Neues wagen oder barrierefrei durch den Alltag ?

                                                                                   

                                                                         von Karin Schöniger

 

Nicht nur einmal wurde hier über die vielfältigen Probleme beim Öffnen von Verpackungen gemeckert. Geändert hat sich nichts - noch immer habe ich dafür diverse Handwerkzeuge in der Küche, denn schon der aufgedruckte Hinweis: „Bitte hier öffnen“ ruft leichte Aggressionen hervor, weil es genau dort erfahrungsgemäß am schlechtesten geht. Zugunsten der Transportsicherheit wird weiterhin verschweißt, verklebt und mit Plastik vernippelt.

Doch inzwischen hat sich noch eine weitere Rücksichtslosigkeit verbreitet: Firmen sparen Personal und beuten dafür die Arbeitskraft des Kunden aus. Die Dressur des Verbrauchers ist im vollen Gange! Beim Ticket-Automaten am Bahnhof geht es schon los. Eigentlich wollte ich immer mal spätabends dort heimlich üben, denn bisher gehe ich immer noch an den Schalter. Dasselbe Verhalten habe ich auch, wenn ich Briefmarken kaufe, anstatt sie aus dem Automaten zu ziehen. „Entschuldigung, ich lerne es nie“ ist meine Begrüßung für den Schaltermitarbeiter, noch bevor er eine Belehrung loswerden kann. Bis heute habe ich mich auch nicht getraut, Pakete in die DHL-Packstation zu legen, denn das Bezahlen ohne Waage macht mich so skeptisch wie schon unser Briefkasten, der so vernachlässigt aussieht, dass ich keine Briefe hineinwerfe.

Pfandautomaten benutzte ich gar nicht, meine Plastikpfandflaschen gehen in den gelben Müll und die anderen in den Altglascontainer, da schrillt (noch) kein Alarm bei Bedienungsfehlern.

Im fröhlichen Möbelhaus mit „tollen, frischen Neuheiten“ muss man sich inzwischen den Gardinenstoff selbst mit stumpfer Schere vom Ballen abschneiden und auch hier entschuldige mich bei den hinter mir Wartenden, weil es so lange dauert.

Danach scanne ich die Artikel nach langem Anstehen an der Kasse selbst ein und bin zu entnervt, den Meckerzettel „Sagen Sie uns Ihre Meinung“ dann auch noch auszufüllen. Nichts wie raus! Ich kann schon froh sein, wenn ich Artikel selbst transportieren kann. Heutzutage ist fast alles komplett zerlegt, der Kunde soll schleppen und aufbauen, wann kommt die Zeit, in der er auch bei Herstellung der Teile mithelfen soll?

Fotos am Automaten bearbeiten und drucken ging schon beim ersten Versuch schief. Ich fand es leichter, dafür jemanden aus dem Bekanntenkreis zu bitten, der schon meine PC- und Smartphone-Probleme löst, besonders das Aufspielen von „Updates“.

Neues gewagt habe ich lediglich mit der Nutzung des Internets. Beim Austüfteln vieler Möglichkeiten konnte ich mir Zeit lassen, keiner sah mir zu, keiner wartete hinter mir. Im Internet bin ich oft und gerne „unterwegs“.

Doch in anderen Alltagsdingen werde ich immer unselbständiger und vor allem unsicherer. Ich habe lediglich gelernt, Vermeidungsstrategien zu entwickeln.

Ist dies nun ein altmodisches Verhalten oder der berechtigte Versuch „barrierefrei“ und „ohne Hürden durch den Alltag“ zu kommen? (ks)