Vergeben aber nicht vergessen.

 

       von Carola 

                                                                                             

PAPA

war zwar aus beruflichen Gründen kaum zu Hause, aber seine Präsenz war immer zu spüren. Mein Vater ist belesen und ein intelligenter Mann. Er weiß sehr genau was er nicht will.
Meine Mutter eine gut aussehende, immer korrekt gekleidete Frau, die nichts tat, um der Außenwelt Gesprächsstoff für Klatsch und Tratsch zu geben. Wir waren die perfekte Familie. Liebe Kinder, ausschließlich heile und saubere Kleidung, gekämmte Haare, saubere Schuhe und immer einen guten Ton. Da ich nichts anderes kannte, war es für mich OK., bis ich „In der Lage“ war über den Tellerrand zu schauen. Und das begann sehr spät..... weil meine Gedanken und Emotionen immer nur um die Perfektion in unseren vier Wänden kreisten.  

Bei uns gab es keine Wunschäußerung oder freie Meinungsäußerung! Wenn  wir aber doch eine eigene Meinung zu äußern wagten, waren wir frech. 

UND  ICH WAR SEHR VIELE JAHRE FRECH !

Andere Kinder durften viel länger draußen spielen. Sie durften Schulkameraden zu sich einladen,  Fahrrad fahren, wenn sie Lust dazu verspürten oder sich Kleidungsstücke nach ihrem Geschmack aussuchen. Gewisse Fernsehsendungen kannte ich gar nicht, bis ich in der Schule von Mitschülern aufgeklärt wurde. Geburtstagsfeier nie selbst gefeiert,  weil ich im ungünstigen Monat Geburtstag habe (in den Ferien, wo viele Kinder mit ihren Eltern Urlaub machten), so wurde mir das immer erklärt und nahe gelegt. Allerdings hatte meine Schwester im April  Geburtstag. Aber auch ihr Geburtstag war ein Tag wie jeder andere. Das machte mich im späteren Pubertätsalter traurig aber auch wütend. Aber leider auch ohnmächtig. Ich fühlte mich nicht verstanden, also versuchte ich Erklärungen zu bekommen. Es gab aber keine Erklärungen …..vor Diskussionsbeginn hieß es :

AUS ! SCHLUß ! BASTA !   

Stumm – Lehre – Traurigkeit – Schmerz ===> ein Gefühl von Enge und Eingesperrt sein.==> Verdrängung !

Liebevolle Umarmungen oder mal eine liebe Geste oder ein sanfter Kuss auf die Wange.....?
Ohne groß nachzudenken habe ich mir das genommen, wonach ich mich sehnte...... eine Umarmung für den  Papa, oder einen Kuss für  die Mama ---  es wurde herzlich entgegen genommen und ich bekam es zurück. So habe ich gelernt meine Bedürfnisse und Sehnsüchte selbst  zu stillen. Nicht auf  Gesten meiner Eltern zu warten, sondern für mich selbst ein Zeichen setzen. 

Was passierte mit mir?  Ich konnte mir meine „innere Gefühlswelt“ nicht erklären. Keine Worte, keine klaren zusammenhängende Gedanken. Ich war einfach noch zu jung, um das „Geschehen und die Entwicklung um mich herum“ zu verstehen". 

In meinem 22 Lebensjahr , als ich dann aus dem Elternhaus auszog, weil ich selbst eine kleine Familie hatte, habe ich „meine Kindheit“  im Elternhaus >>zurückgelassen<<., …. so dachte ich. Doch lange Zeit schwebte  immer noch  eine  ungeklärte Frage über mir und eine Wehmut. :

Haben meine Eltern mich überhaupt lieb?

Doch Jahre später, ich war schon beinahe vierzig, und nach vielen strapaziösen Lebenssituationen und  unüberbrückbaren Gesprächen mit meinen Eltern zusammen mit  meiner Schwester, begriff ich, wer mein Vater wirklich ist. 

Zu dieser Erkenntnis kam ich jedoch nicht ganz allein. Viele Menschen lernte ich in den Jahren kennen, die mich bis hier hin begleitet  haben. Darunter eine ehemalige Arbeitskollegin, sie erwähnte einmal das Wort „Asperger“ .  Sie erzählte  von einem Menschen den sie  kennen gelernt hatte, dessen Verhalten sehr eigenartig war, der sehr  nett war, aber zu dem sie keinen Zugang fand. Weil Sie sein Verhalten nicht verstand, beendete sie diese Bekanntschaft sehr schnell..
Diese Unterhaltung mit meiner Arbeitskollegin war der Anfang meiner  „Erleuchtung“ und der Beginn neuer Erkenntnisse.

Zuhause setzte ich mich an den PC und las alles über „Asperger“ , alles was ich nur finden konnte.  Vier Bücher ,die empfohlen wurden, habe ich mir gekauft und zuhause verschlungen. Kennen Sie den Wackeldackel auf den Rücksitzen von früher noch? Ich war ein Wackeldackel bei jedem Buch das ich gelesen habe. Ich fühlte mich so bestätigt in allem was die Bücher mir über das "Asperger Syndrom" sagten. 

Es vergingen fast zwei Jahre bis  alles Gelesene in mir wahrhaftig aufgenommen war. In diesen zwei Jahren habe ich nochmal meine Kindheit Revue passieren lassen und noch viel mehr........

Nun bin ich frei!  Nun weiß ich, dass  jeder Schritt, den ich auf meine Eltern zugegangen bin RICHTIG FÜR MICH WAR. Und dass jeder Schritt, den ich heute auf meine Eltern zugehe, sie glücklich macht..... und das wiederum macht mich glücklich. 
 
Als Kind weiß man vieles nicht aber man „spürt“ vieles intuitiv. Als Erwachsener aber, hat man immer eine Wahl : man kann an sich arbeiten oder man resigniert.

Asperger sind Menschen, die ein Leben lang an sich arbeiten, um mit anderen Menschen zurecht zu kommen.. Sie haben keine Wahl, sie müssen es tun, um in dieser Welt klar zu kommen. Das wissen nur leider die wenigsten.  Das Thema „Asperger“ ist so komplex, dass ich nicht wage es in wenigen Zeilen umfassend zu erklären. Meine Absicht ist aber, alle Leser an zu stupsen  und neugierig zu machen., mehr über das Thema "Asperger" zu erfahren. Hinweise auf Literatur stehen weiter unten.

Es gibt viele Karaktere, viele Arten von Wesen, Temperamente, Persönlichkeiten, Naturelle.. ..etc.
Wesenszüge, die man an einem Menschen akzeptiert oder sogar abstoßend empfindet. Launen, die man bei Menschen die man liebt hin nimmt, oder sie gerade deshalb so lieb hat.  
Wir „Normalos“ machen „alles“ bewusst, weil wir  Wahrnehmungen fühlen können. 
Andere unter uns können es nicht.

Da ich das Kind meiner Eltern bin und natürlich auch ihre Gene in mir trage, habe ich mich selbst immer wieder beobachtet und mal  genauer hin gesehen und mich hinterfragt: Wer bin ich eigentlich? Ich glaube doch, dass das jeder mal  macht. Sich selbst hinterfragen, sich entdecken, das ist nicht nur ein Privileg der Pubertierenden. Ich bin stolz darauf, dass ich den Kampfgeist und ein bisschen von Papas Perfektionismus habe. Das kam mir in meinen Leben immer sehr zu Gute. Mein Vater ist nicht zimperlich, also hart im Nehmen, das habe ich auch bei mir beobachtet. Das finde ich gut.


Warum ich so viele Emotionen und auch Empathie in mir trage? Das kann nur von meinem Opa mütterlicherseits sein.


Durch die Aufklärung der Bücher habe ich viel  über meine Eltern, meinen Vater gelernt. Ich sehe ihn und auch meine Mutter jetzt mit ganz anderen Augen. Vor allem aber meinen Vater. Ich bin stolz seine Tochter zu sein. Mein Kampfgeist und mein Wollen haben mich zu ihm geführt.

             Heute weiss ich, meine Eltern lieben mich, aber beide  „lieben“ eben auf ihre Weise.

            Auch ich habe einen Teil ihrer Gene. Halt von jedem etwas. Sonst wäre ich nicht ICH. 

 

 

Literatur: Ich liebe einen Asperger - Corinna und Bob Fischer   - Trias     Verlag      

               Autistisch und hoch begabt - Johann Steven      -          Wagner Verlag

                Ein guter Tag ist ein Tag mit Wirsing -Nicole Schuster - Weidler Verlag

                Ein Autist und die Liebe - Peter Schmidt            -           Patmos  Verlag