Unterhaltend - oder einfach nur nervend?

von Karin Schöniger

 

Auf meiner Bahnfahrt von Hamburg nach Kiel mußte ich mir kürzlich eine gute halbe Stunde das  Geplapper einer älteren Dame anhören, die laut und deutlich jemandem am Handy das Ergebnis ihrer späten Abiturprüfung mitteilte, in allen Einzelheiten natürlich und völlig ungeachtet der Tatsache, dass diverse andere Mitreisende daran teilhaben mußten, ob sie wollten oder nicht. Nach 10 Minuten wurde die Stimmung der Zuhörer gereizter, es gab erste Unmutsäußerungen, doch  die Dame plauderte unbekümmert weiter. Schließlich war sie überzeugt, etwas ganz außergewöhnliches erlebt zu haben!

Die verschiedenen Fachlehrer wurden ausführlich beurteilt, krititisiert oder hervorgehoben, bald kannten wir das ganze Kollegium. Doch damit nicht genug, wir bekamen auch eine ausführliche Erklärung über ihr Seelenleben vor, während und nach der Prüfung. Nun gab es vereinzelt laute Rufe: "Aufhören!", doch sie verhallten ungehört.

Ich wartete darauf, dass irgendjemand nun das Handy konfizierte. Was hätte man noch anderes machen können? Die Dame ahnte es vielleicht auch, denn plötzlich beendete sie das Gespräch:  "Na dann bis Morgen und grüß alle schön!" Unüberhörbar rief ich: "Von uns auch!" Die Ruhe war von kurzer Dauer.

Ein anderes Handy klingelte und ein junger Mann gab nun sein Können zum Besten. Bis zum Eintreffen in Kiel schilderte er unüberhörbar seinen Unmut über die Freundin seiner Freundin und deren Freund. Die gestressten Mitreisenden gaben auf, keiner muckste sich mehr, man starrte aus dem Fenster oder konzentrierte sich angestrengt auf seine Zeitung. Soll das etwa der Vorteil der modernen Kommunikation sein? Resignierte Mitmenschen?