Über den Regenbogen gehen - Ein paar Gedanken


Heute, am 22. Oktober 2010, sah ich in den Nachrichten die Beiträge über den Tod von Frau Schmidt, der Frau des früheren Bundeskanzlers und die Nachricht über den Unfall des Sohnes von Joachim Fuchsberger. Getragene Stimmen im Lautsprecher, ernste Gesichter auf dem Bildschirm. Worte vom Volk, das trauert purzelten in meine Ohren. Es fehlten nur noch Tränen. Der Sänger Heino wurde gezeigt, dessen Tochter sich das Leben nahm, und der fernsehwirksam von seiner Frau Hannelore getröstet wurde. Der Tod so genannter Prominenter oder ihrer Angehörigen wird zum Medienereignis, bei gleichzeitiger Erwähnung, dass die Beerdigung nur im kleinen Kreis der engsten Angehörigen und Freunde statt findet. Vermarktung des Todes, eine andere Form der Sensation. Von Sensationen leben Medien. Auch Todesnachrichten oder Berichterstattung über Messen mit Orgelklängen und Friedhofsgängen gehören dazu.

 

Nichts liegt mir ferner, als die Verdienste von Menschen, die uns verlassen haben zu schmälern. Und den Schmerz und die Trauer über den Verlust von Angehörigen kann ich nicht nur verstehen, sondern aus eignem Erleben nachvollziehen, starb unsere Tochter doch im Alter von neunzehn Jahren.

 

Das wir alle den Weg über den Regenbogen des Lebens gehen, ist uns ja nicht unbekannt. Den Regenbogen wähle ich als Symbol. Nicht nur weil er bunt ist wie das Leben, sondern auch einen Bogen darstellt, über den wir alle gehen, vom Anfang bis zum Ende. Als Babys werden wir auf die unterste Stelle gesetzt. Mühsam lernen wir zu stehen und uns zu bewegen. Der Weg ins Leben führt aufwärts und ist schon etwas steiler. Nicht jeder hat es leicht, den Scheitelpunkt zu erreichen und sich dort eine Weile zu halten, sozusagen in der Balance zu bleiben. Und dann geht es an der anderen Seite wieder langsam dem Ende des Regenbogens entgegen. Die Jahre verlangen ihren Tribut. Die einen gleiten schneller, andere langsamer dem Ende entgegen. Uns allen, aber ist gemeinsam, gleich was wir waren oder taten, dass uns am Ende des Regenbogens das erwartet, was man Lebensende nennt. Zurück bleiben alle, die noch auf dem Regenbogen stehen und um die trauern, die ihnen nahe standen.

 

 

Man trauert im Allgemeinen über den Verlust von lieben Menschen. Die Frau die ihren Mann verliert oder umgekehrt, Die Kinder, die ihre Eltern verlieren, oder Eltern, die ihre Kinder verlieren. Alle sind traurig über die Unumkehrbarkeit des Geschehens. In den Zeitungen stehen Anzeigen mit dem Hinweis auf die stille Trauer. Im Krieg gab es die Todesanzeigen, dass der Sohn oder Mann für Führer, Volk und Vaterland starb. Letzteres fast ein Spott über die Art wie ein meist unsanfter Tod verherrlicht wurde. Tod hinterlässt immer Traurigkeit und Trauer. Und tief im Herzen schlummert diese Traurigkeit. Manchmal, zu bestimmten Anlässen, meldet sie sich, um mit der Zeit zur Gewohnheit zu werden, mit der man lebt.

 

In dieser Jahreszeit sammeln auch Soldaten der verschiedensten Einheiten für die Pflege der Gräber von Männern, die schon zu allen Zeiten für " andere die Kastanien aus dem Feuer holten " und dabei ihr Leben liessen. Natürlich fand man immer schöne Worte für das Hinscheiden von Soldaten. Das Wort " Heldentod " ist wohl die Krönung der Todesverherrlichung. Aber vielleicht haben sich die Angehörigen auch damit getröstet. Um die Sache zu entdramatisieren spricht man ja auch von Gefallenen. Eine Frau erzählte mir, dass, als  sie noch ein kleines Mädchen war, man ihr sagte ihr Vater sei gefallen, sie hätte dann ihre Mutter gefragt, " warum steht er denn nicht wieder auf? " Wenn ich heute Soldaten für die Pflege der " Kriegsgräber " sammeln sehe, wünsche ich ihnen von Herzen, dass sie es nicht für ihr eigenes Grab tun.

 

Was mich an öffentlicher Trauer stört, ist ihr zur Schau stellen. Wo ist der Unterschied zwischen dem Tod eines unbekannten Menschen und dem einer bekannten Person? Beide leben nicht mehr. Und um beide trauern die Angehörigen. Warum soll der Tod eines Müllwerkers, der sein Leben lang den Abfall seiner Mitmenschen entsorgte - sonst wären sie ja darin umgekommen - ein geringerer Verlust für die Mitmenschen sein, als der eines Wissenschaftlers oder eines Politikers? Jeder hat doch zu Lebzeiten an seinem Platz das getan, wozu er fähig, oder durch glückliche oder weniger glückliche Umstände leben und arbeiten konnte oder musste.

 

Nun hat man ja vor vielen Jahren den Volkstrauertag erfunden. Millionen Menschen besuchen die Gräber Ihrer verstorbenen Angehörigen. Friedhofsgärtner stellen Grabschmuck bereit. Friedhofsbesuche sind auch Gänge in die Vergangenheit, auch in die eigene, soweit man darüber nachdenkt. Es gibt die Gräber ehemals wohlhabender Bürger, fast pompös und die Steine, unter denen die begraben/beerdigt sind, deren Familien nicht soviel Geld hatten, ihren Toten ein Denkmal zu setzen. Ganz gleich aber wie groß oder klein die Steine sind, alle vereint der Tod.

 

 

Zurück bleibt die Trauer derjenigen, die ihr Leben mit den Verstorbenen teilten. Die Enkel, die ihre Großeltern nicht kannten, können nicht um sie trauern. Sie können höchstens bedauern, sie nicht gekannt zu haben. Trauer ist individuell und ein ganz persönliches Empfinden. Ich glaube, so lange es noch Menschen gibt, die an alle denken, die unser Leben nicht mehr teilen, sind sie und später auch wir, die diese Zeilen schreiben oder lesen, nicht wirklich tot. Tot ist man erst, wenn es niemanden mehr gibt, der an uns denkt.

 

Öffentlich zur Schau gestellte Trauer aber kann ich nicht verstehen und nachvollziehen. Und ob die Medien gut daran tun sie zu zeigen, ist wohl eine Frage des Geschmacks. Und darüber lässt sich bekanntlich streiten.