Unterm Nordstern: Parallelklänge

von Edgar Müller-Gotthard


Den guten Vorsatz, diese "Klänge" zu Papier zu bringen, habe ich immer wieder – mangels Zeit - verschoben. Nun, da der NORDSTERN untergegangen ist, wird es höchste Zeit zur Tat zu schreiten...ehe sich keiner mehr einen Reim, geschweige denn ein klares Bild von all dem Geflüster und diesen Klängen machen kann!

Sie beginnen im Jahre 1952 mit einem nur kurzen Rückblick auf die Jahre vor Ausbruch des Krieges 1939, das heißt auf die Epoche, in der Edgar Schnell das Ruder des NORDSTERN bereits fest in der Hand hatte. Den Rückblick verdanke ich den Erzählungen meines damaligen Chefs und unvergessenen väterlichen Freundes, Hans Paul.

Es geschah in Alexandrien im Jahre 1952. Die dortige Versicherungs-Generalagentur D.J.Paleologos & Son wurde von John (eben dem "Son") geleitet, der noch als Teenager vor dem Zweiten Weltkrieg seinen Vater Doucas nach Berlin begleitete. Die Firma Paleologos vertrat seiner Zeit die Interessen des NORDSTERN in Ägypten. Auf dieser Reise mit seinem Vater lernte John Paleologos auch den Generaldirektor Edgar Schnell in Berlin kennen.

Daran erinnerte er Edgar Schnell in einem Brief Mitte 1952, erkundigte sich nach seinem Wohlbefinden und nach der Möglichkeit, die Interessen des Nordstern in Ägypten wieder vertreten zu können. Kriegsbedingt wurde 1939 die Agenturtätigkeit für NORDSTERN beendet. Mit diesem Brief traf Paleologos ins Schwarze! Edgar Schnell war nämlich nicht nur d e r Transportversicherungspapst in Deutschland, der auch die Deutsche Kriegsversicherungsgemeinschaft unter Führung des NORDSTERN mit aus der Taufe hob, sondern außerordentlich international orientiert: vielleicht als Ausdruck seines Wesens als passionierter Transportversicherer und des norwegischen Blutes in seinen Adern!

Das Gewicht dieser herausragenden Persönlichkeit in der Assekuranz mag auch an folgender, heute bedauerlicherweise kaum vorstellbaren Situation verdeutlicht werden:

Der Zweite Weltkrieg führte unter anderem dazu, dass Rückversicherungs-beziehungen z.B. zwischen deutschen Versicherungsunternehmen und britischen Rückversicherern (man denke an die damalige Rolle von Lloyd's in diesem Zusammenhang) mehr oder weniger unterbrochen wurden. Mehr oder weniger deswegen, weil damals schon (oder aus heutiger Sicht noch??) galt, dass in der Assekuranz wie in keinem anderen Wirtschaftszweig Wettbewerb und Kooperation ganz nahe beieinander liegen. Wettbewerb im Kampf um den Kunden, Kooperation in der notwendigen Verteilung der übernommenen Risiken, sei es auf dem Wege der Mitversicherung, der damals praktizierten "Kellerbeteiligung" oder der Rückversicherung. So wurden bei Ausbruch des Krieges Rückversicherungs-verträge zwischen Partnern verfeindeter Länder z.B. über Italien umgeleitet. "Treu und Glaube" war die Devise und sie war auch gültig! Das "Tandem" Jauch & Hübener in Deutschland und Willis, Faber & Dumas, London (bei der Erwähnung dieser großen Namen die inzwischen vom M&A-Strudel erfasst wurden, bleibt ein nostalgischer Beigeschmack nicht aus!) war maßgeblich daran beteiligt.

Die persönliche Beziehung zwischen dem Senior des Hauses J & H, Otto Hübener und Edgar Schnell war von gegenseitigem Vertrauen aber auch von der natürlichen Spannung geprägt, die von zwei großen Persönlichkeiten ausging. Otto Hübener wurde ein Opfer des Nazi-Regimes.

Bei W, F & D trat die inzwischen als legendär zu bezeichnende Persönlichkeit Edward Gumbel in Erscheinung. Kaum ein Vorstandsvorsitzender in der deutschen Assekuranz der nicht - und dies über Jahrzehnte - von seinem "Freund Gumbel" sprach!

Nun galt es, nach dem Krieg und im Zuge des Wiederaufbaus in Deutschland auch den Rückversicherungsbedarf des NORDSTERN zu ordnen und dabei das Verhältnis zum Londoner Markt wieder zu normalisieren. In Begleitung von Edward Gumbel, so wird berichtet, besuchte Edgar Schnell den Chairman von W, F & D und verbrachte ein Wochenende dort, das der britische Gastgeber offensichtlich dazu nutzte, Schnell auf den "Prüfstand" zu stellen, nicht fachlich - dies erübrigte sich - sondern persönlich und menschlich. Damals galt die Devise auch, dass gerade die Rückversicherung ein "Peoples' Business" war. Das Ergebnis: Im Hause Willis, Faber & Dumas wurde Weisung gegeben, sich der Rückversicherung des NORDSTERN anzunehmen. Shake-Hands und das war's! Für Edgar Schnell ein Triumph der, wie ich ihn später kennen lernen durfte, für ihn keine Überraschung gewesen war.

Nun zurück zum Jahr 1952 und zum wiederhergestellten Kontakt zwischen John Paleologos und Edgar Schnell. Daraus entwickelte sich eine Geschäftsbeziehung, die Grundlage dafür war, dass NORDSTERN die erste deutsche Versicherungsgesellschaft wurde, die nach dem 2. Weltkrieg konsequent das Auslandsgeschäft (wieder-) aufbaute und betrieb. Während die Repräsentanzen in Österreich und in der Türkei noch unter Sequester standen, begann der Wiederaufbau im arabischen Raum. Die Gründe waren einleuchtend:

- im benachbarten europäischen Raum tat sich eine deutsche Versicherungsgesellschaft so kurz nach dem Krieg sehr schwer, wieder Fuß zu fassen

- im arabischen Raum war davon auszugehen, dass "Made in Germany" sehr gute Chancen bot. (Schnell war davon überzeugt, dass nach diesem verlorenem Krieg die deutsche Industrie im Orient hervorragende Chancen haben würde und NORDSTERN sie dabei begleiten müsse!)

- in diesem Raum traf Schnell auf eine Vorkriegsbeziehung die er in guter Erinnerung hatte.

Schnell handelte rasch und konsequent. Auf einer etwa zweiwöchigen Schiffsreise (!!!) besuchte er mit einem Beauftragten des John Paleologos, Dimitri Calethrianos, Agentur-Kandidaten in Beyrouth, Damaskus, Tripoli (Libyen) und Nicosia, nachdem er sich persönlich ein Bild von den Repräsentanten in Alexandrien und Kairo gemacht hatte. In Alexandrien wurde das Controlling Office for the Middle East (Paleologos) eingerichtet, mit dem Auftrag, das Geschäft in Ägypten aufzubauen und, neben den genannten Ländern, Agenturen im Irak, dem Sudan, Malta und in Jordanien aufzubauen.

Den Namen Calethrianos konnte Schnell nicht aussprechen: er taufte ihn auf den Namen Themistokles und blieb dabei, als er von Tokio aus die Lufthansa um Übermittlung einer dringenden Nachricht an den Nordstern-Repräsentanten Themistokles bat! (Herr Gott, wie er richtig heißt weiß ich nicht!)

Eigentlich nichts bemerkenswertes, sieht man von der Vorgehensweise ab. Ohne Vorstandsvorlagen (Vorstandsitzungen fanden ohnehin nicht statt; der Vorstand trat eigentlich nur bei Aufsichtsratsitzungen zusammen und dann, bitte schön, im Stresemann!) geschweige denn Aufsichtsratvorlagen, gab Schnell seinem designierten Auslandschef, dem aus Berlin nach Köln versetzten Hans Paul den Auftrag, die Agenturverträge zu erstellen und die Rückversicherungsordnung zu veranlassen. Dieser "Auftrag" ergab sich aus sieben DIN A5 Blättern auf denen Schnell die Namen der Agenturen und die Provisionssätze die er zugestanden hatte, vermerkte.... selbstverständlich in der für ihn persönlich reservierten grünen Farbe.

Auf dem Blatt "Alexandria" stand vermerkt, dass ein dort beschäftigter Syrer (Mutter deutsch) für ein halbes Jahr zur Ausbildung nach Köln geholt werden solle. Schnell ging davon aus, dass es erforderlich geworden sei, deutsche Grundsätze bei der Agentur in Alexandrien einzuführen, nachdem diese in den Kriegsjahren der Zusammenarbeit von Paleologos mit britischen, amerikanischen und schweizerischen Gesellschaften „in den Hintergrund getreten" sein dürften! Eben dazu sollte die Ausbildung des "Syrers" beitragen.

Wie er zu dem Syrer kam, ist mir nicht bekannt denn...ich war der Kandidat und galt im Hause NORDSTERN als "de Äjypter" den Schnell auf seiner Reise "eingekauft" hatte. Im übrigen: die Enttäuschung im Hause war riesig. Als ich am ersten Arbeitstag das Kasino betrat um meine Flasche Milch abzuholen, war es zunächst auffallend still. Plötzlich rief eine Stimme laut und schrill: "Wat iss, dat soll der Äjypter sinn?" Möglicherweise wurde eine Gestalt mit Kaftan und Turban erwartet!

Damit nicht genug: Als ich mit 28 Jahren nach wiederholtem Drängen meines Chefs Hans Paul Handlungsvollmacht erhielt, kursierte das Gerücht, Schnell müsse mir gegenüber "Verpflichtungen" haben, denn er sei auch früher viel gereist und....ich hätte den selben Vornamen wie er!!!

Alle Erlebnisse hier zu schildern, würde den Rahmen dessen was ich mir vorgenommen habe sprengen. Nur so viel: Bereits 1956, d.h. knapp vier Jahre nach Beginn der Tätigkeit des NORDSTERN im Nahen Osten, fand die Suez-Krise statt, mit der Enteignung französischer und britischer Interessen. Hier wieder wirkte das "Peoples' Business"-Prinzip. NORDSTERN übernahm den von Paleologos geführten Versicherungsbestand der EAGLE STAR (auch dieser Stern hat inzwischen seine Konturen verloren!) mit der in Köln gemachten Zusage, diesen Bestand der Eagle Star sobald wie möglich wieder zuzuführen. Wieder Shake-Hands und das war's. Übrigens ähnliches erlebte der NORDSTERN in der Türkei. Unmittelbar vor der Beschlagnahme des Geschäftes, richtete der damalige Repräsentant Hikmet Barbaros eine Agentur der hiesigen Gesellschaft GÜVEN auf seinen Namen ein und übertrug den Nordstern-Bestand auf diese Agentur. Nach Aufhebung der Sequestrierung wurde der Bestand zurückgeführt (free of charge). Seitens der GÜVEN wirkte der ebenfalls legendäre Generaldirektor Barlas mit, der vor wenigen Jahren im Alter von über 90 Jahren verstarb.

1960 verfügte die ägyptische Regierung die Verstaatlichung der Versicherung mit ansteckender Wirkung auf die anderen arabischen Länder. So endete die unternehmerische Meisterleistung des langjährigen Generaldirektors Edgar Schnell. Übrig blieb von diesem Ausflug der "Syrer", der, inzwischen eingebürgert, Nachfolger von Hans Paul wurde und die Zuständigkeit im Vorstand unter Dr. Herbert Bruns für das Auslands-geschäft und die Rückversicherung bis zu seinem Ausscheiden Ende 1985 übernahm.

Diese "Parallelklänge" schließen mit einem Gefühl der Dankbarkeit für eine Zeit, die ich, wie sehr viele andere Nordsterner auch, nicht missen möchte.

Hans Paul und Edgar Müller-Gotthard.......sehr nachdenklich nach einem "Vortrag" von Hans Paul bei Edgar Schnell!