Venedig Reise

Ingrid Luise Dobrick und Hans Fander
 
Eine Reise nach Venedig

Man hatte uns gewarnt: Die vielen Kanäle in dieser Stadt seien schmutzig und würden stinken, es gäbe nur noch wenig Gondeln und die führen jetzt ohnehin meist mit Motor; man könne vor lauter Touristen kaum treten und nichts sehen und überhaupt sei alles völlig überteuert – besonders die Tasse Kaffee am Markusplatz; die vielen Tauben dort würden mit ihrem Dreck die Passanten belästigen; wir sollten bloß nichts kaufen in dieser teuren Stadt, wo man von den Einheimischen ständig übers Ohr gehauen werden würde. Außerdem lauerten überall Taschendiebe und Räuber, man müsse sein Geld gut versteckt am Leib tragen; sowieso sei Venedig eine langweilige Stadt, grau in grau und alles so verkommen, die Stadt versinke im Meer und dauernd würde man sich in den engen Gassen verlaufen – „da fährt man doch nicht hin!“

Und dann war es Liebe auf den ersten Blick: Die pure Schönheit Venedigs traf uns mitten ins Herz. Schon der Dichter Rainer Maria Rilke riet 1910 dem Reisenden, alle Vorurteile über die Stadt zu vergessen und sich einfach nur ihrem Zauber zu stellen. „Das schönste Gegengewicht der Welt, das bis in seine Zierrate hinein voll latenter Energien steht, die sich immer feiner vernervten – dieses Venedig.“

Morgens um neun Uhr erreichten wir Venedig nach einer Nachtfahrt mit dem Zug über die Alpen. Bei Sonne und leichtem Wind bestiegen wir das Vaparetto Nr. 82 und befuhren den breiten Canal Grande Richtung Markusplatz, vorbei an den vielen prächtigen Palazzi mit säulen- und löwenverzierten goldenen Balustraden, Kuppeln, Kirchen und Campaniles – eine Farbharmonie in verwaschenem Ockerrot, Gelb, Weiß, Blau und Gold. Türkisfarben schimmerte das Wasser in den Kanälen, nach Meer duftend – ein Traum.

Wir begegneten Gondeln mit Gondolieres, die in ihrem schwarzen Anzug und dem rotbebänderten Strohhut stolz und elegant ihre lackschwarzen Gefährte durch den regen Bootsverkehr lenkten – ein Bild wie auf jeder Venedig-Postkarte.

Am Markusplatz mit dem weltberühmten Dogenpalast und dem fast einhundert Meter hohen Campanile verließen wir das Verkehrsschiff und gingen mit dem Gepäck zu Fuß in unser hübsches Hotel, das in einem der vielen schmalen Gässchen ganz in der Nähe lag.

Ja, in dieser Stadt mit ihren einhundert siebenundsiebzig Kanälen und den vierhundert Brücken geht man entweder zu Fuß oder man fährt mit den vielen öffentlichen Verkehrsbooten oder mit einem Wassertaxi – es gibt keinen Autoverkehr. Selbst die Polizei oder die Feuerwehr sahen wir in speziellen Booten fahren.

Schon wenige Minuten abseits des Markusplatzes mit den lärmenden Touristenschlangen herrscht eine geheimnisvolle Stille, die durch das Glucksen des Kanalwassers noch vertieft wird. Hin und wieder gleitet eine Gondel vorbei, manchmal mit sentimentaler Akkordeonmusik und Gondoliere-Gesang.

In den nächsten Tagen erwanderten wir ein Venedig, wie es sicher schon genauso zur Zeit Goethes oder vor der Erfindung des Tourismus zu erleben war. Die Sonne schien, es war sommerlich warm, endlich konnte ich eines meiner in Kiel so selten getragenen Sommerkleider ausführen. Dass wir uns in den verwinkelten Gassen nicht verliefen, war allein Hans‘ ausgeprägtem Richtungssinn zu verdanken. Wie erholsam, niemals auf Autos achten zu müssen und kein Motorgeräusch zu hören.

Wir schlenderten über den berühmten Gemüse- und Fischmarkt an der Rialto-Brücke, vorbei an den uralten Palazzi wie im Märchen, über steinerne gewölbte Brücken, keine der anderen gleichend. Immer wieder mündeten die Gassen in verwunschenen Plätzen wie aus Opernkulissen.

Wir aßen in Terassenrestaurants mit Blick auf einen Kanal, oder nahmen einen Espresso in gemütlich und phantasievoll eingerichteten Bars, in denen auch die stets elegant gekleideten Venezianer ihre Aperitifs genossen.

Wir durchstreiften das ehemalige jüdische Ghetto, besuchten das bekannte Guggenheim-Museum, vollgestopft mit erlesener Kunst. Die Augen konnten die prächtigen Einzelheiten nicht mehr so richtig wahrnehmen und würdigen, denn auf Schritt und Tritt gab es Neues und noch Schöneres zu entdecken.

Am liebsten hätte ich diese bezaubernde alte Stadt zusammengefaltet und als dreidimensionales Bild mit nach Hause, in die kalte Heimat, genommen, um es immer wieder anzuschauen, immer wieder interessante Einzelheiten zu entdecken – schon im voraus traurig über den Abschied und das Nicht-alles-gesehen-haben.

Am letzten Tag Fahrt mit dem Verkehrsschiff über die smaragdfarbene Lagune zum Lido, vorbei an der Toteninsel. Dort auf der schönen Insel aßen wir in einem verzauberten Gartenlokal zu Mittag.

Und ein letztes Mal wanderten wir durch Gassen mit bunten kleinen Geschäften, in denen man alles findet, was das Herz begehren könnte: Alte Bücher und herrlichen Schmuck, handgemachte Schuhe und feingesponnene Stoffe, eleganteste Mode, feinste Ledertaschen, vielfältige Zutaten für die weltbekannte italienische Küche, mundgeblasenes Glas und noch viel mehr – Kunst und Kitsch immer ganz nah beisammen. Wir konnten uns nicht sattsehen.

Zum Abschied saßen wir abends im wundervollsten Café am Markusplatz, tranken eine delikate, sündhaft teure Schokolade und lauschten einem Orchester, das wie jeden Abend die immer gleiche und verträumte Caféhaus-Musik intonierte.

Nach vier Tagen in der schönsten Stadt der Welt fuhren wir abends um dreiundzwanzig Uhr mit dem Ruckelzug in die Nacht hinein – über den Brenner Pass nach Norden, den Kopf auf den harten Kissen des Liegewagens, in einem unruhigen Traumschlaf voller Venedig-Bilder.

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