Meine Fahrräder - Jetzt fahre ich schon fast 30 Jahre mit meinem Kettler-Rad.

 

Cilly Anschütz hiess sie, wohnte gemeinsam in einem Haus mit meinen Großeltern väterlicherseits und war blond, ich knapp fünf Jahre alt und verliebt. An Kindergartenlieben erinnere ich mich nicht mehr, waren wohl nicht so herzbewegend. Aber Cilly bewunderte ich auch wegen ihres Vaters. Der fuhr einen Lastwagen, was mich beeindruckte. Sie war ihrem kleinen Fahrrad entwachsen. Das stand nun im Keller. Mein Opa kaufte es für mich. Auf dem Oranierring brachte er mir das Radfahren bei. Sein Sohn, mein Onkel Willi, half ihm dabei. Als Belohnung für's schnelle Lernen gab es dann am "Büdchen" eine Limonade mit Waldmeistergeschmack. Und ich lernte schnell mit dem kleinen Gefährt umzugehen.

Damals waren die Verkehrsverhältnisse noch ungefährlich. Viele Autos gab es nicht. PKW's konnten ohnehin nur Leute kaufen, die viel Geld hatten. Pferdefuhrwerke rumpelten über die Strassen.

 

Am Ende des Oranierrings war der Schirrhof. Ein grosser Pferdestall und vielen Wagen, mit denen man damals die Mülltonnen abholte. Also auch für kleine Radfahrer ungefährliche Strassen. Ich war stolz und Opa auch.

 

Die Liebe zu Cilly erstarb, weil sie mich als kleinen Jungen, der ich in ihren Augen war, kaum beachtete. Aber ich hatte mein erstes Fahrrad. Ein paar Jahre fuhr ich damit. Der Sattel wurde immer ein Stückchen höher gestellt und die Lenkstange auch. Aber eines Tages war es auch für mich zu klein. Es wurde weiter gegeben an meinen Vetter Heinz. Er fuhr damit, bis er fast zwölf Jahre alt war. Danach verlieren sich die Spuren von Cillys Rad, bis ich dann bei einem Telefonat mit meinem Vetter Lothar erfuhr, dass er das  Rad bekam und es weiter fuhr, bis es auch für ihn zu klein war. Kaufmännisch geschickt, verlieh er das Rad an Freunde, die für eine Runde fahren fünf Pfennige bezahlen mussten. Später wurde er ein bekannter Kaufmann in unserer Heimatstadt. Das nächste Fahrrad war dann schon ein kleineres Herrenrad mit Stange vom Lenker bis zum Sattel. Es war für mich immer noch zu groß. Also wurde der Sattel auf die Stange montiert.  Auf die Pedalen kamen von beiden Seiten Holzklötze. So konnte ich dann fahren. Ging ich zu sehr in die Kurve, berührte ich mit den Holzklötzen auf der linken oder rechten Pedale den Boden und flog hin. Aber das passierte nur am Anfang. Die Fahrradlampe hatte eine Flachbatterie. Schulfreunde hatten schon Dynamos an ihren Rädern, das war mein Traum. Es gab auch Klingeln, die mit einer Schnur und einem kleinen Rad an den Reifen gezogen wurden. Dann erklang ein Dauerklingelton, bis man die Schnur loß liess. Motorgeräusche wurden mittels eins Bierdeckels, der an der vorderen Gabel mit einer Wäscheklammer befestigt wurde, erzeugt. Der Deckel berührte beim Fahren nur leicht die Speichen und erzeugte ein klapprig-brummiges Geräusch. Mit dem Fahrrad erweiterte sich auch der "Aktionsradius." So erschlossen wir uns radelnd unsere Heimatstadt und Umgebung.

 

Ein Schulfreund stellte damals in einer Gaststätte mit Kegelbahn Kegel auf, ein Damenkegelclub hatte ihn engagiert. Als er die " Mandeln raus kriegte," brauchte er Ersatz und bat mich, ihn zu vertreten. Kegelbahnen waren damals nicht wie heute automatisch. Die Kugeln prallten am Ende, wenn die Kegel fielen, gegen eine Bretterwand, die mit einem lederverkleideten  Polster versehen war. Hinter dieser Wand stand der Kegeljunge. Nach jedem Wurf wurden die Kegel von Hand aufgestellt. Die Kugel danach in einen erhöhten Ablauf gelegt, von wo aus sie dann mit Schwung zu den Keglern zurück lief. Fünf Mark gab es für den Nachmittag. Die Damen legten zusammen.

 

So verdiente ich mir meinen Dynamo, bis der Schulfreund wieder seinen Posten übernahm. Kurz danach war ich mit meiner Mutter in der Stadt. Sie begrüßte eine Dame, mit der sie sich kurz unterhielt. Bei einem Blick auf mich sagte die Dame: " Das ist doch unser Kegeljunge." Natürlich hatte ich zuhause nichts gesagt. Warum auch? Zwei Stunden am Nachmittag hätte ich auch mit Freunden spielen können. Meine Mutter war verärgert. Hauptsächlich wohl, weil ihr Junge Kegel aufgestellt hatte. Wer tut schon so was. Der Dynamo war die Strafpredigt wert. Und das Zuwachsrad hat mich noch im Krieg zu meiner Lehrfirma getragen, bis ich 1944 "eingezogen" wurde. Der Sattel war fachgerecht angebracht, die Klötze von den Pedalen entfernt. Ich hatte längst die richtige Größe erreicht.

Danach kommt eine Fahrradgeschichte, die ich anderer Stelle erzähle. Sie war schon tragischer. In Marokko hatte ich Jahre später ein Sportrad, und heute fahre ich nun seit vielen Jahren ein Kettler-Rad aus Aluminium mit tiefem Einstieg und fünf Gängen. Bei Fahrten in die Stadt gibt es keine Parkprobleme, die Bewegung tut gut. Und gäbe es hier in Kiel nicht das ewige Auf und Ab und den ständigen Wind, der eigenartigerweise fast immer von vorne kommt, ganz gleich in welche Richtung man fährt, dann wäre das Vergnügen mit dem Rad zu fahren, noch größer. Eine Cilly, die mir ihr Rad vermacht hätte, traf ich nie mehr. Vielleicht hätte ich mich dann ja wieder verliebt, wie damals mit meinen fünf Jahren.

Die Zeichnungen entstanden 1953, nach einer Radtour nahe Agadir. Ich hatte keinen Photoapparat.