The war is over!


So hatte es einer der englischen Soldaten in Burgdorf uns, den vermeintlichen Holländern zugerufen. Aber das verschaffte uns natürlich keine Sicherheit vor einer jederzeit möglichen Gefangenschaft. Die Sorge wuchs sogar, je näher wir der Heimat kamen. Nur nicht noch auf den letzten Kilometern scheitern.

Am 11.Mai erreichten wir abends Vlotho an der Weser. Ein freundlicher Bürgermeister stellte uns handgeschriebene Ausweise aus ("...ist auf der Heimreise nach Wuppertal. Es wird gebeten ihn ungehindert reisen zu lassen"). Wichtig war der Stempel. Damit ausgerüstet ging es am nächsten Morgen auf einem Kahn über die Weser und dann wieder auf der Autobahn weiter. Eine Stunde später überstanden wir mit unseren neuen Ausweisen die erste Kontrolle. Zwei britische Posten, die eine kleine Brücke bewachten, betrachteten etwas ratlos die seltsamen Papiere. Da sie aber wohl auch nicht wussten was sie mit uns machen sollten, ließen sie uns nach kurzer Beratung ziehen.

Mein Kamerad aus Werl sah am Nachmittag auf der Steigung im Teutoburger Wald neben der Fahrbahn ein Fahrrad, er griff zu und fuhr damit los. Ich setzte mich daraufhin auf das Ende der Laderampe des letzten Fahrzeuges einer langsam den Berg hochziehenden Panzer-Transportkolonne der Army. Abwärts wurde es eine Höllenfahrt, ich hielt mich krampfhaft an einer Kette fest und konnte bei Bergkamen, von der die Fahrzeuge kontrollierenden Militärpolizei zwar bemerkt und mit erhobenem Zeigefinger bedroht, letztlich aber ungehindert absteigen und weiter gehen.

Direkt neben der Autobahn fand ich wenig später in einem großen Bauernhof eine Schlafmöglichkeit für die Nacht, Verpflegung inbegriffen. Im Laufe des Abends stieg die Zahl der Obdachsuchenden auf etwa fünfundzwanzig Personen, durchweg ehemalige Soldaten. Wir alle machten uns große Sorgen entdeckt und kontrolliert zu werden, als gegen 22.00 Uhr eine Tochter des Bauern ins Haus gerannt kam und rief, sie werde von einem englischen Soldaten verfolgt. Warum das so war blieb unklar, aber es tauchte tatsächlich ein Jeep auf, in dem ein sturzbetrunkener Engländer saß. Der fuhr mit aufgeblendeten Scheinwerfern ums Haus, schoss mit seiner Pistole in die Gegend und verlangte laut brüllend Einlass. Kurz entschlossen schlich ein Mutiger durch einen Hinterausgang zur Autobahn und dirigierte einen Wagen der Militärpolizei zum Hof. Der Krachmacher wurde ohne Mühe vereinnahmt und alles war wieder friedlich.

In der Frühe setzte ich meinen Fußmarsch fort, musste aber bei der Ausfahrt Hamm am Mittag die Autobahn verlassen, Militärpolizei sperrte die Straße für alle Fußgänger. Ich orientierte mich an Schildern in Richtung Unna und geriet schon kurz danach an eine motorisierte britische Streife.

Zwar wurde ich genauestens kontrolliert und befragt, auch mein Arm nach der Blutgruppen-Tätowierung der SS untersucht, aber man ließ mich schließlich laufen, vielleicht weil ich denen erzählte, aus einem Lazarett zu kommen und an Malaria erkrankt gewesen zu sein.

Auf der Suche nach einer Übernachtungsmöglichkeit setzte ich mich am Abend in Unna zu drei Frauen auf eine Parkbank. Die waren darüber alles andere als erfreut und drückten ihren Ärger über diesen ungebetenen, vermeintlichen Fremdarbeiter untereinander auch deutlich aus. Das änderte sich dann schnell, als ich mich als deutscher Soldat auf dem Heimweg zu erkennen gab. Eine der Frauen nahm mich mit zu sich nach Hause.

Ich konnte das Bad benutzen, meine Wäsche wurde gewaschen und mir stand nach langer Zeit erstmals wieder ein Bett zur Verfügung. Außerdem stellte sich heraus, dass meine freundliche Gastgeberin als Wäscherin für amerikanische Soldaten tätig war, es gab also aus Armeebeständen reichlich und gut zu essen.

Aber was noch viel wichtiger war, ich bekam für den weiteren Weg ein Fahrrad geliehen, das nur eine Macke hatte, ein Loch im Schlauch des Hinterrades. Keine Sorge, das könne ein guter Bekannter der Familie schnell in Ordnung bringen, hieß es zuversichtlich. Mit dem fünfzehnjährigen Sohn machte ich mich sofort auf den Weg zu diesem wichtigen Nothelfer, der in einer Zeche arbeitete. Die Reparatur war schwieriger als erwartet, sie zog sich schließlich so lange hin, dass wir auf dem Heimweg in die Sperrstunde gerieten und von einer amerikanischen Streife festgehalten wurden.

Weil wir beide keine Papiere bei uns hatten erhielt ich den Befehl, die schnellstens herbei zu schaffen. Als ich nach aufgeregter, eiliger Fahrt mit dem Personalausweis des Jungen und meinem Bürgermeisterzettel aus Vlotho wieder auftauchte, gab uns der Streifenführer zu unserer Überraschung ziemlich grob zu verstehen, wir sollten abhauen. Also im Sprung auf die Räder und nichts wie weg.

Der letzte Tag der Heimreise verlief mit dem Fahrrad fast problemlos. Die Ruhr überquerte ich bei Wetter an einem farbigen Posten vorbei mit dem Führerschein eines anderen Radfahrers, den ich kurz zuvor auf der Straße kennengelernt hatte. Der passierte dann wegen der Namensgleichheit in den Papieren erst nach einigem Abstand mit seinem Personalausweis die Kontrolle, was sich als überflüssig herausstellte, denn der Soldat sah sich die ihm von den vorbeiziehenden Deutschen gereichten Ausweise zwar in aller Ruhe an, konnte aber offensichtlich nicht viel damit anfangen.

Zu meinem Glück, denn ich hatte ihm ohne nachzudenken nicht nur den fremden Führerschein sondern auch meinen Bürgermeisterausweis gegeben, und da standen ja nun unterschiedliche Namen drauf. Das wurde mir erst siedendheiß klar, als er meine Unterlagen schon in seiner Hand hatte. Er gab sie mir aber mit einem freundlichen Blick kommentarlos zurück. Lesen war wohl nicht seine Stärke.

Am Nachmittag des 14.Mai erreichte ich mit tiefgebräuntem Gesicht wohlbehalten die Wohnung meiner Eltern in Elberfeld. Alles war unbeschädigt und in Ordnung, die Freude natürlich riesengroß, bis auf ein Problem: Überall hingen Plakate mit der Aufforderung, Soldaten ohne Entlassungsschein müssten sich sofort bei der örtlichen C.I.C.-Dienststelle melden. Angedroht wurde bei Nichtbefolgung die Todesstrafe, was vor allen Dingen meine Eltern in Sorge versetzte.

Nach zehn Tagen ging ich schließlich hin. Es gab ein sachliches Verhör mit vielen Fragen zu meinem zivilen und militärischen Lebenslauf. Die "Division Hermann Göring" ließ ich aussen vor, ich gab vorsichtshalber an, einer "Luftwaffen-Felddivision HG" angehört zu haben. Hinterfragt wurde das nicht. Man glaubte mir wohl auch, dass ich nicht in der NSDAP sondern nur in der HJ gewesen war. Meine Aussagen wurden protokolliert, unterschreiben musste ich nichts, dann konnte ich gehen. Erst Anfang September erfuhr ich von einem Bekannten, der sich einen Tag früher gemeldet hatte, dass er nach der Befragung in einen Keller geführt, nach einiger Zeit mit etwa 30 anderen ehemaligen Soldaten auf einen Lastwagen geladen und auf die berüchtigten Rheinwiesen gebracht worden war. Manchmal wird man vom Leben eben doch nicht bestraft, wenn man später kommt.

Im Zuge der Bereinigung der Besatzungszonen kamen im Juni 1945 britische Truppen nach Wuppertal. Sie übernahmen von den abziehenden amerikanischen Verbänden auch das Haupt-quartier im Elberfelder Glanzstoff-Verwaltungsgebäude. Hatten die Amerikaner den Wachwechsel ihrer Posten im und vor dem Haus noch vornehmen können ohne Aufsehen zu erregen, bekam die für deutsche Augen und Ohren ungewöhnliche Zeremonie der Engländer einen außerordentlich hohen Unterhaltungswert. Allabendlich versammelte sich vor 18.00 Uhr eine immer größer werdende Menschenmenge in der Luisenstraße, um das Schauspiel zu beobachten.

Die merkwürdig erscheinenden, staksigen Schrittkombinationen, die Kommandos, der steife Drill, das alles wurde vom staunenden Publikum mit großer Heiterkeit aufgenommen und entsprechend kommentiert. Irritiert und verunsichert mussten die Soldaten nicht nur das Gelächter, sondern auch laute Zurufe über sich ergehen lassen. Verlief die Vorstellung zur allgemeinen Zufriedenheit, gab es zum Abschluss Bravo-Rufe und kräftigen Beifall. Schließlich missfiel den verantwortlichen Offizieren wohl das Kasperle-Theater, sie ließen die Straße für die Zeit des Wachwechsels für alle Zivilisten sperren. Fortan fand das Spektakel zum allgemeinen Bedauern nur noch unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

Den Wehrmachts-Entlassungsschein bekam ich im Oktober 1945. Im Rahmen einer von der Militärregierung erlassenen Anordnung mussten sich alle ehemaligen Soldaten melden, die noch ohne ein entsprechendes alliiertes Papier waren. Bei der ärztlichen Untersuchung gab ich sicherheitshalber ein Herzleiden an, das dann auch vermerkt wurde. Damals war viel davon die Rede, dass bei jeder Gelegenheit gesunde junge Leute für die Arbeit in dem für den Wiederaufbau als besonders wichtig eingeschätzten Bergbau verpflichtet würden.

Von allen Ereignissen meines Lebens ist aber kaum etwas so nachhaltig, so gravierend im Gedächtnis geblieben, wie der Weg von der Oder nach Hause. Die Schicksale, die Orte, die Menschen, auch die Befürchtungen von der heranrückenden Roten Armee eingeholt zu werden, sie tauchen immer wieder aus dem Unterbewusstsein auf. Nicht mehr beängstigend oder drohend, eher zufriedenstellend, wie nach einer großen Leistung, von der man vorher befürchtet hatte, sie eigentlich gar nicht bringen zu können. Welche Glücksboten, welche Zufälle haben mich da geleitet.

Heute frage ich mich natürlich auch, wie viel Glück, wie viele Zufälle musste oder durfte ein Soldat in Anspruch nehmen, der den ganzen Krieg über in einer Uniform gesteckt hat. Millionen hat es erwischt, sie sind gefallen oder mehr oder weniger schwer verwundet worden, haben Arme, Beine, das Augenlicht verloren. Millionen sind in Gefangenschaft geraten, haben dort, vor allen Dingen in Russland, noch mit dem Leben bezahlen müssen oder bleibende Schäden erlitten. Aber da sind auch die Millionen, die davongekommen sind, einfach so: Alles nur Glück oder Zufall?

In den letzten Kriegsmonaten habe ich kaum noch singende Marschkolonnen gesehen. Vorbei die Zeiten in denen locker der Refrain des Liedes „Drunten im Tale wächst Haferstroh" gesungen wurde, dieser ironische Refrain, der mit dem „nur" bei der Aufzählung der Gegner und mit der Einstufung „garnisonsverwendungsfähig Heimat" für alle, eigentlich ziemlich deutlich ausdrückte, was von der Zukunft zu erwarten war:

Drum Mädel sei glücklich, wir seh'n uns bald wieder. Das sowieso!
Nur gegen England, Sowjetrussland, USA, dann ist alles „gvH".

Jetzt stimmten wir, wenn sich die seltene Gelegenheit dazu bot, besonders gerne das Lied vom Glück beim Würfelspiel des Lebens an:

Das Leben ist ein Würfelspiel, wir würfeln alle Tage,
dem einen bringt das Schicksal viel, dem and'ren Müh' und Plage.
Drum frischauf Kameraden den Becher zur Hand, zwei Sechsen auf den Tisch, die eine für mein Vaterland, die andere für mich!

Meine Sechs lag nach dem Krieg sichtbar auf dem Tisch. Dass auch die obere Seite des noch verdeckten zweiten Würfels, zunächst allerdings nur für einen Teil des Vaterlandes, die gleiche Zahl trug, stellte sich etwas später heraus.