Mit dem "ADLER" über den Kanal

von Ingrid Dobrick                    

Kommen Sie mit, wir besteigen die Buslinie 11 der Kieler Verkehrs-AG, die entlang der Holtenauer Straße fährt bis zur Endstation „Kanal", wo wir aussteigen. Dorthin sollte man auf keinen Fall direkt mit dem Auto fahren, denn dann geht alles zu schnell, nur das Fahrrad wäre noch angemessen für diese hübsche Reise.

Es ist einer dieser milden sonnigen, doch nicht zu heißen Sommertage. Wir fahren knapp eine halbe Stunde bis zur Endstation am Kanal, wo schon der „Adler" wartet, der die Passagiere kostenlos über den Kanal ans andere Ufer bringt.

Benannt ist die kleine Fähre nach der Reederei, die noch andere Linien befährt.

Der „Adler" macht seinem Namen keine Ehre, denn er ist nur ein Vögelchen, eine kleine „Kanal-Fähre", die in großem Bogen den weltbekannten und vielbefahrenen Kiel-Kanal überquert, direkt vor den riesigen Schleusentoren.

Wenn man Glück hat, kann man beobachten, wie sich diese Tore öffnen und zum Beispiel einige Tanker oder Frachter, hoch beladen mit Containern aus aller Welt, in den Kanal entlassen, dazu noch einige kleinere Segel- und Motorboote, Manchmal sogar eines der riesigen Kreuzfahrtschiffe, die so gar nicht mehr wie ein Schiff anmuten, sondern eher an ein schwimmendes Hochhaus denken lassen.

So eine Fahrt mit dem „Adler" dauert vielleicht eine Viertelstunde, in der der Passagier sich wie ein Abendteurer fühlen kann. Viele Leute haben ihr Fahrrad neben sich stehen, um dann später genussvoll auf dem wunderbaren, geraden Weg entlang des Kanals zu radeln, unter der hohen Kanalbrücke hindurch, Richtung Rendsburg. Immer wieder können sie anhalten, um in Ruhe die großen und kleinen „Pötte", wie wir Schleswig-Holsteiner die Motorschiffe nennen, zu beobachten.

Am Anleger des „Adlers" steigen wir aus und schlendern genüsslich die alte Platanenallee entlang, den Kanal immer im Blick. Bis ein schmaler Weg zur Uferwiese abbiegt, wo sich schwarz-weiße Nonnengänse aus dem fernen Sibirien wild schnatternd um ihre Jungen kümmern und sie in Reih und Glied zum Schwimmen führen.

Vielleicht setzen wir uns auf eine schattige Bank unter einem uralten Baum, um den Anblick der weiten Wiese und des stillen Wassers mit Enten, Gänsen und Möwen, zu genießen. Hier fühlen wir uns wie in einem anderen Land, außerhalb der Zeit, besonders wenn wir die auf dem Wasser des alten Kanal-Seitenarmes schwimmenden, riesigen, vom Wasser dunkelbraun gefärbten Holzflöße sehen, die dort lagern, um das Holz zu wässern und zur Weiterverarbeitung vorzubereiten. Sie bieten den Wasservögeln Landeplatz und sichere Nistgelegenheiten. Auf unserer schattigen Bank genießen wir die Stille, schnuppern den Wiesen-Holz-Vogeldreck-Duft - es riecht nach Kindheit auf dem Lande.

Nach ausgiebiger Rast schlendern wir weiter, vorbei am Schleuseneingang samt Wärterhäuschen und kommen zum kleinen Bootshafen, in dem meist interessant aussehende Yachten ankern, die vielleicht direkt von einer Weltumsegelung zurückgekommen sind. Jedenfalls sehen sie so aus - nicht ordentlich geputzt, neu glänzend und schick, sondern gebraucht und wie nach abenteuerlicher Segelei irgendwo auf der Welt im Ozean.

 

 

 

Irgendwann weitet sich der Blick und wir sehen die offene Förde mit dem uralten Kieler Leuchtturm, aus Backsteinen kunstvoll gemauert und mit schmiedeeisernen Gittern vor den kleinen Fenstern, sowie einer wunderbar gestalteten Tür, durch die man in das geheimnisvoll dunkle Innere schauen kann. Der Turm steht auf einer grünen Anhöhe und erwartet die großen Segler, die vielleicht gerade um die Ecke biegen mit der holländischen Fahne am Heck.

 

Und dann sehen wir sie: Große historische Frachtsegler, die uns gleich ein kunstvolles Anlegemanöver am Pier vorführen werden. Passagiere steigen aus, Proviant wird an Bord gehievt. Nach und nach kommen immer mehr dieser imposanten Segler, die klangvolle Namen tragen wie „Stella Maris", „Eye of The Wind", „Ethel von Brixham", „Pirola", „Kairos" oder „Pegasuss". Diese Segler haben zwei, drei oder manchmal sogar vier Masten mit entsprechender Takelage. Sie gehören oft mehreren Eigentümern und werden gegen entsprechendes Entgelt verchartert, haben bis zu 20 oder mehr Kojen und segeln im Winter in die Karibik. Besonders gefallen mir die holzgeschnitzten bunten Gallionsfiguren am Bug, meist schöne Frauen mit riesigen Busen.

 

Am besten können wir die Szene von der Terrasse des urigen Schiffercafés am Tiessenkai beobachten, wo wir es uns jetzt gemütlich machen und das köstlichste Mattjesbrot der Region bestellen oder einen selbstgebackenen Kuchen vom Blech genießen können. Bei schönem Wetter sitzen wir dort stundenlang, hören leise Tangomusik und fühlen uns wie im Urlaub. Der Sonntagnachmittag ist den Tangotänzern vorbehalten, die sich in den historischen Räumen des ehemaligen Schiffsausrüstungsladens dem Tango argentino hingeben.

Wir geraten ins Träumen, bis wir irgendwann unsanft vom kühlen Abendwind geweckt werden, wenn die wärmenden Sonnenstrahlen sich verabschieden. Wir entscheiden uns also schweren Herzens, diesen herrlichen Platz für heute zu verlassen, nicht ohne in der offenen Bücherkiste auf dem Fußsteig nach eventueller Lektüre gewühlt zu haben. Schließlich eilen wir etwas frierend schnellen Schrittes den Weg zum „Adler" zurück, auf den wir vielleicht warten müssen, weil er noch am anderen Ufer liegt. Dann genießen wir noch einmal die Fahrt über den Kanal, um den schon wartenden Bus der Linie 11 zu besteigen und wieder in den Alltag zurückzukehren.

Was für ein herrlicher Urlaubstag.

 

Verfasst im Februar 2012

 

Fotos :    Thomas Behrenbruch

G. König/Stadtarchiv  /  Google

Richard Fander / Usche Welker

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