Heringstöpfchen - Der Mörder, oder ein dummer Jungenstreich um 1936/37.


Samstag Vormittag. Es klingelt an der Türe. Meine Frau öffnet und ich höre von weitem ein Gespräch an der Haustüre. Meine Frau ruft wollen wir Heringe kaufen? Ich ging nach Vorne. In der Türe stand ein großer Mann mit einem kleinen Bunzlauer Topf in der Hand in dem sich wohl nach Hausfrauenart eingelegte Heringe befanden. Irgendwie kam er mir bekannt vor. Holländische Heringe nach Hausfrauen Art eingelegt in eine Lake von leichtem Essigsud und Zwiebeln sind eine Delikatesse. Er bot an, jeden Samstag den kleinen Topf auszutauschen. Der Preis stimmte und wir sagten zu bis auf Weiteres jede Woche einen kleinen Topf mit ca. 10 bis 12 eingelegten Heringen abzunehmen. Ich musste den Verkäufer, der  schon zu seinem Tempodreirad zurückgehen wollte immer noch anschauen. Dann wusste ich es. Es war Büb  Dreschmann, dessen Großmutter  mit uns im Hause wohnte und mit dem ich als Junge  manchmal  spielte.

Büb Dreschmann sagte ich unvermittelt. Das bist Du doch fragte ich ihn. Er schaute mich an. Erst etwas erstaunt und dann erinnerte er sich auch. Fander sagte er, Alte Linner Strasse. Das war vor über zwanzig Jahren. Wir schrieben jetzt das Jahr  1956. Wir wechselten  ein Paar Worte über Damals und das übliche -weißt Du noch-, dann musste er weiter, seine Heringe verkaufen, die alle  fein auf Regalen in seinem kleinen Lieferwagen Töpfchen an Töpfchen standen.

Damals,das muß 1936 gewesen sein. Ich war acht Jahre alt. Wir spielten im Halbdunkel noch auf der Wiese an der Leyenthalstrasse, in deren Mitte sich ein kleiner, mit Entengrütze überzogener Teich befand. Wie mir der Wettlauf in den Sinn kam weiß ich nicht mehr. Jedenfalls sagte ich damals wohl "komm wir laufen auf die andere Seite" wohl wissend, dass ich vor dem Teich angekommen, nicht weiterlaufen würde. Aber Büb Dreschmann lief weiter und plumste ins Wasser. Vielleicht hatte ich es auch als Streich so gewollt. Das Wasser war nicht tief, mit Entengrütze überzogen, und von der Wiese kaum zu unterscheiden. Aber er fiel auf die Knie und schrie wie am Spieß. Wäre er aufgestanden, hätte ihm das Wasser höchstens bis an die Oberschenkel gereicht. So aber war der Oberkörper bis zur Brust unter Wasser.

In der Nähe vorüber gehende Erwachsene holten ihn vom Uferrand aus dem Teich. Büb weinte. Er wohnte nicht weit, ein Mann brachte ihn nach Hause und mich dazu. Die Geschichte war schnell seiner Mutter erzählt. "Setz Dich ins Wohnzimmer" befahl sie mir. Inzwischen wurde Büb gewaschen und ins Bett gelegt.

Irgendwann, es muss so gegen neun Uhr abends gewesen sein, erinnerte sie sich wohl, dass ich noch in ihrem Wohnzimmer wartete. Sie sagte so etwas wie "hau ab nach Hause", was ich dann tat. Dort hatte man sich schon große Sorgen gemacht, wo ich sein könnte. In der Nachbarschaft wurde herum gefragt. Aber Niemand hatte mich gesehen. Als ich dann kam und die Geschichte erzählte, holte meine Mutter den Staubwedel mit dessen Stiel aus Bambusrohr ich hin und wider ein paar Streiche auf den Hosenboden bekam. So auch an diesem Abend und dann ohne jedes Abendbrot ins Bett.

Bübs Großmutter wohnte mit uns zusammen im Haus. Als sie von Ihrer Schwiegertochter hörte, was am Vorabend passiert war, lief sie entrüstet hinüber zu meiner Großmutter und sagte "Frau Billen, dat will isch öch eng sare, Öre Hans is ene Mörder" (Krefelder Mundart).

Seit dieser Zeit war das Verhältnis zwischen meiner Großmutter und Frau Dreschmann gespannt. Büb' s Großmutter war fest davon überzeugt, ich hätte mit meinen acht Jahren im Sinn gehabt, ihren Enkel im Teich an der Leyenthalstrasse umzubringen. Als ich viele Jahre später einmal den Teich sah, klein - fast nur eine Pfütze, konnte ich mir gar nicht erklären, wieso er mir als Junge so groß vorkam.

Den Teich gibt es schon lange nicht mehr. Nach dem Krieg stoppte man seine Wasserzufuhr und füllte das Becken mit dem Schutt zerstörter Häuser. Heute ist dort, wo der Teich einmal war eine grosse Wiese, auf der die Kinder nach Herzenslust spielen können.

Büb's Großvater, der im Souterrain des Nachbarhauses seine Schusterwerkstatt hatte, in die wir Jungen immer kommen durften, begrüßte mich dann immer mit "na do kömmt dä Mörder". Und es blieb so, bis wir fort zogen in ein anderes Stadtviertel. Und die Geschichte erzählten wir uns unter leichtem Lächeln auf der Straße vor dem Tempodreirad mit den Heringstöpfchen.

Ob Büb Dreschmann mir den üblen Streich wirklich je verziehen hat, weiß ich bis heute nicht. Vielleicht hat ihn ja der regelmäßige Kauf eines Heringstöpfchens etwas milder gestimmt nach zwei Jahrzehnten.