Geburtstagsbrief - An unsere Tochter, die mit 19 Jahren ihr Leben beendete.

Liebe Beate,

Zum dreiundfünfzigsten Mal jährt sich der Tag, an dem Du, wie Deine Mutter erzählte, mit einem leisen Schrei auf die Welt kamst.

Du kannst leider nicht bei uns sein. Dein Bruder und ich sassen heute Mittag zusammen. In Gedanken warst Du in unserer Mitte. Ich hatte wie immer etwas gekocht und Ingrid, die Du nicht kennst, ass mit uns. Wie es denn so ist, wurden alte Geschichten erzählt. Erinnerungen an Deine Kindheit, mit allen kleinen Erlebnissen und Freuden, die so hoffe ich, auch Du als eine glückliche Zeit erlebtest. Nach der Entbindung in einer Klinik, kamst Du schon in der ersten Nacht Deines Lebens nach Hause. Die Leute, Die Deine Mutter und Dich brachten, gaben mir eine kleine Kartontasche, die ich fast achtlos hinter den Schrank im Schlafzimmer stellte. Ich dachte, es wären die Sachen Deiner Mutter, die inzwischen von den Helfern ins Bett gepackt wurde. An Dich habe ich garnicht gedacht.

Die Männer gingen. Nach einer Viertelstunde klingelte es. Sie kamen zurück und wollten die Kartontasche holen, die sie vergessen hatten. Da fragte ich sie, wo denn das Baby wäre. " Na," in der Tasche sagten sie fassungslos. Und seit dieser Zeit hiess es, wenn jemand fragte, wo Du denn geboren seis't, " nah, hinter dem Schlafzimmerschrank." Das, mein Mädchen, war Deine erste Nacht zuhause in der Nordstrasse Ecke Preussenring in Krefeld.

Dort machtest Du Deine ersten Schritte. Und als Du sehr früh zu sprechen begannst, warst Du eine Plaudertasche. Deine Berliner Großeltern nannten Dich Quasselstrippe. Du plappertest es nach und sagtest, Wasseltippe. Heute noch klingt es mir im Ohr.

Wir zogen dann bald in die Richard-Wagner-Strasse in eine grössere Wohnung. Du hattest ein schönes Gartenzimmer und fingst schon bald an, mit allen möglichen Dingen zu spielen. Hauptsächlich aber hast Du als kleines Mädchen viel gemalt. Später warst Du dann eine junge, wenn auch noch unbekannte Künstlerin.

Mein Beruf brachte es mit sich, dass ich Dich in den ersten Jahren Deines jungen Lebens nur morgens oder abends sah, wenn Du schon schliefst. Die Wochenenden aber gehörten unserer kleinen Familie, zu der auch bald Dein Bruder gehörte, der in Hüls auf die Welt kam und nicht hinter einem Schrank. Als Du ihn zum ersten Mal sahst, war Deine spontane Bemerkung " ist der schön." Da warst Du vier Jahre alt.

Du warst fünf,als wir nach Niederroden bei Frankfurt zogen, wo ich für das gleiche Unternehmen weiter tätig war. Dort kamst Du in die Schule. Ein Bild zeigt Dich noch mit einer grossen Tüte. Für Deinen kleinen Bruder warst Du immer eine liebevoll besorgte Schwester. Ich erinnere mich noch an einen Nikolausabend in Krefeld. Unser Verein, die Krefelder Musikfreunde, ein kleines Tanzorchster, dem ich angehörte, lud zur Bescherung. Als der Nikolaus Dich fragte, ob Du auch immer artig wärst, konntest Du es bedenkenlos bejahen. Aber Du bliebst mit Deiner Tüte vor dem Nikolaus stehen, der Dich fragte, ob Du noch etwas sagen möchtest. Ja antwortetest Du " ich möchte auch eine Tüte für meinen Bruder haben." Der war nämlich zu Hause geblieben unter der Obhut seiner Grossmutter.

Nach ein paar Jahren in Hessen zogen wir nach Kiel. Am Schrevenpark wohnten wir im Haus Schreventeich bei " Tante Helene," so wurde die resolute, aber liebenswürdige Hausbesitzerin genannt. In der grossen Wohnung mit Blick über den Park und auf den Teich hattest Du ein schönes Balkonzimmer. Basteln machte Dir immer Freude. Und wie stolz warst Du und natürlich wir auch, als Du beim Knusperhäuschen-Wettbewerb der Kieler Nachrichten einen Preis für Deine Arbeit bekamst. Zur Schule gingst Du in der Muhliusstrasse, bis Du auf eine weiterführende Schule wechseltest. Flötenunterricht hattest Du im Schloss, wo seinerzeit die Musikschule unter gebracht war. Und alles machte Dir Freude. Schulprobleme hattest Du nicht, im Gegensatz zu mir früher. Du warst immer fleissig, ich als Schüler weniger. Später im Leben habe ich das dann wett gemacht. Flink warst Du zur Freude Deiner Mutter, die Deine Hilfe in der Küche zu schätzen wusste.

Das war auch die Zeit, als Du in die Jugendgruppe des Kieler Renn-und-Reitervereins eintratest. Du lerntest reiten und teiltest Dir ein Pferd mit anderen Mädchen Deines Alters. Ein Schimmel war's und ihr schlepptet ihm Tüten voller Möhren in den Stall. Eigentlich hätte sein Fell von all der Möhrenfresserei gelblich-braun sein müssen. Und einen Teil der Schulferien verbrachtest Du auf dem Reiterhof von Nis Jul in Langholz an der Ostsee. Ich glaube, Du warst glücklich.

Nach Jahren am Schrevenpark zogen wir dann um in die Wilhelmshavenerstrasse, wo das Unternehmen, für das ich arbeitete eine Reihe Häuser besass.

Du warst kein kleines Mädchen mehr. Die Schule musstest Du noch einmal wechseln, was Dir nicht schwer fiel. Langsam führtest Du Dein eigenes Leben. Du gingest mit Freundinen aus und warst pünktlich wieder zuhause. Aber Eltern machen sich immer Sorgen. Deine Berliner Grossmutter, die nach dem Tode Deines Grossvaters nach Kiel zog, besuchtest Du häufig und sassest mit ihr auf der Gartenbank im Papenkamp, wo sie Dir alte Familiengeschichten erzählte, sie hatte viel zu erzählen. Von Deinen Urgrosseltern , die in Pommern, in Cammin am Bodden eine Bootswerft betrieben. Und von den Häusern Deiner Grosseltern in Bernau und in Heidebrink auf Wollin hinter den Dünen an der Ostssee. Du warst sehr wissbegierig.

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Aber wie es so üblich ist, wenn Menschen heranwachsen, entstand zu Hause eine leichte Entfremdung. Liebevoll gingen wir immer miteinander um. Aber manchmal waren wir auch etwas besorgt. Und diese Sorge sollte sich später bestätigen. Aber, liebe Beate, das ist eine ganz andere Geschichte.

Dein Bruder, der nun auch schon fünfzig Jahre wird und ich, sassen heute Mittag mit Ingrid am Tisch, denn Deine Mutter starb ja schon vor sechs Jahren, und wir dachten, wie schön es doch wäre, wenn Du mit uns am Tisch sässest.

Aber, mein Mädchen, das geht eben nur in unseren Gedanken und Herzen. Du starbst 1976 mit knappen neunzehn Jahren, aber irgendwie sitzt Du immer noch mit uns am Tisch. Und das nicht nur an Deinem Geburtstag.

In liebevoller Erinnerung Dein Vater                                                                                                                                                                                                   am 5. September 2009