Meine Reise nach Berlin - am 8.4.2016

von Christel Schneidewind


Während eines Telefongesprächs mit Hans Fander’s Gerlinde erwähnten wir Berlin – Alt-Moabit. Und es stellte sich heraus, dass Gerlinde mit dem Gebiet „bekannt“ war. Sie hatte in der Turmstraße eine Tante, eine Diakonisse, die sie besuchte – als Kind? Ich weiß es nicht genau.

Jedenfalls hatte ich mir vorgenommen, mit meinem Neffen, der in Berlin wohnt – wieder einmal unsere beliebten Ecken in Moabit zu besuchen. Jetzt, wo unsere Mutti gestorben war, wollte ich gern diese Stätten noch einmal sehen und auch mit ihm darüber sprechen.

Wir vereinbarten nun den Termin und ich fuhr mit der Bahn nach Berlin. Mein Schwager brachte mich mit meinem Auto nach Jeber-Bergfrieden zum Zug, brachte mein Auto anschließend in die Werkstatt, wo die Sommerreifen gewechselt wurden – und holte mich dann am Abend wieder vom Zug ab. Es klappte also alles, wie geplant. Von meinem Neffen hatte ich eine S-Bahn-Tageskarte geschickt bekommen und so konnte ich bis Seddin per BahnCard 50 fahren und weiter auf der SB-Karte.

Wir trafen uns auf dem Bahnhof Berlin-Alexanderplatz, sahen uns am ALEX noch einmal die inzwischen neu erbauten Gebäude an, fuhren danach mit der S-Bahn bis zum Bahnhof Bellevue und gingen die Kirchstraße bis zur Straße Alt-Moabit. Dabei kamen wir am Cafe Buchwald vorbei – ein Cafe, das berühmt wegen seiner Baumkuchen ist. Ganz in der Nähe des Bahnhofs und der Spree, also am Holsteiner Ufer. Wir gingen also über die Moabiter Brücke direkt auf die St. Johannis-Kirche zu, Alt-Moabit 123…) Auf dem Kirchhof blühte ein Tulpenbaum, wir gingen zum Eingang der Kirchverwaltung. Aber es wurde uns ein Hinweis gegeben, dass die Küsterei im „Nebengebäude“ ist und die Öffnung von 10 bis 12 Uhr ist.

Wir also dorthin, per Sprechfunk wurden wir ins Haus gelassen: ein Herr Zeller empfing uns und wir trugen ihm unser Anliegen vor:

Hier war vor Jahren eine Diakonisse tätig (?).  
Er „Ja“, ich bin seit 30 Jahren hier und weiß das. Aber sie ist im Ruhestand und jetzt im Mutterhaus. Wie hieß sie nur….
Er überlegte und kam zum Namen „Anneliese Zerner“. Ja, Zerner hieß sie.
Nach der Pastorin Preuße oder Preuß fragten wir, auch das stimmte. Nur – so er – sie war in der Heilandskirche.
Nun gut, konnte ja sein.

Wir wußten nun, dass das stimmte, dankten ihm und gingen zum Tor, nachdem wir noch ein Blick in die Kirche warfen.
Als wir kurz vor dem Tor standen, rief der Küster hinter uns her:
Entschuldigung, ich habe Ihnen etwas falsches gesagt. Es gab es Pastorin Preuss und eine Pastorin Preusse.
Sie war mit Schwester Anneliese befreundet – und beide wohnten wohl in der Paulstraße 1 oder 2, aber das weiß ich nicht mehr….
Jedenfalls ist die Pastorin inzwischen verstorben, so der freundliche Küster.

Für uns waren es recht wertvolle Hinweis und er erklärte uns, wie wir zur Paulstraße kämen. Nun überlegten wir uns, dass wir erst in die Markthalle gehen wollten. Hier war meine Großmutter in ganz jungen Jahren als Kindererzieherin in der „Kaiserlichen Kinderbewahranstalt“ tätig (schlimmer Name, nicht wahr).  Dieser Kindergarten war in der ersten Etage der Markthalle untergebracht. Wir schlenderten noch einmal durch die Halle, die sich inzwischen sehr verändert hat, nicht mehr überall die kleinen Stände, nein, sogar ein NORMA-Discounter und eine Branch-Ecke mit dem „größten Tisch Berlins“ befindet sich dort.

Eine kleine Pause, wo sich mein Neffe ein Ziegenmilch-Eis genehmigte und einen Kaffee und ich mir noch einmal die Stellen ansah, wo früher einer kleiner Milchladen war (neben der Kellertreppe), dort wo es immer nach Käse duftete und Eiswaffeltüten mit Schlagsahne gab. Die bekamen wir von unsere Oma, wenn wir dort zu Besuch waren immer.

Ja, bevor wir also zur Markthalle kamen, gingen wir auch am Gesundheitsamt in der Turmstraße 23-17 vorbei. Dort sind Zelte aufgestellt und saßen einige Menschen, die auf die Amtshandlungen des Gesundheitsamtes warteten, vermute ich. Wir gingen danach am U-Bahnhof Turmstraße (auf der Seite Alt-Moabit) vorbei. Hier war früher das Wollhaus Palmin und eine Konditorei, die Geschäfte jedoch mußten dem U-Bahnhof Platz machen.

Nun ging unser Weg in die Stromstraße. In der Nummer 9 wohnten unsere Tanten, aber beide starben noch – ich glaube in den 70er/80er Jahren. Jedenfalls konnten wir sie ja sowieso seit 1961 nicht mehr besuchen. Ebenso unsere Großmutter in Alt-Moabit 89, die Weihnachten 1961 am Herzinfarkt verstarb, aus Gram, dass die DDR ihr den Besuch bei uns zum Weihnachtsfest nicht erlaubte.

Naja, die Stromstraße 9. Wie immer – das Tor, die Eingangstür – sie waren verschlossen. Mein mutiger Neffe faßte sich ein Herz und klingelte irgendwo: „Ich habe den Schlüssel vergessen, können Sie bitte die Tür öffnen“. Es klappte und wir konnten auf den Hof gehen und sahen von dort die Fenster der Wohnung unserer Tanten.

Der Hof inzwischen ganz verändert. Früher waren dort Garagen, ehemalige Pferdestelle – heute hat man diese abgerissen und alles begrünt und schön angelegt. Klasse!
- Wie gern hätte ich das nun meiner Mutti alles schildern mögen, aber… -
Von der Stromstraße ging unser Weg  zum Haus Alt-Moabit 89. Bis 1961 lebte da unsere Oma. Der Opa war 1958 verstorben, er war früher Oberbuchhalter bei der Fa. Kampffmeyer (das war eine Hamburger Firma, die hier ihren oder einen Sitz hatte). Jetzt befindet sich in diesen Räumen das Hotel Tiergarten. Der Empfang des Hotels war früher eine orthopädische Schuhwerkstatt. Wir durften als Kinder immer mal die Werkstatt kehren und uns mit den Schuhmachern unterhalten.

Wir sahen uns auf dem Hof um, gingen am der Wohnung unserer Großeltern im Erdgeschoß des Hinterhauses mit Blick auf den wunderschön angelegten Garten (ein richtiger kleiner Park) vorbei, sahen auf die Nummer 90. Dahinter war früher eine Kaffeerösterei.

Inzwischen ist auch hier alles verändert. Aber wir freuten uns, das wiederzusehen. Die Mitarbeiter des Hotels wollten uns noch in die „Bettenetage“ führen, weil dort ja der Opa sein Arbeitszimmer hatte. Aber unsere Zeit war bemessen und die Zimmer kannten wir auch nicht, denn dahin hatte Opa uns nie mitgenommen. Meine Mutti hätte es sicher interessiert, denn sie arbeitete dort auch einige Jahre mit unserem Opa zusammen.

Nun führte uns unser Weg zur Paulstraße, denn wir wollten für Gerlinde auch von dort ein Foto des Hauses machen. Erst einmal gingen wir – um einen anderen Weg zu nehmen – über die Spenerstraße, Melanchtonstraße. Wir hatten noch in der Turmstraße versucht, herauszubekommen, wo genau die Straße liegt.
Wir fragten einen jungen Mann, ob er helfen könne. Der trug in einem Tragetuch sein Baby, was so klein war, dass man es erst einmal gar nicht sah. Der junge Papa wußte nicht, wo die Straße genau liegt. Ich sagte verwundert: „Sie haben ja ein Baby im Tuch“ – was sagte er? Das weiß es auch nicht, wo die Straße ist. Scherzend natürlich, aber doch niedlich.

Ja, wir fanden die Paulstraße und zückten wieder die Kamera.

Danach gingen wir – an einem Cafe vorbei, denn wir meinten; in einem solchen Cafe auch einmal eine Toilette aufsuchen zu dürfen – und ich holte mir ein gebratenes Schnitzel und für meine Schwester Baiser-Schalen. Für meinen Neffen, der kein Fleisch isst, hatte ich geschnittene Äpfel mit.

Im Carl-von-Ossietzky-Park zwischen der Spener- und der Paulstrasse setzten wir uns auf eine Parkbank in der Sonne hin, ein Herr schoß ein Foto von uns müden Wanderern und wir ruhten uns aus und ich hatte Gelegenheit, mit meinem Neffen in Ruhe zu sprechen, über „Gott und die Welt“,  über die Berliner und anderen Fragen. Es war einfach schön.

Wir wollten aber nun weiter zum Hansa-Viertel. In der Lessingstraße lebten ja bis zum 22.11. 1943 (großer Bombenangriff) unsere Eltern und Großeltern. Meine Oma und Mutti wurden am 22.11. 43 dort ausgebombt, mein Vati war schon eingezogen worden. Seine Eltern wurden einen (?) Tag späte ausgebombt. Aber Onkel Richard, Papas Bruder hatte gerade geheiratet und war deshalb im Urlaub. So konnte er mit helfen, einiges aus der Wohnung zu retten.

Er mußte nachdem wieder zurück an die Ostfront – und kam nicht mehr aus Russland zurück. Unser Vati hat den Krieg überlebt, wenn auch verletzt und anschließend krank (psychisch). Er kam 1945 wieder. Wir waren inzwischen schon auf der Welt und saßen mit viel zu großen Pullovern (aus der Nachbarschaft geschenkte) auf dem Sofa…. Was muss in meinem Vati vorgegangen sein, als er das erste Mal seine Zwillinge sah!?

So gingen wir also zum Hansa-Viertel. Sahen in die Kaiser-Friedrich-Gedächtniskirche, die zwar geschlossen war und wo der Kirchturm grade eingerüstet ist. Naja, nun führte uns unser Weg zur U-Bahnstation „Hansaplatz“. Von dort aus fuhren wir zum Wittenbergplatz. Im KaDeWe wollte ich versuchen, geräucherte Schollen für Bärbel, Helmut und für mich zum Abendessen zu holen. Aber es gab keine. Hungrig  kaufte sich mein Neffe ein Fischbrötchen (mit Lachsforelle). Ich hätte bei diesem Brötchen sicher eine „Maulsperre“ bekommen. Ihm schmeckte dieses Brötchen lecker und er war zufrieden.

Wie ich einschätzte und merkte, wollten nun meine Füße auch nicht mehr laufen. Inzwischen sind wir fast 11 km gelaufen. Es war schön, aber eben nun auch anstrengend. Leider stiegen wir dann noch in die falsche U-Bahn, stiegen dann am U-Bahnhof Kurfürstendamm aus und liefen bis zum Bahnhof Zoologischer Garten. Ich sah noch den Discounter Ullrich, wo meine Mutti bei ihren Berlin-Besuchen immer einkaufte, fand den Blick zu einem Hotel, wo ich Kurse besuchte und so waren wir auch schon auf m Bahnhof.

Mein Zug kam in 5 Minuten, Mein Neffe brachte mich noch auf den Bahnsteig, wir erkannten, dass der Zug ein gekoppelter war, wo der hintere Teil in Bad-Belzig abgehängt wurde. Zum Glück stieg ich dann in den vorderen Zugteil ein. Der natürlich war gut gefüllt mit Reisegruppen, die kannten keine Ruhe. Aber die Stimmung war gemütlich, wenn auch sehr laut.

In Jeber-Bergfrieden war ich dann 17.35 Uhr angekommen. Mein Schwager holte mich mit meinem Auto ab – inzwischen mit den Sommerreifen – fuhr mich zu ihnen nach Hause. Meine Zwillingsschwester  hatte das Abendessen vorbereitet. Es gab Spargelsuppe. Dazu hatte sie noch vom Mittag Nudeln mit Käsesoße.

Aber ich fuhr dann auch bald nach Hause, war geschafft und hundemüde.

Es war ein schöner Tag, anstrengend, erlebnisreich und sonnig. Die richtige Temperatur zum „Wandern“. Den Anorak konnte man vertragen.

Wir hatten unser Ziel erreicht:
Bekamen heraus, ob in der Johanniskirche in Alt-Moabit die Diakonisse und Pastorin arbeiteten, wo sie dann wohnten und ob bzw. wo sie nun sind.

Mein Neffe hatte mir noch am gleichen Abend eine Mail geschickt. Er teilte mir mit, dass wir ca. 11 km gelaufen sind, dass die Diakonisse in der Paulstraße 2 in Berlin lebte und nun im Mutterhaus der Bethelschen Stiftungen in lebt. Dazu hat er eine Aufnahme recherchiert – die ich dann sofort ausgedruckt habe. Anschließend „ermittelte“ er, dass sie in Heide sein könnte.

Wir hoffen, Gerlinde  und ihrem Hans mit diesem kleinen Bericht und den Fotos eine kleine Freude bereiten zu können.

Es wäre uns auch eine große Freude.