Unvergessen

 

von Ingrid Dobrick

 

Einem Zeitungsartikel zufolge soll es eine der schönsten Uferpromenaden der Welt sein - unser Kieler Hindenburgufer, von mir kurz „Ufer" genannt. Und weil ich es liebe, bei Wind und Wetter an der Förde zu sein, genieße ich jeden Spaziergang am Wasser entlang, als wäre es der erste und der letzte.

Natürlich kann ich auf mehreren Wegen dorthin gelangen - am schönsten finde ich den Weg von oberhalb der Förde kommend, wo ich wohne, durch den schönsten und ältesten Park Kiels, die Forstbaumschule" mit den uralten, ausladenden Bäumen und vielfarbig blühenden Rhododendren, wo sich im Sommer auf den weiten Rasenflächen Jung und Alt ein buntes Stelldichein geben mit Sonnenbad, Sport und Picknicks, Kinder und Hunde umher tollen, während jetzt im Winter die Hügelchen des Parks fleißig zum Schlittenfahren genutzt werden und die kleinen Teiche zum Schlittschuhlaufen.

 

 

 

Mein Weg führt mich nun weiter durch den angrenzenden Diederichsen-Park, diesen wunderbaren, ehemals herrschaftlichen Garten - die dazu gehörende Villa wurde im Krieg zerbombt - vorbei an weiten Grünflächen mit Hundeauslauf. Ich freue mich, dass ich jetzt auf das Wasser schauen kann, etwa vom Rondell aus am Ende des Parks. Von diesem erhöhten Standpunkt aus sieht man Linkerhand die Tirpitzmole mit den Kriegsschiffen und der „Gorch Fock". Weiter gleitet der Blick über die Einfahrt des Kiel-Kanals Richtung Holtenauer Leuchtturm. Rechterhand schwingt sich das grünere Ostufer meerwärts mit den kleinen Fördeorten und den weißen Stränden, begrenzt vom Laboer Ehrenmal.

 

 

 

 

 

 

 

Vom Rondell steige ich die elegant geschwungene Treppe hinunter zur Förde, deren Wasser je nach Wind und Wetter in den verschiedensten Blautönen schimmert - im tiefsten Blau bei Nord- oder Ostwind oder blau-grün bei leichter Sommerbrise.

 

 

 

 

Nun führt mich mein Weg auf dem weitgeschwungenen Hindenburgufer immer am Wasser entlang Richtung Süden. Links vor mir liegt traumhaft das Seebad Düsternbrook, eine schon im 19. Jahrhundert errichtete klassizistische, weißgestrichene Holzkonstruktion mit langem Steg in die Ostsee, auf dem die Seebar thront, an die sich ein Badesteg anschließt.

Im Sommer ist das Seebad eine nostalgische Augenweide mit pinkfarbenem Interieur mit Sonnenschirmen, Liegen und warmen Decken, für mich die schönste „Lokation" weit und breit. Vor der offenen Bar mit den vielen bunten Flaschen kann man es sich entweder auf Barhockern bequem machen oder auf Bänken mit dicken Polstern den Traumblick auf Wasser und Wolkenhimmel genießen, dazu entspannt in der Sonne einen Cappuccino oder Kakao trinken und eine Salzbrezel knabbern. Von den Stegen aus wird gebadet, sogar im Winter, denn immerhin gibt es den Club der Winterbader. Ja, man könnte sich auch einen „Erlebnisgutschein zum Eis baden" schenken lassen.

Natürlich kann ich an der Seebar selten vorbeigehen, ohne einzukehren, den großen und kleinen Schiffen und den Badegästen zuzuschauen, im Ohr das hypnotisierende Plätschern des Wassers - man vergisst die Zeit, könnte ganze Tage hier verbringen.

Jetzt im Winter ist die Pracht geschlossen, nur ein schöner Traum vom vergangenen Sommer. Ich spaziere also weiter. Rechts oben auf der Höhe liegt in bester Aussichtslage das Hotel „Maritim".

 

 

Gern gehe ich auf die sich nun anschließende Bellevue-Brücke, Anleger für die Fördeschiffe, die im Sommer die kleinen Orte des Ostufers mit Kiel verbinden. Von hier aus fahren dann Touristen und Kieler an die Strände. Und das ganze Jahr über stehen auf dieser Brücke wetterfeste Angler, geduldig auf Dorsch oder Hering wartend.

 

 

 

So schlendere ich weiter, immer am Wasser entlang, bis zum Kieler Yachtclub mit dem Segelhafen. Die großen und kleinen Yachten befinden sich gerade im Winterlager. Im Sommer herrscht hier ein buntes Treiben.

 

 

 

Auf das elegante cremefarbene Gebäude des Yachtclubs landseitig folgt der ehrwürdige Bau des Instituts für Weltwirtschaft samt neu errichtetem Glasfront-Bau der zugehörigen Bibliothek. Jetzt geht das Hindenburgufer über in die Kiellinie, die sich Richtung Innenstadt erstreckt. Es folgen die Sporthäfen der verschiedenen Seglervereinigungen sowie die Stege und Bootshäuser der Ruder-, Kanu- und Kajak-Vereine.

Hier macht die Förde eine Kurve, bevor sie in Höhe des Oslo-Fährterminals endet. Von Zeit zu Zeit kann es passieren, dass man schon von weitem in dieser optisch engen Kurve das alles überragende Vorschiff der Oslo-Fähre oder eines Kreuzfahrtschiffes erblickt, wie es sich langsam ins Blickfeld schiebt. Diese modernen Riesen-Schiffe fahren äußerst vorsichtig von ihren Anlegern in Richtung Ostsee. Immer wieder ein aufregender Anblick, wenn sie sich im Sommer ihren Weg durch das Gewimmel der großen und kleinen Segel- und Ruderboote bahnen - eigentlich nicht selbstverständlich, dass dabei kaum Unfälle passieren.

 

 

Mein Blick gleitet wieder über das Wasser hinüber zum Ostufer mit dem Hafen für die Fähren ins Baltikum. Ich komme vorbei an der Blücherbrücke, wo im Sommer die großen historischen Segler aus Holland festmachen und zur Kieler Woche bunte Verkaufsbuden stehen.

Drüben auf dem Ostufer verdirbt das alte Kohlekraftwerk den Blick, seine hellgraue Rauchsäule aus dem hohen Schornstein zeigt zuverlässig die jeweilige Windrichtung an. Der nächste Fähranleger, die Reventloubrücke, liegt gegenüber dem Schleswig-Holsteinischen Landtag mit seinen teils historischen Gebäuden.

 

 

Auf die Blücherbrücke folgt der Teil der Kiellinie, von wo aus im Sommer während einiger Tage die größten und teuersten Trimarane der Welt ihre spektakulären Wettrennen auf der Förde austragen - schließlich ist Kiel Sailing City! Stundenlang kann das zahlreiche Publikum direkt von der Kiellinie aus diesen leichten, eleganten Booten mit den riesigen Segeln bei ihren riskanten Manövern zuschauen, wenn sie mit hoher Geschwindigkeit nur auf einem ihrer drei schlanken Rümpfe schräg über die Wellen zu fliegen scheinen.

Dazwischen immer wieder weite Rasenflächen und Cafés, die auch im Winter ihre Strandkörbe nicht einmotten. Sonnenhungrige können darin windgeschützt bei Kaffee und Kuchen die rare Wintersonne genießen.

Schon von weitem sieht man jetzt auf dem Ostufer die alles überragenden Wahrzeichen von Kiel, zwei riesige blau-orangene Portalkräne auf dem Werftgelände der Howaldtswerke, gegen die sich die vielen anderen Kräne zwergenhaft ausnehmen.

 

 

Weiter geht's vorbei am ausgedehnten Leibnitz-Institut für Meereskunde der Universität Kiel mit dem geräumigen Seehundbecken als Blickfang und Attraktion, etwa wenn die Seehunde gefüttert werden und hoch aus dem Wasser springend ihr Fischfutter fangen. An der Brücke vor dem Institut liegen Forschungsschiffe, die wochenlang auf der Suche nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen die Weltmeere befahren.

 

 

 

Bequem kann man es sich machen in einem Rondell mit Liegebänken und der „Fördeschlange", die von einer Künstlerin mit Mosaiken bunt gestaltet, ihren gewaltigen Leib aus dem Stein hervor windet, wobei sie den aristokratisch anmutenden Kopf hebt - ein sehr gelungenes Kunstwerk und Tummelplatz für mutig balancierende Kleinkinder.

 

 

Da nichts ewig währt, endet hier mein Uferspaziergang, was in mir immer ein leises Bedauern auslöst. So biege ich rechts ein in den Niemannsweg, gehe vorbei am zauberhaften Alten Botanischen Garten mit dem Literaturhaus und vorbei am Universitätsklinikum sowie der wunderschönen hochgelegenen Paulskirche - heimwärts Richtung Blücherplatz, an dem ich wohne.

 

 

Das sind die letzten Zeilen, die meine langjährige, liebenswerte Lebensgefährtin schrieb. Sie verließ unsere Welt still und sanft wie sie gelebt hat, am 22. März 2012 im Alter von sechsundsiebzig Jahren.

 

 

Ihr Bild, tiefe Dankbarkeit und die Erinnerungen an die gemeinsamen Jahre, werden mich immer begleiten. April 2012.

 

Hans Fander

 

Unvergessen...

Abschiedsbriefe zu schreiben fällt mir schwer. Besonders aber dieser Brief, kann er Dich doch nicht mehr erreichen. Du bist am 22. März in diesem Jahr wir schreiben 2012, sanft und friedlich eingeschlafen. Es war Dein Wunsch, den Du häufig äußertest, begleitet vom Gedanken, du möchtest nicht alt werden. Davon war ich immer tief betroffen, hatte ich doch die Vorstellung, dass wir noch eine Weile beisammen sein könnten. Wenn wir uns in Deinen letzten Lebensmonaten nicht mehr so nahe waren wie in den sechsundzwanzig Jahren unseres Zusammenseins, so hatten wir uns aber nie verloren. Wir sahen uns häufig, wohnten wir doch nur einen Katzensprung voneinander entfernt. Beide hatten wir das Bedürfnis gute Freunde zu bleiben. Es ist uns gelungen. Darüber bin ich trotz aller Traurigkeit froh. Und froh bin ich auch, dass Dir lange Krankheit und Abhängigkeit erspart blieben, ganz so wie Du es Dir gewünscht hast. Und diesen Wunsch haben wir wohl auch alle für uns selbst. Meine Gedanken und meine Liebe und Dankbarkeit für die gemeinsamen Jahre werden Dich immer begleiten. Und wenn es einen Himmel gibt, dann, so bin ich ganz sicher, hast Du dort einen Logenplatz, vielleicht sogar mit Blick auf Deine geliebte Ostsee, in der Du nun nach sechsundsiebzig Lebensjahren, wie von Dir gewünscht, Deine Ruhestatt gefunden hast. Und immer, wenn mich der Weg ans Ufer führt, werde ich mit dem leisen Rauschen der Wellen auch Deine Stimme hören.

Gerne, aber auch mit Wehmut blicke ich auf unsere gemeinsame Zeit zurück. 1985 begegneten wir uns in einem Kreis von Leuten, die den Wunsch hatten, gemeinsam etwas zu unternehmen. Wir machten Radtouren mit dem damals noch nach Langeland fahrenden „ Butterdampfer „ der uns in gut zwei Stunden auf die dänische Insel brachte. Bei unseren Gesprächen stellten wir fest, dass wir beide malten. Du zuhause und ich in meinem Atelier, wo Du mich nach Monaten unserer Bekanntschaft einmal besuchtest. Viele Gemeinsamkeiten brachten uns näher. Auch ohne die Gruppe unternahmen wir zunächst kleine Radtouren und Wochenendreisen, hier in Schleswig - Holstein, das ich ja durch meine frühere Tätigkeit sehr gut kenne. Beide hatten wir seinerzeit ein paar Probleme, die uns noch näher zusammen brachten.

Du warst noch berufstätig und ich arbeitete täglich in meinem Atelier. Aber wir sahen uns jeden Tag. In den gemeinsamen Jahren unternahmen wir viele Reisen und Urlaube. Nach Dänemark, Schweden und Norwegen, nach Irland und auch immer wieder einmal zu verschiedenen Orten in Deutschland und nach Tschechien und Italien. Und jedes Jahr für längere Zeit nach Frankreich, wo ich ja fast zu Hause bin. Neue Freundschaften wurden geschlossen. Du warst immer und überall beliebt. Die Menschen mochten Dich fast immer vom ersten Augenblick an. Mir war es ja auch nicht anders ergangen.

Dann unternahmst Du auch alleine große Reisen nach Australien, nach Neuseeland wo Deine Tochter lebte und nach Kanada und in die Vereinigten Staaten zu Freunden. Abenteuerlustig warst Du auch. Ich erinnere mich an Deine ersten Flüge mit einem Segelflugzeug, einen Helikopter, den Du auch einmal steuern durftest. An Deine Fahrt mit dem Heißluftballon, dem ich mit dem Auto auf den Straßen unter seiner Flugroute folgte, bis ich ihn aus dem Blickfeld verlor. Es waren wundervolle Jahre, die wir zusammen verbringen durften. Wofür ich immer dankbar sein werde.

Mit bangem Herzen habe ich in den letzten Jahren unseres Zusammenseins erlebt, dass Dein Gesundheitszustand sich langsam verschlechterte. Aus Deiner Sicht hast Du alles versucht um diese Situation zu überwinden. Leider ohne Erfolg. Vielleicht hätte sich Dein Zustand ja gebessert, wenn Du dem ärztlichen Rat gefolgt wärst und die verordneten Medikamente genommen hättest. Aber dazu warst Du leider nicht bereit.

Zur gleichen Zeit verschlechterte sich auch mein Gesundheitszustand so dass wir uns gegenseitig keine große Hilfe mehr geben konnten. Mit bedauern und Schmerz blickten wir zurück auf unsere vielen schönen, gemeinsamen Jahre. Und langsam verlor ich die Hoffnung, dass wir noch einmal anknüpfen konnten an alles, was uns lange und innig verband.

Der Schmerz, den ich Dir durch das eingehen einer neuen Beziehung zufügte hat mich selbst sehr belastet. Aber es grenzt schon fast an ein Wunder, wenn ich in meinem Alter noch einen ebenfalls liebenswerten Menschen kennenlernte, mit dem ich nun gemeinsam zumindest ein Stückchen Zukunft planen und auch leben kann.

Du aber wirst immer ein wunderbarer Teil meines Lebens sein und bleiben. Unvergessen...