Gascogne Reise

Ingrid Luise Dobrick und Hans Fander

Eine alte Wassermühle in der Gascogne

An einem kühlen Juni-Tag traten wir unsere lange geplante Reise in die Gascogne an. Dort, in Frankreichs tiefster Provinz, erwartete uns eine über zweihundert Jahre alte Wassermühle, nun von einer deutschen Familie zum Wohnhaus umgebaut.

Bequem reisten wir mit dem Autoreisezug ungefähr zweitausend Kilometer von Hamburg nach Bordeaux. Der Zug bummelte fast sechsundzwanzig Stunden auf romantischen Nebenstrecken dahin. Nachts wurden die komfortablen Sitze zu Betten umgebaut, der Schlafwagenschaffner sorgte für das leibliche Wohl. Unser Mercedes reiste derweil huckepack auf einem der vielen Zuganhänger.

Von Bordeaux aus fuhren wir dann weiter auf diesen charakteristisch glatten, schmalen französischen Landstraßen, die bergauf geradewegs in den Himmel zu führen scheinen. Wir glitten durch eine Landschaft mit weiten Ausblicken, in stiller, harmonischer Schönheit ruhend, fast frei von störendem Autoverkehr.

Unterwegs beschlich uns das unheimliche Gefühl, vom Irgendwo ins Nirgendwo zu gleiten, niemals unser Ziel zu erreichen. Dieses Gefühl verstärkte sich durch die Silhouetten der weit auseinanderliegenden, dornröschenhaft leblos anmutenden, stadtmauerbewehrten, mittelalterlichen Städtchen und winzigen Örtchen; alle überragt vom Schwalben umzwitscherten Chateau und einer von der ewigen Herrschsucht des Klerus zeugenden, für die Orte viel zu großen Kirche am Marktplatz, der umstanden war mit seit langer Zeit von Farbe verschonten, uralten Wohnhäusern, deren Fenster nach südlicher Art dicht verschlossen waren mit Holzluken, hinter denen es kein Leben zu geben schien.

Dann wieder führten schmale Wege zu einsamen Farmen, unter alten Bäumen versteckt, auch sie scheinbar menschenleer.

Unsere Route folgte einem tausendjährigen, heute noch frequentierten Pilgerweg nach Compostella in Spanien. Am Ortsanfang sahen wir vielfach noch Hinweisschilder zum Hospital – in diesem Fall kein Krankenhaus, sondern Ruhe- und Übernachtungsstätte für die Pilger. Auch in unserem, trotz aller Zweifel doch nach einigen Stunden erreichten Zielörtchen Isle de Noe fanden wir dieses Schild, kurz bevor der Weg links zu „unserer“ Mühle abbog.

Den Mühlenschlüssel mussten wir bei den Nachbarn Maurice und Mauricette holen, die uns überaus gastfreundlich auf ihrer winzigen, etwas hinfällig wirkenden Farm empfingen – aufgeregt angekündigt von zwei ganz und gar nicht reinrassigen, struppigen Hunden und einem zerfledderten Papagei.

In der „guten Stube“ gleich neben dem offenen Stall mit den drei Kühen und dem Misthaufen davor (es dauerte einige Tage, bis ich mich an den intensiven „Landgeruch“ gewöhnt hatte), stärkte man uns mit einem guten Muscatelle und lauschte wissbegierig und höchst erfreut Hans‘ sehr gutem Französisch, rührend interessiert an den Nachbarn der nächsten fünf Wochen.

Die Moulin de la Majenque wurde vor zweihundert Jahren als Schlossmühle gebaut und liegt, wie es sich für eine Wassermühle gehört, im Wiesengrund am quirligen Mühlenfluss la Petite Baise, zum Chauteau samt Schlosspark durch ein Wäldchen abgegrenzt, alles wild naturbelassen.
Riesige, uralte Bäume, weite Felder, die tiefe Stille manchmal unterbrochen von Vogelstimmen oder Glocken der nahen mittelalterlichen Kirche am Pilgerweg. Abends schlugen Nachtigallen, schwalbengroße Fledermäuse gaukelten durchs Dunkel.
Im Wiesengrunde neben der Farm sahen wir dann die Wassermühle und hinter deren meterdicken Mauern die schweren, zweihundert Jahre alten Mühlsteine, mit denen einst Korn und manchmal auch Oliven gemahlen wurden. In der Mitte des riesigen Wohnraumes blickte man durch eine dicke Glasscheibe im alten Holzfußboden direkt in den Mühlenfluß, der unter dem Haus hindurchfloß. Die extra große Küche kündete von der Kochlust der Bewohner und war mit einem vom jetzigen Inhaber selbst gemauerten Specksteinbackofen ausgestattet.

Unser Dorf l’isle de Noe liegt malerisch auf einer Insel zwischen der Grand Baise und der Petite Baise und wurde von Pilgern gegründet. Ich glaube, es sieht noch genauso aus wie damals vor vielen hundert Jahren, kaum ein neues Haus ist zu sehen, alles malerisch morbide. Die uralten Mauern fast ohne Farbe, das Mauerwerk aus Naturstein aus der Gegend stört das Auge nicht. Im Gegenteil, es beruhigt und es ist gut, die alten Gebäude immer noch bewohnt zu sehen, man fühlt sich geborgen inmitten dieser Zeitlosigkeit.

Die völlig überdimensionierte Kirche aus dem elften Jahrhundert mit schönem offenem Glockenturm strahlt immer noch Ehrwürde aus. Dem imposanten, halb verfallenen, ehemals vornehm gelb gestrichenen Chateau im weiten, schattigen Schlosspark sieht man die lange herzögliche Ahnenreihe an.

Eine der beiden Straßen des Örtchens heißt Rue de President Wilson. Hier findet man den einzigen Bäcker, der die Einwohner zweimal am Tag mit dem unentbehrlichen Pain blanc versorgt. Außerdem kann man im kleinen Gemischtwarenladen die lebensnotwendigen Dinge kaufen. Die ebenfalls wichtige La Poste wird geführt von Gaston, dem Briefträger, allen Einwohnern bestens bekannt und immer zu einem Schwätzchen willkommen.

Doch Achtung! Einmal täglich wird dieses Dornröschendasein jäh unterbrochen, denn Punkt zwölf Uhr heult landauf/landab in den Dörfchen, ebenso wie in großen und kleinen Städten, die Feuerwehrsirene, um die heiligen Mittagsstunden anzukündigen, die keinesfalls durch Arbeit unterbrochen werden dürfen. Auf dieses durchdringende Signal hin - mich schmerzlich an meine Kriegskinderjahre erinnernd – werden eilig die Bürgersteige hochgeklappt und die Fensterläden geschlossen. Post und Banken, der Markt, alle Läden schließen, nur die kleinen Bars und Restaurants warten auf Gäste. Manchmal sieht man in den Straßen noch ein paar bedauernswerte Touristen oder einen streunenden Hund, auch schon mal einen armen Autofahrer, der nicht rechtzeitig sein Heim oder ein Restaurant erreichte.

Mit Maurice und Mauricette schlossen wir rasch Freundschaft, denn jeden Abend holten wir bei ihnen frisch gemolkene Milch und genossen unser Zusammensein mit einem Schwätzchen. Maurice und Mauricette sind warmherzige Menschen, die eine bescheidene Selbstzufriedenheit ausstrahlen, tief verwurzelt im heimatlichen Dorf. Sie scheinen eins mit der harmonischen Landschaft. Man muss sie lieben.

Ihre Gastfreundschaft kennt keine Grenzen. Bald wurden wir sogar zu familiären Festessen eingeladen, bei denen wir uns mühsam, weil ungewohnt, stundenlang durch die vielen Gänge aßen, wozu jeweils das passende Alkoholgetränk wie Wein, Cognac oder Champagner, gereicht wurde.

Mauricette ist eine exzellente Köchin, die man nicht durch Appetitlosigkeit beleidigen darf. Und Maurice konnte einfach nicht verstehen, dass ich keinen Alkohol trinke, nicht einmal Wein, der „doch überhaupt kein Alkohol ist“. Ingride, mais encore un peu“ bettelte er ein ums andere Mal und es brach mir fast das Herz, ihn immer wieder enttäuschen zu müssen. Dafür hatte die gesamte Großfamilie um so mehr Freude am Essen und Trinken, die Tafel wurde erst am späten Nachmittag aufgehoben, man erzählte und lachte viel, Späße flogen hin und her – schade, dass ich mangels genügender Französischkenntnisse so wenig davon verstand.

Auf ihrer kleinen Farm zogen Maurice und Mauricette vier Kinder groß und arbeiteten schwer, um ihren Kindern die beste Schulausbildung zu bieten. Ihr Leben war entbehrungsreich, denn damals holten sie das Wasser noch aus dem Fluss, wo nach alter Art auch die Wäsche gewaschen wurde, auch Elektrizität fehlte. Maurice verdiente seinen kargen Lohn als Straßenarbeiter und Mauricette arbeitete für die Herrschaft im Schloss.

Der Sommer ist in Frankreich traditionell eine Zeit der Fetes, die in den einzelnen Dörfchen und Städten mit phantasievollen Spruchbändern über der Hauptstraße viele Wochen vorher angekündigt werden und immer mehrere Tage dauern, manchmal auch eine Woche. L‘Isle de Noe macht da keine Ausnahme, ja, in diesem Sommer feierte man sogar zweimal. Maurice und Mauricette luden uns gleich nach unserer Ankunft zum Fete de Chauteau ein.

Dieses Fest wurde mit einem Abendkonzert im Schlosspark eingeleitet. Ein Laienorchester aus dem nächsten Städtchen spielte mit Hingabe langsam und vorsichtig klassische Musik vor der Kulisse des romantisch verfallenen Schlosses. Das festlich gekleidete Publikum auf den Holzbänken lauschte aufmerksam – eine Stimmung wie in einem dieser alten französischen Filme mit den langen Kameraeinstellungen. Die etwas brüchig-unvollkommen wirkende Musik vor dem morbiden Märchenschloss, der laue Vollmondabend mit huschenden Fledermäusen, singenden Nachtigallen, die weiten Rasenflächen unter hohen Schattenbäumen, dazu Sommerblütenduft – ein kleines Mädchen tanzte in sich versunken vor der Kapelle.

An einem anderen Abend gab’s ein großes Essen für über fünfhundert Gäste im Cave du Chateau, selbstverständlich mit mehreren Gängen und dazu die passenden Weinen, alles liebevoll von der Dorfjugend organisiert.

Außerdem besuchten wir zu meiner großen Freude einen Bal de Musette: Unter freiem Himmel spielte eine schwungvolle Akkordeonkapelle zum Tanz, da konnten selbst die vornehmen älteren Damen jenseits der achtzig nicht mehr stillsitzen.

Für den nächsten Tag wurde eine Sardinade Monstre angekündigt, ein großes Grillsardinenessen. Die Jugend durfte am Nachmittag auf „wilden“ Kühen reiten und sich abends vergnügen beim le Soire Disco avec le Podium Trans America. Die jungen und älteren Männer kämpften derweil im Schlosspark um den Sieg beim Boule-Spiel.

Nach und nach eroberten wir „unsere“ Gascogne und fühlten uns immer wieder in längst vergangene Zeiten zurückversetzt, eben „Mittelalter mit Elektrizität“, wie Hans es nannte. Hier scheinen die Uhren langsamer zu gehen, weswegen wohl auch in den Orten und Städtchen nie die Weihnachtsbeleuchtung entfernt wird, man lässt sie einfach das Jahr über hängen - im Sommer kann man schließlich noch das Fete damit illuminieren.

Manchmal wagten wir in der weltentrückten Stille der winzigen Städtchen kaum zu sprechen, wir flüsterten wie in der Kirche. Die dicken, zum größten Teil erhaltenen Stadtmauern und die wehrhaften Bastiden auf den Marktplätzen erinnerten uns immer wieder an die wilde, kriegerische Geschichte dieses Landes, wie auch anschaulich von Heinrich Mann in seinem großen historischen Roman „Henri IV“ beschrieben. Man mag sich heute nicht mehr vorstellen, dass angesichts dieser friedlichen Landschaft Soldaten, in schwerer Ritterrüstung schwitzend, sich gegenseitig umbrachten – vielleicht sogar bei herrlichstem Sommerwetter.

Immer wieder führte uns der Weg vorbei an riesigen Sonnenblumenfeldern mit den ausdrucksvollen, goldgelbbraunen Blüten wie leuchtende Kindergesichter, sanftmütig in die Sonne blinzelnd, denn im Tagesverlauf drehen sich ihre Köpfchen stets zum Licht.

Auf einem Ausflug ins nahe Spanien mit Maurice und Mauricette besuchten wir kurz Lourdes, diese Stadt der sich an den letzten Strohhalm klammernden gläubigen Kranken in ihren Rollstühlen, aber leider auch die Stadt des tausendfach zum Kauf präsentierten monströsen Heilige-Bernadette- und Mariä-unbefleckte Empfängnis-Kitsches.

Die Zeit verflog – zwischendurch empfingen wir Besuch aus dem heimatlichen Kiel. Aus diesem Anlass gaben wir ein großes Grillfest für unsere alten und neuen Freunde.

Ansonsten ließen wir uns träge in diese weiche Wald-Wiesen-Fluss-Ruhe fallen, lasen die vielen mitgebrachten Bücher, sonnten uns auf der Terrasse zwischen großen und kleinen Eidechsen, den geschäftigen Ameisenvölkchen und den schillernden Riesenkäfern, die immer irgendwo herunterfielen und dann mitleiderregend auf dem Rücken zappelten. Am Mittagshimmel kreiste hoch der Rote Milan, Schwalben jagten den ganzen Tag nach Futter für ihre Jungen. Um den weißen und lilafarbenen Spanischen Flieder flatterten die buntesten Schmetterlinge, ich zählte über zwanzig verschiedene Arten.

Und den Fischen im Fluss fügte Hans kein Leid zu – wenn auch unfreiwillig, denn viele Stunden verbrachten wir zusammen dort, wo die schwarzen Libellen fliegen und das Wasser über das ehemalige Wehr rauscht - Hans mit professioneller Angelausrüstung samt Angelschein. Aber die Fische in der Petite Baise schwammen ungerührt an den leckeren Ködern vorbei, zu meiner heimlichen Erleichterung, denn allzu gemein und Mitleid erregend finde ich einen Angelhaken im Fischmaul.

Fast jeden Tag besuchten wir einen der üppigen Bauernmärkte, kauften viel zu viel aus reiner Freude an der Riesenauswahl – immer mit dem leisen Bedauern über unser Unvermögen, alle köstlichen Verlockungen zu probieren. Nach dem Bummel dann tranken wir unseren café in einer dieser typisch französischen Bars, die man im Herzen mitnehmen möchte.

Abends erwarteten Maurice und Mauricette uns zum Schwätzchen. Oft saßen Freunde oder Verwandte dort. Man diskutierte laut und temperamentvoll und der zerfledderte Papagei in der Ecke pfiff dazu die Marseillaise(!). Natürlich hat man hier die gleichen Sorgen wie bei uns: In erster Linie die hohe Arbeitslosigkeit, besonders der Jugend, mit daraus resultierender Armut. Dazu ein hilflos reagierender, mehr oder weniger korrupter Staatsapparat. Und auch hier das weltweit wuchernde Phänomen, dass die Reichen auf Kosten der Armen immer schneller immer reicher werden.

Zum Abschied malte Hans für Maurice und Mauricette ein Bild mit Gascogne-Impressionen und hängte es ihnen ins Wohnzimmer über die Kommode. Mauricette schenkte mir zwei Gläser selbst eingekochter Entenleberpastete, die ich begeistert bei ihr probiert hatte.

Wehmütig fuhren wir heim mit dem festen Vorsatz, wiederzukommen, vielleicht eines nicht zu fernen bunten Frühlingstages.

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