Meine Großeltern mütterlicherseits - Das Leben meiner Großmutter.

Früher standen einmal zehn Meter Bücher in meinen Regalen, fast bis unter die Decke. Heute sind es noch rund fünf Meter in meinem Arbeitszimmer. Bücher in die ich nie mehr hineinschaue wollte ich nicht horten als unnötige Staubfänger. Ich veranstaltete also vor Jahren eine kleine Tombola. Der Erlös wurde für einen guten Zweck gestiftet. Unter meinen jetzigen Büchern im Regal auf Augenhöhe steht die 32. Auflage des Kochbuches von Frau Davidis-Holle aus dem Jahr 1891. Kurz "Davidis Kochbuch" genannt. Alle Rezepte beginnen mit "man nehme". Damit beginnt die Geschichte meiner Großmutter, der Mutter meiner Mutter. Wir nannten sie kleine Oma, weil die Mutter meines Vaters grösser war. Als die Zeiten noch besser waren, Freunde und Geschäftsfreunde meines Großvaters ins Haus kamen, kochte meine Großmutter nach den Rezepten von Frau Davidis. Auf manchen Seiten des Kochbuches finden sich handschriftliche Ergänzungen, die sie für sich notierte.

Geboren wurde sie 1876 in Aldekerk, einem kleinen Ort nahe der holländischen Grenze. Dort wuchs sie behütet in einer dörflichen Umgebung auf. Ihr Vater, Heinrich Loyens, holländischen Ursprungs, gehörte zu den Honoratioren des Ortes. Seinerzeit richtete sich alles streng nach den Regeln der katholischen Kirche, so auch die Erziehung der Kinder. Aus Erzählungen weiss ich, dass der Schultag mit einem Morgengebet begann.

Einmal in der Woche kam der Kaplan (Priester) zum Religionsunterricht in die Klasse. Die jüngeren Schüler wurden schon auf ihre erste "Heilige Kommunion" vorbereitet. Die Schulen waren damals nach Religionsgemeinschaften getrennt, was ich auch noch erlebte. Nach ihrer Schulzeit begann meine Oma eine kaufmännische Ausbildung, damals für Mädchen nicht üblich. Stellungen in Büros waren fast immer Männern vorbehalten. 1898, mit 22 Jahren, erhielt sie eine Anstellung im Hotel "Kaiser Hof" in Bonn. Dort kam dann Amor ins Spiel.

Mein Großvater, Heinrich Billen, den ich nicht kennen lernte, er starb 192o an den Folgen seiner Verletzungen und einer Verschüttung im ersten Weltkrieg, war Kaufmann. Zigarrenfabrikant, so steht es in seinen Papieren. Fabrikant nannten sich auch Kaufleute, die in größerem Stil Waren kauften und vertrieben.Ausserdem war er Partner seines Bruders Martin Billen, der in der Alten Linner Strasse und der Vereinsstrasse eine Holzfabrik betrieb in der die verschiedensten Artikel aus Holz hergestellt wurden. Bei seinen Geschäftsreisen logierte der spätere Großvater auch in Bonn im Hotel "Kaiser Hof", als er dort Kunden besuchte. Und da begegegneten sich zum ersten mal die hübsche Hotelangestellte Josefine Loyens aus Aldekerk und der Kaufmann Heinrich Billen aus Krefeld. Ich kann nur vermuten, dass es zu einer vorsichtigen Annäherung kam. Ein paar alte Postkarten aus der Zeit fand ich unter vielen Papieren, die ich erst vor ein paar Jahren sortierte. Sie begannen so: "Wertes Fräulein Loyens", die nächste Karte "liebes Fräulein Loyens". Dann schrieb Heinrich Billen schon "liebe Josefine" und weiter "liebes Finchen". Finchen aber war reservierter. Die erste Karte beginnt mit der Adresse: "Wohlgeboren Heinrich Billen". Es folgte" werter Herr Heinrich Billen". Allmählich hiess es dann"lieber Herr Billen", bis endlich auf einer Postkarte auch der "liebe Heinrich" angesprochen wurde. Und sicher hat Heinrich Billen in dieser Zeit öfter als nötig seine Kunden in Bonn besucht, die sich wohl wunderten, warum er schon wieder kam. Denn so schnell "verrauchen" ja auch Zigarren nicht. Schliesslich  sprach es sich aber herum, was ihn nach Bonn zog.

1901 dann die Verlobung. Nicht lange danach die Hochzeit. Im Oktober 1902 wurde meine Mutter geboren. Zwei Jahre später ihr Bruder Heinrich.

Meinem Großvater Heinrich Billen und seinem Bruder Martin gehörten in der Alten Linnerstrasse in Krefeld  und in der Vereinstrasse Wohnhaus und Fabrikgebäude. Mein Großonkel betrieb dort Holz-Ver-und Bearbeitung. Zu Beginn des ersten Weltkrieges wurden dort Güter für die Armee produziert. Geschossköpfe waren es, wie noch auf einem Briefbogen zu lesen ist. Martin war vom Kriegsdienst als Soldat freigestellt. Mein Großvater wurde 1914 Soldat. Um 1910 richtete er für seine Frau ein Lebensmittelgeschäft ein, das kurz nach Kriegsbeginn geschlossen wurde. In den Kriegsjahren erzog meine Großmutter ihre Kinder sozusagen als alleinerziehende Mutter. Der Krieg hatte Millionen Männer ihren Familien entrissen. Viele kamen nie zurück.

Haus und Soldbuch meines Großvaters Großvaters

Zunächst erlaubten die finanziellen Verhältnisse, den Lebensstandart zu halten. Zunehmend fehlten aber die Einnahmen aus dem Geschäft des Großvaters. Es wurde ja nicht weitergeführt. Wenn auch das Wohnrecht erhalten blieb, so waren doch die Einkünfte der Frauen, deren Männer Soldat waren, gering. Es reichte gerade zu Leben. Die letzten Jahre des Krieges waren dann ja bekanntlich Hungerjahre. Über diese Jahre bis zum Ende des ersten Weltkrieges habe ich nur wenige Unterlagen gefunden.

Die beiden Kinder Heinrich und Maria,gingen weiter zur Schule. Meine Mutter besuchte noch die Handelsschule. Dann trat sie ihre erste Stellung als Kontoristin an. Ihr Bruder begann eine Ausbildung bei der Post. Mein Großvater kam als "Kriegsinvalide" 1918 nach Hause. Er konnte seine frühere Tätigkeit nicht mehr aufnehmen. 1920 starb er an den Folgen seiner Kriegsverletzungen.

Nun begann für meine Großmutter eine Zeit, über die sie nur ungerne sprach. Als ich schon größer war, hörte ich manchmal etwas über die Ereignisse.

Damit beginnt die weitere  Erzählung über das Leben meiner Großmutter, die später meine Erziehung und damit auch die Vermittlung von Wertvorstellungen massgeblich prägte.

 

 

Das vorstehende Dokument zeigt den ganzen Irrsinn des damaligen Systems. Da schickt man einer Frau 1935, fünfzehn Jahre nach dem Tod ihres Mannes, im Namen des Führers und Reichskanzlers einen " Wisch " mit angehängtem " Ehrenkreuz für Witwen." Die Krönung ist der Text, der an den ersten Weltkrieg von 1914-1918 erinnert. Wer erinnert sich schon gerne an miserable Zeiten, die bedeuteten: Keinen Vater für die Kinder und keinen Mann für die Frau, sowie eine Rente, die kaum zum nötigsten Lebensunterhalt reichte. Aber ein Ehrenkreuz.

Oma hatte eine kleine Zigarrenkiste, in der sie alle Medaillen verwahrte, die sie einmal bekam, bunt durcheinander. Auch die von den Pilgerfahrten und kleinen Fussmärschen, die sie als gläubige Katholikin aus Kevelaer am Niederrhein mitbrachte. Der liebe Gott war ihr Stabilisator. Ich sehe sie noch vor mir, wenn sie in einer für sie schweren Stunde den Rosenkranz nahm und an den Perlen entlang ihr Gebet murmelte. Ich weiss, sie betete immer für uns alle.

Erinnerungen an die Alte Linnerstrasse, wo wir bis 1938 wohnten: Zweiter Stock. Die Küche war gleichzeitig Wohnzimmer. Ein Sofa, Tisch und sechs Stühle, ein Küchenschrank mit Schütten für Zucker, Mehl und Salz. Und eine kleine Figur des heiligen Antonius stand darunter. Der Kochherd, der im Winter auch Heizung war. Auf ihn zauberte meine Grossmutter unser Essen. Daneben stand auch ein Gasherd, der aber kaum benutzt wurde. Damals lag noch nicht in allen Häusern Strom. Den gab es nur für die Werk- und Fabrikräume. Später wurde er auch im Haus verlegt. Das Licht kam aus einer Gaslampe an der Decke, die man anzündete wenn es dunkel wurde. Und eine Petroleumlanpe gehörte immer zum Inventar. Ausserdem stand da noch die unverzichtbare Singer-Nähmaschine. Kleider und sogar Hosen und Jacken für mich wurden darauf von meiner Mutter genäht, mein Kommunionanzug war ein Prachtstück. Neben der Küche war das Schlafzimmer meiner Grossmutter. Im Winter liess man einfach die Tür zur Küche abends auf. So wurde auch dieses Zimmer warm. Meine Mutter hatte dazu drei Abstellräume im Hinterhaus. In zweien standen ihre Möbel und ein drittes diente ihr und mir als Schlafraum. Ein grosses Fenster ging auf ein Flachdach, auf dem wir uns im Sommer sonnten. Alles, was wir von dort überblicken konnten, die Shettdächer über der Fabrikhalle und der Schornstein, gehörten einmal der Familie. Aus Erzählungen weiss ich, dass der ganze Besitz bei der grossen Inflation in den 20er Jahren des vorigen Jahrhundert's verloren ging. Die genauen Umstände konnte ich nicht mehr feststellen,dazu fehlen Unterlagen. Fabrik und Wohnhaus erwarb später die Firma Erwin Behn, eine bekannte Papiersackfabrik. Grosse Papierrollen wurden in der Vereinstrasse angefahren und in der Fabrikhalle, in der die Firma Billen zuletzt Geschoßköpfe herstellte, zu Papiersäcken verarbeitet.

Der Bruder meiner Mutter, mein Onkel Heinz, installierte das erste Radio, einen Detektor mit Kopfhörer. Das war ein kleiner Kasten mit einem Kristall an der Oberfläche. Eine Antenne führte er über die Dächer. Am kleinen Kasten war ein Metallstäbchen angebracht. Ging man damit über das Kristall, dann erklang im Kopfhörer Musik oder die Stimme eines Sprechers vom nächsten Sender in Köln. Später wurde diese Errungenschaft durch ein Radio mit Lautsprecher und Anoden ersetzt. Da wurden auf einer zigarrenkistengrossen Batterie Spulen versetzt, über die man die Sender suchen konnte. Um 1936, Strom war inzwischen verlegt, kam dann der "Volksempfänger", auch "Goebbelsflöte" genannt. Goebbels hiess der Reichspropagandaminister. Fast ein MUSS für jeden Haushalt. Über die Sender hörte man systemkonforme Nachrichten, natürlich auch andere Sendungen. Längst gab es bessere Geräte, aber die waren für uns unerschwinglich. Im Krieg hörten wir im Volksempfänger auch Feindsender, Radio London, der mit seinem "Bumbumbum" den Sprecher Lindlay Fraser ankündigte. So bildeten sich die Erwachsenen aus allen ihnen zugänglichen Informationen ein einigermaßen realistisches Bild der Situation, politisch und später auch militärisch, was niemand wissen durfte.

Die Winterabende in Omas Küche sind mir noch in guter Erinnerung: Meine Füsse im Backofen, der eine angenehme Temperatur hatte. Auf der Wand hinter und auf der Zimmerdecke über dem Herd, tanzte das "Feuermännchen", wie wir den Lichtschein des Feuers im Herd nannten, der durch das kleine Loch in der Platte, die man ausheben konnte, bizarre Formen von Licht und Schatten warf. Oma erzählte dazu Geschichten, die meistens erbaulich waren. Am Ende gab es, wenn ich mich recht erinnere, immer eine Mahnung, den guten Leuten nachzueifern. Dann kam das Abendgebet und ab ging es ins Bett. Als kleiner Junge schlief ich im Winter öfter mit Oma zusammen, dann wurde ein Krug mit heissem Wasser gefüllt und ans Fussende gelegt. Ich hatte immer Angst, das Wasser könnte auslaufen.

 


1933 und 1934

 

1934 wurde ich eingeschult. Auf den Tornister war ich stolz. Meine erste Lehrerin war Fräulein Mönks. Natürlich durfte eine Tüte mit Naschzeug und Schulkram nicht fehlen. Schiefertafel und Holzdose mit Griffeln. Schwammdose mit einem feuchten Schwamm. Mein erstes Lesebuch hieß " Der bunte Garten". So fing der Unterricht an, jeden Tag, auch samstags, von 8-13 Uhr. Zum Leidwesen meiner Mutter, einer laut Zeugnissen guten Schülerin, war ich etwas faul, sicher auch noch verspielt. In der Klasse erhielt ich das Privileg, in der ersten Bank zu sitzen. Schnell erreichbar für die Lehrer, ein paar mal musste ich auch die Hand hinhalten, worauf es dann mit dem Rohrstock Streiche gab. Später kam dann Fräulein Klein, die etwas humaner war. Viele Jahre später, ich war kurz in Krefeld und besuchte meine Mutter, traf ich Fräulein Klein beim Bäcker. Langsames Erkennen. "Was machst Du denn heute," fragte sie. Kurz erzählte ich ihr, dass ich nun  eine leitende Position in einem bekannten Unternehmen hätte. "Nein" meinte sie, " ich hätte nie gedacht, dass aus Dir noch einmal etwas wird." Und als ich ihr anbot, sie nach Hause zu fahren, schaute sie mich an und sagte " Ne Jung, Brötchen mit enem Mercdes holen, dat jet doch nich." Wir waren beide in unser heimatliches Platt verfallen, ein Zeichen später Vertrautheit.

Bis 1938 wohnten wir in der Alten Linnerstrasse. Inzwischen hatte meine Mutter eine Anstellung bei der Stadt ( Stadtbad ) als Buchhalterinn und Kontoristin gefunden. Das besserte den Haushaltetat auf. Oma besorgte mit sparsamsten Mitteln den Haushalt. Im gleichen Jahr zogen wir in die Nordstrasse, Ecke Preussenring, eine Wohnung mit fünf Zimmern und Küche. Und natürlich zog unsere kleine Oma mit. Sie war die Seele unserer Familie. Als Kind lernte sie Klavier spielen. Meine Mutter konnte günstig ein Instrument erwerben. Und nun gab es bei uns Klaviermusik. Das alte Viertel vergass ich nie.Es war für uns Jungen ein Paradies.  Beim Fahrradhändler  Rolla in der Kronprinzenstrasse konnten wir zuschauen, wie er die Räder auf hing und reparierte, später konnten wir es selbst. Ein paar Schrauben für die Hosentasche fielen auch ab, gebrauchen konnten wir alles. Die Firma Opel-Dutzi in der gleichen Strasse schrieb im Sommer einen Wettbewerb aus. Wir zählten die Autos  mit den eingebauten Scheinwerfern, die bei den alten Wagen noch auf den Kotflügeln saßen. Für eine bestimmte Anzahl von Opel-Autos mit eingebautem Scheinwerfern, deren Nummern wir notierten, bekamen wir einen Anhänger mit einen Zeppelin und einem Hufeisen. Der Zeppelin war damals das Opel-Zeichen. Dann gab es die Firma Taaks, den Bahnamtlichen Rolldienst. Schwere Kaltblutpferde zogen die Wagen. Sie fuhren von Firma zu Firma, die Pferde kannten den Weg. Auf der hinteren Klappe durften wir mitfahren. An den Straßenecken standen noch Pferdetränken. Papierschiffchen ließen wir darauf fahren.

"Strassenkämpfe" gab es: Vereinstrasse gegen Dießemerstrasse. Heldenhaftes Anpöbeln Acht - bis Zehnjähriger. Drohgebärden ohne Folgen. Auf dem Heimweg fühlte sich jeder als Sieger. Zum Verdruss meiner Mutter und Großmutter machte ich auch Dummheiten: Meine Mutter war verreist. Mittags sollte ich aus der Schule kommend im Kindergarten der katholischen Schwestern essen. Das hatte meine Mutter arrangiert, damit Oma entlastet wurde. Nach ihrer Rückkehr gab sie mir 50 Pfennige. Die sollte ich in den Opferstock der kleinen Kapelle werfen. Auf dem Weg dorthin begegnete mir ein Schulfreund. Ich erzählte ihm, was ich vorhatte. "Quatsch" meinte er, dafür kaufen wir Lakritz zum " Schümke träcke," was bedeutet Schäumchen ziehen. Dazu nimmt man ein paar Stücke echtes Lakritz, eine Flasche mit Wasser und füllt sie bis unterhalb des Halses. Dann hält man den Daumen auf die Öffnung und schüttelt die Flasche ordentlich. Im Flaschenhals bildet sich ein dichter süßer Schaum. Den saugt man dann heraus. Das Lakritz kostete 10 Pfennige die Stange. Auf dem Heimweg packte mich das schlechte Gewissen, aber ich hatte noch 30 Pfennige. An den Opferstock dachte ich nicht mehr. Auf dem Schinkenplatz bei der Firma Tepest, einem Schreibwarengeschäft, kaufte ich für die restlichen 30 Pfennige Schulkreide. Damit wollte ich meiner Mutter eine Freude machen. Zuhause die erste Frage." Warst Du in der Kapelle?" Nach einigem Zögern gestand ich die Wahrheit." Aber" sagte ich zu meiner Mutter, " ich will Dir auch einen Freude machen," und gab ihr die Schulkreide. Sie schaute das Kreidepäckchen an, dann mich und sagte," komm mit." Also ging es zurück zu Tepest. Dort musste ich die Geschichte erzählen und gegen Erstattung der 30 Pfennige die Kreide zurückgeben. Dann bekam ich als Strafe eine Woche kein Taschengeld. Heute noch sehe ich mich im Schreibwarengeschäft am Schinkenplatz stehen. Welche Blamage. Aber die Lektion, die mir meine Mutter erteilte, hat ein Leben lang nachgewirkt.

Während der Zeit in der Alten Linnerstrasse sammelte ich mit meiner Mutter für das Winterhilfswerk, eine Organisation, die von Familien Kleidung und Esswaren bekam. Über eine Sammelstelle wurden die Sachen dann an bedürftige Familien verteilt. Auch heute gibt es ja in vielen Städten die "Tafeln " , die eine gleiche Funktion haben. Zuhause kümmerte sich die Großmutter rührend um alles, was die Familie brauchte. Über ihre Kochkünste, auch in schwerer Zeit, berichte ich an anderer Stelle.

Am Albrechtsplatz kam ich 1937 in eine andere Schule (früher haben wir einmal gegenüber gewohnt). In Erinnerung ist mir noch Lehrer Haufs. Er war einer der wenigen, die es verstanden, die in mir schlummernden Lernreserven zu wecken. Gerne erinnere ich mich an ihn. Ansonsten war ich ein fauler Schüler. Im Halbjahreszeugnis stand:" Hans muss fleißiger werden. Versetzung gefährdet." Mit Not schaffte ich es ohne sitzen zu bleiben, die Schule mit 14 Jahren zu beenden. In allen Schuljahren wachte meine Oma über den Fortschritt ihres Enkels. Manchmal muss sie wohl der Verzweiflung nahe gewesen sein. Während unserer Zeit in der Alten Linnerstrasse wohnte mein Onkel Heinz zwei Strassen weiter. Dort kam 1936  sein Sohn, mein Vetter Heinz zur Welt. Oft brachte ihn seine Mutter, die damals noch arbeitete in einem Körbchen zu uns. Ruhig lag und sass er dann im Korb, liebevoll betreut von seiner Großmutter, unserer nun gemeinsamen kleinen Oma. In diesen Jahren ging ich in der Stephanskirche zur ersten Kommunion. Mein Partner war Werner Michels vom Ostwall. Sein Vater sollte viele Jahre später in meinem Leben noch eine Rolle spielen.

 

Kommunion in St. Stephan / Unserer Haustür 1938

 

 

Mein Onkel Heinz konnte 1937 in einem Vorort ein Haus erwerben. Wir zogen 1938 in ein anderes Stadtviertel, in die Nordstrasse  Ecke Preussenring. Dort begann für die Familie ein angenehmeres Leben. Und hier entfaltete unsere Oma ihr ganzes Können in Haus und Garten ( gepachtet ). Mit 10 Jahren begann ich langsam zu verstehen, wie wichtig Oma für uns alle war. Und hier, in der Nordstrasse beginnt ein weiteres Kapitel.

Mutter und Oma / Frohnleichnamsprozession von Liebfrauen 1950

 

Nordstrasse Ecke Preussenring, fast am anderen Ende der Stadt. Vom Eckfenster ein Blick auf die Strassenkreuzung. In der Mitte das kleine Haus des Bahnwärters, der gelegentlich die Schranken herunterkurbelte, wenn die Kleinbahn, genannt " Schluff , "vom Nordbahnhof in Richtung Hülser Berg fuhr. Es gibt sie heute noch. Gegenüber der grosse Garten, der sich ans Gerichtsgebäude anschloss. Und nur wenige Minuten entfernt ist heute noch der Stadtgarten. Im Sommer spielte dort mein Onkel Willi, der Bruder meines Vaters, sonntags im Pavillion mit dem kleinen Postorchester die Trompete.

Sieben Zimmer hatte die Wohnung zu ebener Erde. Zwei hatte meine Mutter sofort unter vermietet. Oma erhielt ihr Klavier. Die Möbel meiner Mutter, die so lange in der Abseite auf der Alten Linnerstrasse standen, fanden wieder ihren Platz.

Die Wohnküche, man nannte sie so, weil sich das tägliche Leben dort abspielte, war groß. Ein Sofa stand zwischen zwei Fenstern, ein grosser Küchenschrank, auf dem die Figur des heiligen Antonius und ein paar kleine Porzellanengel nicht fehlen durften, an der langen Wand. Ein grosser Tisch, eine kleine Anrichte und natürlich der Küchenherd, der " immer unter Feuer " stand. Ein zusätzlicher Gasherd wurde nur selten benutzt. Die Kanne mit Kaffee war immer unter einer Haube warm. Wer auch kam, eine Tasse Kaffee war das mindeste, was angeboten wurde. Manchmal klingelte ein Bettler, Geld bekam er nie, aber ein gut belegtes Butterbrot.

Drei Parteien wohnten im Haus. Über uns Familie Reiners. Herr Reiners war Vertreter der Vereinigten Seidenwebereien und oft unterwegs. Seine schöne Frau war früher beim Theater, und die Tochter spielte auf dem Flügel und schrieb Gedichte. Darüber wohnte noch Familie Fienup. Herr Fienup hatte eine leitende Stelle bei der Stadt und seine Tochter lange Zöpfe, an denen ich machmal zog, wenn es sich ergab.

Mit dem Umzug mietete meine Mutter noch einen Garten von rund 400 Quadratmetern in der Nähe. Die Familie war also zumindest in Teilbereichen autark, und Oma entfaltete alle Kochtalente. Ihre Suppe koche ich heute noch nach.

Porree, Zwiebel, Sellerie und eine Möhre in möglichst kleine Stücke schneiden, sie mit wenig Fett im Topf anschmoren. Gleichzeitig in einer Pfanne Gries ohne Fett leicht bräunen, dann alles zusammen rühren und bei kleinem Feuer mit einer Fleischbrühe ( kann auch von Knorr oder Maggi sein ) kochen. Nach Fertigstellung hat man eine fantastische Suppe, die durch den Gries, der ja etwas quillt, leicht sämig ist. Omassuppe nenne ich sie heute noch.

Im Keller gab es eine Ecke, mit Sand gefüllt. Dort konservierte man schon ab Herbst verschiedenes Gemüse aus dem Garten. Schwarzwurzeln, Möhren und andere haltbare Sorten. Natürlich fehlte die Kartoffelkiste nicht. Ein paar Zentner wurden jeden Spätherbst dort eingelagert, und das Fässchen mit Salzbohnen, die wir oft im Winter assen. Die Bohnen aus dem Garten wurden mit einer kleinen Maschine, die man auf den Tisch klemmte klein geschnibbelt. Eine Handkurbel an einer Messerwelle erledigte den Schneidevorgang. Dann kamen sie in das Fass. Immer eine Lage Salz und eine Lage Bohnen. Obendrauf ein Holzdeckel mit einem Loch, der mit einem Stein beschwert wurde, das presste die Bohnen zusammen. Vor dem Kochen wurden diese einfach gewässert, mit Kartoffelstückchen versetzt und mit Kochwurst serviert. heute noch lasse ich mir, in Plastic verpackt, die Bohnen von Vetter oder Kusine aus dem Rheinland schicken, denn hier im Norden kann man sie nicht kaufen.

Ausserdem gab es im Winter " Panhas " ( Pfannenhase ), man kaufte ihn beim Metzger, der ihn nach dem Wursten mit der Brühe herstellte, die beim Kochen der Würste verwendet wurde. Ein paar Würste platzten immer beim Kochen. Die Brühe wurde mit Grütze versetzt und kleine Speckstückchen hinzugefügt. Man goss sie in kleine längliche Backformen, wenn der Brei kalt war, konnte man ihn stürzen und in Scheiben schneiden, die man in der Pfanne briet. Serviert mit Bratkartoffeln eine echte rheinische Mahlzeit.

Einmal im Monat war Waschtag. In der Waschküche ein grosser Kessel, in dem die Wäsche mit  Persil Waschpulver gekocht wurde. Dann packte man sie mit einem grossen Holzhebel in den daneben stehenden Waschbottich, in dem frisches heisses Wasser zum spülen der Wäsche bereit stand. Im Deckel des Bottichs war eine Schwenkvorrichtung angebracht, mit der man die Wäsche hin und her schwenken musste. Außen war eine Mangel angeschraubt. Man packte die geschleuderte Wäsche mit dem Holzhebel, legte sie vor beide Rollen, die je nach Stärke der Wäschestücke verstellbar waren, dann wurde die Kurbel gedreht, bis das Wäschestück an der anderen Seite vom Wasser befreit heraus kam.

Damals waren alle Haushalte weitgehend auf Handarbeit angewiesen. Haushaltmaschinen wie es sie heute gibt, kannte man nicht. Staubsauger gab es nur in Haushalten, wo auch Teppiche lagen. Wir hatten einen von Elektrolux. In unserem Haushalt war Oma die gute Fee. Sie tat fast alles, obwohl sie nicht gross und kräftig war. Wobei ich gestehe, dass ich mich vor der Arbeit im Garten drückte, wenn es möglich war.

Im Sommer wurde dann noch eingekocht. Ganze Batterien von Gläsern mit Gemüse und Obst standen im Keller  auf Regalen. Ich erinnere mich, dass meine Kusine oft half, Obst zu entsteinen. Sie war ein Genie an Schnelligkeit und Präzision, obwohl noch ein kleines Mädchen.

1939 begann der " Zweite Weltkrieg. " Onkel Leo verabschiedete sich mit seiner Familie ( siehe " Ein besonderer Klempner ) bevor sie über Holland nach England fuhren. Die Lebensmittelkarten wurden eingeführt und nachts gab es Fliegeralarm, wenn die ersten englischen Bomber, von Scheinwerfern am Himmel gesucht, ihren Zielen entgegen flogen.

Onkel Heinz und Tante Lene mit Oma, Heinz und Hubert im Garten 1938
und Heinz mit Oma und Helga 1950

 

Unbeirrt versorgte Oma den Haushalt. Manchmal sass sie in der Küche und betete ihre " Rosenkranzperlen entlang " für uns alle, besonders aber für ihren Sohn, Onkel Heinz, der inzwischen Soldat werden musste. Oma war eine tief gläubige Frau, nicht bigott oder frömmlerisch. Sie glaubte einfach an ihren " lieben Gott ," und war zutiefst überzeugt, dass er ihre Gebete erhören würde. Auch zu den verschiedensten Heiligen, die ja für irgend eine Sache zuständig waren, hatte sie ein entspanntes Verhältnis. Der heilige Antonius auf dem Küchenschrank war in späten Jahren ihr eifrigster Helfer. Zuständig für Dinge die man verlegt hatte oder verloren glaubte, versprach sie ihm eine Münze für den Opferstock in der Kirche, wenn er dafür sorgen würde, die Dinge wieder zu finden. Psychologisch erklärt übertrug sie ihre Sorgen auf ihn, der ja schliesslich zuständig war. Sie entspannte sich und fand meistens die verlegten Dinge wieder. Aber sie war fest davon überzeugt, dass es der heilige Antonius war, der dafür sorgte, dass sie wieder ans Tageslicht kamen, und am anderen Morgen ging sie zur Kirche, nicht weit von uns, und warf ihr Scherflein in den dafür vorgesehenen Opferstock, den ein kleiner Kopf des Antonius zierte, der beim Einwerfen der Münze leicht nickte, sozusagen ein Dankeschön, wenn die Münze über einen kleinen Bleiknoten rutschte, der über eine kleine Stange den damit verbundenen Kopf nicken liess.

Sonntags ging sie in die Frühmesse, damit sie für uns das Frühstück zubereiten konnte, wenn meine Mutter und ich aus der Kirche kamen, die wir etwas später aufsuchten. Sie achtete streng darauf, dass wir auch in der Messe blieben. Manchmal fragte sie, was der Pfarrer gesagt habe, oder welches Evangelium den Tag bestimmte. Weil die Rituale in allen Messen fast identisch waren, konnten wir nicht mogeln. Viele Jahre später, als ich nach langjähriger Abwesenheit wieder für kurze Zeit zu Hause war, gingen meine Mutter und ich unserer Oma zuliebe sonntags in die Messe, es war uns einfach nicht möglich sie zu betrüben. Um unser Seelenheil war sie immer besorgt.

Während des ganzen Krieges hat Oma mit bewundernswerter Energie unseren Haushalt geführt. Sie hatte ja schon viel früher gelernt, mit sparsamsten Mitteln zu wirtschaften. Unterstützung bekamen wir auch von Onkel Heinz, der wieder vom Militär entlassen worden war. Er hielt auf seinem Grundstück Hühner, im Stall wurde ein Schwein gemästet, von dem auch wir nach dem Schlachten einen Teil bekamen.

Onkel Heinz war im technischen Außendienst bei der Post tätig, und kam öfter zu uns. Seine Frau Helene kochte sehr gut und gab ihm immer einen " Knur " mit, das ist ein Essenträger, in dem man die Speisen im Wasserbad warm machen konnte. Die Bezeichnung " Knur " kommt wohl von Magenknurren wenn man Hunger hat. Bei uns gab es das geflügelte Wort, " Onkel Heinz darf bei anderen Leuten nichts essen."

Meine Schulaufgaben beaufsichtigte Oma. Abends wurden sie dann von meiner Mutter noch einmal kontrolliert. Nun, ich war ein fauler Schüler. Im Zeugnis stand einmal " Hans muss fleißiger werden, Versetzung gefährdet." Heute noch tut es mir leid, dass meine Oma unter meiner Schulfaulheit litt und meine Mutter natürlich auch, die abends nicht vor 18 Uhr zu Hause war.

1941 wurde ich mit der Klasse auf Grund des Bombenkrieges nach Sachsen verschickt. Fast ein Jahr blieben wir dort mit Lehrer und Jungvolkführer. Wir wohnten in Weisbach bei Wiesenburg in der dortigen Schule. (Habe ich nach Öffnung der Zonengrenze besucht). Briefe schrieb ich nach Hause und erhielt auch regelmäßig Post von Mutter und Oma. Immer schwang ein wenig Sorge mit und es fehlte auch nicht die eine oder andere Ermahnung.

1942, zurück in Krefeld war mein letztes Schuljahr. Im April begann ich mit 14 Jahren eine kaufmännische Ausbildung. Nun war ich es, dem Oma morgens den "Knur" einpackte, den sie gut gefüllt mit Essen des Vortages zubereitet hatte. Im gleichen Jahr starb die Mutter meines Vater. Ihr werde ich eine andere Geschichte widmen.

1943 wurde meine Heimatstadt bei einem Bombardement fast vollständig zerstört. Auch auf unseren Dachboden hatte eine kleine Phosphorbombe ein Feuer entfacht. Wir konnten es mit Sand und dem vielen Wasser, das wir in Eimern stehen hatten, löschen. Häuser in der Nachbarschaft brannten völlig ab. Zum Glück blieb unser Haus weitgehend unversehrt, natürlich gab es keine heile Scheibe mehr. Man hatte damals so eine Art undurchsichtigen Kunststoff mit Drahtgeflecht entwickelt,den man in die Rahmen nageln konnte. Später wurde wieder Glas eingesetzt.

Mit 16 wurde ich 1944 " eingezogen." Kurze Ausbildung in einem RAD Lager an den Waffen, dann Überführung in eine andere Einheit. 1945, am Ende der Ardennenoffensive Rückzug ans rechte Rheinufer, wo ich vor Kriegsende in amerikanische Gefangenschaft kam. Aber das ist eine andere Gechichte.

Vor Kriegsende gelang es mir, zu fliehen und nach etlichen traurigen Erlebnissen in meine Heimatstadt zurückzukehren. Oma war glücklich " dä Jong is widder doe." Meine Mutter freute sich natürlich auch. Die Nachkriegszeit war für alle Menschen schwer. Es gab kaum Kohle zum Heizen. Die Lebensmittelrationen waren auf dem niedrigsten Niveau, welches gerade das Existieren erlaubte. Wer einen  Garten hatte, musste mit Wache stehen, denn alles Essbare wurde gestohlen, wenn man nicht aufpasste. Wie schon nach dem ersten Weltkrieg stand unsere Oma wie ein Fels in der Brandung und machte noch aus Nichts etwas.

Wir sammelten nach der Ernte Ähren auf dem Feld. In der Kaffemühle wurde daraus Mehl gemahlen. Im Hintergrund halfen uns Onkel Heinz und Tante Lene über die Runden. Und die eisernen Reserven in den Einkochgläsern im Keller wurden auch bald alle. Als das erste Carepaket aus den USA eintraf, war es fast wie ein Märchen vom "Tischlein deck dich."

Ich beendete meine Ausbildung, erhielt meinen Kaufmannsgehilfenbrief. Aber Arbeit gab es nicht. 1947 verliess ich Krefeld. Viele Jahre später wusste ich, wie sehr meine Oma und meine Mutter darunter gelitten haben. Ich besuchte meinen Vater , der sich in Dortmund trotz der schlechten Zeiten wieder einigermaßen etabliert hatte. Wir kannten uns nur von wenigen Begegnungen bei seinen Eltern, wir passten nicht zueinander. Wie ich später erfuhr, starb er bereits 1948 an den Folgen der Verletzungen, die er bei einem Autounfall erlitt. Über ein paar Umwege erreichte ich später Tettnang am Bodensee. Hier begann meine Odysse als Melker und Schweinehirt. Ich wechselte noch ein paar Postkarten mit Mutter und Oma.

Mein nächstes Lebenszeichen erhielten sie 1948 aus Afrika. Damals konnte ich noch nicht ermessen, wieviel Herzschmerz Mutter und Oma durch meinen Weggang und die Ungewissheit meines Verbleibs hatten. Viele Jahre haben wir dann brieflichen Kontakt gehalten.

1954 war ich wieder in Krefeld. Oma führte immer noch den Haushalt in ihrer bewährten Art. Meine Mutter war weiter berufstätig. Und ich konnte eine Tätigkeit beim Vater meines ehemaligen Kommunionpartners aufnehmen. Liebevoll und besorgt um unser seelisches und körperliches Wohl, war unsere Oma der gute Geist des Hauses. Den Garten gab es nicht mehr, die Lage hatte sich für alle zu Beginn der fünfziger Jahre verbessert. Wie vorher gewohnt, gingen Mutter und ich Oma zuliebe sonntags in die Kirche. Danach stand das Frühstück auf dem Tisch. Der heilige Antonius hatte nun etwas mehr zu tun. Wenn ich manchmal Oma neckte, dann hörte ich sie murmeln " verdöllte Jong," was soviel hiess wie verflixter Junge.

Im gleichen Jahr kränkelte sie ein wenig, denn sie war des Lebens wohl müde geworden. Wenn sie früher einmal " etwas hatte,"ging sie zu Dr Amels  in der Dionysiusstrasse, manchmal als Junge, begleitete ich sie. Ich denke, sie holte sich ein paar gute Worte und ein paar Tütchen mit Kopfschmerzpulver. Dann gingen wir wieder nach Hause in die Nordstrasse. Ohne Abschied und ein Nachwinken ging bei nie jemand aus dem Haus, so halte ich es auch heute noch. So verabschiedete ich mich auch von Oma, die etwas bettlägerig war, als ich zur Arbeit ging. Gegen 9 Uhr früh erhielt ich den Anruf meiner Mutter, dass Oma friedlich eingeschlafen sei. Achtundsiebzig Jahre wurde sie. Ich ging nach Hause, Onkel Heinz und meine Mutter sassen am Bett, in dem Oma friedlich lag, als würde sie nur schlafen. Mit war bewusst, dass sich unser Leben nun ändern würde. Die Beerdigung fand am Wohnort von Onkel Heinz statt. Beauftragt wurde ein Bestattungsunternehmer aus dem weiteren Verwandtenkreis. " Du brauchst einen schwarzen Anzug, einen dunklen Mantel und einen Zylinder," sagte mein Onkel Heinz. So waren die Gepflogenheiten damals. Natürlich besass ich solche Kleidungsstücke nicht. Ich lieh sie mir auf dem Südwall, in einem Geschäft, wo man neben Kostümen aller Art, auch Trauerkleidung leihen konnte. Es passte nicht, aber es ging. Am Tag der Beerdigung stand ich auf der Kirchentreppe und begrüßte die Trauergäste. Wenn ich heute so darüber nachdenke, muss ich wohl wie Johannes Heesters in einer seiner Operetten ausgesehen haben, mit meiner schwarzen Kostümierung und dem weissen Schal.

Mein Chef hatte mir seinen fast neuen Mercedes 17o V geliehen, mit dem ich meine Mutter nach Oppum fuhr. Auf dem Weg bemerkte sie zu mir,"Irgendwann hast Du auch so einen." Das war der Ehrgeiz meiner Mutter. Nach der Totenmesse fuhr ich mit einigen Gästen zum Friedhof. Die grosse Gemeinde ging durchs Dorf hinter dem Sarg her und begleitete unsere Oma auf ihrem letzten Weg. Auf dem Friedhof gab es eine kleine Pause. Onkel Heinz, meine Mutter und ich gingen in der ersten Reihe hinter dem Sarg zur Grabstätte. Vor uns der Bestatter, der als erster hinter dem Sarg ging. Plötzlich kroch aus seinem rechten Hosenbein eine dünne weisse Schnur, sie wurde länger. Er schaute sich um und nach unten, langsam kroch aus dem Hosenbein das kleine Stück eines schmalen Korsetts, das er wohl tragen musste, das aber sicher nicht richtig verschnürt war. Ich machte einen Schritt nach vorne, trat mit dem Fuss auf das Ding, nahm es auf und stopfte es in meinen Zylinder, den ich wie es Sitte war, auf dem Weg zum Grab vor der Brust trug.

Am Grab dann die segnenden Worte des Pfarrers, ein paar Tränen. Omas Sarg wurde der Erde übergeben, aus der wir nach christlicher Überlieferung alle einmal geformt wurden, damals, als wie man sagt, Gott die Welt und Menschen erschuf. Am Grab das übliche kondolieren und Hände schütteln. Bei mir lächelten die Kondolenten immer ein wenig, bis einer sagte, " steck dat Ding doch mal weg." Mir war gar nicht aufgefallen, dass, so wie vorher aus dem Hosenbein des Bestatters, nun ein Stück des Korsetts aus meinen Zylinder hing.

Damit endete eine Zeit meines und unseres gemeinsamen Lebens mit unserer Oma. Aber in allen, die sie kannten, lebt sie weiter, solange bis es niemanden mehr gibt, der sich an sie erinnert und sei es nur aus Erzählungen. Ich schäme mich der Tränen nicht, die während des Schreibens dieser letzten Zeilen über meine Backen kullern.

Mein Vetter Heinz, hat viele Jahre später, als Omas Grab aufgelöst wurde, den Grabstein in seinen Garten genommen. Dort ist er heute noch, Erinnerung an einen Menschen, den wir achteten und liebten, unsere " kleine Oma."