Tapetenwechsel

Tapetenwechsel                                          von Gerlinde Kammholz

Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie er begonnen hatte, dieser Wunsch nach Veränderung. Eigentlich mochte ich meine Wohnung. Seit langer Zeit hatte es hier keine Veränderungen gegeben. Warum auch? Alles war ja gut, so wie es war. Ich war es gewohnt und ich mochte diese kräftigen Farben, zwar recht dunkel, aber sie gaben mir Wärme in den vielen dunklen und kalten Monaten des Jahres.
Ich liebte mein Himmelbett mit den Begrenzungen durch viele Vorhänge. Das gab mir Geborgenheit. Ich mochte all die vielen kleinen Lampen, die ich auf Flohmärkten gekauft hatte und die, wie ich fand, Gemütlichkeit und Wärme ausstrahlten. Ich mochte das Sammelsurium von Möbeln, auch hier das Allermeiste geschichtsträchtig und aufgearbeitet, mit Spuren der Vergangenheit. All das mochte ich über viele Jahre.
Und dann las ich irgendwann einen Bericht über Wohnungseinrichtungen und ihre Hintergründe. Ich fühlte mich angesprochen. Plötzlich hatte ich das Gefühl, sie schrieben über mich. Fast peinlich berührt dachte ich darüber nach, wie es sich mit meinem ganz privaten Wohnumfeld verhält. Ich ließ meinen Gedanken und Visionen freien Lauf, experimentierte in meiner Vorstellung mit anderen Farben und neuen Möglichkeiten. So hat er begonnen, dieser Aufbruch in eine neue Zeit.
Dann gab es kein Halten mehr. Andere Farben mussten an die Wände. Immer noch warme Töne, aber freundlich und hell musste es nun sein. Schränke wurden , soweit es möglich war , mit hellen , warmen Farben neu gestrichen. Die Bezüge der Stühle gefielen mir ja eigentlich noch nie, aber unempfindlich und praktisch waren sie mit den etwas dunklen Tönen... Nun sind sie hell und bestimmen freundlich das Bild um den großen runden Tisch. Das Gestänge am Himmelbett habe ich abgebaut. Jetzt ist alles rund herum offen und frei. Keine Begrenzungen mehr. Dies lässt Raum zum Atmen und Entfalten. Es sieht wunderbar aus. Zu guter letzt mussten noch neue Lampen her mit viel Licht. Weg vom schummrigen, hin zum wirklich hellen. Und so fühle ich es auch in mir , alles viel heller und lichter !!
Das alles liegt nun schon eine Weile zurück. Es scheint mir selber fast unwirklich, dass ich so viele Jahre mit diesen selbst gewählten Begrenzungen gelebt habe.
Nun ist meine Wohnung wieder ein Spiegel meines Selbst und ich fühle mich offen und lebensfroh. Freundlich, hell und warm strahlt sie nun , meine Wohnung. Es ist ein Vergnügen in ihr zu leben.
Hatte ich mit der Renovierung nun erst in mir selbst angefangen oder in meiner Wohnung?
Egal! Hauptsache , man spürt, wenn die Zeit reif ist für einen Tapetenwechsel!