Krisenpädagogik - Ein paar Gedanken

 

Bis vor ein paar Jahren hatte ich den Begriff Krisenpädagogik noch nie gehört. Pädagogik war für mich nur mit dem Begriff von Lehrer, Lehramt und lernen verbunden. Das Wort stammt ja aus dem griechischen und bedeutet Erziehung und Bildung. Natürlich hatten Lehrerinnen und Lehrer ihr Studium auf einer pädagogischen Hochschule absolviert. So kenne ich auch hier in Kiel eine Hochschule, die der Universität angegliedert ist. Als mittelmäßiger Schüler, - die Addition meiner Noten ergab immer eine anständige Summe, - war Lernen mir oft ein Gräuel. Als ich viele Jahre später, bei einem kurzen Aufenthalt in meiner Heimatstadt meine frühere Lehrerin Frl. Klein traf, sagte sie nach unserem Gespräch, dass aus Dir noch einmal was würde hätte ich nie gedacht. Sie war eine Lehrerin, die versuchte mein Denkvermögen ohne Unterstützung durch den Rohrstock zu fördern. Ohne die Hilfe meiner klugen Mutter und Schulzwang, hätte ich die Schule am liebsten schon im dritten Schuljahr verlassen, um einen „ vernünftigen Beruf" zu ergreifen. Damit musste ich dann noch ein paar Jahre warten, etliche Nächte und Tage im Luftschutzkeller verbringen, zweimal die so genannte Kinderlandverschickung mit machen, um dann endlich 1942 eine kaufmännische Lehre zu beginnen. Wie man so sagt, erlernte ich den Beruf des Kaufmanns von der Pieke auf. Ich erinnere mich, dass man mir damals im ersten Lehrjahr schon Verhaltensregeln vermittelte, die in Teilbereichen schon Elemente der heute bekannten Krisenpädagogik enthielten. Nur waren es keine wissenschaftlichen Darlegungen. Ich lernte von meinem "Lehrherren" das zu benutzen, was sie gesunden Menschenverstand nannten. Und darunter verstanden  sie den guten Umgang mit sich selbst und anderen, zum Wohle aller. Und ich habe die Herren Stockrahm und Topesch vom Erzeugergroßmarkt und der Landwirtschaftlichen Absatzgenossenschaft in Krefeld heute, nach vielen Jahrzehnten noch in guter Erinnerung. Hier sozuagen mein posthumes Dankeschön für ihre Grundlagenarbeit.

Seit es Handel und Kaufleute gibt, mussten sie versuchen alles zu vermeiden, was ihrem Geschäft schaden könnte. Also mögliche Konflikte rechtzeitig erkennen, Partner versöhnlich stimmen, um Grundlagen für die weitere Zusammenarbeit zu schaffen. Kurz gesagt, mögliche Probleme erst gar nicht entstehen zu lassen. Hierin lag der Sinn von Unternehmensführung, die ja immer auch die Führung und die enge Zusammenarbeit mit Menschen als Voraussetzung hatte und noch immer hat. Alle möchten und sollen in ihrer Tätigkeit auch einen Sinn erkennen. Und darüber hinaus auch in ihrem ganzheitlichen Leben.

Als Leiter großer Außendienstorganisationen mit Innendienstmitarbeitern/innen war es auch meine Aufgabe wie schon im vorigen Abschnitt erwähnt, Probleme erst gar nicht entstehen zu lassen. Das galt nicht nur für den internen Betrieb, sondern auch für die kundenorientierte Arbeit. Letztlich verdienten wir alle hier unser Einkommen als Existenzgrundlage. Ich erinnere mich, dass man mir damals im ersten Lehrjahr schon Verhaltensregeln vermittelte, die in Teilbereichen immer schon Elemente der heute bekannten Krisenpädagogik entsprachen. Nur waren es keine wissenschaftlichen Darlegungen. Es war die Vermittlung von Grundregeln für das Leben, die mir aber auch von meiner Mutter und Großmutter beigebracht wurden.

Schon immer hatte ich eine gewisse Abneigung gegen Begriffe, die ich nicht verstand und deren Herkunft ich erst erforschen musste. Ich erinnere mich an einen Krankenhausaufenthalt, wo Ärzte ihre Eile damit entschuldigten, sie müssten noch zu einem Symposium. Ein Mitpatient fragte mich, ob da ein Unfall passiert sei. Als ich ihm erklärte, dass ein Symposium eine simple Besprechung der Ärzte ist, meist von ihrem Chef angeordnet, sagte er, ja das können die doch auch auf deutsch sagen. Bei solchen Fremdwortbenutzungen, die in bestimmten Berufen auch Sprachgrenzen überschreiten, handelt es sich auch manchmal, um berufliche Wichtigtuerei. Nein, nicht immer, aber oft.

Und so erging es mir auch, als ich zum ersten Mal den Begriff Krisenpädagogik von einer Bekannten hörte, ihn aber falsch zuordnete. Zunächst war ich etwas erstaunt, übersetzte ich doch den Begriff für mich in Erziehung zur Krise. Nach einem kurzen Gespräch wusste ich dann, dass der Umgang mit einer Krise, also mit einem Problem gemeint ist, was unter Menschen in den verschiedensten Situationen ja immer vorkommen kann und vorkommt. Na, darin hatte ich ja Erfahrung. Ich lernte ihren Partner kennen, der mehrere hervorragende Bücher über das Thema Krisenpädagogik geschrieben hat. Nein, dieser Begriff hat mit Wichtigtuerei nichts zu tun.

Das war Anlass für mich, weitere Literatur zum Thema Krisenpädagogik zu suchen und zu erstehen. Ich wusste inzwischen durch Gespräche, dass die Anfänge der Krisenpädagogik u.a. auf der von Viktor E. Frankl gegründeten Logotherapie beruhte. Hegels Philosophie des Bewusstseins gehört ebenfalls zu den Grundlagen. Es ist erfreulich, dass die Lehre zur Erkennung und Bewältigung von Krisen/Problemen heute zu einer anerkannten Disziplin im universitären Bereich gehört. Das ist letztlich das Verdienst des Mannes, den ich seinerzeit kennen lernte und unter dessen Namen die Krisenpädagogik sich zu ihrer heutigen Bedeutung entwickelte. Ich habe vieles auch von andren Autoren gelesen und das meiste für gut befunden. Jedenfalls konnte ich nun auf Grund meiner langjährigen Erfahrungen zu mir selber sagen, in meinen Zuständigkeitsbereichen, beruflich wie privat ein Krisen/Problemerkenner und Krisen/Problemlöser zu sein, ohne jemals dafür eine Ausbildung oder gar ein Zertifikat erhalten zu haben. Es gehörte einfach zur kaufmännischen Ausbildung und zur erfolgreichen Ausübung meines Berufes. Hätte es aber damals schon Literatur über Krisenpädagogik gegeben, wäre ich sicher ein eifriger Leser gewesen.

Im Laufe meines nun schon ziemlich lange währenden Lebens, voll gepackt mit mannigfaltigen Erlebnissen und Erfahrungen, haben mich immer Menschen und ihre Verhaltensweisen interessiert die einem breiten Publikum ihre Thesen vortrugen. Meine stille Frage war immer, leben sie auch das, was sie anderen empfehlen. Gibt es da Lücken? Haben sie gar selbst Probleme, die sie vielleicht bewusst oder unbewusst hoffen, durch Kundtun ihrer Thesen zu überwinden. Vor langer Zeit sah ich in einer kriegerischen Umgebung einen Feldgeistlichen, der über seinem Kreuz auf der Brust eine Maschinenpistole trug. Was sucht er hier war meine stille Frage und mein bisschen Glaube wankte bei diesem Anblick noch mehr. Das ist ein extremes Beispiel. Im Laufe der Zeit stellte ich immer wieder fest, dass bei vielen Menschen Reden und Handeln nicht im Einklang miteinander standen. Aus nichtigem Anlass wurden Äußerungen gemacht, bei denen ein Krisenpädagoge sozusagen als „Eingreiftruppe" bei einem Krisenpädagogen richtige Arbeit gehabt hätte. In dem Fall, so erlebte ich, waren hier nicht wiederzugebende Äußerungen gemacht worden. Hier wurden sicher die zwei Seiten einer Medaille ständig herumgedreht. Herr vergib, so soll Jesus am Kreuz gesagt haben, sie wissen nicht was sie tun. Im von mir erlebten Fall schließe ich mich dieser Bitte an.

Aber ich möchte für die Krisenpädagogik eine Lanze brechen. Sie kann vielen Menschen helfen zu lernen, im privaten und beruflichen Leben   Krisen/Probleme rechtzeitig zu erkennen, oder sie durch Anwendung der gewonnenen Erkenntnisse zu lösen. Hier verweise ich wieder auf den gesunden Menschenverstand. Allen aber die in diesem interessanten Zweig der Pädagogik ihre Mitmenschen beraten ist zu wünschen, dass sich ihr Reden und ihr Handeln immer miteinander im Einklang befinden und dass sie in Situationen wo sie sich einmal selbst betroffen fühlen gelassen bleiben, so wie sie es anderen empfehlen. Sonst wäre ihre Glaubwürdigkeit in Frage gestellt.

Die Bestätigung, dass man an Seminaren teilgenommen hat, muss nicht bedeuten, dass eine Teilnehmerin oder ein Teilnehmer  nun die Fähigkeit erworben hat, anderen Menschen aus der Krise zu helfen. Sicher kann die Teilnahme an solchen Seminaren aber dazu führen, im eigenen Leben sich anbahnende Krisen zu erkennen und ihre Ausweitung zu vermeiden. Und das wäre für jeden Teilnehmer schon ein Gewinn an Lebensqualität.

Gespräche mit geeigneten, wirklich qualifizierten und selbst "krisenfesten" Krisenpädagogen/innen können dazu beitragen, Konflikte/Krisen mit sich und anderen zu lösen und je nach Stand der Kenntnisse und Erkenntnisse eventuell künftig zu vermeiden.