Kiel nach dem Krieg

Kiel nach dem Krieg                          von Karin Schöniger

Ich bin nach dem Krieg in Kiel geboren, leider in den Hungerwinter 1947/48 hinein. Die Erwachsenen unserer kleinen Familie ernährten sich überwiegend von Steckrüben, die im Wurstkessel des Schlachters in der Nachbarschaft gekocht wurden. Wurst oder gar Speck waren allerdings nicht dabei, davon hat unsere Familie nur geträumt...
Als Baby war ich ein bisschen mickrig und gehörte damit zu der Gruppe der Risikokinder, für die ein Bezugsschein für spezielle Milchnahrung ausgestellt wurde. In dem bis heute gut erhaltenen 1888 erbauten Wohn-und Geschäftshaus in der Dahlmannstrasse 2, gab es die sogenannte „Milchküche", die Kindernahrung zu bieten hatte. Dort stellte man zum Beispiel Nahrung aus Trockenmilch unter besonders hygienischen Bedingungen her, und damit kamen viele Kinder wenigstens kalorienmäßig durch diesen bitterkalten und nahrungsmittelarmen Winter.
Meine Milchration ermittelte sich nach Alter und Gewicht, nicht nach Appetit, denn es gab zu viele untergewichtige Babys zu dieser Zeit. Wahrscheinlich habe ich diesen Muttermilchersatz aber nicht so wunderbar vertragen oder der Appetit war zu groß, denn ich raubte meinen Eltern, die damals wegen der großen Wohnungsnot noch bei meinen Großeltern im ehemaligen Kinderzimmer schliefen, jede Nachtruhe. Sie konnten den Morgen daher kaum erwarten. Ein neuer Tag, ein langer kalter Marsch zur Milchküche, so brachten sie mich durch den Winter.
Als ich schon viel älter war, machte ich einmal einen Spaziergang durch den Ratsdienergarten in die Dahlmannstraße und sah mir die alte Milchküche an.
Ein gut erhaltenes Haus im Stil des Neoklassizismus, meine Überlebensquelle.