Unterm Nordstern: Sterngeschichte


Es ist nicht meine Absicht, eine detailgenaue Schilderung der Geschichte der Nordstern-Versicherungsgesellschaften aufzubauen. Das wäre auch viel zu kompliziert und zu umfangreich. Erreichen möchte ich aber, dass für möglichst viele ehemalige Mitarbeiter und Freunde des Konzerns die Erinnerung an eine gute Zeit erhalten bleibt. Dazu übernehme ich auch gerne weitere Erzählungen oder Anekdoten aus dem Leserkreis für die Kapitel "Sterngeflüster" oder "Zwischenruf", Platz ist mehr als genug vorhanden. Natürlich ist auch der "Bilderbogen" erweiterungsfähig.

In seinem Buch, "Unterm Nordstern", hat Arno Surminski, bekannter Schriftsteller und Wirtschaftsjournalist, 125 Jahre der wechselhaften, teils stürmischen aber immer wieder erfolgreichen Entwicklung der Nordstern-Gesellschaften im Rahmen der gesamten Zeitgeschichte spannend und authentisch aufgearbeitet. Es lohnt sich, dieses Buch wieder einmal aus dem Bücherschrank zu nehmen und zu lesen. Das gilt aber auch für andere Bücher von Arno Surminski. Hier ein paar Vorschläge:

-Jokehnen oder Wie weit ist es von Ostpreußen nach Deutschland

-Kudenow oder An fremden Wassern weinen

-Fremdes Land oder Als die Freiheit noch zu haben war

-Kein schöner Land

Neben St. Gereon ist am linken Bildrand gerade noch die Fassade der Nordstern-Hauptverwaltung in der Gereonstraße zu erkennen. Sie wurde 1956 fertiggestellt und ist jetzt, nach gerade mal fünfzig Jahren, schon wieder verschwunden. Viel älter ist natürlich St. Gereon. Ihre jetzige Form erhielt die Basilika im 12. Jahrhundert. In einem Buch zur Kölner Geschichte heißt es, sie sei eine Kirche, wie man sie diesseits der Alpen prächtiger, inniger und harmonischer im Zusammenklang all ihrer Bauteile vergeblich suche. Großartig das hohe Zehneck des Kuppelraumes, einzigartig auch die Krypta.


In den Frühlingsmonaten des Jahres 1867, konnte die im Dezember 1866 in Berlin gegründte "Lebens-Versicherungs-Actien-Gesellschaft Nordstern" ihre ersten Policen herausgeben. Damit begann die mehr als 125-jährige Geschichte der Nordstern-Gesellschaften. 1880 gründete das Unternehmen dann eine zweite Gesellschaft, die Nordstern-Arbeiterversicherung. Sie sollte eigentlich eine Lebensversicherung für die weniger bemittelten Schichten sein, wurde in dieser Hinsicht aber kein Erfolgsmodell. In den Folgejahren übernahm sie daher neben der Unfallversicherung noch die Haftpflichtversicherung, schließlich auch die Sparten Einbruch-Diebstahl und Feuer. Ihr neuer Name: Nordstern Unfall-, Haftpflicht- und Feuer-Versicherungs-AG.

Den größten Sprung in der fast fünfzigjährigen Firmengeschichte aber machte die Nordstern Leben im Jahre 1914, als sie überraschend die Aktienmehrheit an der "Preussische Feuer-Versicherungs-Actien-Gesellschaft zu Berlin" übernahm. Die hatte, "Genehmigt durch Allerhöchste Kabinettsorder vom 5. Mai 1866", schon Mitte 1866 ihren Betrieb aufgenommen und war zum Zeitpunkt der Übernahme, auch bedingt durch die kurz zuvor erfolgte Fusion der "Westdeutsche Versicherungs-Aktien-Bank Essen", als bedeutender Versicherer sehr begehrt. Nur wenige Monate nach der Eingliederung in den Nordstern-Konzern musste sie ihren Namen aufgeben und hieß fortan "Nordstern Feuer-Versicherungs AG".

Noch im gleichen Jahr zog man gemeinsam in das neu erbaute Nordstern-Haus in Schöneberg. Der Bau gehörte damals zu den schönsten und modernsten Geschäftshäusern nicht nur in Berlin. Weil man sich aber in den dreißiger Jahren nicht mehr miteinander verstand, baute sich die Leben am Fehrbelliner Platz ein eigenes Bürogebäude und trennte sich 1936 auch räumlich von der Allgemeinen.

Aber bis es so weit kam, erschütterten tiefgreifende Ereignisse beide Gesellschaften und veränderten die Strukturen erheblich.

Zunächst war hiervon die Nordstern Leben betroffen. In den Wirren der Inflation war sie 1922 gezwungen worden, das Neugeschäft einzustellen. Sie änderte daraufhin ihren Namen in "Aktiengesellschaft für Lebens- und Rentenversicherungen", befand sich für mehrere Jahre in stiller Liquidation und verschwand später ganz vom Markt.

Im Interesse des Außendienstes, der weiter auch Lebensversicherungen vermitteln wollte, hatte man in Anbetracht der sich abzeichnenden Schwierigkeiten bereits 1922 im Konzern eine neue Gesellschaft gegründet, die "Allba Allgemeine Lebensversicherungs-Bank AG". Die übernahm fortan das Neugeschäft und fügte 1925 das Wort Nordstern in den Firmennamen ein. Im gleichen Jahr ging die Aktienmehrheit der Allba an die Nordstern Allgemeine Versicherungs AG über. So hieß sie, seit man 1921 die Nordstern Feuer mit der Nordstern Unfall und Haftpflicht-Versicherungs AG zusammengelegt hatte. Damit war aus der bis dahin führenden Nordstern Leben eine Tochter der Allgemeinen geworden.

War der Crash der Nordstern Leben vor allen Dingen eine Folge der Übernahme der "Teutonia Versicherungsaktiengesellschaft in Leipzig", so führte bei der Nordstern Allgemeine die Fusion der 1823 gegründeten "Vaterländische Feuer-Versicherungs-Gesellschaft" in Elberfeld das Unternehmen 1932 an den Rand des Abgrundes.

Die Vaterländische, die 1914 die Kölner Rhenania übernommen hatte, geriet als eigentlich grundsolides Unternehmen ins Schlingern, weil die Tochter, die Vaterländische Kreditversicherung, in der sich ausweitenden Weltwirtschaftskrise ihre Verpflichtungen nicht mehr erfüllen konnte. Aus eigener Kraft war letztlich auch die Muttergesellschaft nicht mehr in der Lage, die Löcher zu stopfen. Hilfe erwartete sie zunächst von den mit ihr in der sogenannten Rheinischen Gruppe verbundenen Gesellschaften, der Colonia und der Aachen-Münchener. Die aber hielten sich vornehm zurück und liessen dem Nordstern, der sich überraschend als Interessent gemeldet hatte, den Vortritt.

Der übernahm 1929 die erheblich größere Vaterländische und verdarb sich gewaltig den Magen. Schon bald stellte sich heraus, dass der stark verschuldete Brocken zu mächtig war, der Nordstern kam in große Schwierigkeiten. Ihn hängen zu lassen, hätte der gesamten Branche einen schweren Schaden zugefügt. Also kamen jetzt Colonia und Aachener dem wankenden Nordstern zu Hilfe, stellten das erforderliche Kapital zur Verfügung und übernahmen gemeinsam die Aktienmehrheit. Das war dann eigentlich der Anfang vom 60 Jahre später eintretenden Ende des Nordstern Konzerns.

Zum Nordstern hatten die beiden neuen Großaktionäre zuvor einen Mann namens Edgar Schnell geschickt, der bis dahin Vorstandsmitglied der Fortuna war, einer Tochter der Thuringia. Der sollte die Bücher prüfen und Vorschläge für ein Sanierungskonzept machen. Entweder gab es zumindest mit einer Seite ein stillschweigendes Abkommen oder Edgar Schnell handelte tatsächlich eigenmächtig, als er den amtierenden Generaldirektor Hans Riese dazu überredete, in den Ruhestand zu treten, um sich dann mit einem selbstverfassten Rundschreiben an die Spitze des Unternehmens zu setzen. Seinen Auftraggebern sei doch gar nichts anderes übrig geblieben, als das zu akzeptieren, hat er später gelegentlich erzählt. In den offiziellen Jubiläumsschriften der Jahre 1966 und 1991 steht davon aber nichts. Die Nordstern Leben, die Schnell wohl am liebsten gleich mit übernommen hätte, gab man ihm aber nicht. Da musste er bis nach dem Krieg warten. Die beiden Gesellschaften wurden vielmehr organisatorisch und verwaltungsmäßig getrennt und entfremdeten sich regelrecht.

Die Sanierung aber ging erfolgreich über die Bühne. Schon nach wenigen Jahren dachte Edgar Schnell nach eigener Darstellung daran, den beiden Großaktionären deren Aktienmehrheit wieder abzukaufen, um mehr Selbständigkeit zu gewinnen. Die hätten aber nicht gewollt. Natürlich nicht, sie hatten ja im nachhinein nicht nur die Vaterländische bekommen, sondern auch noch den Nordstern dazu. Und der war für die Rheinische Gruppe ein wichtiger Zuwachs in Richtung Ostdeutschland.

Die weitere Entwicklung verlief für beide Gesellschaften sehr erfolgreich. Bis der Krieg kam. Von Jahr zu Jahr verschlechterte sich die Situation, schließlich wurde ein geordneter Geschäftbetrieb unmöglich.

Nach der Stunde Null fanden sich wie überall im geschundenen Land auch beim Nordstern Menschen zusammen, die mit Fleiß, Energie und Aufbauwillen anfingen, aus dem Chaos, den Trümmern, dem Elend, zu retten, was zu retten war. Aber keiner von denen konnte sich damals auch nur ansatzweise vorstellen, dass das der erste Schritt zu dem nach wenigen Jahren beginnenden Wirtschaftswunder war.

Nicht nur der Nordstern, auch andere in der Hauptstadt ansässige Gesellschaften erkannten bald, dass die Leitung eines Unternehmens aus dem abgeschnittenen Berlin zu schwierig sein würde. Man orientierte sich also in Richtung Westdeutschland. Die Allgemeine entschied sich für Köln, mit einem Teilbetrieb, HUK und Transport, in Wuppertal. Leben kam erst 1949 in die Domstadt, nachdem man vorher in Bremen versucht hatte, die Nähe zur Allgemeinen zu vermeiden. Im März 1949 wurde schließlich Köln neben Berlin als zweiter Sitz der Gesellschaften eingetragen.

Zunächst im Hintergrund, ab Mai 1948 aber offiziell und mit dem Permit der Militärregierung ausgestattet als Generaldirektor der Allgemeinen, und ab Januar 1949 auch als Generaldirektor der Leben, holte sich Edgar Schnell die schon vor dem Krieg angestrebte Macht über beide Gesellschaften. Zu seinen vordringlichen Zielen gehörte bald die Zusammenlegung der bis dahin unabhängig voneinander arbeitenden Aussendienste. Das löste bei den Mitarbeitern von Leben nicht nur wenig Freude, sondern auch einigen Widerstand aus. Er räche sich damit für die Trennung in den Vorkriegs-jahren, wurde kolportiert. Neben den vereinheitlichten Abteilungen in der inneren Verwaltung, gab es aber auch Abteilungen die noch lange getrennt arbeiteten, die Buchhaltung und die Datenverarbeitung.

Schnell prägte unangefochten den Konzern, zu der auch die bisher noch nicht erwähnte Nordstern Rückversicherungs AG gehörte, ganz in seinem Sinne, er war Herrscher und Patriarch zugleich. Im Hause oft "Papa Schnell", im Chefkreis der Versicherer gerne "Commodore" genannt, blieb er doch stets abhängig von den Großaktionären Colonia und Aachen-Münchener, auch wenn er selbst das nicht so sehen wollte. Die aber hatten kein Interesse an einem übermächtigen Nordstern. Als sein Freund Walter Schmidt, Generaldirektor der Aachen-Münchener, verstarb, bekam er auch noch Ärger mit dessen Nachfolger, besser gesagt, der mit ihm.

1959 feierte Schnell seinen 70. Geburtstag. Eigentlich ein guter Anlass, sich in den Ruhestand zurückzuziehen. Aber er wollte noch nicht. Erst müsse er einen geeigneten Nachfolger finden, erklärte er gerne. Doch, und das war seine Tragik, den hatte man hinter seinem Rücken längst festgelegt. Mit der Zustimmung, angeblich sogar auf Vorschlag von Walter Schmidt. Weil man den verdienten Nordstern-Chef aber nicht einfach vor die Türe setzen wollte, parkte man den "Neuen" zunächst als Chef bei der Thuringia. Erst ein halbes Jahr vor seinem dann doch ausgehandelten Abschied, erfuhr Edgar Schnell, der sich inzwischen entschlossen hatte, seinen Vorstandskollegen Dr. Karl Bechstedt auf seinen Stuhl zu befördern, von einem Makler, dass sich der Aufsichtsrat schon längst auf einen Namen geeinigt hatte: Hugo Weger. Sein Protest war vergeblich, sein Ärger über den toten Freund Walter Schmidt wohl verständlich. Vor allen Dingen als er den vermutlichen Grund für dessen Verhalten erfuhr.

Dabei kannte Edgar Schnell eigentlich den Plan der Aufsichtsräte. Auf Veranlassung der AR-Vorsitzenden hatte er weit vorher schon ein Informationsgespräch mit Hugo Weger geführt. Dabei gerieten sich die Herren aber so mächtig in die Haare, dass sie sich in hochgradiger gegenseitiger Abneigung voneinander trennten. Schnell hatte nämlich die Fähigkeit seines Besuchers zur Führung des Nordstern-Konzerns bezweifelt. Er hat das dann auch den AR-Vorsitzenden mitgeteilt und war der festen Überzeugung, damit das Thema "Weger" endgültig abgeschlossen zu haben. Weger dagegen, mit der Zusage der AR-Vorsitzenden in der Tasche, war fest entschlossen, keine weiteren Gespräche mehr zu führen und das Nordsternhaus erst wieder zu betreten, wenn Edgar Schnell es endgültig verlassen hatte.

So geschah es dann auch, ohne Formalitäten und ohne gemeinsame Erklärungen. Edgar Schnell verließ am 31. Dezember 1961 das Haus, Hugo Weger bezog es am 2. Januar 1962. Er tat es mit der festen Absicht, den Betrieb zu entstauben und, wie er verkündete, Zöpfchen abzuschneiden. Er verlangte von den Mitarbeitern aber auch ein Umdenken und den vollen Einsatz für ein zukunftsorientiertes Unternehmen. Sonst werde eines Tages vor der Türe nicht mehr "Nordstern" sondern "Zu spät" stehen. Das war fast visionär, denn eines Tages stand tatsächlich vor der Türe nicht mehr der Name "Nordstern". Aber auch nicht "Zu spät", sondern "AXA".

Natürlich kann man immer etwas ändern oder verbessern, aber Zöpfchen in seinem vermuteten Sinne, die gab es nur in geringem Maße. Bei manchen Entscheidungen des "Friseurs", wie man ihn wegen der Zöpfchenrede auch nannte, konnte man sogar den Eindruck haben, er wolle das Unternehmen nicht nach vorne bringen, sondern auf eine Fusion durch die Colonia vorbereiten. Die hatte inzwischen ihren Aktienanteil deutlich erhöht und besaß gemeinsam mit ihrem Großaktionär, dem Kölner Bankhaus Sal. Oppenheim, die absolute Mehrheit.

Drei besondere Ereignisse fallen in die Amtszeit von Hugo Weger, die verschmelzende Übernahme der Nordstern Rück durch die Allgemeine, die Fusion der Pfälzischen Viehversicherung und, so war nun mal das Datum, das 100-jährige Firmenjubiläum. Das wurde am 7. Dezember 1966 angemessen gefeiert. Auf dem Programm standen am Vormittag ein Festakt im Gürzenich, für die Gäste ein Mittagessen in verschiedenen Hotels und im Nordstern-Kasino, eine festliche Opernaufführung am Nachmittag und am Abend ein großer Empfang für mehr als 1.200 Teilnehmer im Gürzenich. Für die Mitarbeiter gab es sowohl in Köln als auch bei allen Geschäftsstellen großzügige Betriebsfeste.

Von Anfang an war vorgesehen, dass Hugo Weger aus Altersgründen Ende 1969 in den Ruhestand gehen würde. So kam als Nachfolger schon zu Beginn des Jahres 1969 Dr. Dr. Erich Kiehnscherff von der Victoria in die Nordstern Vorstände. Keiner ahnte damals, dass sich für den neuen Mann eine tragische Entwicklung anbahnte. Knapp zwei Monate nach seinem Dienstantritt fuhr er direkt von einer Tagung der Geschäftstellenleiter nach Rheinhausen ins Johanniter-Krankenhaus, wo er am 25. Mai verstarb.

Die Amtszeit von Hugo Weger musste um ein Jahr verlängert werden und in die üppig wuchernden Spekulationen über den Nachfolger platzte völlig überraschend der Name eines Seiteneinsteigers: Dr. Herbert Bruns, Direktor in der Kommission der Europäischen Gemeinschaften in Brüssel. Am 1. Oktober 1969 kam er in die Vorstände, am 1. Januar 1971 übernahm er mit dem Titel Generaldirektor in beiden Gremien den Vorsitz. Der ehemalige Beamte diktierte nicht, sondern schätzte kollegiale Zusammenarbeit. Als Vorstandsvorsitzender geriet er gleich zu Beginn seiner Tätigkeit in schwieriges Fahrwasser. Der Abschluss des Jahres 1970 war nämlich der verlustreichste der Nachkriegszeit und verlangte sofort ein erhebliches Krisenmanagement. Er bewältigte es, von allen Seiten im Hause vorbehaltslos unterstützt, erfolgreich. Nach zwei engen Jahren war das Tal durchschritten.

Deutlich spürbar wurde in dieser Zeit aber auch der zunehmende Einfluss der Colonia. Deren Vertreter warben im Markt bereits mit der Behauptung, der Nordstern werde ohnehin bald vereinnahmt, da könne man seine Versicherungen auch direkt bei der Colonia abschließen. Die große Sorge war daher, dass das tatsächlich zum Ende der Amtszeit von Herbert Bruns passieren könnte. Es kam aber anders. Schon mindestens zwei Jahre vor dem Abschied von Dr. Bruns gab es Gerüchte, dass Claas Kleyboldt, Vertriebschef der Colonia, zum Nachfolger bestimmt worden sei.

Einerseits erzeugte das wenig Freude, man hätte lieber einen Mann aus den eigenen Reihen an der Spitze gesehen, endlich einmal. Andererseits hoffte man aber auch, dass Claas Kleyboldt vielleicht so etwas wie eine Bestandsgarantie sein könnte, denn ausgerechnt der komme bestimmt nicht zum Nordstern, um sich dann fusionieren zu lassen. So war es dann auch. Claas Kleyboldt wechselte im Juli 1980 in die Nordstern-Vorstände und übernahm im September deren Vorsitz. Kreide müsse er fressen, wenn er zum empfindsamen Nordstern gehe, diesen Rat bekam er vom Aufsichtsratsvorsitzenden, Graf Strasoldo, noch mit auf den Weg. Und den hat er auch befolgt, am Anfang jedenfalls, dann ging ihm wohl der Vorrat aus. Mit voller Kraft setzte er seine Vorstellungen durch, er ordnete den Vorstand in seinem Sinne neu, schaffte andere Strukturen und gab dem unter seinem Vorgänger ruhiger gewordenen Unternehmen den Schub für einen guten Weg in eine erfolgreiche Zukunft.

"Doch mit des Geschickes Mächten.....". Ohne Vorwarnung verkaufte die Aachen-Münchener 1988 ihre Nordstern-Beteiligung an die Winterthur. Sie wollte wohl nicht mehr länger die zweite Geige hinter der Colonia spielen. Warum die Winterthur das machen wollte, war die Frage. Vermutlich hoffte sie, eines Tages den Nordstern ganz übernehmen zu können, um ein eigenes deutsches Standbein zu bekommen. Aber nicht einmal im Traume dachte man bei der Colonia an eine solche Lösung. Die Frage, was aus dem Nordstern im Hause Winterthur geworden wäre, ist interessant, aber nicht mehr zu beantworten. Gut geführt hätte er sich vielleicht sogar deutlich besser entwickelt, als gemeinsam mit der Colonia in der AXA-Deutschland. Fest steht nur, dass er nach dem Verkauf der Winterthur an die AXA zum Jahresende 2006, doch noch mit der Colonia vereint worden wäre. Als stärkere Gesellschaft???

1991 war für die Allgemeine und für die Leben ein bedeutendes Jahr, ein besonderer Geburtstag war zu feiern. Und nicht ohne Stolz lobten alle Redner beim Festakt im Kölner Maritim-Hotel, die wechselvolle aber immer wieder erfolgreiche Geschichte der beiden Gesellschaften über 125 Jahre. So sollte es, wünschten die Gratulanten und hofften die Nordsterner, noch lange, lange weitergehen. Wünsche und Träume, sie verflogen schon bald.

Im Jahre 1989, wenige Wochen nach dem 150jährigen Jubiläum, hatte nämlich das Bankhaus Oppenheim seine Colonia-Mehrheitsbeteiligung an eine holländische Holding, die dem französischen Versicherunskonzern Victoire gehörte, verkauft. Mit im Paket auch der Nordstern. Der bleibe aber selbstständig, das sei beim Verkauf ausdrücklich vereinbart worden, hieß es dazu aus dem Haus Oppenheim. Den Franzosen waren zwei Gesellschaften in Deutschland aber vermutlich eine zuviel, deshalb dachten sie wohl daran, den Nordstern wieder zu verkaufen. Von dieser Absicht aufgeschreckt, eilten die beiden Vorstandschefs, Dieter Wendelstadt und Claas Kleyboldt, nach Paris und schafften es, der Victoirespitze das Vorhaben auszureden. Dafür gründete man 1991 die Colonia Konzern AG, ein Dach für alle Colonia- und Nordstern-Gesellschaften. Vorsitzender des Aufsichtsrats wurde Dieter Wendelstadt, Vorstandsvorsitzender Claas Kleyboldt. Was dann wenig später begann, hieß Migration, die Sach-, HUK- und Lebensabteilungen wurden im Konzern zusammengeführt. Es gab dabei gesellschaftliche Namensveränderungen, deren Aufzählung hier den Rahmen sprengen würde. Die weitere Entwicklung änderte sich ohnehin durch grundlegende Ereignisse in Frankreich.

1993 übernimmt die "Union des Assurances de Paris", kurz UAP genannt, von der Groupe Victoire das Auslandsgeschäft und damit auch den Colonia Konzern, der seinen Namen und seine Strukturen aber behalten kann. Das dauert allerdings nur bis 1997, denn da greift nach dem schon großen Gebilde jemand, der seine weltweite Größe noch weiter ausbauen will, die AXA. Jung, dynamisch, straff geführt, seit gerade mal 20 Jahren auf dem Weg nach ganz oben. Mit einem Namen, der überall in der Welt einheitlich geschrieben werden kann und geschrieben werden soll, läßt sie aber auch für die zu ihrem Konzern gehörenden Unternehmen keine andere Bezeichnung zu. So verschwindet 1999 zunächst der Name "Nordstern", die vorübergehend gebildete AXA Colonia Konzern AG wird ab September 2001 zur AXA Konzern AG.

Dreifache Frage: "Wer oder was ist AXA?"

Wunsch und Wirklichkeit..............

..........in Memoriam "Nordstern", in Memoriam aber auch "Colonia"

Im "Gedenken" für den verstorbenen Dr. Alfred Freiherr von Oppenheim in der "Zeitschrift für Versicherungswesen" (Nr.3/1. Februar 2005, Seite 76) heißt es: "Stellvertretend für die nicht mehr existenten Unternehmen Colonia und Nordstern möchten wir aber heute sagen, dass die Ereignisse Ende Juli 1989 zu den dunkelsten Kapiteln der deutschen Assekuranzgeschichte gehören". Gemeint ist damit der Verkauf von Colonia und Nordstern an die Victoire durch das Bankhaus Oppenheim.

Zur Erinnerung hier noch ein Bericht aus der „Kölnischen Rundschau" vom 24.10.1991:

"125 Jahre Nordstern-Versicherungen - Festveranstaltung im Maritim mit 400 Gästen

Weichen für die Zukunft sind gestellt

125 Jahre Nordstern-Versiche­rungen waren bei einer Festveran­staltung mit 400 Gästen im Maritim gestern nicht nur Anlaß für eine fundierte und zugleich fröhliche Ge­schichtsbetrachtung durch den Fachjournalisten Arno Surminski, sondern auch für einen weiten Blick in die Zukunft der Branche und des Kölner Unternehmens. Vorstands­vorsitzender Claas Kleyboldt mach­te dabei deutlich, daß der Kunden­kreis und dessen Ansprüche sich er­heblich wandeln werden, und daß unter den Versicherern nur der be­stehen könne, der mit kompetenten und motivierten Mitarbeitern bereitwillig auf das veränderte Umfeld reagiere.

Ein düsteres Szenario zeichnete Kleyboldt gleichwohl nicht. Und die heitere Note der Feier unterstri­chen auch die Philharmonischen Cellisten Köln mit der drolligen "Kurzfassung des Neujahrskon­zerts" von Johann Strauß.

Aufsichtsratsvorsitzender Dieter Wendelstadt gab sich überzeugt, daß Nordstern im Hinblick auf Eu­ropa "einen Schritt weiter" als die meisten Mitbewerber sei: „wir haben den Aufbruch hinter uns und sind auf dem Weg". Damit sprach er auch die Einbindung des Unternehmens in die europäische „Vinci"-Gruppe an. Dabei werde bei den Entscheidungen die Abstimmung untereinander großgeschrieben.

NRW-Wohnungsbauministerin Ilse Brusis erinnerte an den "be­achtlichen Kraftakt' für das in Ber­lin gegründete Unternehmen, als es 1949 seinen Verwaltungssitz nach Köln verlegte.

Dabei sei jedoch der Schritt ins Rheinland nicht willkürlich gewe­sen, nachdem Nordstern bereits lange vorher hiesige Versicherer durch Fusion übernommen hatte. Unter Beifall forderte Brusis mit Blick auf die neuen Bundesländer nachdrücklich, gerade im Bereich der Lebensversicherung müsse für den privaten Kunden Sicherheit und Transparenz im Angebot ge­währleistet sein, um echten Versi­cherungsschutz von reinen Sparof­ferten unterscheiden zu können.

In seinem Grußwort stellte Ober­bürgermeister Norbert Burger Kölns Zukunftsaufgaben vor. Unter den 59 hier ansässigen Versiche­rungsunternehmen habe Nordstern einen bedeutenden Platz, erklärte Burger, und hob ausdrücklich das Nordstern-Engagement im Bereich von Kunst und Kultur hervor. vol "