Unterm Nordstern: Zwischenruf


Dieses Kapitel ist für Geschichten, Erinnerungen und Erzählungen von ehemaligen Mitarbeiterinnen, Mitarbeitern und Freunden der Nordstern-Gesellschaften reserviert. Hier ist der erste Beitrag:

Lehrjahre 1960 – 1963 NORDSTERN Lebensversicherung-AG

Meine Lehre habe ich bei der Nordstern Lebensversicherung-AG in Köln in dem inzwischen abgerissenen Haus am Konrad-Adenauer-Ufer 23 am 01.04.1960 begonnen und mit der Kaufmannsgehilfenprüfung zum Versicherungskaufmann im März 1963 abgeschlossen. Warum eine Lehre gerade bei der NORDSTERN? Dies hängt vielleicht etwas mit meinem Geburtsort Berlin zusammen. Wir wohnten in Berlin-Schöneberg und direkt neben dem Rathaus stand ein schönes altes Gebäude mit dem wunderschönen Schriftzug „NORDSTERN".

Die Versicherungswirtschaft befand sich im kräftigen Aufschwung. So auch die Nordstern-Gesellschaften. Die Ausbildung in der Lebensversicherung und in der Sachversicherung waren damals noch zwei verschiedene Ausbildungswege. Allein bei der Nordstern-Leben haben am 01.04.1960 siebzehn Lehrlinge ihre Ausbildung angefangen. Wer kennt sie noch:

Gerlinde Globert-Schiefer, Heidi Kauf, Eleonore Meyer, Hans Böhmer, Frederik Francis, Helmut Gerhard, Heinz Germund, Günther Gummersbach,
Willi Kaltenbach, Wolfram Keitel, Fritz Kierdorf, Dieter May, Lothar Mieves,
Bernhard Odenthal, Hartmut Spengler, Paul Wirges, Manfred Weyrich.

Davon ist heute noch einer in der Nordstern-Nachfolgegesellschaft, der AXA Service AG, tätig. Es ist der derzeitige Betriebsratvorsitzende der Hauptverwaltung, Manfred Weyrich.

Vier Lehrlingskollegen – Gerlinde Globert-Schiefer, Hans Böhmer, Wolfram Keitel, Bernhard Odenthal – haben bis zum Abschluss ihrer beruflichen Tätigkeit in einer Lebensabteilung der Nordstern, später dann in der AXA Service AG ihren Dienst geleistet. Heinz Germund war bis zur Beendigung seines Berufslebens zuletzt in der Rückversicherungsabteilung tätig. Also alles treue NORDSTERNER. Anzumerken ist, das Wolfram Keitel für 2 ¾ Jahre (68-71) „fremd" gegangen war.

Die gleitende Arbeitszeit war gänzlich unbekannt. Alle fingen morgens zur gleichen Zeit an und hörten am Nachmittag – ich meine es war 17:00 Uhr – gemeinsam wieder auf. Die Vorgesetzten gingen jeden Morgen durch die Abteilung und begrüßten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Es fiel auf, wenn sich jemand verspätete. Wenn es nur um „Sekunden" ging, musste der Arbeitsplatz so rechtzeitig erreicht sein, dass er vor der Begrüßung eingerichtet war. Allerdings gab es Abteilungen, in denen es schwierig war nicht aufzufallen. Die einzelnen Büroräume waren nicht durch Mauern, sondern durch Glaswände getrennt. Der Chef konnte beim Betreten des ersten Raumes gleich die ganze Abteilung überblicken. Immer war ein Auffallen nicht zu vermeiden. Dann hieß es beim Chef antreten und entweder eine gute Ausrede zu haben oder den wahren Grund der Verspätung zu nennen und sich zu entschuldigen.

Es gab zwar keine direkt zwingend vorgeschriebene Kleiderordnung, aber es war gern gesehen, wenn die Herren mit Anzug und Krawatte erschienen. Damen in Hosen waren im Dienst unmöglich. Zum Glück gab es Garderobenräume, wo grundsätzlich die Mäntel aufzuhängen waren. Garderobe im Büroraum aufzubewahren, ging gar nicht. Wenn Damen in Hosen ins Dienstgebäude kamen, haben sie sich in den Garderoben unter Ausschluss der Öffentlichkeit umgezogen bzw. sich der Hosen, die sie unter den Röcken trugen, entledigt. Nach meiner Erinnerung wurden diese „Vorschriften" erst nach meiner Lehrzeit gelockert.

Bei Feierabend mussten die Akten weggeschlossen werden und der Schreibtisch aufgeräumt sein. Es war verwerflich, seinen Schreibtisch vor erreichen des Dienstendes aufgeräumt und abgeschlossen zu haben. Dies hatte ausschließlich nach Dienstende zu erfolgen. Natürlich wurde mit dem Wegschließen der Akten und dem Aufräumen vorher begonnen. Nur ein paar Alibi-Akten blieben auf dem Tisch bis zuletzt liegen. Denn alle wollten ja so pünktlich wie möglich raus, um die Straßenbahn oder den Zug noch zu kriegen. Wer wollte schon auf die nächste Verbindung warten? Viele waren auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen. Wer hatte schon ein Auto oder sonst einen fahrbaren Untersatz mit Motor?

Die Ausbildung fand nicht wie heute in Ausbildungsgruppen, sondern am Arbeitsplatz eines Sachbearbeiters oder einer Sachbearbeiterin statt. Der Lehrling wurde in die Tagesarbeit, also in die praktische Arbeit, einbezogen. Die Auszubildenden blieben je nach Umfang der zu bewältigenden Aufgabenstellungen ein bis drei Monate in der jeweiligen Gruppe oder Abteilung. Dann erfolgte der Wechsel zur nächsten Gruppe bzw. Abteilung.

Über die erfolgte Ausbildung hatte jeder Lehrling einen ausführlichen Bericht im Berichtsheft der IHK zu erstellen. Wer faul ist, muss schlau sein. Deshalb wurden Berichte ausgetauscht und abgeschrieben. Das führte zu einigen Verwirrungen. Hatte ich doch einen Bericht vom Kollegen A abgeschrieben und wurde vom Ausbildungsleiter dann angesprochen, warum ich den Bericht vom Kollegen B verwandt habe. Da kam ich dann ins Stottern, da ich ja nicht wusste, dass der Bericht bereits schon einmal die Runde gemacht hatte. Wenn ich heute meine Berichte lese, wird mir erst recht deutlich bewusst, welcher enormer technischer Fortschritt in die Bürowelt eingezogen ist. Mit wie viel Papierkram und einzelnen schriftlichen Wegen (z.B. Buchungsanweisungen, Anforderungen von Berechnungen der verschiedensten Leistungen, Abfragen von Beitragszahlungsständen usw.) wir den Alltag gemeistert haben.

Elektronische Handrechner, wie sie heute bekannt sind, gab es nicht. Es gab manuelle Rechenmaschinen, die mit der Hand durch Drehen an der Kurbel bedient wurden. Dabei wurden auch Höchstleistungen des Einzelnen überprüft und auch Meisterschaften ausgetragen. Es wurde festgestellt, wer an der „Brunswiga" mit der Einstellung „null" in einer Minute die meisten Kurbelumdrehungen schaffte. Wer ein lockeres Handgelenk hatte, war im Vorteil.

Einfach mal an den Kopierer gehen, ging nicht, denn es gab keine. Es gab aber einen dunklen Raum, in dem Kopien im „Nassverfahren" erstellt wurden. Die Kopien waren verhältnismäßig teuer. Deshalb brauchte man um eine Kopie erstellen zu lassen, einen vom Abteilungsleiter unterzeichneten schriftlichen Auftrag. Die Erstellung einer Kopie dauerte, allein wegen der Zeit zum trocknen, mehrere Minuten und daher konnte die Kopie auch erst zu einem späteren Zeitpunkt abgeholt werden.

Die Ausbildung am Arbeitsplatz war meiner Meinung nach viel intensiver und interessanter. Die technische Entwicklung hing noch in den Kinderschuhen und war gerade am Anfang. Daher waren neben der Arbeit am Arbeitsplatz viele Laufwege in andere Zimmer und Abteilungen zu erledigen. Dies war eine willkommene Abwechslung im Tagesablauf, da man in anderen Zimmern und Abteilungen nicht nur seine Lehrlingskolleginnen und Lehrlingskollegen traf und ein Schwätzchen halten konnte, sondern auch viele weitere Sachbearbeiter und Sachbearbeiterinnen kennenlernte. So war man bald mit dem ganzen Haus und seinen einzelnen Dienststellen vertraut.

Neben den fach- und sachbezogenen Aufgaben kamen auch andere Aufgaben auf die Lehrlinge zu. So wurden diese – meist höflich - gefragt, ob sie sich dazu bereit erklären könnten, für die Kolleginnen und Kollegen der Arbeitsgruppe in der Kantine Kaffee/Milch zu holen. Natürlich wurde grundsätzlich die Frage mit „ja" beantwortet, denn dort trafensich ja alle Lehrlinge aus allen Lehrjahren und plauschten miteinander. Wenn die
Schwätzchen sich in die Länge zogen, fand das nicht immer Anklang bei den Kolleginnen und Kollegen, die auf ihren Kaffee oder ihre Milch warteten.

Der Berufschulbesuch erfolgte in der Regel zweimal die Woche. Es gab keinen Blockunterricht. Die Berufsschule fand gelegentlich auch an Samstagen statt. Obwohl der Samstag zu dieser Zeit in der Versicherungswirtschaft kein Arbeitstag mehr war, mussten die betroffenen Lehrlinge hingehen.

Ein halbes Jahr vor der Prüfung vor der IHK gab es einmal die Woche noch zusätzlichen hausinternen Unterricht. Dieser wurde von einem Berufsschullehrer, Herrn Hammes, gehalten. In diesem Unterricht wurden wir richtig auf die zu erwartenden Prüfungen getrimmt. Ich muss sagen, der Aufwand hat sich gelohnt.

Schon damals waren die einzelnen Dienststellen der Nordstern-Gesellschaften auf mehrere Häuser verteilt. Die Lebensabteilungen und die Hollerithabteilung (heute EDV) befanden sich im Haus Kaiser-Friedrich-Ufer (heute Konrad-Adenauer-Ufer). Die anderen Abteilungen, wie Vertrieb, Verwaltung oder Personal, befanden sich in der Gereonstrasse. Ein ganz wichtiges Gebäude für Nordstern-Leben lag in der Rheinaustraße (das Haus ist im Zuge des Erstellung der Severinbrücke verschwunden). Dort befand sich das Archiv für die Lebensverträge und die Zentralkartei. Hunderte von Akten und Kistchen mit Tausenden von Karteikärtchen lagerten dort. Ich kann mich noch gut an den Namen auf der ersten Karteikarte erinnern: „Adele von der Aa".

Die dort Beschäftigten wurden, um in der Nordstern-Kantine Mittagessen zu können, mit einem VW-Bus abgeholt und wieder zurück gebracht. Also Shuttelservice gab es schon vor NORDSTERN-COLONIA.

Noch etwas war in der Zeit von 1960 – 1963 anders. Es gab mehrere Kantinen, die unterschiedlich, je nach der zutrittsberechtigten Personengruppe, ausstaffiert waren. So gab es eigene Räume für die Gruppe der Handlungsbevollmächtigten (HB-Kasino), der Prokuristen und der Direktoren. Im HB-Kasino wurde zum Beispiel mit Tischdecken und Stoffservietten eingedeckt. Bis zur Abschaffung der getrennten Speiseräume wurde darüber gemunkelt, ob die Mittagessen für alle gleich waren, zumindest ab der Prokuristenebene. Bewiesen ist nix.

Zum Abschluss noch zwei Anekdoten. Zehn Lehrlinge aus diesem Lehrjahr gingen in die gleiche Berufsschulklasse. Natürlich gingen wir so rechtzeitig zur Schule, dass vor dem Unterricht noch Zeit blieb, um in einer in der Nähe gelegenen Kneipe eine Runde Skat zu spielen. Einmal haben wir es tatsächlich versäumt aufzuhören und der Unterricht fand ohne die NORDSTERNER statt. Das gab Ärger. Am nächsten Tag durften wir beim
Ausbildungsleiter, Herrn Günther Krause, antreten, der uns ganz schön den Kopf gewaschen hat. Über unsere wirklich plausibel klingenden Ausreden wird geschwiegen.

Im letzten Ausbildungsjahr mussten wir zur Vorbereitung der vor der IHK abzulegenden „Schreibtechnischen Prüfung" in Steno und Maschinenschreiben eine private Handelsschule besuchen. In der Pause haben wir uns in das nächste Eiscafe begeben. Wurde die Länge der Pause überzogen, haben wir unserem Lehrer ein Tütchen Eis zur Bestechung mitgebracht. Es hat gewirkt, denn dadurch kehrte Sanftmut ein.

Rückblickend kann ich sagen, dass wir eine gute, gründliche Ausbildung genossen haben und trotz des notwendigen Ernstes auch viel Spaß hatten.

Köln im November 2007 - Wolfram Keitel