Weiße Spiegel


Die Stunde der Entlassung aus dem Reichsarbeitsdienst hatte für unsere Abteilung am 15. November geschlagen. Ab Königsberg ging es in Güterwagen nach Hause, drei lange Tage und Nächte waren wir unterwegs. Um schneller und auch angenehmer nach Hause zu kommen, gingen immer mehr von uns dazu über, unterwegs auf normale Züge umzusteigen. Ab Schwerte machte ich das dann auch, es hat mir aber nicht mehr viel gebracht.

Am 25. November, eine Woche nach meiner Rückkehr, ging ich zum Wehrbezirkskommando um mich freiwillig zum fliegenden Personal der Luftwaffe zu melden. Weil das schon im Ansatz an meiner „Überlänge" scheiterte, verpflichtete ich mich zur „Division Hermann Göring". Die Formalitäten waren schnell erledigt und endeten damit, dass der Sachbearbeiter plötzlich den 25. als den monatlichen Gestellungstag für die Division erkannte. Seine Schlussfolgerung: „Der nächste Termin am 25. Dezember fällt wegen des Weihnachtsfestes aus, bis zum 25. Januar dauert es zu lange, dann fahren Sie gleich morgen früh und kommen eben 24 Stunden zu spät!". Reaktion in Utrecht, als ich am nächsten Tag in der Kaserne eintraf: „ Ihr kommt wohl wie es Euch passt."

In den ersten Wochen, besonders um die Weihnachtszeit, habe ich mich natürlich sehr darüber geärgert, dass ich nicht ein paar Tage später zum Wehrbezirkskommando gegangen bin, mit Sicherheit hätte ich dann noch bis zum 25. Januar zu Hause bleiben können. So wie es dann aber insgesamt gesehen für mich gelaufen ist, war der Novembertermin wohl eher einer von den besonderen Glücksfällen.

Zunächst gammelte ich mit den übrigen Neulingen ein paar Tage in der Kaserne herum, lediglich mit Putz- und Aufräumungsarbeiten beschäftigt. Durch die Stubenfenster konnten wir den Kasernenbetrieb beobachten, es wurde offensichtlich sehr viel marschiert und zackig gesungen. Erstmals hörten wir auch das Lied der Division mit dem Refrain:

„Die weißen Spiegel, sie leuchten in stürmischer Nacht,
wir sind des Reichsmarschalls Soldaten und halten die Wacht!"

Dann machte man uns klar, dass die ungestörte Nachtruhe nicht zu den gesicherten Grundrechten der Soldaten gehört. Schließlich finden Kriege nicht nur in der Zeit von 06.00 Uhr bis 22.00 Uhr statt, weshalb das Training nächtlicher Aktivitäten im Rahmen einer soliden Grundausbildung ausreichend begründet erscheint. Aber, dass wir gleich am zweiten Abend, kurz nach dem Zapfenstreich, fast noch als Zivilisten, vom UvD aus den Betten gescheucht wurden, überraschte uns sehr. Timoschenko sei durchgegangen, verkündete er mit bedeutungsschwerer Stimme und stürzte mit dieser Mitteilung nicht nur mich in ein ziemliches Gedankenchaos. Der russische Marschall Timoschenko war uns allen aus vielen Berichten bestens bekannt. Er galt als rücksichtsloser Truppenführer, dem das Leben seiner Soldaten wenig bedeutete. Besondere Schlagzeilen machte er, als er im Mai 1942 bei Charkow kräftig eins auf die Mütze bekam und 240.000 seiner Rotarmisten in deutsche Gefangenschaft gerieten. Und dieser Mann sollte durchgegangen, das hieß doch wohl übergelaufen sein? Waren die Russen mit ihrer Kraft tatsächlich am Ende? Was bedeutete das für die Ostfront? Warum wurden ausgerechnet wir am späten Abend darüber unterrichtet? Hätte man uns das nicht auch am nächsten Morgen sagen können?

Die Stimme des Unteroffiziers erreichte mich wieder: Timoschenko habe auf den Gängen, den Toiletten, den Stuben, überall eben Staub und Schmutz entdeckt, und er, der UvD, gäbe uns nun Gelegenheit, innerhalb einer Stunde alles in Ordnung zu bringen. Notfalls müssten wir bis zum Wecken Putzen und Schrubben, er habe Dienst und viel Zeit!

Wir machten uns schleunigst an die Arbeit und dabei erfuhr ich den banalen Hintergrund. Es gab in der Kaserne einen besonders gefürchteten Unteroffizier, der eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Marschall hatte. Er war deswegen mit diesem Spitznamen belegt worden und fühlte sich zu einem entsprechenden Verhalten verpflichtet. Der also war durch das Haus gegangen, hatte über unseren Flur gemeckert und den UvD veranlasst, diese Sonderaktion zu starten. Persönlich kennen gelernt habe ich den Unteroffizier „Timoschenko" nicht, ich weiß auch nicht mehr seinen richtigen Namen, aber gesehen habe ich ihn in der Kaserne noch mehrfach, aus der Ferne glich er tatsächlich den Zeitungsbildern des Marschalls.

Unser gewaltiges Putzmanöver hat am Zustand der Räumlichkeiten wahrscheinlich nur wenig geändert. Dass wir nach einer Stunde wieder in die Betten gejagt wurden, lag wohl mehr an unserem Kraftakt, mit dem wir die ganze Kaserne in Unruhe versetzten. Da schliefen aber nicht nur die einfachen Soldaten, sondern auch Unteroffiziere und Feldwebel, die wollten nach Mitternacht endlich ihre Ruhe haben.

Am vierten Tag sollten wir nach dem Morgenappell den Ausbildungs-Einheiten zugeteilt werden. Auf die Frage, wer zu den Panzergrenadieren oder Pionieren wolle, meldete sich kaum einer, zu den Panzern wollten fast alle, ich auch. Also folgte eine Einzelauswahl bei der, schnell erkennbar, die Frage nach dem Beruf die entscheidende Rolle spielte. Weil ich im Brustton der Überzeugung behauptete Kfz.-Mechaniker zu sein, wurde ich akzeptiert und kam mit dreißig anderen Rekruten, die auch einen technischen Beruf angegeben hatten, zur 6. Panzer-Kompanie nach Harderwijk. Meine 196 cm störten die Ausbilder offensichtlich nicht, obwohl ich selbst später häufig das Gefühl hatte, für diese Waffengattung nicht die geeignete Körpergröße zu besitzen. Besondere Schwierigkeiten gab es immer, wenn ich beim Panzerexerzieren vom Fahrersitz aus nach draußen starten musste. Geschult wurden wir am Panzer III und am Panzer IV mit 75-mm-Kurzrohrkanone, kurz „7.5-Stummel" genannt.

Die gesamte Grundausbildung war im übrigen so unerfreulich, wie sie nach Ansicht der Ausbilder sein musste, damit aus üblen Zivilisten anständige Soldaten werden konnten, an übermäßige Schikanen kann ich mich aber nicht erinnern.

Ende Januar fragte der Hauptfeldwebel beim Morgenappell ob jemand Lust hätte, sich zum Rechnungsführer ausbilden zu lassen. Ich meldete mich und saß dann schon am Nachmittag warm und trocken im Büro des Rechnungsführers, des Obergefreiten Fally, eines stets grantelnden Innsbruckers mit Herz, während draußen der Drill meiner Kameraden weiter lief. Irgendwie gehörte ich damit auch zur „Funktionerkaste" und bekam Ende April sogar drei Wochen Heimaturlaub. Obwohl am Tage vor meinem Urlaubsantritt wegen der drohenden Invasion ein generelles Urlaubsverbot verhängt wurde, durfte ich am nächsten Mittag noch fahren. Das lag vielleicht auch daran, dass ich für einen Offizier aus dem Abteilungs-Stab ein Paket mitnehmen und bei den Eltern in Neviges abgeben sollte.

Den ersten Wochenendurlaub hatte ich schon im Februar bekommen und gemeinsam mit Günter Koch in Hilversum verbracht. Nach dem Besuch verschiedener Lokale trennten wir uns am späten Samstagabend, weil er unbedingt noch „was aufreißen" wollte. Als Andenken brachte er dann einen Tripper mit und weil er den für solche Fälle vorgeschriebenen anschließenden Besuch beim Sanitäter unterlassen hatte, wanderte er nach der Entlassung aus dem Lazarett für drei Tage in die Arrestzelle.

Im Übrigen war Günter gleich in unserer ersten Woche in Harderwijk beim Morgenappell schon einmal speziell erwähnt worden. Auf eine Postkarte an seine Eltern, der Text wurde uns präzise vorgelesen, hatte er nämlich geschrieben: „Liebe Eltern, ich bin Soldat, ich bin es gerne. Mit mir hat die einen guten Fang gemacht." Das werden wir sorgfältig prüfen, meinte der Spieß.

April 1944: Vor der Kaserne imn Harderwiyk. Ich stehe links.

Noch vor dem Beginn der Invasion, Anfang Juni 44, wurde die gesamte Abteilung an die Küste verlegt, die 6. Pz.-Kompanie nach Castricum. Ich blieb noch etwa vier Wochen in Harderwijk, zunächst ein paar Tage mit einem kleinen Nachkommando als „UvD" in unserem Kompanie-Block. Dann kam ich, sozusagen zur weiteren Ausbildung, zum Rechnungsführer der Stabskompanie. Das war ein ruhiger, schon etwas älterer Feldwebel, mit dem ich mich ausgezeichnet verstanden habe.

Zu tun war in der ziemlich leeren Kaserne auch nicht all zu viel, es waren angenehme Wochen. Im Büro lief den ganzen Tag das Radio. Wenn wir alleine waren, schalteten wir den britischen „Soldatensender Calais" ein. Es gab da interessante Nachrichten, allerdings auch haarsträubende Propagandameldungen, die wir fröhlich belächelten. Irgendwie bestätigte uns das sogar in der Ansicht, dass es mit Erfolgen der Alliierten auch nicht so beachtlich sein konnte, wenn sie glaubten, uns solche Märchen erzählen zu müssen. Am wichtigsten war für uns aber die tolle Musik, besonders wenn zwischendurch die „Andrew-Sisters" zu hören waren.

Von großer Siegeserwartung war in unserem Umkreis nach der gelungenen Invasion nicht mehr viel zu hören. Das änderte sich zumindest vorübergehend, als am 13. Juni die ersten Meldungen über die Wunderwaffe V 1 über den Äther kamen. Einige waren plötzlich ganz begeistert und hatten es schon immer gewusst, nun geht's wieder aufwärts, der „Adolf" hat sicher noch mehr in der Hinterhand. Und die, die ahnten, dass auch dieser Spuk nichts mehr ändern würde, hielten sich vorsichtig zurück.

Für ein Schauspiel besonderer Art sorgten an einem Nachmittag mehrere britische Jagdbomber. Sie hatten einige Kilometer von unserer Kaserne entfernt ein Ziel entdeckt, auf das sie im Sturzflug Angriffe mit Bomben und Bordwaffen flogen. Als zwei Maschinen hintereinander gestaffelt angriffen, passierte es.

Der an zweiter Stelle fliegende Pilot löste seine Bombe zu früh aus und traf damit das gerade wieder hochziehende erste Flugzeug, das sofort wie ein Stein abstürzte. Die übrigen Jabos drehten noch einige Runden über der Unglücksstelle, dann verschwanden sie.

Wir hatten, in einer größeren Gruppe neben einer Splitterschutzwand stehend, das ganze Spektakel beobachten können und brachen natürlich in hellen Jubel aus. So etwas müsse es viel häufiger geben, war die einheitliche Meinung, denn nichts war so verhasst, wie die Jabos.

Sofort wurde ein Suchkommando zusammengestellt und auf einem Lastwagen zur Absturzstelle in Bewegung gesetzt. Der Auftrag lautete, den Ort zu sichern und den vielleicht noch lebenden Flugzeugführer einzufangen. Wir fanden nach etwa einer halben Stunde die mit dem Motor tief im Boden steckende Maschine, in der Kanzel sitzend den toten Piloten. Sein Gesicht unter der Haube war wachsbleich aber heil, die Unterarmknochen wie kleine Spieße durch die Kombination gedrückt. Machen konnten wir nichts mehr.

Anfang Juli befragte der Kommandeur unserer Abteilung, Hauptmann Müller, bei einem eigens hierfür angesetzten Sonderappell alle noch im Kasernenbereich verbliebenen Soldaten nach dem Zweck ihrer Anwesenheit. Als ich an die Reihe kam, hielt er mich in meiner Ausbildungsfunktion in Harderwijk für völlig überflüssig und schickte mich zu meiner Kompanie. Am nächsten Tag, es war ein schöner Sonntag, stieg ich mit den ebenfalls zu ihren Einheiten in Marsch gesetzten Kameraden auf einen Lastwagen, der uns, in einem Bogen um Amsterdam herumfahrend, zu den einzelnen Standorten im Bereich unserer Abteilung an die Küste brachte. Tagsüber waren solche Fahrten wegen der ständigen Gefahr von Jabo-Angriffen höchst unbeliebt. Wir beobachteten deshalb alle unentwegt den Himmel, aber es passierte nichts.

Als Quartier dienten der Kompanie in Castricum die Häuser einer mit Schranken und Stacheldraht gesicherten Seitenstraße. Für den zum Abteilungsstab versetzten Obergefreiten Fally, war inzwischen der Gefreite Baumgarten als Rechnungsführer eingesetzt worden. Uns beiden stand als Büro und Unterkunft ein kleines Einfamilienreihenhaus zur Verfügung: Im Erdgeschoss Dienstzimmer und Küche, im Obergeschoss drei Schlafzimmer, hinter dem Haus ein kleiner Garten. Abends spielten wir in wechselnden Runden häufig Skat, wobei uns unser Hauptfeldwebel Rusch regelmäßig abzockte.

Die Ereignisse des 20. Juli haben natürlich auch uns in starkem Maße beschäftigt und zu heftigen und langen Diskussionen in kleinen Kreisen geführt. So richtig überzeugend konnte aber keiner darlegen, ob das Überleben des „Führers" nun erfreulich oder bedauerlich war. Abgelehnt wurde übereinstimmend der jetzt auch für die Wehrmacht angeordnete „Deutsche Gruß", zumindest inoffiziell.

Besondere Heiterkeit löste daher ein Kompanieangehöriger gleich am ersten Tag nach der Anordnung aus, als er den dicht vorbeigehenden Spieß grüßen wollte und dabei seinen rechten Arm so unglücklich hochschnellen ließ, dass er mit den Fingerspitzen unter den Mützenschirm kam und die Kopfbedeckung im hohen Bogen auf die Straße fegte. Selbst der Hauptfeldwebel konnte sich das Lachen nicht verkneifen.

Ein sehr unangenehmer, unwürdiger Vorfall bewegte im August die Kompanie. Zwei Unteroffiziere wollten sich einen Spaß machen, täuschten einen Überfall auf einen auf Wache stehenden und als „Weichei" geltenden Wiener Kameraden vor, stülpten ihm einen Sack über den Kopf und erweckten mit englischen Sprachbrocken den Eindruck, dass sie ihn erschiessen müssten. Der Ärmste geriet in Panik und versuchte den vermeintlichen Engländern klarzumachen, er sei kein Deutscher, sondern Österreicher. Das beendete den „Überfall" dann sehr schnell und verschaffte dem bedauernswerten Soldaten ein Kriegsgerichtsverfahren, weil er mit dieser Äußerung angeblich nicht nur seine eigene Heimat, sondern, weitaus schlimmer, auch die „Heimat unseres Führers" feige verraten hatte.

Über zwei Wochen wurde er fast täglich aus der Arrestzelle geholt, zwischen vier bewaffneten Posten wie ein Schwerverbrecher zur Schreibstube geführt, immer wieder vernommen, schließlich vor ein Kriegsgericht gestellt, zu einer langen Freiheitsstrafe verurteilt und dann zu einer Bewährungkompanie versetzt. Die Haftstrafe müsse der Verurteilte antreten, so sagte der Kompaniechef der aus diesem Anlass versammelten Kompanie, wenn alle anständigen Soldaten nach dem Krieg als Sieger durch das Brandenburger Tor marschieren. Wenn er es erlebt!

Unser damaliger Kompaniechef, Leutnant Sommer, wurde in der Nacht zum 1. Oktober in der Ortschaft Putten bei einem Angriff holländischer Widerstandskämpfer auf seinen Dienstwagen, in dem außer ihm noch ein Oberleutnant und zwei Obergefreite saßen, schwer verletzt. Versorgung und Betreuung durch Bewohner eines nahe gelegenen Hofes konnten ihm nicht mehr helfen, er verstarb am 2. Oktober in einem Lazarett. Der Oberleutnant wurde zunächst festgenommen, am nächsten Tag aber wieder freigelassen, die beiden Obergefreiten konten fliehen.

Die hierfür angesetzte Strafaktion hat dem Ort und seinen Bewohnern böse zugesetzt. Fast alle Häuser wurden von der SS zerstört, 601 Männer in das Konzentrationslager Neuengamme verschleppt. Nur 48 von ihnen überstanden die Repressalien und Strapazen des Lagers und kamen nach dem Krieg wieder lebend nach Hause. Alle Einzelheiten über Planung, Ablauf und Folgen der Aktion sind beschrieben unter www.oktober44.nl

Das Bild zeigt einen Ausschnitt der Kriegsgräber-Gedenkstätte Ysselsteyn in den Niederlanden. Hier liegen mehr als 31.000 deutsche Soldaten, unter ihnen auch Leutnant Sommer. (Fotos: Pieter Dekker)

Ende August mussten im Abteilungsbereich zwei Einsatzkompanien zusammengestellt und sofort mit Fahrrädern in Marsch gesetzt werden. Ich wurde dabei der sogenannten A-Kompanie als Rechnungsführer zugeteilt. Durch mehrere Standortwechsel kam ich mit dieser Einheit quer durch Holland: Bloemendaal, Delft, Oosterbeek, Kasterlee in Nordbelgien, s´Hertogenbosch, Tilburg, Roosendaal. In Bloemendaal hatten wir das schönste Quartier: Ein Sanatorium mit Doppelzimmern und weiß bezogenen, richtigen Betten in denen man herrlich schlafen konnte. Leider durften wir uns nur eine Nacht darüber freuen, denn schon kurz nach dem Wecken erreichte uns ein neuer Marschbefehl.

Nach einem ebenfalls recht kurzen Aufenthalt in Delft, ging es weiter nach Oosterbeek bei Arnheim. Dort bekam ich den Auftrag, per Eisenbahn noch einmal nach Bloemendaal zu fahren und die Personalunterlagen unserer Kompanie abzuholen. Sie waren uns von der Abteilung nachgeschickt worden, hatten uns in Bloemendaal wegen unseres plötzlichen Aufbruchs nach Delft aber nicht mehr erreicht. Außerdem lag in einem Fotogeschäft in Ijmuiden noch ein entwickelter Film unseres Kompaniechefs, Hauptmann Schmidt, den ich bei dieser Gelegenheit ebenfalls mitbringen sollte. Zwei Melder aus dem Kompanietrupp wurden mir als Transporthelfer zugeteilt.

Als wir am Abend des zweiten Tages nach erfülltem Auftrag wieder in Oosterbeek eintrafen, war unsere Kompanie nicht mehr da. Angehörige einer SS-Division, die unsere Quartiere übernommen hatten, konnten uns nur die erfolgte Verlegung bestätigen, das Ziel kannten sie nicht.

Zunächst sind wir am nächsten Morgen zur Luftwaffen-Auffangstelle in Nijmegen gefahren. Von dort wollte man uns zu einer angeblichen Sammelstelle der Division nach Osnabrück schicken. Wir wollten aber nicht nach Deutschland, sondern zu unserer Kompanie. Mit Hinweis auf unser wichtiges Gepäck, die Stammrollen, schlug ich daher vor, noch einen Versuch bei der Heeres-Auffangstelle in Arnheim machen zu dürfen, was uns dann auch gestattet wurde.

Natürlich kannte man auch in Arnheim nicht den Aufenthaltsort unserer Einheit. Man wollte sich bemühen, hieß es. Wir bemühten uns auch und fragten überall in der Kaserne herum. Am 16.10. schließlich, einen Tag vor der alliierten Luftlandung, erzählten uns zwei gerade eingetroffene Soldaten, sie hätten eine Truppe mit dem Ärmelstreifen „Hermann Göring" in Eindhoven gesehen. Ich ging sofort zur Schreibstube, behauptete den Standort unserer Einheit zu kennen und ließ, wieder mit Hinweis auf unser wichtiges Gepäck, für uns drei die Marschbefehle ausstellen. Die "Kettenhunde", die uns auf dem Bahnsteig kontrollierten, fanden das unverständlich (....sind da nicht schon die Amerikaner?"), ließen uns aber dann doch in den Zug einsteigen.

Wir trafen in Eindhoven zwar nicht unsere Kompanie, erfuhren aber den richtigen Aufenthaltsort: Kasterlee in Nordbelgien. Mit Fahrrädern und Marschverpflegung ausgestattet machten wir uns am nächsten Vormittag auf den Weg, wie sich später herausstellte gerade noch rechtzeitig, und fanden am Nachmittag unsere Einheit in der Hauptkampflinie am Prinz-Albert-Kanal.

Unterwegs konnten wir den gigantischen Anflug der alliierten Luftflotten zu den vorgegebenen Zielen Eindhoven, Nijmegen und Arnheim beobachten. Der von Feldmarschall Montgomery entwickelte Plan „Market-Garden" sah vor, mit britischen und amerikanischen Luftlandedivisionen sowie einer polnischen Fallschirmjägerbrigade, eine Vielzahl von Kanal-, Straßen- und Eisenbahnbrücken, vor allem aber die strategisch wichtigen Brücken über Maas, Waal und Niederrhein unzerstört zu erobern und so lange zu sichern, bis Panzer- und Infantrieverbände von Neerpelt an der belgisch-holländischen Grenze aus im schnellen Vormarsch über Eindhoven und Nimwegen bis Arnheim aufgeschlossen hatten. Dann wollte man von Arnheim aus in weiteren Operationen zunächst das Ruhrgebiet einnehmen, nach Berlin vorstoßen und den Krieg möglichst noch vor Weihnachten 1944 beenden.

Weil die Bodentruppen zu langsam voran kamen, scheiterte das kühne Unternehmen an der letzten und wichtigsten Brücke, der Brücke von Arnheim. Der alliierten Luftaufklärung war entgangen, dass sich im Raum Arnheim zwei SS-Divisionen aufhielten, die nach verlustreichen Einsätzen an der Invasionsfront hier aufgefrischt werden sollten. Den immer noch starken Verbänden gelang es gemeinsam mit anderen noch in der Umgebung stationierten Truppen, die britische 1. Luftlandedivision in schweren Kämpfen fast völlig aufzureiben. Von 10.100 bei Arnheim gelandeten Soldaten, entkamen in der Nacht des neunten Tages nach Beginn der Operation nur noch 2.398 von Oosterbeek aus über den Rhein.

Der Zeitplan der Bodentruppen hatte für das Erreichen von Arnheim im günstigsten Falle zwei, höchstens aber vier Tage vorgesehen. Für neun Tage reichten bei den Luftlandetruppen weder Munition noch Verpflegung.

Die Alliierten setzten in diesem größten Luftlandeunternehmen des Krieges alleine 35.000 Luftlandesoldaten sowie 1.500 Transportmaschinen und Lastensegler ein, rechnet man alle Operationen zusammen, waren es fast 5.000 Flugzeuge. Hätte ich mit meinen beiden Kameraden Arnheim nicht am 16. September verlassen, wir wären vielleicht schon bei der Zerstörung der Willemskaserne durch Jagdbomber am Vormittag des 17. Oktober erwischt worden, in jedem Fall aber mitten in der auch auf deutscher Seite überaus verlustreichen Schlacht um Stadt und Brücke gewesen. Aus Eindhoven waren wir gerade mal drei Stunden vor der Luftlandung weg.

Ende September, inzwischen waren wir von der Hauptkampflinie abgezogen und nach Tilburg verlegt worden, wurde ich wegen „meiner Treue zur Kompanie" vorzeitig zum Gefreiten befördert. Kurz danach bezogen wir wechselnde Stellungen im Raum Rosendaal. Obwohl die Front schon sehr nahe war, blieb es für uns im Oktober zunächst noch recht ruhig. Wir bewegten uns im Kompaniestab ziemlich frei und besuchten gelegentlich auch Lokale in Rosendaal. An einem Abend kamen wir zu zweit in eine nette Kneipe. Mein Kamerad war Obergefreiter und ein patenter Kerl. Aber er lamentierte ständig über die nach seiner Meinung überfällige Beförderung zum Unteroffizier. Das werde sein Vater bei einem gelegentlichen Abendessen mit Hermann Göring aber sicher ändern, die beiden seien schließlich aus dem Ersten Weltkrieg miteinander befreundet.

Als wir die Gaststätte betraten, verstummten sofort die Gespräche der anwesenden Holländer. Es entstand, wie immer bei solchen Gelegenheiten, eine absolut abweisende bis feindselige Stimmung. Nur dem Wirt blieb nichts anderes übrig, er musste sich mit uns über die Bestellungen unterhalten. Auf unsere freundliche Bitte hin, rückte er zögernd ein Kartenspiel heraus. Mein Obergefreiter fing sofort an, damit Karten-kunststücke vorzuführen. Er konnte das wirklich gut und brachte es sogar fertig, die übrigen Gäste mit einzubeziehen. Einer nach dem anderen rückte näher und schaute zu. Schließlich kam das Kunststück, bei dem er aus einem aufgeklappten Stapel die oberste Karte wegblasen würde. Er brachte den Mund in Kartennähe, blies kräftig aus vollen Wangen und da lag, prächtig anzuschauen, oben auf dem Stapel seine Schneidezahn-Prothese. Er versuchte zwar, das gute Stück mit zitternden Händen schnell wieder in den Mund zu bringen, aber in der Aufregung klappte das natürlich nicht sofort.

Plötzlich war der Bann gebrochen, etwas sehr menschliches war passiert, im schallenden Gelächter klopften sich alle Anwesenden gegenseitig auf die Schultern und wollten den unterhaltsamen „Zaubertrick" noch einmal sehen. Als wir uns dann nach einigen Stunden angeregter Unterhaltung von den holländischen Gästen trennten, wurden wir sogar noch mit guten Wünschen verabschiedet, natürlich ausdrücklich nur für unser persönliches Wohlergehen.

Ende Oktober ging unsere Kompanie in den Kämpfen bei Wouw, nahe Rosendaal, praktisch unter. Der neue Kompanieführer, Oberleutnant Glaeske, bezahlte mit dem Leben, als er stehend die Truppe zu einem Angriff gegen die uns gegenüberliegenden Kanadier treiben wollte. Wie hoch die Zahl der Gefallenen und Verwundeten war, weiß ich nicht, bei uns im Kompaniestab fanden sich nach dem erfolglosen Gefecht gerade noch fünfzehn Leute ein. Wir wurden aus der Frontlinie rausgezogen, auf einen Lastwagen geladen, zunächst zur Entlausung nach Utrecht und dann nach Harderwijk befördert. Von dort schickte man unsere Gruppe nach Riepin in Westpreußen an die Ostfront.

Weil ich noch einen Zwischenaufenthalt im Harderwijker Lazarett einlegen musste, fuhr ich am 18. November alleine hinterher und genehmigte mir von Münster aus einen Abstecher nach Wuppertal. Sicherheitshalber meldete ich mich am zweiten Tag auf der Ortskommandantur. Als Grund für meinen Umweg wollte ich die Sorge um meine Eltern nach einem Bombenangriff angeben und einen Fahrschein ab Wuppertal beantragen.

Die Begründung konnte ich mir aber ersparen, denn hinter einem Schreibtisch tauchte plötzlich ein Freund aus der Pfarrjugendgruppe auf, Fhj.-Feldwebel Hans Füngers. Er war als Genesender nach einer Verwundung hier dienstlich tätig, übernahm sofort meinen Fall, schrieb mir einen Fahrschein und legte die Reisegenehmigung für den Zug nach Berlin so fest, dass ich noch zwei Tage zu Hause bleiben konnte. Schließlich erreichte ich nach langer Fahrt und dreimaligem Umsteigen in Berlin, Posen und Thorn, am späten Abend des 23. November in Riepin/Westpreußen meine Truppe.

Auf der Schreibstube stand ich zur gegenseitigen Freude meinem alten Hauptfeldwebel Rusch von der 6. Panzer-Kompanie gegenüber. Der begrüßte dröhnend meinen Gefreitenwinkel mit dem Ausruf: „Der Lürbke ist Gefreiter geworden! Hinlegen! Auf!", schlug mir kräftig auf die Schulter, erklärte mir, Rechnungsführer könne im Augenblick niemand brauchen und teilte mich kurzerhand einer für einen Lehrgang vorgesehenen Gruppe zu.

Schon am nächsten Morgen saß ich wieder in der Eisenbahn und fuhr mit 24 Kameraden nach Erlangen, wo wir sechs Wochen für den Panzer V / "Panther" geschult wurden. In der Spezialausbildung gehörte ich zum Trupp der Funker. Leider gab es in Erlangen nur zwei Exemplare des schnellen und wendigen Panzers, die praktische Einweisung kam deshalb etwas zu kurz.

Zur Silvesterfeier im Offizierskasino hatte mich der Chef der Ausbildungs-Kompanie dazu ausersehen, Gedichte von Eugen Roth und mein nun schon mehrfach zum Einsatz gekommenes Solo, frei nach dem Humoristen und Komiker Karl Napp einstudiert, vorzutragen. Ab Mitternacht stand ich außerdem als Barkeeper in der sogenannten „Wilhelm-Busch-Bar", legte Schallplatten auf und verteilte in kleinen Mengen Schnäpse. Damit das alles auch richtig in die festliche Umgebung passte, bekam ich als „Abendanzug" eine erstklassige schwarze Panzer-Uniform mit weißem Hemd, Krawatte und etwas zu engen Schuhen geliehen. Auf die Revers der Jacke hatte die Ehefrau des Kompaniechefs weiße Taschentücher genäht, es sah ausgesprochen gut aus.

Zu den Erinnerungen an Erlangen gehört auch ein freundliches „Raucherlebnis". Zu dritt hatten wir uns an einem Nachmittag kurz vor Weihnachten in einem Café angeregt mit dem Besitzer unterhalten. Schließlich stand der schon etwas grauhaarige Herr auf, verschwand kurz und kam mit einer Kiste Zigarren wieder zurück. Ob wir ihm wohl die Freude machen und jeder eine von seinen Zigarren rauchen würden. Er selbst sei leidenschaftlicher Zigarrenraucher gewesen, dürfe aber wegen einer Herzkrankheit diesem Laster nicht mehr fröhnen. Aber das Schnuppern des geliebten Zigarrenrauches habe man ihm nicht verboten, er schätze diesen herrlichen Duft, wir sollten doch, bitte schön, sein Lokal damit füllen, er möchte möglichst lange etwas davon haben.

Also hockten wir bei gedämpftem Licht gemütlich zusammen, ließen uns nicht durch das Heulen der Sirenen stören, redeten miteinander, hörten Geschichten, rauchten dicke Zigarren und tranken spendierte Schnäpse. Wenn ich daran zurückdenke, spüre ich einen jener Augenblicke die man festhalten, in denen man die Zeit anhalten möchte, weil man weiß, vor der Türe wartet eine völlig andere Wirklichkeit.
Anfang Januar 1945 mussten wir zurück, aber nicht mehr nach Westpreußen, sondern nach Berlin. Ich machte wieder einen unerlaubten Umweg über Wuppertal und meldete mich erst mit viertägiger Verspätung bei der Marschkompanie im „Flakbarackenlager Velten/Mark" in Hohenschöpping. Chaotische Zustände herrschten hier. In einer Gruppe von acht bis neun Kameraden, alle vom Lehrgang in Erlangen, nutzten wir das aus und verabschiedeten uns jeden Morgen durch ein Loch im Drahtzaun hinter unserer Baracke in Richtung Bahnhof zur Fahrt ins Zentrum. Um nicht aufzufallen, bewegten wir uns in der Stadt nur in kleinen Gruppen. Werner Eggers, Walter Michaelis und ich, wir waren wie schon in Erlangen fast unzertrennlich.

Weil wir keine Lebensmittelmarken besaßen, mussten wir uns mittags in der Stadt mit markenfreiem Stammessen begnügen, meistens „Teltower Rübchen". Fast ohne Fett und gänzlich ohne Fleisch, schmeckten die Steckrüben miserabel. Abends, bei schlechtem Wetter auch schon früher, trafen wir uns in einer Gaststätte in Tegel am Straßenbahndepot bei „Mutti". Wir nannten die Besitzerin so, weil sie uns immer liebevoll betreute und mit Essen versorgte. Nach 22.00 Uhr fuhren wir mit der S-Bahn nach Hohenschöpping und schlichen durch das Loch im Zaun zurück ins Lager.

Werner hatte als Andenken aus Afrika eine Malaria-Infektion mitgebracht. In Erlangen konnten wir einen Anfall miterleben. Drei Tage lag er fiebernd im Bett und nahm seine Chinin-Rationen ein, dann war er wieder auf den Beinen. In Berlin blieb er fieberfrei.

Irgendwie kam ich am letzten Januarwochenende der Schreibstube zu nahe und schon war ich vom Hauptfeldwebel für den Sonntagvormittag zur Ausbildung von Volkssturmmännern eingeteilt. Dabei geriet ich im freien Feld mit dem rechten Fuß in ein verschneites Deckungsloch und zog mir eine Knöchelverletzung zu. Den Rückweg ins Lager schaffte ich ganz gut, mit großer Mühe kam ich abends auch noch rechtzeitig zu einer Veranstaltung ins Theater der Luftwaffe am Nollendorfplatz, aber nach der Vorstellung karrte man mich direkt in ein Reservelazarett am Barbarossaplatz in Schöneberg.

Bei dem bis dahin schwersten Bombenangriff auf Berlin, am Samstag, dem 03. Februar vormittags, stand das Lazarett mitten im Zielgebiet. Wir wurden im Keller ganz schön durgeschüttelt, der Putz platzte von Decken und Wänden, das Licht fiel aus. Im Schein der hastig angezündeten Kerzen, wirkte alles noch bedrohlicher, aber die Menschen blieben erstaunlich still und diszipliniert.

Jeder war wohl nur mit sich selbst beschäftigt, wenn nach etwas ruhiger erscheinenden Minuten das Rollen und Dröhnen der Bombenteppiche erneut begann, unaufhaltsam näher rückte, schließlich so dicht über und neben einem zu sein schien, dass die sekundenschnell folgenden Detonationen einzeln spürbar wurden, bis das Inferno sich langsam wieder entfernte.

War es nun vorbei, hoffte man, oder kommt noch eine neue Welle, bangte man, dem Geschehen hilflos ausgeliefert. Die Stunde wurde zur Ewigkeit. Als schließlich die Entwarnung kam, dauerte es noch einige Zeit bis von außen her der Schutt soweit geräumt war, dass alle den Keller durch eine Notöffnung verlassen und an das durch Staub und Qualm verdunkelte Tageslicht klettern konnten oder getragen wurden.

Was für ein Anblick. Rundherum Trümmer, Feuer, Chaos. Vom Lazarett stand nur noch der zum Barbarossaplatz hin ausgerichtete, vordere Gebäudeteil. Die Seitenflügel in den Nebenstraßen und die in der Mitte des Areals gelegene Turnhalle waren zerstört. Mit der Turnhalle auch mein Koffer, der mir vom Lager nachgebracht worden war und den ich aus Bequemlichkeit unter meinem Bett liegen gelassen hatte.

Das war aber meine geringste Sorge. Zunächst kam ich mir in der unwirklichen Trümmerwüste ziemlich überflüssig vor, deshalb setzte ich mich durch zerstörte Straßen und an brennenden Häusern vorbei langsam ab. Irgendwo wird ja noch eine Bahn in Richtung Tegel fahren, dachte ich, da sitzen bei „Mutti" Werner und die anderen, da sieht die Welt hoffentlich etwas heiler aus. Es dauerte Stunden bis ich in Tegel ankam, aber zu meiner großen Enttäuschung war keiner aus unserer Gruppe da. „Mutti" berichtete, es habe sich leider schon seit Tagen niemand mehr sehen lassen. Also machte ich mich langsam wieder auf den Rückweg. Der zog sich in Anbetracht der arg gestörten Verkehrsverhältnisse über Stunden hin, mit langen Fußmärschen an immer noch brennenden Häusern vorbei, bis ich nach fast zwölfstündiger Abwesenheit kurz vor Mitternacht das Lazarett erreichte.

Im Restgebäude hatte man einen Notbetrieb organisiert, so wurde ich im trauten Kerzenschein von zwei Sanitätern empfangen. Irgendwie hörte ich heraus, dass alle in Berlin wohnenden gehfähigen Patienten ab Mittag Urlaub bis zum Wecken bekommen hatten, damit sie sich um ihre vielleicht vom Angriff betroffenen Familien kümmern konnten. Natürlich glaubten die beiden, ich würde auch zu diesem Kreis gehören. Sie erzählten mir, dass die bisher Zurückgekehrten Glück gehabt hätten und freuten sich, als ich auf ihre besorgte Frage antwortete: „Bei uns ist ebenfalls alles in Ordnung". Wo ich denn gewesen wäre, wollten sie gerne noch wissen. „In Tegel", sagte ich, was ja auch stimmte. Aus einem Stapel vorbereiteter Butterbrote durfte ich mich noch versorgen, auch Kaffee stand bereit, dann bekam ich ein Bett zugewiesen für eine ruhige Nacht.

Am nächsten Morgen wurden alle gehfähigen Patienten dazu eingeteilt, von einem nahegelegenen Hydranten in Eimern Wasser zu holen. Dazu wollte ich aber nun beim besten Willen nicht im Lazarett bleiben, der Fuß war ohnehin wieder in Ordnung. Kurz entschlossen ging ich zum diensttuenden Stabsarzt und bat um meine Entlassung. Der war im Hinblick auf den akuten Bettenmangel sofort einverstanden, noch am Vormittag konnte ich das Lazarett verlassen.

Ich fuhr aber nicht nach Hohenschöpping, sondern stieg in Tegel aus, um bei „Mutti" noch einmal auf meine Freunde zu warten. Weil wieder niemand auftauchte, ging ich am Abend gelangweilt ins Kino, sah den Film „Die Goldene Stadt" und übernachtete, weil es jetzt für eine Weiterfahrt zu spät geworden war, frierend in einer Straßenbahn im Tegeler Depot. Erst Montagmittag trafen bei „Mutti" dann doch noch zwei Kameraden ein.

Sie waren dienstlich in der Stadt gewesen und berichteten, im Lager herrsche jetzt absolute Ordnung, das nützliche Loch im Zaun existiere schon seit einigen Tagen nicht mehr, ich solle besser sehen, dass ich zur Truppe käme. Also machten wir uns gemeinsam auf den Weg.

Mai 1944: Heimaturlaub - Weiße Spiegel zur Panzeruniform