Centralbahnhof. Hier wartet ein Reiseautobus, der uns abermals mit großer Geschwindigkeit durch flämisches Land bringt. In Lier steigen wir aus und ein langer, schwerer Marsch nimmt seinen Anfang. Sandiger Boden, müde Knochen, Bärenhunger, Staub und Durst, sind 11/2 Stunden eine Sache, die nur ganze Kerle ertragen können.

FLÄMISCHE FEIERSTUNDE

In Nylen treffen wir uns mit den anderen Kameraden aus Essen-Haarzopf wieder. Alle Versuche, den Bärenhunger zu stillen, scheitern, da zu wenig Material vorhanden ist. Die Hoffnung, dass die müden Knochen in kurzer Zeit Ruhe hätten, ist eine Pleite, denn schon ertönt das Kommando: "An­treten zur flämischen Feierstunde".

Um ein Feuer haben sich die Anwohner der Umgebung versammelt. Einer, in kurzer Hose und Fahrtenkittel, mit einer Pfeife im Mund, ruft uns deutschen Jungen ein "Welkom" zu. Ein zackiges "Treu-Heil" ist die Erwiderung. Flä­mische Volkslieder erschallen. Mit erhobener Hand singen sie ihr National­lied. Ein flämischer Führer spricht in deutscher Sprache von dem Kampf der Flamen gegen die Unterdrückung des Volkstums. Und er sagt: "Durch euren Besuch haben wir uns verbrüdert. Der grauenvolle Weltkrieg ist vorbei, aber noch immer schauen sich die Nationen feindlich an. Wir Christusjugend kämpfen für den Frieden aller Völker. Die Liebe zu Christus und zur Heimat ist der Weg. ES LEBE FLANDERN - ES LEBE DEUTSCHLAND. Wir grüßen euch, deutsche Kameraden, und fühlen uns mit euch verbunden."

Unser Kaplan Schäfer dankt in kurzen Worten dem flämischen Führer. ­Es folgt nun eine Reihe lustiger Spiele und Tänze um das Feuer. Das gemeinsame Nachtgebet beendet die Feierstunde und bald liegen wir im tiefen Schlummer. Es ist die letzte Nacht in Flandern, weit von der Heimat. Nur noch kurze Zeit und dann......

WIEDER IN DER HEIMAT

Der Zug rattert durch belgisches und holländisches Land Deutschland zu. Kurz nach Mittag ist die deutsche Grenze überschritten und das Auto, das uns vor zehn Tagen voll Spannung von der Heimat wegbrachte, bringt uns nun mit Erlebnissen gefüllt zurück. Wie schnell sind die herrlichen Tage dahin geflogen. Der Wagen rollt schon bei Düsseldorf über den Rhein, aber unsere Gedanken sind noch in Flandern, am weiten Meer, in den herrlichen Dünen, auf den Schlachtfeldern, bei den flämischen Kameraden, 90 Meter hoch auf der Kathedrale in Antwerpen, 100 Meter tief unter der Schelde.

---- Groß waren die zehn Tage ----

Die Haarzapfer haben uns schon verlassen und kurz darauf stehen wir im festlich geschmückten Saal im Kreise unserer Eltern und Freunde. Groß ist ihre Freude wegen des feinen Erfolges. In uns aber ist eine starke Wehmut, dass die Fahrt nun ihr Ende hat.

Ein bedeutendes Erlebnis ist tief in unsere Seele eingeprägt. Es waren große Tage in unserem Leben, an die wir gerne zurückdenken. Es gibt Menschen, die bringen ihr Geld ins Wirtshaus oder ins Kino und suchen dort Freude. Andere hocken in Stuben und verqualmen ihr weniges Geld. Wieder andere suchen in vornehmen Bädern und Palästen die echte Freude, aber sie finden sie nicht. Es fliegt alles spurlos an ihnen vorbei.

Wir aber ziehen auf Fahrt in die Welt. Lernen die Heimat kennen und lieben. Stählen den Körper bei frohem Spiel. Fühlen uns geborgen in der herrlichen Natur, wachsen zu einer Gemeinschaft. Sind stolz, Deutsche zu sein, besonders bei Fahrten in fremde Länder. Vor allem sind wir auf un­seren heiligen Glauben stolz, der uns mit allen Nationen vereinigt.

Als Jungen wollen wir ganze Jungen sein, um dann später als ganze, deutsche, katholische Männer, stark, mutig und opferbereit im Leben zu stehen.

DAS WAR UNSERE FLANDERNFAHRT 1934

Möge dieses Buch viele Jungenherzen erobern und zu gleichen Taten begeistern, allen Freunden der Jugend zeigen, wie katholische Jugend schafft und lebt.
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Redaktioneller Nachtrag:

Das Buch, aus dem der Auszug stammt, sollte verkauft werden, um damit die für 1935 geplante Fahrt nach Rom zu finanzieren. Die fiel den Zeitumständen zum Opfer und wurde verboten. Auch die Flandernfahrt war schon außerhalb der damaligen Legalität und verstieß gegen amtliche Verordnungen. Daher auch der vorsichtige Umgang mit den Informationen zur Planung und die Regelung, zur Sicherheit in kleinen Gruppen und zu Fuss zunächst die Grenze nach Holland zu überschreiten, um von da aus nach Belgien weiter zu fahren. Auch der Rückweg musste deshalb über Holland genommen werden. Das war ganz schön mutig. Der Wunsch nach Frieden aber blieb eine Illusion, die Botschaft ein Traum. Die Frage des flämischen Bauern, wann kommt ihr Deutschen wieder mit Gewehren, wurde schon sechs Jahre später bittere Wirklichkeit.