Unterm Nordstern: Sterngeflüster


Schwergewichte

Nach der Beisetzung eines Vorstandsmitgliedes der Nordstern-Rück, versammelten sich die Leitenden Angestellten zum Mittagessen im Kasino. Das Gespräch drehte sich natürlich um den traurigen Anlass und man wunderte sich sehr darüber, dass ein leibhaftiger Pfarrer die Trauerfeier zelebriert hatte. Der Verstorbene war doch schließlich aus der Kirche ausgetreten. Nur Auslandschef Hans Paul zeigte sich nicht überrascht: "Die beerdigen doch jeden, ob Arbeiter, Zuhälter oder Versicherungsdirektor". Eine Aufzählung die Vorstandsmitglied Kurt Schröder allerdings unmöglich fand. Am Ende einer kontroversen Diskussion verabredeten sich die beiden sehr versöhnlich zu einem abendlichen Bier im "Treppchen" in Rodenkirchen. Den Auftrag, die Herren dorthin zu fahren und auch wieder abzuholen bekam der Fahrer Otto Wülfing. In richtiger Einschätzung der zu erwartenden Auswirkungen forderte der bei seinem Garagenmeister für das Abholen einen zweiten Fahrer an, Begründung: "Ich kann nur einen tragen!"

Kurt Schröder (rechts) im Januar 1962 mit den Vorstandsmitgliedern Egon Dittes (links) und Hans-Georg Brög

Deutlich

Der Leiter der Auslandsabteilung, Hans Paul, war über die Vaterländische zum Nordstern gekommen. Der mehrere Sprachen perfekt beherrschende, sympathische Elberfelder, redete in seiner Muttersprache aber immer sehr direkt und ohne Umschweife. Als der Kölner Betriebsratsvorsitzende den 1957 zum Direktor beförderten Abteilungsleiter zur Gratulation formvollendet mit "Herr Direktor" anredete, bekam er nur eine kurze, sehr präzise Antwort: "Du A...........!"

Istanbul

Hans Paul und Albert Horn (Buchhalter mit Leib und Seele) mochten sich sehr, vertrugen sich hin und wieder gar nicht und je nach Anlass, war die Theke beim Jahn von Werth Treffpunkt zur weiteren Behandlung! Während Paul eine Fünf gerade sein lassen konnte, war Horn der Inbegriff der Genauigkeit. Horn oblag es unter anderem, die Quartalsabrechnungen der Auslandsniederlassungen zu erfassen. Die Niederlassung in Istanbul ließ es hier hin und wieder (eher wieder) an Genauigkeit fehlen. Horn brachte dies aus der Fassung. Regelmäßig erschien er bei dem nun mal für das Ausland verantwortlichen Hans Paul, beschwerte sich bitterlich und beklagte dabei den Tod des vordem ach so korrekten Buchhalters, den man wieder ausgraben müsste (der Mann war zu seinen Lebzeiten eine beeindruckende Erscheinung mit weißen Gamaschen!!). Paul ging diese Beschwerdearie auf den Nerv und er beschloss, dem lieben Albert das Meckern abzugewöhnen. Als Horn sich wieder beklagte, entgegnete Paul: „Albert, Du hast recht und ich habe Herrn Generaldirektor Schnell berichtet. Er findet das unmöglich und Du sollst deswegen möglichst sofort nach Istanbul reisen und die Dinge in Ordnung bringen". Horn wurde blass, insbesondere nachdem Paul ergänzte: „Ich empfehle Dir nur, dort nach Büroschluss auf kürzestem Weg ins Hotel zu gehen, und möglichst bei Tageslicht...., die Kerle mögen solche Einsätze von der Direktion natürlich nicht so gern!". Horn darauf, sichtlich erregt und mit lauter Stimme: „Das kommt nicht in Frage. Euch sage ich nichts mehr, macht doch mit dem Mist aus Istanbul was Ihr wollt". Zitternd vor Wut verlies er den Raum. Paul mit einem viel sagenden Lächeln zu seinem Stellvertreter: „Müller, jetzt haben wir Ruhe!"

Es ist nicht überliefert (aber eher wahrscheinlich), dass Paul anschließend bei Horn angerufen hat: „Albert gehst Du nachher mit, dann sag' auch dem Emil Bescheid". Gemeint war die Theke beim Jan von Werth und Emil war Horns Kollege und Chefkassierer Emil Halbach. Was Albert Horn bei solchen Gelegenheiten gewaltig ärgerte waren die Frikadellen: "Siehst Du Emil, wir können Frikadellen bestellen so oft wir wollen, ich kriege immer und immer wieder die kleinsten. Das ist doch ungerecht!"

Hungerturm

Die Vaterländische-Feuer-Versicherung war ihren Mitarbeitern gegenüber wohl sehr knauserig. So nannte man das trutzige Gebäude der Hauptverwaltung in der Elberfelder Viktoriastraße im Volksmund Hungerburg. Kolportiert wurde in der damaligen Zeit auch gerne der Witz, dass ein Mitarbeiter der Gesellschaft einen Arzt aufsuchen mußte, weil er unter einer erheblichen Verstopfung zu leiden hatte. Der Arzt bemühte sich tagelang ohne jeden Erfolg. Schließlich fragte er den Patienten nach seiner Beschäftigung und seinem Arbeitgeber. Als der dann den Namen Vaterländische Feuer erwähnte, rang der Arzt die Hände und sagte: "Du lieber Gott, warum sagen Sie das denn nicht sofort, hier haben Sie fünf Mark, essen Sie sich erst mal satt, dann können Sie auch!

Bei der Vorbereitung zum Betriebsausflug der HUK-Direktion im September 1950, erinnerte sich ein ehemaliger Mitarbeiter der Vaterländischen an diesen Witz. Es wurde ein kleiner Scetch daraus gemacht der im abendlichen Bühnenprogramm des Ausfluges aufgeführt wurde. Natürlich auf den Nordstern bezogen und mit entsprechendem Erfolg. Die Begeisterung steigerte sich noch, als der anwesende Generaldirektor spontan 5 Mark als zusatzlichen Verzehrbon für jeden Teilnehmer spendierte.

Kölner Dreigestirn

Ein Quizteilnehmer in Berlin antwortete 1959 auf die Frage nach den Namen des Kölner Dreigestirns: Nordstern Allgemeine Versicherung, Nordstern Lebensversicherung, Nordstern Rückversicherung.

Krampe was?

Walter Landahl, unter anderem auch Leiter der damals noch so genannten Hollerith-Abteilung, lebte in den fünfziger Jahren in einem ständigen Kleinkrieg mit seinen Locherinnen. Die fühlten sich drangsaliert, in der Leistungserfüllung unter Druck gesetzt und bei erbetenen Freizeiten kleinlich behandelt. Kein Wunder, dass die Damen immer wieder versuchten ihn zu unterlaufen oder zu ärgern. Ärgerlich für ihn auch ein Anrufer, der sich regelmäßig samstags meldete und ihn heftig beschimpfte. In seiner Umgebung redete er sich nach den Anrufen den Zorn von der Seele, an einem Samstag mit einer besonderen Frage: "Der hat wieder anjerufen, anonym natürlich, der Feigling, Arschkrampe hat er zu mir jesacht, wat is'n dett?" Man klärte ihn auf.

Fremdsprache

Richtig auf die Palme brachten die Locherinnen ihren Vorgesetzten aber mit einer anderen Aktion. Im Hinblick auf die verstärkte Tätigkeit im Ausland wollte Edgar Schnell seinen Mitarbeitern die Chance geben, während der Geschäftszeit und dazu auch noch kostenlos eine Fremdsprache zu lernen. Eine Lehrerin wurde eingestellt, Lehrmateral beschafft und dann begann im ganzen Haus das Anmeldefieber. Auch alle Locherinnen waren freudig dabei. Als dann eines schönen Tages Walter Landahl seinen morgendlichen Kontrollgang machte, stellte er an den Loch- und Prüfplätzen nur gähnende Leere fest. Die können doch nicht alle krank sein, wollte er wissen. "Nein...", sagte der Gruppenleiter, "...die sind alle zum Englisch-Unterricht und das zweimal wöchentlich!". Totale Fassungslosigkeit, aber gegen die allerhöchste Anordnung konnte er nichts machen, außer schimpfen: "Dafür sind die doch viel zu dumm!!" Nach einigen Wochen brach dann die Beteiligung am Unterricht ohnehin massiv zusammen. Die Institution blieb aber für wirklich Interessierte noch einige Jahre erhalten.

Friseurgeschäft

Als die Wuppertaler Mitarbeiter der HUK-Direktion 1951 nach Köln ziehen mussten, nahmen sie auch "ihren" Friseur mit. Der war seit Jahren einmal wöchentlich zum Haareschneiden in die Haftpflicht-Registratur gekommen, nun kam er eben einmal wöchentlich nach Köln. Als ein Jahr später die Wohnungen für die Umzügler in dem großen Wohnblock Dürener Straße fertig waren, eröffnete in den gewerblichen Räumen auch ein Friseur sein Geschäft. Generaldirektor Edgar Schnell, ganz in Gönnerlaune, besuchte eines Tages den Friseur und während der ihm die Haare schnitt, gab er sich als Chef der vielen Nordsterner zu erkennen, die jetzt hier wohnen und ihm ja wohl ein gutes Geschäft garantieren würden. "Die Nordsterner..", antwortete der Friseur. "...die Nordsterner kommen nicht zu mir, die lassen sich im Büro die Haare schneiden." Das war dann mit großem Krach das Ende der schönen Wuppertaler Friseurregelung.

Die Wuppertaler hatten aber nicht nur ihren eigenen Friseur, da wurde auch ein schwunghafter Handel mit Seifen- und Kosmetikartikeln betrieben. Das hatte dem ohnehin schon wütenden Generaldirektor nach dem Termin beim Friseur noch schnell einer gesteckt, damit er das dann gleich mit ins große Aufräumen nehmen konnte: "...und das alles während der Arbeitszeit...und Herr Dr. Sternberg lässt das auch noch zu! Unglaublich! Ihr habt wohl Tinte gesoffen und nicht nur schwarze sondern auch noch rote und grüne! Wehe wenn da noch was läuft!" War da noch was?

Saufgelage?

Edgar Schnell feierte 1957 sein 25-jähriges Dienstjubiläum als Vorsitzender des Vorstandes. An einem Samstag im Januar hatte er aus diesem Anlass die Leitenden Angestellten und die Vorsitzenden der Betriebsräte zu einer Feier in das ADAC Restaurant "Christophorus" eingeladen. Es wurde eine richtig schöne Sache, die sich bis in die Morgenstunden des nächsten Tages hinzog. Entsprechend hoch war die Rechnung, viel zu hoch, wie der Jubilar meinte, also schrieb er eine harsche Reklamation an den Gastronomen, den sehr geehrten Herrn Blatzheim. Der antwortete freundlich, dass er nur ungern über seine Gäste und deren Verhalten reden würde, aber sein langjähriger und damit sehr erfahrener Betriebschef im "Christophorus" habe ihm versichert, dass ihm eine so trinkfeste Gesellschaft in seinem langen Leben noch nicht untergekommen sei. Als das im Hause bekannt wurde, fühlte sich "die trinkfeste Gesellschaft" sehr geehrt.

Ein Teil der "trinkfesten Gesellschaft" bei der offiziellen Gratulation, also noch sehr "nüchtern"!

Generalmusikdirektor

Zum damaligen Leiter der Verwaltung, Prokurist Walter, kam im Jahre 1952 Peter Schmitz, ehemals Generalmusikdirektor in Eisenach. Er wollte Geld sammeln für stellungslose Musiker. Walter reagierte sauer und war der Meinung, stellungslos muss niemand sein, wer arbeiten will, der findet auch Arbeit, muss er eben mal was anderes machen, als Musik. Und dann sagte er: "Sie können morgen in der Expedition anfangen. Wollen Sie?" Peter Schmitz wollte, war jedoch in dieser Funktion völlig fehl am Platze. Aber als Leiter der über viele Jahre hinweg sehr erfolgreichen "Nordstern Chor- und Orchestergemeinschaft", machte er eine steile Karriere. Der kleine, lebhafte Mann konnte unzählige Witze aus dem Theater- und Orchestermilieu erzählen. Gerne zitierte er dabei den Satz eines Rezensenten über einen sehr bekannten Kollegen: "Nach den ersten zehn Takten setzte der Dirigent dem Orchester keinen nennenswerten Widerstand mehr entgegen."

Pleite

Das Jahr 1970 verlief nicht nur für den Nordstern ziemlich miserabel. Daran gab es schon Ende des Jahres keinen Zweifel. Aber als ihm im Frühjahr 1971 der vorläufige Abschluss vorgelegt wurde, fuhr dem in seinem Amt als Vorsitzender des Vorstandes noch wenig erfahrenen Dr. Herbert Bruns der Schreck in die Glieder. Dann machte er sich auf den Weg zur Colonia und zeigte seinem Kollegen Otto Vossen vorsichtig die Zahlen. Der sah sich alles an und stellte trocken fest: "Dann sind Sie ja Pleite!" Was Vossen nicht ahnte, wenn diese Zahlen die Pleite für den Nordstern bedeuten sollten, dann sah es im Ergebnis für die Colonia nicht anders aus. Der einzige Unterschied, beim Nordstern war man mit der Bilanz vier Wochen früher fertig geworden. Das beruhigte die aufgeregten Gemüter im Hause Nordstern und so schlimm wurde es ja auch nicht. Nach zwei engen Jahren kündigte der Vorstandsvorsitzende in einer Pressekonferenz den "Silberstreifen am Horizont" an. Er fand das hinterher selbst etwas unglücklich, weil viele Zeitungen diese Worte als Überschrift für ihre Berichte über die Konferenz brachten. Erst dadurch kam nämlich von allen Seiten die Frage auf, ob es denn wirklich so schlecht um den Nordstern stehe. Eigentlich bemühte Herbert Bruns in diesem Zusammenhang auch viel lieber den Vergleich mit dem "Aufstieg des Phönix aus der Asche".

Elektronik

Schon Ende 1959 plante der Norstern den Schritt zur elektronischen Datenverarbeitung. Ein Jahr später stand dann eine IBM 1401 im Haus. Es war gleichzeitig die erste überhaupt von der Kölner IBM-Geschäftsstelle ausgelieferte Maschine. Entsprechend groß war das Interesse im Umfeld. Besucher und Fachleute anderer Unternehmen gaben sich in den modern hergerichteten Räumen die Klinken in die Hand und staunten über den perfekten Ablauf. Am Ende jeder einzelnen Demonstration bat der "Vorführer" zum Abschluss einen der Gäste um einen Knopfdruck und dann erschien zur allgemeinen Überraschung ein großes Blatt mit dem Text: "Diese Vorführung ist flaschenpflichtig". Soweit bekannt, hat sich dieser "Pflicht" keine Besuchergruppe entzogen.

Affengeschenk

Edgar Schnell war als Mitglied der FDP-Fraktion im Rat der Stadt Köln auch einer der Stellvertreter des Oberbürgermeisters. Er liebte den Titel "Bürgermeister der Stadt Köln". Zur Feier seines 70. Geburtstages in den Kasinoräumen der Hauptverwaltung, erschien daher auch der Kölner Oberbürgermeister. Als Geschenk brachte er einen jungen Schimpansen mit. Wenn das Haus Schnell mit der Haltung des Tieres überfordert wäre, so OB Theo Burauen, dann würde der Zoo den Affen gerne in Pension nehmen. Der "Mensch Edgar" war mit der Patenschaft für den "Affen Edgar" dankend einverstanden und für viele Jahre standen dann am Affengehege im Zoo beide Namen auf einem Schild.

Wirtschaftsvergehen

Als im Herbst 1947 in Wuppertal zeitweise die offizielle Versorgung mit Speisefett zusammenbrach, organisierte der HUK-Chef, Dr. Walter Sternberg, mit Unterstützung der Geschäftsstelle Nürnberg eine Hilfsaktion. Mit den entsprechenden Lebensmittelmarken fast aller Mitarbeiter, fuhren drei Kollegen mit der Bahn zu einem bayerischen Versicherungsnehmer, der die gewünschte Menge Butter besorgen wollte. Das Geschäft klappte tatsächlich, aber auf der Rückfahrt wurden die drei armen Teufel an der britisch-amerikanischen Zonengrenze in Dillenburg kontrolliert, aus dem Zug geholt, lange verhört und schließlich ohne die Butter nach Hause geschickt. Die wurde beschlagnahmt. Das Einzige was die sehnsüchtig Erwarteten nach drei anstrengenden Tagen mitbrachten, war eine Bescheinigung über die konfiszierte Menge. Riesige Enttäuschung im ganzen Haus. Es hat viel Mühe gekostet, wenigstens für die lebensnotwendigen Fettmarken Ersatz zu bekommen, der Vorgang war von der Militärbehörde als Wirtschaftsvergehen eingestuft worden.

Nicht flüsternd sondern stark: Die Handball-Mannschaft des SV Nordstern im Jahre 1956

 

Die guten alten Namen, vereint auf dem AXA-Karnevalsorden zur Weiberfastnacht 2003: Albingia, Colonia, Nordstern