Karriere-Planung 1936-1938 in Aldekerk - Und dann kam alles anders.

Zwischen meinem achten und zehnten Lebensjahr begann ich meine Karriere zu planen. Zugegeben, im Laufe meines Lebens musste ich noch ein paar mal umplanen. Aber damals stand für mich fest, ich wollte Bäcker und Konditor werden.
 
Der Grund für meine frühe Entscheidung war eine Schublade in der Bäckerei und Konditorei von Onkel Hermann Hoever, dem Vetter meiner Mutter, in Aldekerk am Niederrhein.
Dorfstrasse um 1935
 
Als kleiner Junge fuhr ich öfter mit meiner Großmutter dorthin. Ihre Schwester Gertrud, eine geborene Loyens, war mit dem Bäcker Matthias Hoever verheiratet, den ich als einen Respekt heischenden Mann in Erinnerung habe. Vier Kinder wurden geboren. Hermann, Josef, Hubert und Käthe.
Natürlich durfte ich in die Backstube, wo es schön warm war, denn selbst heute friere ich noch machmal im Sommer. Der große Backofen wurde noch mit Briketts beheizt. In der langen Anrichte befand sich neben anderem eine Schublade, in die die Restkantenstücke der Kuchen kamen, die ja für die Auslage im Geschäft gerade geschnitten wurden. Ein süsses buntes Allerlei, das man von Zeit zu Zeit zusammen mischte, Mit Rum versetzte und zu Kugeln formte, die am Ende noch in Schokoladenstreusel gerollt wurden. Schon auf der Bahnfahrt nach Aldekerk dachte ich an die Schublade.
An das große Geschäfts-und Wohnhaus in der Hochstrasse Ecke Rheinstrasse kann ich mich erinnern, als sei ich gestern erst dort gewesen.
 

Ein paar Stufen führten in den Verkaufsraum. Der Tresen stand im Winkel. Daneben ein kleines Zimmer. Und links war das Cafe, mit den damals üblichen Stühlen und Tischen. Viele Jahre später, das Cafe war schon geschlossen, war dort ein Wohnzimmer eingerichtet. Im Gang zwischen Verkaufsraum und Backstube stand die von mir bewunderte Brotschneidemaschine. Ein langes hellfarbiges Monstrum. Und weiter links ging es in die Küche, wo Tante Käthe uneingeschränkt regierte. Gegenüber der Küche war die Backstube. Da war nicht nur die Schublade, die meine Berufswünsche anregte, sondern auch eine Brötchenteigteilmaschine. Durch Einlegen des Teiges und mit einem Hebeldruck, kamen immer gleich grosse Teigstücke hervor. Sie bekamen mit einem Messer noch einen Schlitz, bevor sie im Backofen verschwanden.
Der Junge auf dem Foto, mit seinem Chef Hermann Hoever vor dem Backofen, sollte das Bäckerhandwerk erlernen. Aber eigentlich wollte er Landwirt werden. Die Eltern hatten es anders bestimmt, da der ältere Sohn den Hof erben sollte. Eines Tages war der Junge verschwunden, er hatte sich im Wald vesteckt, weil er nicht Bäcker werden wollte. Brot, Brötchen und Kuchen backen entsprach nicht seinen beruflichen  Vorstellungen. Erst viel später, als sein älterer Bruder verstarb, konnte er den elterlichen Hof übernehmen und wurde ein guter Bauer.
 
Und dann waren da die zwei Teigknetmaschinen. Erinnerung kommt auf an den Geruch von angesetztem Teig, der dunkel in der rechten Maschine stand. Wenn die Erinnerung mich nicht trügt, gab es dazwischen noch eine Rührmaschine in die man verschiedenen Werkzeuge, wie Schneebesen etc. für besondere Arbeiten einspannen konnte. Dann vor dem Ausgang zum Hof war links der Raum, in dem das Mehl und andere für das Bäckerhandwerk wichtige Zutaten lagerten.
Kuchen vom "Profi" Matthias Hoever
 
Der Höhepunkt war im Sommer die Eismaschine, die vor dem Ausgang zum Hof stand. Vielleicht trügt mich ja meinen Erinnerung. Aber ich hatte immer den Eindruck, dass Tante Käthe, deren Großzügigkeit in der Küche unerreicht war, bei den Eisportionen etwas knauserte.
 
Über den Hof, von dem ein kleines Tor zur Rheinstrasse führte, ging es hinüber zum Haus, in dem der Bruder von Onkel Hermann, Josef Hoever sein Fotogeschäft und sein Maleratelier hatte.
 
Dazwischen war der Schweinestall. Im Krieg, wenn meine Großmutter von Krefeld nach Aldekerk fuhr, kam sie immer mit ein paar Gläsern Schweinefleisch, als Ergänzung zu unseren Lebensmittelrationen zurück.
Onkel Josef, der andere Vetter meiner Mutter, war Fotograf und Kunstmaler. Er hatte die Akademie in Düsseldorf besucht. Erinnerung kommt auf an ein Bild, " Der Mann mit dem Goldhelm ". Das Spiel von Licht und Schatten beindruckte mich tief.
Zur Hochstrasse war das kleine Fotogeschäft. Die Filme wurden damals noch vor Ort entwickelt. An den großen Fotokasten mit dem schwarzen Tuch kann ich mich noch lebhaft erinnern.
 
Der dritte Bruder Hubert war Organist und Musiker. Als er im Krieg sein Zuhause in Oberhausen durch die Bombardierung verlor, zog er nach St.Hubert, einem kleinen Ort am Niedrrhein. Amüsant fand ich immer die Namensgleichheit. Onkel Hubert in St. Hubert.
Onkel Hubert und Tante Trude
 
In der Familie erzählt man sich eine kleine Geschichte über die beiden Brüder. Eigentlich verstanden sie sich immer gut. Aber bei so engem Zusammenleben Haus an Haus kommt es mal zu kleinen Unstimmigkeiten. Der Anlass ist unbekannt. Aber irgendwann sprachen sie mal ein paar Tage nicht miteinander. Das hielt wohl keiner von ihnen aus. Es wird erzählt, dass sich nach einigen Tagen beide zur gleichen Zeit mit einer Buddel unterm Arm auf den kurzen Weg zum anderen machte, um die Meinungsverschiedenheit zu beseitigen. Im kleinen Gang zwischen den beiden Häusern sollen sie sich begegnet sein. Es ist zu vermuten, dass man aus beiden Flaschen trank. Die Folgen dürften zumindest eine leichte Müdigkeit gewesen sein.
 

Als ich größer war, fuhr ich mit meiner Mutter mit dem Rad nach Aldekerk. Es war damals eine gute Stunde Weg über die Landstrasse, die über Hüls und Rahm nach Aldekerk und weiter in Richtung Nieukerk und Geldern führte.
 

 
Onkel Hermann hatte inzwischen geheiratet. Lucie hiess seine Frau. Groß und Schön habe ich sie in Erinnerung. Der Senior Matthias Hoever war verstorben. Und Tante Lucie löste nun Tante Käthe im Geschäft ab. Vier Kinder kamen auf die Welt. Die Mädchen Gertrude und Josefine, sowie Hermann-Josef und Matthias. Josefine wurde das Patenkind meiner Großmutter. Es war damals üblich, die Namen der engsten älteren oder auch von verstorbenen Angehörigen an die Kinder weiter zu reichen.
Gertrude                 Gisela              Josefine       
Im Nachbarhaus, bei Onkel Josef war Tante Christine der gute Geist des Hauses. Bis heute habe ich nicht verstanden, wie man eine  so liebenswerte und tüchtige Frau nur " Stina " nennen konnte. Aber es war die Abkürzung von Christine. Ausser mir nahm wohl niemand daran Anstoss es war üblich so. Die Tochter Katharina (Kathrinchen) war die Älteste. Sie heiratete später einen Bauernsohn in Wachtendonk. Die Tochter Gertrude verstarb früh.
 

Dann war da Josef, der später bei der Firma Foto-Dörk in Krefeld eine Ausbildung als Fotograf begann und uns öfter besuchte. Als er heiratete, zog er nach Marienbaum. Er starb viel zu früh. Aber alle, die nicht mehr unter uns sind, empfinden wir ja als zu früh von uns gegangen. So werden die nach uns Verbleibenden wohl auch denken.
 

Und Franz, der bei der Firma Zangs in Krefeld als Techniker tätig war blieb in Aldekerk und heiratete Rose. Wären wir am Niederrhein geblieben, hätte sich Rose sicher mit meiner Frau Dieta gut verstanden. Und Werner, der etwas später das " Aldekerker Pflaster " betrat, leitete später verschiedene Postämter im Kreis Geldern.
Wir sahen uns damals öfter. Seinen Besuch in Kiel, am Krankenbett meiner Mutter werde ich nicht vergessen.
 
Hermann-Josef und Matthias Hoever wurden Bäcker und Konditoren. Matthias lernte in Krefeld und besuchte uns manchmal.
 

In den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts war ich mit meiner Frau und den Kindern noch machmal in Aldekerk. Meine Karriere als Bäcker und Konditor hatte ich schon Anfang des Krieges aus triftigem Grunde aufgegeben.
 
Wieder einmal zu Besuch in der Backstube bei Onkel Hermann, hatte er gerade Kastenbrote aus dem Backofen geholt und auf die lange Anrichte mit der bewussten Schublade gestellt. Kleinere Brote wurden in der Form mittels eines kleinen Blechs und einem davor gestellten Gewichtstein gebacken. "Du kannst schon mal die Gewichtsteine heraus nehmen", sagte Onkel Hermann. Tat ich dann auch. Aber er hatte vergessen mir zu sagen, dass die Formen erst vor kurzem aus dem Backofen kamen und noch alles sehr heiss war. Am ersten Gewichtstein verbrannte ich mir die Finger, die Hand wurde in Mehl getaucht. Ich weiss nicht mehr ob es half. Jedenfalls war danach meinen Traum Bäcker zu werden - Schublade hin, Schulade her - ausgeträumt. Aber Onkel Hermann hatte ja nun wirklich keine Schuld. Mit acht oder zehn Jahren kann man auch erst einmal fühlen ob die Sachen noch heiß sind.
 
Im Krieg fuhr meinen Großmutter öfter nach Aldekerk. Meine weitere Karriere aber begann 1942 als kaufmännischer Lehrling beim Erzeugergroßmarkt in Krefeld. 1944 wurde ich  "eingezogen" und konnte meine Ausbildung erst 1945 wieder aufnehmen, nachdem es mir gelang, aus einem Gefangenenlager der Amerikaner zu fliehen. Aber das ist eine andere Geschichte.
 
Viele Jahre war ich dann nicht in Aldekerk. Erst in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts führte mich der Weg beruflich öfter dorthin. Wenn es meine Zeit erlaubte, schaute ich mal auf "ein Butterbrot" (also eine viertel Stunde) vorbei. Und machmal war ich mit meiner Familie auch am Wochenende dort, bis ich beruflich nach Frankfurt zog und der Kontakt schon aufgrund der Entfernung nicht mehr möglich war. Vor ein paar Jahren, bei einer kurzen Reise ins Rheinland sagte ich nochmal "GutenTag" in der Backstube, wo damals die Brüder Hermann-Josef und Matthias noch zusammen arbeiteten, und auch bei Franz und Rose schaute ich vorbei.
Landschaft am Niederrhein

Die Frau eines gerade in Krefeld verstorbenen Freundes blies Zuhause Trübsal. Ich nahm sie damals einfach mit auf meine Fahrt nach Aldekerk und Wachtendonk. Ich denke die Abwechslung hat ihr gut getan und gezeigt, dass das Leben weiter geht. Bei dieser Gelegenheit zeigte mir Franz noch die Miniaturnachbildung der Aldekerker Kirche, die er gerade in Metall erstellte. Ich habe ihn bewundert.

Franz Hoever                     Josef Hoever
Werner Hoever um 1955

Der Gedanke, etwas über meinen Beziehung zu Aldekerk zu schreiben, kam mir, als ich meine kleine Postkartengeschichte schrieb. Sie ist in meiner Homepage zu finden. Schauen Sie diese einfach einmal an. Sie handelt von den verschlungenen Wegen, welche die Postkartensammlung meiner Großmutter, Josefine Loyens, später Billen nahm, bis sie nach über hundert Jahren, dank Internet, wieder den Weg zu einem Sammler nach Aldekerk fand.
 
Dennoch möchte ich nicht versäumen mich als Hersteller köstlicher Torten vorzustellen. Die Bilder mögen es bezeugen. Es war anlässlich eines Sommerfestes. Eine Malerfreundin veranstaltete jedes Jahr im Garten ihrer Kate in Langwedel ein Kuchenfest. Alle Leute aus dem Dorf und auch Freunde konnten mit Torten und Kuchen kommen. Die Stücke wurden verkauft und der Erlös einem guten Zweck zugeführt..
 

Das weckte in mit die Erinnerung an meinen ursprünglichen Berufswunsch. Nach kurzem Überlegen stand fest: Ich mache eine Torte. Eine Torte muss bei mir  groß, hoch und bunt sein. Also kaufte zum ersten mal im Leben die entsprechenden Zutaten. Bisquitböden, vier Stück. Zwei Kilo Butter. Vanillepulver und Milch. Puderzucker und bunte Lebensmittelfarben samt kleinen bunten Zuckerstreusel.
Damals hatte ich noch mein Atelier, wo ich arbeitete. Kurz und gut, es gelang mir eine Torte herzustellen, die meine Anforderungen an einen "ordentlichen" Kuchen standhielt. Die inneren Farben der Buttercreme waren blau-weiss-rot. Also nicht nur die Farben Frankreichs, mit dem ich ja eng verbunden bin, sondern auch die Farben Schleswig-Holsteins.
 
Am anderen Morgen in aller Frühe fuhren wir auf's Land nach Langwedel. Das verschlafene Gesicht meiner Malerfreundin werde ich nie vergessen: " Du so früh, warum? " Ich zeigte ihr die Torte, bei deren Herstellung ich schon von Ingrid den Eindruck hatte, dass sie mich für nicht ganz bei Sinnen hielt. Die Torte blieb dort, weil wir noch in der Probstei Termine hatten.
 

Am späten Nachmittag sagte ich dann, " lass uns aus Höflichkeit noch mal in Langwedel vorbei fahren." Bei der Ankunft gab es Applaus. Ich schaute mich um, konnte aber nicht sehen, wem der Beifall galt. Bis ich dann merkte, dass ich gemeint war. Ich hatte mit meiner Torte beim Wettbewerb in Langwedel den ersten Preis gewonnen. Es war ein kleiner Stuhl, den die Veranstalterin kunstvoll bemalt hatte. Da ich ihn nicht haben wollte, steht er nun in Ingrid's Diele als Erinnerung an einen Konditoraspiranten, der dann auf Wunsch der seinerzeit kopfschüttelnden Dame zu ihrem Geburtstag noch einmal seine Fähigkeit unter Beweis stellte und für sie einen Torte machte.
 

Wer weiss, vielleicht wäre doch ein ganz ordentlicher Bäcker und Konditor aus mir geworden.
 
So musste ich mich letztendlich damit begnügen Direktor in einem grossen Unternehmen zu werden, der als Pensionär ab und zu eine Torte herstellt. Aber wenn Onkel Hermann von oben auf diese Torten herabschauen kann, wäre er sicher der Meinung, dass aus mir auch ein ganz guter Bäcker und Konditor geworden wäre, hätte es damals nicht den heißen Gewichtstein gegeben. Und Onkel Josef würde mir als Kunstmaler wohl ab und an einen Tip geben, wie man ordentlich malt.
 
Vielleicht ist diese kleine Erzählung aber auch wieder ein Anfang, in späten Jahren eine Beziehung wieder zu beleben, die eigentlich nie abgebrochen, sondern nur unterbrochen war, die Beziehung zu Aldekerk und den Menschen, denen ich mich verbunden fühle. Die Beziehung zu dem Ort aus dem meine Großmutter und meine Mutter stammen, und wo auch der Name meines Großvaters Billen nicht ganz unbekannt ist.
Dann gibt es noch eine kleine Geschichte, die bei uns erzählt wurde. Matthias Hoever kann darüber Auskunft geben, dass vor langen Jahren, bei der Ausmalung der Kirche in Aldekerk, auch ein kleines Mädchen dort abgebildet wurde. Man sieht die Engeldarstellung in der oberen Vierung über dem Hauptaltar. Es ist meine Mutter, Maria Billen um 1908-1910. Die Malereien stammen von den Künstlern J. Rensing und G. Lamers.


 
 
Meine Mutter, Maria Fander, geb. Billen, war lange Jahre Sekretärin des
Arndt-Gymnasiums und der Staatlichen Studienanstalt in Krefeld. Für viele
Eltern und Schüler war sie manchmal, wenn sie Probleme hatten, schon
so etwas wie ein Engel.
 
 

Fotos :
Josef Hoever sr.                                                     
Josef Hoever jr.
Thomas Hoever
Richard Fander
Hans Fander                          
 
David Cuypers