Kinderland-Verschickung 1941 - Als nachts die Sirenen heulten usw.


Am Ende meines Aufenthaltes im KLV-Lager in Weißbach, habe ich in der damals noch üblichen Süterlinschrift, die Zeit mit ein paar Bildern in einem kleinen Heft niedergeschrieben. Ich fand es in alten Unterlagen und gebe es hier im Original weiter. Wie ich Weißbach nach Öffnung der Grenze zur DDR sah und erlebte, steht am Ende der Geschichte.

































Herr Gerber und seine Frau mit der ganzen Klasse.                             Im Vordergrund Frau Gerber, ganz hinten Herr Gerber.





Knabenberufsschule in Zwickau im Winter 1941.                                   Hausmeister Pfister, Lehrerin, Frau Pfister,Lehrer Arnold








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Anfang der vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts begannen die nächtlichen Bombenangriffe auf den Westen und Norden Deutschlands. Seinerzeit waren die Flugzeuge noch nicht so weit entwickelt, dass sie mit der Bombenlast und dem Treibstoff weitere Strecken fliegen konnten. Schliesslich mussten sie zurück zu ihren Flughäfen nach England, wenn sie nicht vorher durch die Flugabwehr oder so genannte  Nachtjäger (kleine wendige Flugzeuge) abgeschossen wurden.

Fast jede Nacht heulten die Sirenen. Für uns das Zeichen den Luftschutzkeller, der in jedem Haus eingerichtet war, aufzusuchen.

Das war der Grund, warum die so genannte Kinderlandverschickung eingerichtet wurde. Zunächst mit der Verschickung in Gastfamilien während der Ferienzeiten (siehe Stettin-Heidebrink). Ab 1941 wurden dann schon ganze Schulklassen für längere Zeit in KLV-Lager verschickt. Spätestens jedoch mit Beendigung des achten Schuljahres musste man wieder nach Hause, weil danach ab dem 14. Lebensjahr für die meisten Volksschüler die berufliche Ausbildung begann.

Unsere Gruppe ( Klasse ) war aus verschiedenen Schulen zusammengestellt. Betreut und unterrichtet wurden wir von einem Lehrer, der mit seiner Familie versetzt wurde. Dazu gehörte auch ein Jungvolkführer. Schliesslich waren wir ja alle in Jungvolk oder Hitlerjugend integriert.

Der wirklich nette Lehrer, Herr Arnold, begleitete uns nach Sachsen. Zunächst waren wir in der Knabenberufsschule in Zwickau untergebracht. Dort wurden wir vom Hausmeister, Herrn Pfister und seiner Frau betreut. Letztere war auch für die Küche zuständig. Für jeden Schüler gab es eine Gastfamilie, dort war man sonntags eingeladen. Aber auch in der Woche konnte man nach der Schulzeit und den verschiedenen Aufgaben, die wir zu erledigen hatten, dorthin. Für mich war es in Zwickau Fräulein Richter. Sie wohnte in der Großen Biergasse No.6. Eine nette ältere Dame. Die Wohnung war gemütlich und ein Klavier gab es auch. Meine Großmutter hatte mir mit auf den Weg gegeben, nur ja zu üben. Dass dies in Lagern nicht möglich war, konnte sie sich nicht vorstellen. Aber bei Fräulein Richter ging es. Wir blieben den Winter über bis April in Zwickau. An alle Menschen, mit denen ich damals zusammen traf, habe ich nur angenehme Erinnerungen. Herr Pfister war ein großer Mann mit einer gewaltigen Stimme. Von ihm wurden wir morgens geweckt. So erschreckend groß wie er war, habe ich ihn doch als einen liebevollen Mann in Erinnerung. Wir konnten uns immer an ihn wenden, wenn wir Bastelzeug brauchten, oder sonst ein Problem hatten.

Im April 1941 wurden wir nach Weißbach verlegt. Ein kleines Dorf, abseits der Strasse von Zwickau Richtung Schneeberg. Wieder lebten wir in einer Schule. Nach dem riesigen Schulkasten in Zwickau kamen wir hier ins Paradies. Helle Räume, eine schöne ländliche Umgebung. Der Pastorengarten mit vielen Obstbäumen gegenüber. Jeder wurde wie in Zwickau in eine Gastfamilie aufgenommen. Ich hatte per Zufall sofort zwei Familien, sie wohnten im gleichen Haus, die Familie Möckel und Familie Dietrich. Herr Möckel war Soldat und seine Frau Hausfrau mit einem kleinen Kind. Wenn ich mich recht erinnere, hatten sie in Friedenszeiten einen kleinen Betrieb, in dem Butter hergestellt und verpackt wurde. Möckels wohnten unten und Familie Dietrich im Obergeschoss. Ferne Erinnerung an Kuchen und gutes Essen, wenn ich an Sonntagen zu ihnen kam.

Der Schulbetrieb lief normal. Neben Herrn Arnold wurden wir auch von örtlichen Lehrern unterrichtet. Die Freizeit war ausgefüllt mit Sport, Bastelarbeiten und Ausflügen in die nähere und weitere Umgebung, einmal sogar nach Oberwiesental, wo wir auch übernachteten.

Gegessen wurde beim "Gerberwirt". Ein kleiner Gasthof etwas oberhalb der Schule. Betreut wurden wir dort von Herrn Gerber und seiner Frau, die in meiner Erinnerung eine ausgezeichnete Küche führte. Zum ersten Mal im Leben bekam ich " Grüne Klöße ", die seit dem bei mir zu bestimmten Gerichten gehören. Und dann " Grüne Bäckse " ( wenn ich mich recht an den Namen erinnere ), bei uns nennt man sie Reibekuchen. Ich habe Frau Gerbers Gerichte immer gerne gegessen. Und Jahre später in Asien, Afrika und sonst wo, dachte ich manchmal an Frau Gerbers Küche. Wie ich in feiner Süterlinschrift in meinem Tagebuch schrieb, es gab immer reichlich.

Neben dem Gasthof war ein Frisör, der für's Haare stutzen zuständig war. Vom Hang oberhalb des Gasthofes lief ein Forellenbach, dort haben wir einmal ein Brett quer gelegt. Das Wasser lief über die Wiese und die Forellen zappelten im trockenen Bachbett. Natürlich wurden wir erwischt, der Bongartz und ich. Die Strafpredigt hielt Herr Gerber vor versammelter Mannschaft mit der Einleitung: " Der Bongartz hat gemaust und der Fander hat Schmiere gestanden ". Also für Streiche hatten wir ausreichend Zeit und Gelegenheit, einschliesslich Obst klauen im Pastorengarten im späten Sommer.

Ich erinnere mich, dass etwas oberhalb des Gasthofes ein Lager mit russischen Kriegsgefangenen war. Verstohlen haben wir machmal, wenn wir uns unbeobachtet wähnten, Brot durch den Stacheldraht gereicht. Wir waren ja noch Kinder und konnten die ganze Tragweite des Geschehens nicht ermessen.

Ausflüge machten wir nach Schneeberg, Aue und Oberschlema, einem Radiumbad. In Schneeberg gab es ein Bergwerksmuseum mit beweglichen Elementen. Nach Oberschlema wanderten wir von Weißbach aus, versehen mit Verpflegung von Frau Gerber.

Während der ganzen Zeit, bis zu Beginn des Winters 1941 bis zu unserer Rückreise nach Krefeld, wurden wir von unserem Lehrer Arnold mit liebevoller Strenge geleitet und begleitet. Zu meinen Gasteltern bestand ein herzliches Verhältnis, das noch weit über die Zeit meines Aufenthaltes  in Weißbach hinaus bestand. Vor und nach Schliessung der Grenze zur DDR schickte meine Mutter, solange es ging, noch Päckchen an Fräulein Richter nach Zwickau und zu Familie Dietrich nach Weißbach. Da "Westkontakte" damals in der DDR verpönt waren, schlief die Korrespondenz ein. Ich selbst wurde 1944 eingezogen. Nach Kriegsende konnte ich die unterbrochene Ausbildung beenden. Die Wirren der Nachkriegszeit verbrachte ich zum Teil in Süddeutschland ( siehe " Einmal Melker und Schweinehirt "). Danach war ich im Ausland und kam erst in den 5o er  Jahren des vorigen Jahrhunderts zurück.

Nach Öffnung der Grenze zur ehemaligen DDR unternahm ich eine kurze Reise nach Zwickau, Weißbach und Umgebung. Alles war noch wie gehabt, dem Anschein nach. Dass sich natürlich in den Jahrzehnten vieles anders entwickelt hatte, war mir bewusst. Oberschlema und Aue wurden Abbaugebiete für Uran. Große Halden, leicht begrünt standen jetzt an Stelle der Wiesen und Wälder, an die ich mich erinnerte. Am oberen Ende der Schulstrasse stand ein Gasthaus und Hotel. " Gerbers Gasthof " war nun ein Frisörgeschäft, das früher nebenan war. Eine eigenartige Scheu hielt mich davon ab einzukehren, nach dem Verbleib der Familien zu fragen. Warum, ich weiss es nicht. Das alte Tagebuch von 1941 hatte ich dabei.

Und nun, achtundsechzig Jahre nach meinem Aufenthalt in Weißbach, schreibe ich die Geschichte des kleinen Jungen, der sich nach vielen Jahrzehnten immer noch gerne an den Aufenthalt in dieser damals kleinen Gemeinde erinnert. So nahm ich nach einigen Recherchen im Internet mit einer Familie Gerber in Langenweißbach, so heisst er Ort heute,Kontakt auf, um mich zu erkundigen, ob es noch Nachkommen der Familien Gerber, Möckel und Dietrich gibt. Freundlich verwies man mich an den Frisör des Ortes, Herrrn Oettler, der müsse mir mehr sagen können. Und dann stellte sich bei unseren Telefonat heraus, dass es sein Großvater war, der damals in Weißbach einen Herrensalon betrieb und uns " scherte ". Mal sehen wie es weiter geht mit meiner Weißbachgeschichte. Grosse Lust hätte ich schon, noch einmal dorthin zu fahren. Auch wenn heute alles anders ist. Aber das ist ja heute schon in kurzer Zeit um die nächste Ecke so.

Bei einem Besuch in meiner Heimatstadt konnte ich nur noch einen damaligen Mitschüler finden. Wir plauderten ein wenig über unsere Zeit in Weißbach und wie unser Leben verlief. Wie er mir erzählte, sind er und ich wohl die Einzigen der "  Weißbachklasse ", die heute noch " Grüne Klöße " und " Bächse " essen. Möge es noch ein Zeit so bleiben.

Im Juli 2009

Und das Internet ist immer für Überraschungen gut. Anfang 2010 erhielt ich einen Anruf aus Hamburg. Es meldete sich ein Rolf Lüthje, der auch in Weißbach war. Nur ein Jahr später als ich, 1942. Er hatte meine Geschichte im Internet gefunden, als er etwas über Weißbach suchte. Beim Gespräch stellte sich heraus, dass er Kieler war. Auch hier wurden also im Krieg Schülergruppen zusammengestellt, die in anderen Teilen des Landes eine Zeit verbrachten, um den nächtlichen Störungen ( Fliegeralarm etc. ) zu entgehen. Und kurze Zeit später meldete sich Hans-Werner List aus Oldesloe. Auch er ein "alter Weißbacher". Er kannte noch Leonhardt Sailer aus Kiel, der auch in Weißbach war.Rolf Lüthje war damals der " Lagerleiter des Jungvolks ". Seine Aufgabe war unter anderem die Planung der Freizeitgestaltung etc. Über das Kieler Stadtarchiv lernte ich Hans-Otto Rohde kennen, der uns noch mit interessanten Informationen versorgte.

Mein Vorschlag, dass wir uns einmal in Kiel treffen sollten, fand allgemeine Zustimmung. So trafen sich die ehemaligen Weißbacher am 16. April 2010 bei mir in Kiel. Es sind fast siebzig Jahre seit unserem Aufenthalt in Weißbach vergangen. Die paar Männer, welche die nachfolgenden Fotos zeigen, erinnern sich aber gerne an die Zeiten in Weißbach. Damals waren wir um die 12 bis 14 Jahre alt. Heute alle noch mobil und lebhaft interessiert an allem was geschieht. Möge es noch einen Weile so bleiben.    Kiel,26.Mai 2010                                                 
Rolf Lüthje                                     Leonhardt Sailer                     Hans-Werner List                 Hans-Otto Rohde