Frühlingsahnen

Frühlingsahnen                                        von Gerlinde Kammholz

Vor vielen Jahren lebte und arbeitete ich auf dem Land. Es war mein Lebenstraum, so wohnen zu dürfen. Ein notwendiger Berufswechsel war verbunden mit dem Umzug in die Stadt. Ein Auto brauchte ich nicht mehr und finanziell konnte ich es mir auch nicht mehr leisten. Die zentrale Lage meiner Wohnung war ideal. Ich kann von meinem jetzigen Zuhause aus alles wunderbar zu Fuß, mit dem Fahrrad oder auch mit dem Bus erledigen und auch meinen Arbeitsplatz erreiche ich in wenigen Minuten. Selbst bei Wind und Wetter ist es gut zu schaffen. Ich habe mich damit arrangiert und irgendwie auch damit abgefunden, dass es für mich kein Leben auf dem Lande mehr geben wird. Aufgrund einiger kleiner körperlicher Einschränkungen bin ich seit Jahren auch nicht mehr zum spazieren gehen irgendwo aufs Land gekommen. Aber dann kam dieser Sonntag! Eigentlich hätte es regnen sollen, aber es war herrlichstes Wetter, fast frühlingshaft anzusehen, wenn auch die Temperaturen noch kein Winterende ankündigten. Ich wurde zu einer schönen Rundfahrt bei etwas dunstigem Sonnenhimmel übers Land eingeladen. Irgendwie unbedarft fuhr ich gerne mit. Eine kleinen Weile noch die gewohnten Bilder der Stadt, man erreicht von Kiel aus sehr schnell die schöne Umgebung, wo in nicht all zu ferner Zeit wieder goldgelb und nach Honig duftend der Raps blüht. Hier noch Häuser, Straßen und Autos..., bis sich plötzlich diese Weite vor uns auftat. Ich konnte es nicht gleich begreifen, was der Anblick dieser, noch etwas schneebedeckten Felder und Wiesen mit mir machte. So lange hatte ich es entbehren müssen. Aber da war es plötzlich wieder in mir, dieses große Sehnen nach der Natur, des Fühlen des Fehlens all der Gerüche und Anblicke. Die geliebten Pferde, ihre weichen Schnuten, ihr herrlicher Geruch. Meine Augen versuchten alles aufzusaugen und erneut zu konservieren. Die Reetgedeckten Häuser, die Weiden mit ihren grasenden Tieren, alte Gutshäuser und Höfe, die so viele Geschichten erzählen könnten, die kleinen Bachläufe und vor allem die wunderbaren Baumalleen. Diese alten, knorrigen, urtümlich gewachsenen Wesen. Alles wirkte so unendlich ruhig und friedlich, als sei die Zeit hier stehen geblieben. Doch zugleich spürt man ebenso diese große unbändige Kraft. Diesen Willen und festen Entschluss der Natur, nun langsam auszubrechen aus der Winterkälte. Alles wartet auf den Frühling, wenn die ersten Blumen vorsichtig ihre bunten Nasen aus dem Wiesengrün recken und es fast so scheint, als würde in der Natur hier oben bei uns im Norden alles zur gleichen Zeit fast explosionsartig ans Tageslicht drängen. Einige kleine Winterlinge haben sich mit ihren Köpfchen schon mutig aus der Erde gewagt. Bald schon werden hier Farben leuchten und wunderbare Gerüche in der Luft liegen. Dann ist hier alles voller Leben, ein Summen und Brummen wird sein, Vögel in den Büschen und Bäumen zwitschern und die Jungtiere werden geboren. Ja, dann ist Frühling und Sommer. Dieses nun langsam sichtbar werdende Versprechen schenkt einem nur die Natur. Heute hat sie es mir gegeben. Dafür bin ich unendlich dankbar.

Sonntag,27.Februar2011