Korrespondenz - Korrektur falscher Vorstellungen.

Nachstehend Auszug aus der Korrespondenz mit einer patenten jungen Frau, die zwei Söhne von zehn und zwölf Jahren alleine erzieht. Und das sehr gut macht. Aber von Zeit zu Zeit braucht sie Abwechslung. Dann fährt sie ans Meer, in die Sonne. Oder sie geht tanzen. Einfach um mal den täglichen Stress los zu werden. Irgendwann meinte sie, ich hätte ja wohl eine Tanzschule besucht und könnte sicher gut tanzen. Um ihre falschen Vorstellungen von mir zu korrigieren, schrieb ich ihr die folgenden Zeilen. Diese sind der Einstieg in die Erzählung über meine Großmutter, in deren Obhut ich aufwuchs:

Sonne hin und Sonne her, sie wird ja nun nicht weniger.(Betonung auf  ger:  Dann reimt es sich.) Es ist jetzt kurz nach drei Uhr früh und ich habe die erste "Schlafrunde" hinter mir. Tanzstunde, dass ich nicht lache. Mit 16 Jahren wurde ich "eingezogen", erst RAD, dann Soldat. Getanzt habe ich in Drecklöchern, wenn es um mich krachte. Zuletzt in Löchern am rechten Rheinufer, bevor die Amerikaner mich und meine Kameraden gefangen nahmen und im Polizeipräsidium, einem Gebäudekomplex in der Cecilien Alle in Düsseldorf,  einsperrten. Manche meiner Kameraden haben diese "Tänze" nicht überlebt.

Liebe Frau...

Ich möchte das falsche Bild, was Sie möglicherweise von meiner Kindheit und Jugend haben,korrigieren. An meiner Wiege  wurde mir nicht gesungen, einmal Direktor in einem großen Unternehmen zu sein. Ich war vier, als meiner Mutter der Mann und mir der Vater "abhanden" kam. Die Gründe erzähle ich vielleicht ein andermal. 1932 war die Wirtschaftslage noch miserabler wie heute. Keine Sozialhilfe, kein Hartz Vier Geld mit Zuschuss für Wohnung etc. auch wenn es wenig ist. Und auf einer geschiedenen, selbst unschuldig, Frau lastete damals ein Makel.

Über Wasser hielt sich meine tüchtige Mutter mit dem Verkauf von Bürobedarfsartikeln an Firmen in meiner Heimatstadt Krefeld, als Untervertreterin eines Handelsvertreters in diesen Artikeln. Seinen Tod beschrieb ich schon unter "Brot holen". Sie fuhr im Sommer wie im Winter mit dem Fahrrad, bei Wind und Wetter. Und wer sass noch mit auf dem Rad? Ich, der kleine Junge, der dann von den Damen in den Firmen wohl ein wenig bedauert wurde und manchmal ein Stück Schokolade oder ein paar Bonbons bekam. Wenn es auch schon lange her ist, so habe ich daran doch noch eine gute Erinnerung

Geld, wie es heute gesetzlich geregelt nach einer Scheidung gerichtlich ausgehandelt wird, gab es zu der Zeit so gut wie nie. Meine Mutter war also vom Status her das, was man heute Alleinerziehend nennt. Nur erlauben Sie mir zu sagen, dass dieser Status gegenüber den heutigen Verhältnissen für die Betroffenen sehr, sehr miserabel war. Wir sprachen darüber, in welches Gymnasium nun der eine Ihrer Jungen gehen soll. Gedanken, in welche Volksschule ich wohl damals gehen sollte, musste meine Mutter sich nicht machen. Jeder kam in die Schule, die seinem Wohnort am nächsten war. Das war ein Gesetz. Und wer den "Grips" nicht mit brachte oder entwickelte, der kam in die Hilfsschule. Gerne hätte ich das Gymnasium besucht. Alleine schon der schönen Mützen wegen, die Oberschüler trugen. Sie waren daran ja als eine "Klasse besserer Schüler" zu erkennen. Und mit den alten Klassenkameraden spielten sie meistens auch nicht mehr. Sicher hätte meine Mutter mir gerne den Wechsel in ein Gymnasium ermöglicht, wenn es denn möglich gewesen wäre. Aber das kostete damals Schulgeld, was wir zum Leben brauchten. Viele Jahre später war meine Mutter dann die bekannte und beliebte Sekretärin im Arndt-Gymnasium, das ich gerne besucht hätte. Auch als Sekretärin des staatlichen Studienseminars meiner Heimatstadt war sie bekannt und geachtet.

Meine Großmutter, zu der wir später zogen, erhielt als Kriegerwitwe nach dem Tod ihrer Mannes, der kurz nach Ende des ersten Weltkriegs an seinen Verletzungen starb, Reichsmark 83,50 monatlich als Witwenrente. Die Rentenbescheide bewahre ich heute noch auf. (Meine Mutter und ihr Bruder waren damals 16 und 13 Jahre alt). Nur durch die Einkünfte von Mutter und Großmutter konnte sich die "Rumpffamilie" nach unserem Einzug bei der Großmutter über Wasser halten.

Mit 14 Jahren verliess ich die Volksschule( Grundschule) und trat 1942 im Krieg eine kaufmännische Lehre an. Meine Mutter, immer noch alleinerziehend, sah darin für mich und meine Zukunft einen Fortschritt,womit sie letztendlich Recht behielt. Der kleine Lehrjunge aus den Kriegsjahren war dann Jahre später ein leitender Mitarbeiter in einem bekannten grossen Unternehmen. Aber der Weg dahin war kein Spaziergang. Frust oder so etwas ähnliches kannte ich nicht. Es war seinerzeit noch ein Fremdwort. Folglich gab es auch nichts "weg zu tanzen". Ich war schon ziemlich früh erwachsen, zwangsläufig. Das Leben war meine "Oberschule".

Sie sehen also, dass hinter dem Bild des Mannes, den Sie nur ganz oberflächlich kennen, eine Vergangenheit steckt, die nicht beneidenswert ist. Und was wussten und wissen denn die meisten Menschen mit denen ich privat oder geschäftlich zu tun hatte von mir? Nichts! Mit Ihnen möchte ich gerne tauschen,"hörte ich manchmal". Aber gerne, war dann meine Antwort,"dann aber bitte mein ganzes Leben", nicht nur was sie heute sehen.

So, nun habe ich Sie ein"wenig", wirklich nur ein wenig hinter die Kulissen schauen lassen. Jeder versucht so zu leben, wie er es glaubt zu können. Aber viele könnten es auch anders, wenn sie es denn wollten. Und so sind bei mir die Menschen eingeteilt in die, die sich weiter entwickeln( sichtbar, wenn möglich) und die, die auf der Stelle treten. Letztere trampeln im übertragenen Sinne den Boden unter sich immer fester, ohne sich fortzubewegen. Und wer glaubt " Versäumtes" (was ist das eigentlich?) nachholen zu können, der kompensiert nur seine eigenen Illusionen und züchtet dadurch stets Neue. Der ganze Zirkus beginnt dann wieder von vorne. Wie üblich reden die netten Frauen und Männer mit ihren Freundinnen und Freunden darüber, wie schön alles sein könnte, ja wenn, ja wenn denn dieses oder jenes nur anders wäre. Danach bleibt alles beim alten. Aber man hat dann ja wirklich einmal alles herausgelassen ( Wind der Worte nennt A. de Saint Exuperie das), heraus getanzt oder sonst wie kompensiert. Fortschritt aber, den gestaltet man schon anders, wenn man es denn möchte. Und hinter dem oft zitierten"Ich kann nicht", steckt auch immer ein "Ich will nicht". Zumindest bei vielen unserer Mitmenschen. Natürlich habe ich nichts gegen Gespräche unter Freundinnen und Freunden, wenn die Situation es erfordert. Aber sie sollten hilfreich sein.

Nun überlasse ich Sie Ihren Gedanken über den Hans Fander, der Ihnen einen schönen Tag wünscht. Das Tanzen aber, habe ich erst viel, viel später in einer bekannten Kieler Tanzschule auf Wunsch meiner Frau erlernt. Sie konnte es. Und nach einiger Übung, gelang es mir dann auch.

 

Kiel im März 2009