Lüthje's Stories - Geschichten die das Leben schrieb.

Ich telefonierte mit Rolf Lüthje, einem Kameraden aus fernen Jugendzeiten, der auch damals in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in Weißbach war und heute in Hamburg lebt. Er hatte meine kleine Geschichte über die Kinderlandverschickung gelesen. Schreib doch auch mal was, Du hast doch viel erlebt sagte ich zu ihm. Schicke es mir rüber und ich setze es in meine Seiten. Hier ist seine erste Storie.


Willibald B... war ein eingefleischter Junggeselle. Er hatte ein großes Hobby, Essen und das reichlich und gut. Entsprechend war auch seine Figur. Klein, dick und rund, der Kopf mit einem feinen Haarkranz.

Ein Mann, immer fröhlich und zu manchem Spass aufgelegt. Jeder musste damit rechnen, von ihm auf die Schippe genommen zu werden.

Eines Tages lernte er eine Frau kennen. Und wo die Liebe hinfällt, ist ja vieles möglich. Willibald wohnte zu dieser Zeit in Lütjenburg und seine Käthe in Kiel. Ein Umzug war bald geplant. Dies alles geschah in den Jahren gleich nach dem Krieg. Alles war knapp und nur mit Beziehungen konnte man einen offenen LKW und Benzin bekommen.

Nun gut. Alles war organisiert. Gute Freunde halfen. Die Sachen waren verladen und die Leute sassen auf dem offenen Wagen. Während unserer Fahrt nach Kiel hatte unser Willibald einen Sack mit alten Schuhen in den Strassengraben geworfen. Die Freunde sahen nun endlich eine Gelegenheit, sich für die vielen Streiche die er ihnen gespielt hatte zu revanchieren.

Da sie auf dem Rückweg alleine waren, haben sie den Sack mit den Schuhen aus dem Graben wieder mitgenommen.

Von da ab bekam Willibald in unregelmäßigen Abständen kleine Pakete mit wunderschön eingepackten alten Schuhen aus immer anderen Orten zugeschickt. Er ist nie dahinter gekommen, wie das möglich war, denn die Freunde waren schlau. Jeder nahm ein paar mit in den Urlaub und schickte sie von dort ab.

Jahre später, ich glaube zu seinem fünfzigsten Geburttag, haben sie es ihm gebeichtet. Es war ein fröhliches Fest. Ich sagte ja schon, Willibald liebte gutes Essen.

Ich war dabei, denn er war ein liebenswerter Mensch.


Damals war's...

Noch erinnere ich mich genau. Es war der kalte Winter von 1946 auf 1947. Ich saß in meiner Kammer beim Bauern. Ein kleines Dorf in Holstein. Keine Heizung, keinen Zeitung, kein Radio. Abgeschnitten von der übrigen Welt. Hier stand die Zeit still.

Meine Kammer an der Diele war ein Bretterverschlag. Kein Ofen, kein Wasser und kein Licht. Es war lausig kalt. Das Eis war dick an der Wand. Das Bett, ein Strohsack. Aber es gab gutes Essen, was es damals nicht immer und nicht überall gab.

Da sass ich nun, 20 Jahre alt und dachte daran, was in meinem bis dahin kurzem Leben alles passiert war.

Die Vergangenheit lag in Trümmern. Das Elternhaus in Kiel zerbombt. Mit 18 Jahren wurde ich Soldat und kam nach einer Kurzausbildung als Fallschirmjäger an die Westfront. Da es gegen Kriegsende nichts mehr zum springen gab, Flugzeuge hatte die Luftwaffe nicht mehr, wurden wir als Pioniere eingesetzt. Wir waren doch erst Jugendliche, dem Kindesalter kaum entwachsen und erlebten nun die Grausamkeit des Krieges.

Warum und wozu ? Viele Kameraden starben. Ich geriet in Amsterdam in Gefangenschaft. Auf einer großen, offenen Wiese lagen wir zu hunderten.
Parolen verkündeten, dass Bergleute und Männer mit landwirtschaftlichen Berufen zuerst entlassen würden. Die Versorgung der Bevölkerung in der Heimat musste gesichert werden. Wir hatten in unseren Soldbüchern unter der Rubrik Beruf keine Eintragung, da wir ja von der Schule aus eingezogen wurden. Ein alter Reserveoffizier hatte dann die Idee und schrieb in unsere Soldbücher Berufe, die einer schnellen Entlasung aus der Gefangenschaft dienten. Viele waren dann plötzlich Melker. Aber alle konnten schließlich nicht Melker sein. Ich wurde dann Student der Landwirschaft. Mit dem Entlassungsschein in der Tasche und vom Regen durchnässt machten wir uns im Mai zu Fuß unter Bewachung auf den Weg nach Deutschland.

Die nächste Station war ein Lager in Segeberg. Aber eine Zuzugsgenehmigung in meine Heimatstadt wurde mir zunächst verwehrt. Wir bekamen alle ein gelbes Stoffdreieck auf unsere Jacken geklebt, dass nachts auch leicht leuchtete. Es galt für die Besatzungssoldaten als Zeichen, dass wir aus der Gefangenschaft entlassen waren. Alle waren angehalten, uns nach Möglichkeit behilflich zu sein unsere Heimatorte, oder eben einen zugewiesenen Ort, an dem wir arbeiten sollten zu erreichen.

Ich hatte Glück. Auf halbem Wege von Segeberg nach Kiel fuhr eine kleine Wagenkolonne aus Mercedes Fahrzeugen an mir vorbei. Ich hielt den Daumen hoch. Ein Wagen hielt und nahm ich mit. Sie waren auf dem Weg nach Flensburg, wo damals auch nach Kriegsende noch eine kurze Zeit die letzte deutsche Regierung unter Admiral Dönitz residierte.


So bin ich letztendlich in einem schwarzen Mercedes der letzten deutschen Regierung nach Hause gekommen.

 

Auf dem Lande.

Nach meiner Rückkehr fand ich Arbeit auf einem Bauernhof. Als angeblicher Student der Landwirtschaft wurde ich aus der Gefangenschaft entlassen und mußte bei einem Bauern arbeiten. Das Wichtigste aber war zunächst das gute Essen. Ich war ein Bursche von 1.84 Zentimetern und wog gerade einmal 45 Kilo. Zu schwach um auf einen Pferdewagen zu kommen. Aber das gute Essen und die Arbeit an der frischen Luft trugen dazu bei, dass ich nach einem Jahr um die 90 Kilo wog. So fiel es mir leicht morgens und abends noch 10 Kühe von Hand zu melken ( Melkmaschinen gab es damals noch nicht ), auch wenn ich den ganzen Tag auf dem Feld hinter Pflug oder Egge gelaufen war.


Eines Tages fragte ein Freund, ob wir schon die neuesten Schlager kennen würden? Er hatte sich in Kiel auf dem " Schwarzmarkt " ein kleines Radio besorgt. Das war eine Sensation, waren wir doch fast von der Welt abgeschnitten. Dann hörten wir Rudi Schurike, der die " Caprifischer " besang. Und zum ersten Mal hörten wir amerikanische Musik. Eine neue Welt tat sich für uns auf. In größeren Nachbardörfern traten kleine Bands auf, die Benny Goodman's Melodien und die anderer bekannter Komponisten und Musiker spielten. Kilometerweit sind wir bei Wind und Wetter gelaufen, um dabei zu sein.


Damals besaß ich nur eine Hose, ein paar gebrauchte Halbschuhe und eine Jacke, die auch schon bessere Tage gesehen hatte. Alles wurde aufgehübscht und dann ging es los. Aber es gab ein Problem. Tanzen und Mädchen. Zwar hatte ich früher eine Tanzschule besucht. Nur die neuen Tänze kannte ich nicht. Natürlich gab es bei den Bemühungen eine gute Figur zu machen viel Gelächter. Schliesslich wollten wir ja bei den Mädchen Eindruck machen. Die einheimischen Burschen hatten aber etwas gegen die Konkurenz.


Vor ihrem Anführer wurde ich gewarnt. Mit dem sollte ich mich nur nicht anlegen, er hätte überall gute Beziehungen. Aber wie es so ist, entwickelte sich im Gespräch mit ihm eine Eigendynamik, die nur noch auf dem Hof nahe des Misthaufens ausgetragen werden konnte. Hierzu muss man wissen, dass früher auf dem Lande zu einer Gastätte auch fast immer eine Landwirtschaft gehörte. Dort stellte sich dann schnell heraus, dass er mit dem Mund mehr konnte, als mit den Muskeln.


Plötzlich lag er dann mit seinem schönen Anzug neben dem Misthaufen in der Jauche. Und ich hatte ihn doch nur ein bischen gedrückt. So wie er war, habe ich ihn zurück in den Saal gebracht, wo Riesenjubel ausbrach. Der Möchtegern-King des Tanzbodens, wurde dort nie mehr gesehen. Ich aber bin dort heute, nach 63 Jahren noch immer ein gern gesehener Gast.


Und machmal bedauere ich, dass man heute mit Leuten die uns nicht gut tun, nicht neben Misthaufen und Jauchekuhlen......... aber lassen wir das.

 

Krebssuppe...

Damals, als wir noch Kinder waren, war unser Spielplatz natürlich der Kieler Hafen. Wir waren 1938-39 ca. 12-13 Jahre alt und zu allerhand Streichen aufgelegt. So waren wir im Sommer immer scharf auf die Krebse, die in dem damals noch klaren Wasser im Kieler Hafen zu sehen waren.

Ein Kescher wurde schnell selbst gebastelt. Aus einem Stück Weidedraht, von Mutter ein Stück alte Gardine und von Knutzen einen Bambusstock zu 10 Pfennig. Damit turnten wir unter den Anlegebrücken herum um Beute zu machen. In der einen Hand Eimer und Kescher, und die andere Hand zum Halten, um nicht ins Wasser zu fallen. Es war natürlich streng verboten dort zu fischen oder zu angeln oder Krebse zu fangen. Die Polizei kontrollierte das Gelände und achtete darauf uns möglicherweise zu erwischen.

Wir hatten immer einen Posten aufgestellt, der pfiff, wenn sich eine Uniform näherte. Und dann hieß es laufen, laufen, laufen ! Ab und zu erwischten sie aber doch einen von uns. Dann wurde ein Protokoll gemacht. Name Adresse u.s.w. wurden notiert. Natürlich hatten wir Angst vor dem möglichen Donnerwetter zu Hause, wenn ein Protokoll kommen würde.

Das Gemeinste aber war , dass die Polizisten den Eimer mit den Krebsen kassierten. Aber von der Polizei kam nie eine Anzeige. Wir waren bald der Meinung, auch Polizisten essen gerne mal eine leckere Krebssuppe.

 

Seebad Düsternbrook in Kiel

Einige Jahre später waren wir im Sommer ständig im Seebad Düsternbrook am Hindenburgufer. Das Schwimmen war auch Vorwand um schon mal nach den Mädels zu schauen. Aufregend! Einer von uns meinte, daß man Rettungsschwimmer sein müßte. Das würde tollen Eindruck machen. Gesagt, getan. Wir besorgten uns die Unterlagen bei der DLRG. Und nun ging es los! Erst Theorie. Pauken . Aber wir wollten alle die Prüfung als Rettungsschwimmer machen. Nur hatte die Sache einen Haken. Der Mann, der die Prüfung abnehmen musste, war der Bademeister.

Ein Mann von zwei Metern und breit wie ein Schrank. Eine Respektsperson! Leider waren wir bei ihm schon oft wegen etlicher Streiche aufgefallen. Er hatte uns sozusagen auf dem Kieker. Die Anmeldeformulare mussten bei ihm abgegeben werden. Er sah uns erstaunt an und sagte : "Das lasst man, das werdet ihr doch nicht schaffen. Dadurch war unser Ehrgeiz geweckt. Um es kurz zu machen, wir bestanden die theoretische Prüfung mit Auszeichnung.

Nun kam aber noch die Praxis. und wir hatten den Verdacht, dass unser Bademeister noch etwas mit uns vor hatte, um uns zu ärgern. Er spielte dann immer die hilflose zu rettende Person im Wasser. Er, der Riese und wir die schmächtigen Jünglinge, die ihn nun retten sollten. Im Unterricht hatte er immer gesagt, dass der Ertrinkende sich immer in seiner Angst an den Retter klammern würde, und somit beide in Gefahr kämen zu ertrinken. Man solle immer hinter ihm auftauchen, um dann den Rettungsgriff anzusetzen.

Aus Spaß hatte er mal gesagt, es sei einfacher, einen kraftlosen Menschen zu retten. Die Schikane kam dann noch. Er setzte die Prüfung auf den letzten Tag der Badesaison fest. Wassertemperatur 13 Grad. Es war kalt! Sehr kalt ! Kein Mensch im Bad. Nur Er und Wir. Genüsslich grinste er und sagte: "Das schafft ihr sowieso nicht." Stimmung gleich null. Wir waren alle ärgerlich. Ich war der Erste, der den riesigen Bademeister retten sollte.

Im Wasser kam er dann wie ein Berserker auf mich zu um mich zu umklammern. Schnell bin ich abgetaucht und hinter ihm wieder hoch. Allen Mut und Ärger habe ich zusammen genommen und ihn anständig geknufft. Alle haben laut gelacht. Aber er hatte uns ja beigebracht, dass man ruhige, dem Ertrinken nahe Leute besser bergen kann, als wild um sich schlagende. Er war so verdutzt, daß ich ihn in aller Ruhe " retten " konnte. Bei den Anderen ging alles glatt. Er brummte nur noch, „nachher in meinem Büro". Dort bekamen wir unsere Urkunden. Dann sah er uns der Reihe nach an, und begann schallend zu lachen.

Stolz trugen wir später das aufgenähte Abzeichen der DLRG auf der Badehose. Überall waren wir gern gesehen als Helfer der Bademeister. Und mit den Mädels hat es dann natürlich auch geklappt. Es waren unsere ersten, zaghaften Annäherungsversuche.