Meine Holtenauer Straße - Impressionen von Ingrid Luise Dobrick.

 

Annemarie Zornack schreibt in ihrem Gedichtband „hexennest":


„Die ewig graue kieler förde / heute blau / blau / bis unter die schiffermütze"

Und

„unsere Straße: ich gehe hier / am abend / auf einer straße / in die ich verliebt bin / weil die linden duften".

von Ingrid Dobrick

Diese letzten Zeilen lassen mich an meine Holtenauer Straße denken, in die auch ich nach all den Jahren immer noch genauso verliebt bin wie Annemarie Zornack in ihre Lindenstraße. Kaum einen Tag bin ich ohne sie. Und nach längerem Aufenthalt in der Fremde lässt ihr Anblick in mir sogleich das rechte Heimatgefühl aufkommen, wie es schon vor Zeiten im alten Volkslied „Vor meines Vaters Haus steht eine Linde" besungen wurde.

Eine Werbebroschüre warf unlängst die provokante Frage auf: „Was haben die Holtenauer Straße und die Fifth Avenue gemeinsam?" und antwortete: „Auf den ersten Blick nicht viel. Und dennoch - hier wie dort finden sich interessante Geschäfte, die es zu entdecken gilt. Läden mit nicht alltäglichen Artikeln und mit freundlicher Bedienung".

Nun, ich war zwar noch nie in New York, auch nicht auf der Fifth Avenue, aber ein bisschen hinkt der Vergleich wohl doch - einerlei, immerhin säumen über zweihundert Geschäfte und Restaurants meine Holtenauer Straße, die sich einige Kilometer fast schnurgerade, vom Dreiecksplatz kommend, durch den Norden Kiels in Richtung Kiel-Kanal zieht. Anders als in unserer innerstädtischen Fußgängerstraße mit ihrer Monostruktur und den wohl hässlichsten Kaufhausfassaden der Welt, bieten die Geschäfte in der Holtenauer Straße eine Vielfalt, wie sie auch in anderen Großstädten nur noch selten anzutreffen ist. Kaum etwas, was es hier nicht gibt - und vieles anders und individueller als man es in den sonst dominierenden modernen „Einkaufsmaschinen" findet.

Bunte, liebevoll dekorierte Schaufenster und offene Ladentüren laden ein zum Schauen, Staunen, Freuen, Anfassen, Kaufen. Man hat die Wahl zwischen:

Mode-Boutiquen, Herrenausstattern, Schustern, Schlachtereien, Schlemmer- und Drogeriemärkten, Schuh-, Lebensmittel-, Parfum- und Kindergeschäften, Kunst-, Buch- und Teppichhandlungen, Reform- und Sanitätshäusern, Juwelieren, Modeschmuck-Shops, Buch-Antiquariaten, Geschenkartikelläden, Antiquitäten-, Möbel- und Blumengeschäften, Musikalienhandlungen, Friseuren, Confiserien, Apotheken, Reisebüros, Weindepots, Teekontoren, Betten- und Haushaltswarengeschäften, Optikern und Akustikern, Tabak- und Zeitschriftenhändlern, Foto-, Lampen-, Schreibwaren- und Haushaltswaren-Läden, Bäckereien, Reinigungen, Uhrmachern, Mobiltelefonanbietern, Spielhallen, Discountern, und, und...

Ebbe in der Brieftasche muss da nicht unbedingt ein Problem sein, denn auf Knopfdruck und bei entsprechend gefülltem Konto spucken die Geldautomaten der verschiedenen Bankfilialen die nötigen Scheinchen für den Einkaufsbummel aus.

So richtig entspannen kann man sich zu jeder Tages- und Nachtzeit in den vielen Cafés, Kneipen, Bars, Pubs, Imbissen und Restaurants verschiedenster Provenienz - von der Sushi-Bar über diverse Eiscafés bis zum italienischen, chinesischen, hawaiianischen, indischen, türkischen, persischen oder mexikanischen Restaurant.

Oder man besucht abends das von Grund auf renovierte Schauspielhaus, das mit seiner denkmalgeschützten blau-weißen Fassade im klassizistisch anmutenden Stil die Holtenauer Straße schmückt.

Nicht einmal ein Kino im Stil der fünfziger Jahre fehlt, in dem man abends und nachmittags Filme schauen, außerdem Lesungen hören, oder einen Snack zu sich nehmen und seinen Cappuccino genießen kann.

„Gott zur Ehr // St. Ansgar zum Gedächtnis" - so steht es geschrieben über dem ehrwürdigen Portal der backsteinroten Ansgar-Kirche, die mit ihrem schönen, nordischen Spitzturm über meine Holtenauer Straße wacht. Und manchmal winkt ein Grüppchen Schaulustiger einer strahlenden Braut zu, wenn sie unter brausendem Glockengeläut am Arm ihres Erwählten die Kirchentreppe hinab schwebt.

In einer hübschen Jugendstilvilla residiert die älteste Tanzschule der Stadt. Hier übten unter den strengen Augen der Familie Gemind schon die Großeltern und heute noch deren Enkel und Urenkel die traditionellen Foxtrott-, Tango- oder Walzerschritte, um dann beim obligatorischen Abschlussball den kritischen Verwandten artig die mühsam erworbenen Fähigkeiten vorzuführen - natürlich in ungewohnter Abendgarderobe.

Die vielen Arzt-, Zahnarzt-, Heilpraktiker-, Krankengymnastik-, Psychologen-, sowie Steuerberater- und Rechtsanwaltspraxen in der „Holtenauer" lassen kaum ein Problem ungelöst.

Romantisch begrünte Hinterhöfe bergen Architektur-, Werbe- oder Übersetzungsbüros, Trommel-, Yoga- und Sportstudios, Tangoschule, Getränkehandlungen, Weindepots, Polstereien, Klempner- und Tischlerwerkstätten oder Künstler-, Fotografen- und Restaurator-Ateliers, Druckereien und, nicht zu vergessen, den stadtbekannten Trödler, der mit seinem klapprigen Lastwagen Nachlässe und Entrümpelungen aller Art besorgt.

Hinter den um die Jahrhundertwende kunstvoll gestalteten Jugendstilfassaden der Bürgerhäuser rechts und links der Holtenauer Straße wohnt man in attraktiven Altbauwohnungen mit anheimelnden Holzfußböden, hohen Stuckdecken und phantasievoll gestalteten Balkonen oder fast südlich anmutenden Dachterrassen mit hängenden Pflanzen und Blumen. Natürlich fehlen modernere Wohnhäuser nicht.

Aber traurig und leer wie ein Frühling ohne Blumen und Vögel wäre die Holtenauer Straße ohne ihr buntes Völkchen: Jeden Tag menschelt es in meiner Straße, oft dicht gedrängt, mit allen dazu passenden Geräuschen und Gerüchen. Hier fühle ich mich nie einsam, wie sonst in anonymen Menschenmengen - im Gegenteil, ein Gefühl des „Nach-Hause-Kommens" umfängt mich und ich gehe in diese Straße wie in mein Wohnzimmer. Hier kann ich Freunde treffen, ich sehe bekannte Gesichter.

Vielleicht setze ich mich an einem blau-weißen Sommertag ins Straßencafé und lasse sie an mir vorüberziehen: Die kinderwagenschiebenden jungen Mütter oder Väter, gepiercte oder tätowierte Punks mit gewagtem Outfit, den in sich gekehrten Herrn Professor, flotte oder biedere Hausfrauen mit ihren Einkaufskörben, die gebrechlichen Alten mit Gehwägelchen, gehetzte Berufstätige, schaufensterbummelnde schicke Damen, gestylte Yuppies, den stadtbekannten Sänger mit seinem imposanten Bauch und dem wehenden Schal, händchenhaltende Pärchen, lärmende Gruppen kleiner und großer Schülerinnen und Schüler, Studenten und Studentinnen aus aller Herren Länder, verschämte Bettler, oder den stillen Mann, der „Hempels Straßenmagazin" verkauft.

In heimlicher Bewunderung, schreckhaft kopfschüttelnd, schaue ich den halsbrecherisch rasenden Inlineskatern oder Skatebordfahrern nach, die sich geschickt durch die Menge schlängeln. Und auf den Fahrradwegen flitzen - oft zum Verdruss der Autofahrer - aus allen vermuteten und unvermuteten Richtungen eilige Radfahrer, manchmal einen dieser leichten, schreiend bunten Kinderwägelchen mit ihrer helmbewehrten kleinen Fracht hinter sich herziehend.

Ballonfahrer, die Sommerabends mit ihrem riesigen bunten Heißluftgefährt, wie aus Märchenwelten kommend, lautlos über die Dächer schweben - pardon: fahren, sie schauen aus ihrer luftigen Perspektive nicht etwa nur auf ein simples graues Straßenband, das sich scheinbar endlos dahinwindet. Nein, sie sehen „grün", denn an beiden Seiten meiner Straße stehen spatzenbesetzte Schattenbäume, die um die Weihnachtszeit mit tausenden Glühlämpchen besteckt sind und im Frühjahr dann von den Ladenbesitzern liebevoll umpflanzt werden mit blauen und gelben Stiefmütterchen oder weiß-rosa-roten Tausendschön. Grün, mit bunten Blumen, sind auch die vielen liebevoll gestalteten Vorgärten und Hinterhöfe, oft noch mit kunstvoll beschnittenem Buchsbaum oder alten Obstbäumen bestanden.

Ein kleiner Bummel über meine Holtenauer Straße lässt mich auch das graueste Kieler Schmuddelwetter vergessen. Am liebsten stöbere ich dann in den Buchläden ein paar Neuigkeiten auf, vielleicht entdecke ich auch eine Kleinigkeit in meiner Lieblings-Boutique oder mir kommt irgendeine hübsche Geschenkidee. Zum Abschluss gönne ich mir eine heiße Schokolade im Café, nicht ohne genüsslich die aktuellen Zeitschriften durchzublättern.

Diese Straße ist wie das Leben: Bunt und voller Überraschungen, immer in Bewegung. Es ist sonnenklar: Der Vergleich aus der Werbebroschüre „Holtenauer Straße / Fifth Avenue" hinkt, und zwar nicht zugunsten dieser Prachtstraße in New York.

 

Ingrid Luise Dobrick

Die Holtenauerstrasse in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts

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Der intelligente Holtenauer Strassenhund denkt nach einem Blick auf dieses in Hundeaugenhöhe angebrachte Schild genervt:

„Schwachsinn – Bin doch immer braver Hund“

 

 

Fotos Renard - Richard Fander                       Kirche1