Saubere Ohren - Dafür muss ich heute selber sorgen.

Nein, als ich 1954 wieder in Krefeld war und sonntags zu Tante Hermine kam, schaute sie nicht mehr nach, ob meine Ohren sauber sind. Die Kinderhosen hatte ich längst ausgezogen und kam gerade aus Afrika zurück. Wenn ich heute an meine Tante Hermine denke, dann sehe ich mich noch in ihrer Küche still stehen, bis die Prozedur der Ohrreinigung überstanden war. Ich weiss nicht, ob meine Mutter keinen Wert auf meine sauberen Ohren legte. Vielleicht übte meine liebenswerteTante, die Schwägerin meines Vaters aber nur, um später meinem Vetter Lothar, der 1942 auf die Welt kam, auch die Ohren mittels watteumwickeltem Streichholz zu säubern.

Tante Hermines Mann, mein Onkel Willi, war technischer Betriebsinspektor bei der Post. Ein Mann mit vielen Talenten. Als Junge war ich stolz, wenn ich mit den Großeltern im Sommer sonntagsvormittags im Stadtgarten war, wo er im Pavillion im Orchester die erste Trompete spielte, und zuhause hatte er eine dickbauchige Laute. Wenn ich ihn bat, spielte er darauf ein paar Lieder. Ich erinnere mich an wenige Besuche im Telegrafenamt. Riesige Metallschränke gab es da mit kleinen Lichtern und unzählige bunte Dräthe. Es klapperte und klickte überall, wenn automatisch Telefonverbindungen der Teilnehmer hergestellt wurden. Mir ist bis heute rätselhaft, wie er alles überblicken konnte. Zuhause hingen an einer Wand große Schaltpläne, ähnlich den Schnittmusterbögen, die die Schneiderinnen benutzten. Irgendwann hatte er noch eine spezielle Zange entwickelt, für die er ein Patent bekam. Mein Onkel war ein unermüdlicher Arbeiter, und er dachte schon über Glasfaserkabel nach, lange bevor es sie gab. Seine Frau stand ihm da nicht nach, Sie war selbsständig für eine Krefelder Krawattenfabrik tätig.

Die Sonntagsspaziergänge, gemeinsam mit den Großeltern und zwei weiteren Verwandten, führten zuerst zum Friedhof. Dann in die Stadt. Aber das beschrieb ich schon in der kleinen Erzählung über meinen Großeltern.

1942, mitten im Krieg wurde mein Vetter Lothar geboren. In den turbulenten Zeiten war ich nicht mehr oft bei seinen Eltern. Etwas näher lernte ich ihn kennen, als ich 1954 wieder in Krefeld war. Damals wurde er zum Holzkaufmann ausgebildet. Jahre später hat er mit seiner Frau Helmute eine große Holzfirma aufgebaut, die weit über die Grenzen unserer Heimatstadt bekannt wurde. Der Sohn Klaus ist heute Mitinhaber einer großen Software-und Beratungs-Firma und die Tochter Monika wurde Physiotherapeutin. Als Mädchen war sie eine hervorragende Turnerin. Heute tanzt sie noch Ballett.

Von 1954 bis 1962 war ich noch in Krefeld. Unsere Tochter Beate und ihr Bruder Richard wurden 1956 und 1960 geboren. Tante Hermine war öfter bei uns. Manchmal auch mit ihrer Schwester Irma. Aus beruflichen Grüden verliessen wir Krefeld 1962. Meine Mutter war 1975 nach Kiel gezogen. Ich war nur noch selten in meiner Heimatstadt.

 

1979 erhielten wir den Anruf, Tante Hermine sei sehr krank. Meine Frau, Richard und ich fuhren damals von Hannover aus, wo wir inzwischen wohnten, nach Krefeld. Es war ein Abschied. Abschied von einem liebenswerten Menschen, einer tüchtigen Frau, die nun zuhause im Alter von 72 Jahren Abschied vom Leben nahm. Dass nur vier Wochen später mein Onkel Willi, nun im Alter von 77 Jahren, nicht mehr unter uns sein würde, konnten wir nicht ahnen. In kurzer Zeit verlor ich zwei Menschen, die viele Jahre meines jungen Lebens begleitet und auch ein wenig mit geleitet hatten.

 

Erinnerungen beiben an die gemeinsam verbrachten Stunden. An Besuche in der Prinz-Ferdinand-Strasse, wo auch unser Großvater bis zuletzt in der Familie lebte. Immer aber, wenn ich heute im Bad die Wattestäbchen sehe, denke ich an Tante Hermine. In meiner Einbildung glaube ich dann auch im Hintergrund noch ein paar Trompeten und Lautentöne von Onkel Willi zu hören. Und wäre ich noch in Krefeld, würde ich sicher an machen Sonntagen noch die Wege gehen, die ich damals als kleiner Junge mit ihnen ging.

 

Dezember 2009